Google
This is a digital copy of a book that was prcscrvod for gcncrations on library shclvcs bcforc it was carcfully scannod by Google as pari of a projcct
to make the world's books discoverablc online.
It has survived long enough for the Copyright to expire and the book to enter the public domain. A public domain book is one that was never subject
to Copyright or whose legal Copyright term has expired. Whether a book is in the public domain may vary country to country. Public domain books
are our gateways to the past, representing a wealth of history, cultuie and knowledge that's often difficult to discover.
Marks, notations and other maiginalia present in the original volume will appear in this flle - a reminder of this book's long journcy from the
publisher to a library and finally to you.
Usage guidelines
Google is proud to partner with libraries to digitize public domain materials and make them widely accessible. Public domain books belong to the
public and we are merely their custodians. Nevertheless, this work is expensive, so in order to keep providing this resource, we have taken Steps to
prcvcnt abuse by commcrcial parties, including placing technical restrictions on automatcd qucrying.
We also ask that you:
+ Make non-commercial use ofthefiles We designed Google Book Search for use by individuals, and we request that you use these files for
personal, non-commercial purposes.
+ Refrain from automated querying Do not send aulomated queries of any sort to Google's System: If you are conducting research on machinc
translation, optical character recognition or other areas where access to a laige amount of text is helpful, please contact us. We encouragc the
use of public domain materials for these purposes and may be able to help.
+ Maintain attributionTht GoogX'S "watermark" you see on each flle is essential for informingpcoplcabout this projcct andhclping them lind
additional materials through Google Book Search. Please do not remove it.
+ Keep it legal Whatever your use, remember that you are lesponsible for ensuring that what you are doing is legal. Do not assume that just
because we believe a book is in the public domain for users in the United States, that the work is also in the public domain for users in other
countries. Whether a book is still in Copyright varies from country to country, and we can'l offer guidance on whether any speciflc use of
any speciflc book is allowed. Please do not assume that a book's appearance in Google Book Search mcans it can bc used in any manner
anywhere in the world. Copyright infringement liabili^ can be quite severe.
Äbout Google Book Search
Google's mission is to organizc the world's Information and to make it univcrsally accessible and uscful. Google Book Search hclps rcadcrs
discover the world's books while hclping authors and publishers reach new audiences. You can search through the füll icxi of ihis book on the web
at |http : //books . google . com/|
Google
IJber dieses Buch
Dies ist ein digitales Exemplar eines Buches, das seit Generationen in den Realen der Bibliotheken aufbewahrt wurde, bevor es von Google im
Rahmen eines Projekts, mit dem die Bücher dieser Welt online verfugbar gemacht werden sollen, sorgfältig gescannt wurde.
Das Buch hat das Urheberrecht überdauert und kann nun öffentlich zugänglich gemacht werden. Ein öffentlich zugängliches Buch ist ein Buch,
das niemals Urheberrechten unterlag oder bei dem die Schutzfrist des Urheberrechts abgelaufen ist. Ob ein Buch öffentlich zugänglich ist, kann
von Land zu Land unterschiedlich sein. Öffentlich zugängliche Bücher sind unser Tor zur Vergangenheit und stellen ein geschichtliches, kulturelles
und wissenschaftliches Vermögen dar, das häufig nur schwierig zu entdecken ist.
Gebrauchsspuren, Anmerkungen und andere Randbemerkungen, die im Originalband enthalten sind, finden sich auch in dieser Datei - eine Erin-
nerung an die lange Reise, die das Buch vom Verleger zu einer Bibliothek und weiter zu Ihnen hinter sich gebracht hat.
Nu tzungsrichtlinien
Google ist stolz, mit Bibliotheken in partnerschaftlicher Zusammenarbeit öffentlich zugängliches Material zu digitalisieren und einer breiten Masse
zugänglich zu machen. Öffentlich zugängliche Bücher gehören der Öffentlichkeit, und wir sind nur ihre Hüter. Nie htsdesto trotz ist diese
Arbeit kostspielig. Um diese Ressource weiterhin zur Verfügung stellen zu können, haben wir Schritte unternommen, um den Missbrauch durch
kommerzielle Parteien zu veihindem. Dazu gehören technische Einschränkungen für automatisierte Abfragen.
Wir bitten Sie um Einhaltung folgender Richtlinien:
+ Nutzung der Dateien zu nichtkommerziellen Zwecken Wir haben Google Buchsuche für Endanwender konzipiert und möchten, dass Sie diese
Dateien nur für persönliche, nichtkommerzielle Zwecke verwenden.
+ Keine automatisierten Abfragen Senden Sie keine automatisierten Abfragen irgendwelcher Art an das Google-System. Wenn Sie Recherchen
über maschinelle Übersetzung, optische Zeichenerkennung oder andere Bereiche durchführen, in denen der Zugang zu Text in großen Mengen
nützlich ist, wenden Sie sich bitte an uns. Wir fördern die Nutzung des öffentlich zugänglichen Materials für diese Zwecke und können Ihnen
unter Umständen helfen.
+ Beibehaltung von Google-MarkenelementenDas "Wasserzeichen" von Google, das Sie in jeder Datei finden, ist wichtig zur Information über
dieses Projekt und hilft den Anwendern weiteres Material über Google Buchsuche zu finden. Bitte entfernen Sie das Wasserzeichen nicht.
+ Bewegen Sie sich innerhalb der Legalität Unabhängig von Ihrem Verwendungszweck müssen Sie sich Ihrer Verantwortung bewusst sein,
sicherzustellen, dass Ihre Nutzung legal ist. Gehen Sie nicht davon aus, dass ein Buch, das nach unserem Dafürhalten für Nutzer in den USA
öffentlich zugänglich ist, auch fiir Nutzer in anderen Ländern öffentlich zugänglich ist. Ob ein Buch noch dem Urheberrecht unterliegt, ist
von Land zu Land verschieden. Wir können keine Beratung leisten, ob eine bestimmte Nutzung eines bestimmten Buches gesetzlich zulässig
ist. Gehen Sie nicht davon aus, dass das Erscheinen eines Buchs in Google Buchsuche bedeutet, dass es in jeder Form und überall auf der
Welt verwendet werden kann. Eine Urheberrechtsverletzung kann schwerwiegende Folgen haben.
Über Google Buchsuche
Das Ziel von Google besteht darin, die weltweiten Informationen zu organisieren und allgemein nutzbar und zugänglich zu machen. Google
Buchsuche hilft Lesern dabei, die Bücher dieser We lt zu entdecken, und unterstützt Au toren und Verleger dabei, neue Zielgruppcn zu erreichen.
Den gesamten Buchtext können Sie im Internet unter |http: //books . google .corül durchsuchen.
1
IX
V
\
\
N
/
\
\
AMERIKA
HEUTE UND MORGEN
Reiseerlebnisse
von
ARTHUR HOLITSCHER
19 12
S.FISCHER/VERLAG/BERLIN
r
w
Zweite Auflage.
Alle Rechte, insbesondere das der Übersetzung, vorbehalten.
Copyright 1912 S. Fischer, Verlag, Berlin.
-'S
These my songs are for you,
You who are seared with the brand:
God knows I have tried to be true;
Please God, you will understand !
Robert Service
INHALT
BREMEN — NEWYORK
Erster Morgen an Bord 1 1
Southampton Water 17
Nebel auf See * . 21
Vorsätze 28
Captain's Dinner 34
Einfahrt 37
Hitzwelle 43
Newyorker 51
Die Wolkenkratzer von oben und bei Nacht gesehen 57
Den Hudson hinauf 63
REISE DURCH DEN STAAT NEWYORK
Die Kinderrepublik in Freeville 69
Die donnernden Gewässer am Sonntag .... 82
Am Montag 86
Ein gut angewandter Nachmittag 88
Chautauqua 91
Das Hotel „Athenäum", Chautauqua loi
REISE DURCH KANADA
Ontariofahrt 107
Toronto, die englische Stadt .112
Montreal, die französische 121
Die laufende Straße 128
Das Tor der Prärie 1 39
Der Settier 147
Von der Heilsarmee und anderen Institutionen . 152
Bei den Mennoniten in Süd-Manitoba 161
Esterhazy in Saskatchewan 168
Die Duchoborzen und Peter Verigin 174
■) -« .''^^ f
31
Städte und Leute des Westens i88
Begegnungen mit Indianern 204
Das Felsengebirge 218
Der Pfeikee 224
Wahltag in Sheepcreek 232
Zauber der Städte Britisch- Kolumbiens .... 240
STATIONEN ZWISCHEN PAZIFIK UND
MISSISSIPPI
Die Stadt der Erdbeben 251
Der Canyon, der Göttergarten und der Vitagraph 260
Vision an der Santa-Fe-Bahn 270
Zwei Freunde der Kinder in Denver 274
Satyrspiel in Kansas-City und anderswo .... 285
CHICAGO
Chicago: eine Impression 293
Die Katze in der Klavierfabrik 303
Das Warenhaus über dem Bahnhof 318
Bemerkungen über Hullhouse und die „Süd-
lichen Parks" 321
Ein Tag in den Schulen Chicagos 327
WESTLICH VON DER FREIHEITSSTATUE
EUis-Eiland 341
Der Neger 360
Die amerikanische Unruhe • • -. 375
Von Kirchen und Kult 387
Americanos untereinander 394
Notizen über die Literatur, die Zeitung, das Theater 402
Kolonialstil und Edison 419
Auf dem „George Washington** ........ 427
=^a
BREMEN — NEWYORK
I
ERSTER MORGEN AN BORD
Um halb neun strahlt die Sonne vom Himmel auf das
Paradies Wight herunter. Spithead kommt in Sicht,
die komischen runden Türme, plump und untersetzt
wie Puddings, liegen verschlafen im Wasser und beschützen
den Hafeneingang. Sie sind mit Schachbrett färben ange-
strichen, hinter den schwarzen Feldern sieht man Kanonen
den Mund spitzen, aber es pfeift höchstens punkt Mittag
eine oder, wenn der König gekrönt wird, mehrere. Da
kommen die ersten weißen Yachten vom Solent her an
uns vorbeigejagt, hinaus in den Kanal! Jetzt sehen wir
Ryde, einen Puppenhafen mit niedlichen Häuschen wie
aus einer Schachtel. Der Dreadnought auf der Portsmouth-
Seite ist auch nur ein kompliziertes häßliches Spielzeug aus
der Ferne und wie aus Holz.
Wir halten auf Cowes, und aus dem Wald am Ufer
schiebt sich ein feiner schlanker Turm ans Wasser heran.
Ein Haus, eine Terrasse gleitet in den Sonnenschein her-
aus, grüner Rasen davor, blitzende Fenster, Efeu um die
Fenster und hinauf bis an die Spitze des Turmes, dunkel-
grün und doch ganz Licht und Fröhlichkeit. Ein paar
helle Punkte bewegen sich zwischen dem Rasen und der
Terrassenmauer.
Ich stehe weit vorn an der Spitze des Promenaden-
decks, man kann von da aufs Zwischendeck hinunter-
schauen, und durch mein gutes Fernglas kann ich zu-
gleich den wundervollen Sommermorgen drüben auf dem
Herrensitz beobachten.
Unten auf Zwischendeck ist das Gewimmel schon tüch-
tig im Gange. Alle bunten Farben der Welt tummeln
auf Weiberröcken, Kopftüchern, Pantoffeln und Kinder-
windeln durcheinander.
Aus dem Schloß drüben kommen zwei Gestalten heraus,
weiße Kleider, ein Herr und eine Dame. Etwas Schwin-
gendes, Rotes, begleitet sie: ein Sonnenschirm, der Herr
trägt ihn. Sie gehen, hie und da stehen bleibend, lang-
sam den Rasenplatz hinunter; es sind einige Hundert
Schritte von der Terrasse bis zum Strand.
Unten auf Zwischendeck ist jetzt Ordnung in die Menge
gekommen, Ruhe, ja ich spüre hierher herauf so etwas
wie Beklommenheit. Die Leute sind zur Seite gewichen,
und aus einer Tür unter mir, unter dem Promenadendeck,
auf dem ich stehe, treten Männer, Frauen, Alte und Kin-
der, einzeln heraus, eine Karte in der Hand, die sie dem
Schiffsoffizier hinhalten. Sie halten sie nicht so hin, als
wollten sie sagen: Aber gerne! Lesen Sie doch! sondern
es ist etwas in ihrer Gebärde, was mich rührt, etwas Zag-
haftes, um Verzeihung Bittendes, so hält unsereiner keine
Karte hin, wie diese Menschen da unter mir.
Drüben auf Wight sehe ich einen kleinen munteren
Fleck aus dem Efeuschloß die Terrasse hinuntertanzen.
Ein kleines blondes Mädchen, ein hellhaariger Schäfer-
hund springt vor ihm einher. Die Dame unten auf dem
Rasen dreht sich um, die Dame und das Kind laufen
einander entgegen, dann bückt sich der große weiße Fleck
zum kleinen weißen Fleck herunter, und aus den beiden
entsteht ein einziger weißer Fleck für einen Augenblick.
Dann geht die Dame und das Kind Arm in Arm dem
Strand zu, wo der Herr auf sie wartet. Der Collie ist
schon weit unten, fast am Wasser. Auf der Terrasse er-
12
scheinen zwei neue Gestalten vor den blitzenden Fen-
stern; das Frühstück ist vorüber. Die Sonne ist so hell
über dem Rasen.
Unten tritt Herr X. Y. aus A. (ich kann die Namen
auf den Karten hier oben gut lesen) aus dem Kontroll-
gang heraus. Er und seine Familie, eine alte dürre Frau
und ein kleines blasses Mädchen, drücken sich fest an-
einander, sie treten sich auf die Hacken und halten sich bei
den Händen. Der Mann, er ist ein ältlicher dicker Mann
in abgetragener Kleidung, hält seine Karte hin — Passiert.
Das Schloß drüben ist nicht mehr zu sehen. Eine Weile
noch sehe ich den Turm über den Bäumen, einen hellen
Streifen vom Rasen, dann sind wir vorüber.
Unten tritt einer nach dem anderen, seine Kontroll-
karte in der Hand, aus dem Gang hervor und bleibt dann
erleichterten Herzens auf dem Deck stehen, wo die Farben
wieder alle in der Sonne leuchten. —
Auf Zwischendeck kann sich eine ansteckende Krank-
heit mit verhängnisvoller Geschwindigkeit verbreiten, die
Leute des Zwischendecks müssen auf den Schiffen täg-
lich ihr Examen ablegen. Die hygienischen Einrichtungen
sind vorzüglich, es liegt wirklich kein Anlaß vor, senti-
mental zu werden und eine Träne zu zerdrücken. Aber
ich habe vorgestern in Bremen etwas gesehen, was ich
so bald nicht vergessen werde. Die Herren vom Nord-
deutschen Lloyd haben mich in die Bahnhofshalle ihrer
Auswanderer-Abteilung mitgenommen, und dort habe ich
das gesehen, was ich hier wiedergeben will. In einem
großen Zimmer stehen Tag für Tag drei Ärzte in Spitals-
kitteln vor einer Art Barriere. Sie haben ein Tischchen
mit Karbolgefäßen neben sich, und sie haben ein Instru-
ment aus Stahl in der Hand, am besten, ich sage, es sieht
aus wie eine Nagelfeile, ich finde keinen besseren Vergleich
dafür. An die Barriere kommen in drei langen Reihen
Menschen heran, Männer, Frauen mit Kindern auf dem
Arm. Alle haben den Hemdärmel über dem rechten Arm
aufgekrämpelt, so kommen sie an den Arzt heran.
13
Der Arzt ritzt mit dem spitzen Ende des Stahlinstru-
mentes den Arm, der ihm hingehalten wird, den zuckenden
oder tapferen, den blutarmen oder muskulösen Arm, dann
dreht der Arzt das Instrument um, hebt es zu den Augen
der Menschen dahier, stülpt erst das linke, dann das rechte
Lid, wie über einen Löffel, über die „Nagelfeile", taucht das
Instrument in den Napf hinein, dann kommt der Nächste
in der Reihe dran und so fort. All dies geht rasch vor sich —
Eins — Zwei — Drei — Vier, — Vier ist die Desinfektion.
Das ist die Impfung und die Untersuchung auf Tracho-
ma, der sich jeder Zwischendeckspassagier zu unterwerfen
hat. Ich weiß nicht, wie viele Menschen in einer Stunde
auf diese Weise für die große Fahrt tüchtig gemacht
werden. Ich habe auch nicht gezählt, wie viele an mir
vorübergekommen sind, in den zwei Minuten, so lang
habe ich es ausgehalten, dies mit anzuschauen. Ich weiß
nur, ich hatte einen Knebel in der Kehle sitzen, wie ich
mich davonmachte, und ich habe was von der Hölle
Dantes hervorgestottert, wie ich wieder im Freien war.
Es liegt aber auch hier kein Anlaß vor, von der Hölle
und dergleichen zu reden und sich aufzuregen. Die großen
Schiffahrtskompagnien holen hier etwas nach, was von
Menschheitswegen Sache des Staates, der Gesellschaft
wäre, und ich sollte mich doch eigentlich freuen, daß hier
Menschen auf einem Umweg vor Krankheit und Tod
geschützt werden. Aber dies und das mit der Karte tut
mir weh. Ich hoffe, ich werde nicht abstumpfen gegen
Eindrücke dieser Art.
Übrigens, wirklich, wenn man sich das alltägliche Leben
dieser nach Hunderttausenden gezählten und behandel-
ten Menschen ansieht und dann diesen Alltag mit den
Tagen vergleicht, die sie vor und während ihrer großen
Reise verleben, so darf man sagen : sie haben alle Ursache,
sich glücklich zu fühlen in diesen merkwürdigen und ge-
priesenen Tagen.
Ich kann jetzt, da ich vom Promenadendeck des „Kaiser
Wilhelm der Große" auf das befreite Gewimmel da unter
H
mir hinabschaue, auf dieses Treiben, das sich da unten be-
fremdlich, putzig und populär abspielt, wie ein Mikro-
kosmos, wie das Leben in einem Stückchen Käse unter
dem Mikroskop, ich kann jetzt eine alte verstaubte Vor-
stellung korrigieren, die irgendwo in meinem Gehirn
herumgelegen hat seit Jahren.
Geht man im schlesischen Oderberg nachts durch die *
Bahnhofshallen, da hegen die Auswanderer auf dem Bo-
den der Wartesäle vierter Klasse unter fahlem Gaslicht«'
und schlafen mit offenem Mund und im Dunst ihrer
schlechtgenährten Leiber und feuchter, nie gewechselter
Kleider einen kurzen und gestörten Schlaf, und in Berhn,
auf dem Bahnhof Zoologischer Garten, um halb vier,
wenn einer der Auswandererzüge langsam vorüberfährt —
wer beschreibt den Ausdruck der Gesichter, die aus den
Fenstern uns nachstarren, die wir, wohl angekleidete,
neugierige Leute, auf dem Perron zurückbleiben und uns
in unseren Schuhen wiegen!
Jetzt, vom Promenadendeck gesehen, hat das Ganze
ein anderes Gesicht. Was für ein Traum geht diesen da
unten in Erfüllung! Sie haben eine Woche vor sich, in
der sie für ihres Leibes Notdurft nicht zu arbeiten brau-
chen, nicht 12 und nicht lo, überhaupt keine Stunde
lang! Eine Woche kommt da in ihr Leben hinein, in der
sie sich ausschlafen können in guter Luft und auf sauberen
Betten, jeder für sich, in der sie das Glück von Duschen
und Wasserklosetten am eigenen Leibe erfahren, in der sie
wahrhaftigen Gottes Fleisch an jedem Tag zu essen krie-
gen, und das TagesUcht von Sonnenaufgang bis Unter-
gang über ihren Köpfen fühlen dürfen, ohne zu schwitzen
und ihre Hände unmäßig zu regen. Eine Woche, in der
sie etwas erleben, das nichts mit der trostlosen Misere
ihres Lebens rings um diese Woche herum zu tun hat!
Wo gibts denn sonst noch . solch eine Woche der Sorg-
losigkeit im Leben des Armen? (Im Gefängnis vielleicht.)
Hier auf Zwischendeck erleben sie eine Woche, in der
so etwas wie eine Hoffnung, eine Erwartung über ihren
IS
dumpfen Seelen leuchtet, ein Weltteil wird vor ihren
Augen aufgehen!
An der Innenseite der Reling des Promenadendeckes ist
eine Tafel befestigt, auf der werden wir ersucht, den
Zwischendeckpassagieren kein Geld, kein Obst, noch ähn-
liches hinunterzuwerfen. Hallo, ist es denn notwendig,
euch das Schwarz auf Weiß zu sagen, ihr geehrten Mit-
reisenden Erster Kajüte? Ich wünschte, es käme einer von
den Herrschaften da hinter mir mit Geld, Obst und Ahn-
lichem und würfe es unter die Leute da unten. Gute
Boxerstöße gegen seine Erste- Kajüte-Nase, bei Gott, auf
die Gefahr hin, über Bord gefeuert zu werden ! !
Diese Armen da unten, die Leute „aus der Tiefe",
heut und noch fünf Tage lang dürfen sie sich Menschen
nennen. Sie sind nicht von ihrer Scholle losgerissen,
denn wer unter ihnen hat denn heut noch seine Scholle?
Was heißt denn das heute : Scholle ? Der kleine Bauer muß
sich dem Großgrundbesitzer verdingen oder unter die
Erdarbeiter gehen. Ebenso hat der kleine Gewerbe-
treibende längst sein vom Urahnen geerbtes Handwerks-
zeug verkauft und sich dafür eine „unzerreißbare" Fabrik-
arbeiterbluse angeschafft. Und meinetwegen der kleine
rechnende Mann in seinem schimmeligen Vorstadtladen,
er hat in sein Schaufenster all das hineingestopft, was er
gern an die Leute in seiner Gasse verkauft hätte, — jetzt
ordnet er, nach künstlerischen Prinzipien, das Schau-
fenster des Warenhauses, in dem er ein Kommis geworden
ist auf seine alten Tage. Wer von diesem Volk da unten
ist denn zu beklagen darum, daß er auf einem Schiff
dahinlebt, losgerissen von seinem Eigenen, von seiner
Heimat? und wenn diese Heimat auch etwas so Wunder-
volles ist wie ein oberungarischer Berg oder so was Lum-
piges und Klägliches wie eine Schusterwerkstatt in einem
Dreckgäßchen in Czernowitz?
Übrigens stimmt das mit dem Glücksgefühl unter diesen
Leuten ja auch nur zur Hälfte. Wie all das andere, was man
sich so zusammendenkt, wenn man vom Promenadendeck
i6
aufs Zwischendeck hinunterschaut. In den Auswanderer-
hallen sagte man mir: wenn die Leute in den Hallen
wegen irgendeiner Verspätung der Abfahrt ein paar Tage
länger warten müssen, werden sie nervös und unruhig und
unzufrieden. Sie haben ihre sauberen Betten und guten
Bäder und gute Luft, sie werden auf Kosten der Gesell-
schaft verpflegt, haben Fleisch und andere gute Dinge
zu essen alle Tage, und doch sind sie nervös und un-
zufrieden, wie kommt das ? In diesen armseligen Arbeits-
gehirnen ist wahrscheinlich nicht viel Raum mehr für
die Vorstellung der Freiheit. Um so schlimmer!
SOUTHAMPTON WATER
Der Tender bringt uns die Passagiere aus England an
Bord. Ein paar schöne Exemplare der angelsächsi-
schen Rasse. steigen an Bord. Ein junges Mädchen hat
einen riesigen Strauß der Modeblume sweet pea, der Wicke,
in ihrer Hand. Ich erkenne alle die Schattierungen, vielen
feinen Abstufungen zwischen Violett und Lila, Bronce-
braun und Orange, Indigo und Heliotrop der schönen
Blume wieder. Da ist die zitronengelbe „Clara Curtis",
die lavendelfarbige „Lady Hamilton", die wunderbare
morgenrote „Evelyn Hemus" mit den ins Weiße spielen-
den Rändern, Sie alle erkenne ich im Bukett, das die
junge Engländerin an Bord bringt. Heut vor einem
Jahr habe ich mir in London die Berichte der National
Sweet Pea Society gekauft, das ist eine königlich privile-
gierte Gesellschaft, mit Statuten, Kongressen, Ausstel-
lungen und Preisen. Ich habe die neuesten Erfahrungen
des berühmten Züchters Harry Thomas gelesen und weiß
Bescheid über die Art und Weise, wie der Boden beschaf-
fen sein muß, in dem die Schößlinge Wurzeln fassen
sollen, ich weiß von den Mitteln, die man gegen die
Mäuse, diese schrecklichen Gegner der zarten jungen
Wicke verwendet, ich weiß, wie die erblühte Blume zu
17
verpacken und zu versenden ist — ich wäre ein guter
und liebereicher Züchter der schönen Blume, aber ich
habe keine Handbreit Garten, ja ich wüßte nicht einmal,
wo dieser Garten liegen könnte, bei welcher Stadt, in
welchem Land, wo? —
Das Zwichendeck lebt jetzt ganz gehörig unterm
Sonnenschein. In einer Ecke ist eine Ziehharmonika tätig.
Wir haben die „Needles" passiert und schwimmen jetzt
nach Cherbourg hinüber. Die Ziehharmonika spielt das
„Hail Columbia", einen Walzer aus einer Wiener Ope-
rette und einen Berliner Gassenhauer. Es ist offenbar ein
weltkundiger Mann, der sie auseinanderzieht und zu-
sammenpreßt. Er sieht aus, als sei er schon mal „drüben"
gewesen. Man merkt das einem von denen dort unten
überhaupt gleich an, ob er schon „drüben" gewesen ist
oder nicht. Schon an der Art, wie er zu uns auf dem Pro-
menadendeck hinaufschaut, merkt man*s. Der Zieh-
harmonikamann hat ein Gesicht, das nicht, mehr ganz
europäisch ist, aber auch noch nicht amerikanisch. Plötz-
lich fängt ein alter mährischer Bauer zu singen an. Er hat
ein rundes, stoppeliges Pfaffengesicht, er steht hinter der
Harmonika, die seinen Gesang begleitet. Er singt ein
Lied mit dem Refrain:
„Juchheirassa ! Vallera ! "
Der Alte mit dem Pfaffengesicht singt eine Strophe nach
der anderen, mit erstaunlichem Ernst all die endlosen
Strophen, die mit
„Juchheirassa! Vallera!"
aufhören. Zwanzig Stimmen oder so singen mit. Alle
mit einem Ernst, der nicht mehr zu überbieten ist. Ich
versteh kein Wort, aber der Refrain genügt mir : es kann
doch kein Kirchenlied sein, das mit:
„Juchheirassa! Vallera!"
aufhört? Also wozu dieser Ernst? Die Leute alle, die
„Kaiser Wilhelm der Große" im Zwischendeck mitführt,
i8
sitzen jetzt oben, zusammengepfercht, und hören an-
dächtig zu. Nur eine kleine Gruppe hat sich abseits ge-
setzt und mengt sich nicht unters Volk. Es ist Herr
Itzig, einfach Herr Itzig, und Familie. (Seinen Namen
setze ich nicht her, denn der gehört in ein Witzblatt.)
Herr Itzig und Familie sitzen auf einer Bank und wenden
den Singenden den Rücken zu. Sie haben genug mit sich
und ihren Familienangelegenheiten zu tun. Frau Itzig
kämmt sich coram publico ihren falschen Zopf in der
Nachmittagssonne, ihr Gatte liest ihr aus einem grün-
gebundenen Buch eifrig was vor. Hie und da pufft er
sie in die Rippen und erklärt ihr mit pfiffigem Gesicht
eine Stelle aus dem Buch, es ist wohl so etwas wie ein
pfiffiges religiöses Buch, Talmud oder so. Moischele
und Piffl balgen sich unter der Bank um einen Apfel,
der imjner weiter gegen Steuerbord zu rollt. Die
Mutter schreit und kämmt sich dann weiter. Zu allen
Tageszeiten steht ein Blechsamowar, mal auf dem
Boden, mal auf der Bank, bei der Familie; ein Glas
auch, mit einer ganz hellgelben Flüssigkeit darin, Tee aus
dem Samowar. Ehe Frau I. das Glas an den Mund
setzt, holt sie aus der jTasche ihres Gatten ein Stück
Zucker, beißt die Hälfte ab, steckt die andere in die Tasche
ihres Gatten zurück und schüttet sich den Tee über das
halbe Stück Zucker, das sie sich zwischen die Zähne ge-
klemmt hat, durch die Gurgel hinunter. — Von Zeit zu
Zeit muß Freund Itzig mit dem leeren Samowar in die
Küche rennen, dort hält er das Blechgefäß unter den
Kessel mit heißem Wasser-; der armdicke Strahl schießt
wie eine Kanonenkugel in das Blech hinein, die paar
armseligen Teeblättchen müssen einen Schreck aushalten !
Einmal kommt Herr I. mit Geschrei aufs Deck zurück.
Was ist geschehen ? Der feiste Bauer hat ihm von hinten
einen Stoß gegeben, und er hat sich die Hand verbrüht.
Jetzt läuft Moischele mit dem Samowar hin und wieder
und Vater Itzig hat ein paar Tage lang ein schmutziges
M^laues Tuch um die Hand gewickelt. Sie kümmern sich
2* ig
nicht im geringsten um die Mitfahrenden, heute und
morgen und die ganze Reise lang nicht. Sitzen immer auf
dem gleichen Fleck, wenden allen den Rücken und sind
mit ihren Familienangelegenheiten vollauf beschäftigt.
Schon in Bremen, im Auswandererviertel, habe ich
es beobachtet: die Juden halten sich, auch wenn keine
Böswilligkeit in der Luft um sie ist, abseits und machen
ihr Ghetto, wo sie können. In der schönen, sommer-
lichen Stadt Bremen konnte man, im Bürgerpark, an
der Weser, auf dem herrlichen alten Platz vor dem
Rathaus und dem Roland die Auswanderer spazieren
sehen. Auf die Abfahrt ihres Schiffes wartend, guckten
sie sich, Kinder von hundert Völkern, die Stadt an.
Kinder und Weiber waren an den großen Broschen mit
dem Porträt des Agenten des Norddeutschen Lloyd
Mißler, die sie auf ihren Jacken angeheftet hatten, zu er-
kennen. Die riesigen Auswandererhallen waren bei dem
schönen Wetter so gut wie ausgestorben, und es wohnten
doch zurzeit ein paar Tausend da. Nur im Hotel „Zur
Stadt Warschau", dem Quartier der jüdischen Zwi-
schendeckpassagiere, war jedes Fleckchen besetzt.' Da
standen die Kinder des alten Volkes in Scharen bei-
sammen, auf den Treppen, im Korridor, im Hof, in der
Kantine, in der „Schul", galizische Köpfe mit Käpp-
chen oder künstlichem Haar, in bürgerlicher Kleidung,
mit Kaftans, die Kinder flink und lausig, die Weiber
schlaff und breit, die Männer pathetisch und mit langen
Weichselrohrpfeifen, die jungen Damen in hohen Stöckel-
schuhen und durchbrochenen Strümpfen, modisch und
mit erstaunlichen Mengen von falschem Schmuck be-
hängt. Eine, meiner Treu, Finger, Hals und Ohren
starrend vor Schmutz, aber in einem hellblauen Kleid a la
Poiret! Ich nehme mir's vor, in Amerika zuzusehen,
wie dieses Volk sein Leben fristet. Es kolonisiert nicht.
Es geht nicht nach dem Westen. Es bleibt in Newjrork
sitzen, hockt lieber in Schmutz und Not beisammen, als
irgendwo in der frischen Luft zu leben, wo's noch kein
20
Ghetto gibt. Ich vermute, sie bleiben lieber im Hotel
„Zur Stadt Warschau", weil sie sonst die Brosche mit dem
Porträt des Agenten anstecken müßten
Geschrei in einer Ecke. Ein kleiner slowakischer Drei-
käsehoch unten an der Treppe vor Backbord, ich hab schon
immer gesehen, wie er an einer Blechschachtel herum-
gebastelt hat, stößt ein heiseres Geheul aus. In der Schach-
tel waren kleine farbige Zuckerdrops, die in den polnischen
und russischen Geschäften im Auswandererviertel in den
Schaufenstern zu sehen sind. Von der Hitze hat sich das
Zeug zu einem Klumpen zusammengeballt, und da der
kleine Mann ihn nicht auseinanderbrechen konnte, hat
er den ganzen Brocken in den Mund gesteckt. Er schluckt,
hustet, brüllt sich blau, seine handfeste Mutter stürzt
herbei, hinter der Harmonika hervor, haut dem Drei-
käsehoch eins auf den Rücken, und der Zuckerbrocken
kommt oben wieder heraus.
Herr Itzig und Frau, Moischele und Piffl blicken einen
Augenblick, ohne Teilnahme, nach dem Schreihals hin
und befassen sich dann weiter mit sich. — Der Dreikäse-
hoch, Moischele und Piffl und die anderen Zwischendecks-
kinder, wie haben die's doch gut! Sie lernen das große,
bitterernste, aber doch so verführerische Leben in ihren
jungen Jahren kennen. Das Leben schaut sie aus den
Augen des großen, unendlichen Ozeans an. Fragt Ihr
nur ihre wohlbehüteten Altersgenossen auf dem festen
Land und in den festen Heimen, wie das Leben aussieht ?
Sie werden wahrscheinlich antworten: „Wie der Herr
Oberlehrer!"
NEBEL AUF SEE
Am Morgen nach der großen Seekrankheit sieht man
auf Deck getigerte, patinierte, marmorierte Ge-
sichter. Aber das Meer ist ruhig wie die Spree bei
Köpenick, und langsam kommt Rot in die Gesichter. Auf
21
Zwischendeck ist alles wieder heraus, an der Luft, dais ist
das Barometer des Ozeandampfers. Ein paar arme mensch-
liche Bündel liegen wohl noch hier und dort platt auf den
Bohlen herum, ein paar kleine, todblasse Kinder liegen
wie arme gerupfte Hühner, das Gesicht zur Seite, neben
den mütterlichen Röcken, die der Wind leise glatt bügelt
— aber im ganzen ist das Volk guter Dinge. Es wird auch
wieder Bier und Sliwowitz konsumiert dahier. Das
Barometer steht auf Gut Wetter!
Piffl jagt über Tische und Bänke hinweg, Moischele
rutscht sich das Fell vom Leibe über das Skylight des
Zwischendeckspeisesaals, sein Vater erklärt seiner Mutter
wieder mit Stößen in die Seite irgend eine Spitz-
findigkeit der Megille — da tutet mit einem Male das
Nebelhorn wie eine brustkranke Kuh aus der Odyssee,
einen hohlen, mythologischen Laut, klagend in den Nebel
hinaus, der weiß und dick wie Baumwolle vom Meer
herein, von allen Seiten auf den „Kaiser Wilhelm den
Großen" eindringt. Er ist dicht und dick und wickelt uns
wie einen wehen Finger ein oder wie ich eine kleine kost-
bare Figur in meiner Handtasche unten eingewickelt
habe!
Die gute Kuh brüllt in das Meer hinaus. Kein Gefährte
antwortet. In solchen Stunden, wenn das Meer ruhig ist
wie ein Fluß bei einer Stadt, da kann es passieren, daß
Schiffe sich die Flanken aufschneiden, daß ein braver
Segler verblutet und daß Menschen auf Holzstücken in
die Runde hinausfliegen, patschend ins Nasse, worauf die
grausamen Mitbürger aus dem Fischreich schon immer
gierig lauern.
In solchen Stunden mag man sich wirklich an die Stirn
greifen und sagen: wahrhaftigen Gottes, ein kostbarer
Zustand, ein ungewöhnlicher Zustand, in dem wir uns
da alle plötzlich beisammen befinden! In der Mitte
von vielem Wasser, weit weg von allem, auf der flachen
Hand Gottes, die uns leise schaukelt, in leisem Wellen-
schlag.
'» -»
Aber die Leute dahier, sie gehen hin und her, bleiben
stehen und schwatzen miteinander, als wäre das : auf einem
stampfenden Schiff beisammen zu sein, auf einem fluten-
den Meere, im dichten Nebel, den kein Licht, keine Farbe,
nur ein hohles Gebrüll durchdringen kann, das Aller-
natürlichste auf der Welt! Ich setze mich in meinen
Deckstuhl und sehe den ahnungslosen Passagieren, meinen
Brüdern und Schwestern in Tod und Leben, zu: wie sie
sich in langen Schritten an mir vorbei ihren Appetit
holen, in einem hartnäckigen Spazierlaufschritt, in nur
etwas mehr wie einer Minute ums ganze Promenadendeck
herum und so zwanzigmal, dreißigmal, fünfzigmal hinter-
einander !
Ich kenne sie jetzt so ziemlich. Neben mir, bei Tisch,
sitzt eine nette Dame aus Ohio, die versorgt mich mit
Klatsch, der auf dem Schiff unterirdisch sein Wesen
treibt. Die kleine, schwarzangekleidete Famihe geht
an meinem Deckstuhl vorüber. Es ist die Mutter, der
Sohn, die beiden Töchter. Die Kinder strotzen vor
Gesundheit, die Mutter ist gelb wie eine Quitte, alle aber
sind sie gleich ernst, ihre Gesichter wie leer, ausgeschüttet,
keiner spricht. Als sie vor zwei Wochen herüberfuhren,
waren sie noch fünf. Der Vater macht auch jetzt den
Weg mit ihnen zurück in die Heimat, aber unten, im
untersten Raum des Schiffes, in einem dunklen Sarg.
Die drei verwitterten Spanier mit Namen aus der Armada-
Zeit, nach Töchtern des Landes auf dem Auslug. Der kleine
Clan der Spieler, der Wettenden, der Geräuschvollen schiebt
sich breitspurig vorbei — diese haben sich am raschesten
zusammengefunden. Ihnen ist die Ozeanfahrt weiter
nichts als eine sieben Tage dauernde Möglichkeit, auf die
zurückgelegte Meilenzahl zu wetten, von früh bis nacht
in dem „Wiener Cafe" die Karten zu schleifen — diese da
halten zusammen, ihnen ist das phantastische Leben, diese
Abgetrenntheit und dies Zusammensein irgendwie durch
ihre Spielerseele deutlicher als den anderen, leidenschafts-
losen, ins Bewußtsein geraten — rasch müssen sie ein-
23
ander kennen lernen, genau, sieben Tage lang wird das
Glück ihnen dienen, wenn sie die Eigenschaften, Tugen-
den und ^ Schwächen des Nächsten genau und scharf
durchschaut haben, sie lassen sich gar nicht los, sieben
Tage lang! Schon bilden sich Konstellationen unter
den Seefahrern. Blicke; aufgehobene Bücher; verträumtes
Stehenbleiben am Reling neben Einem oder Einer.
Und da sind dann auch die, die sich absondern. Da
ist dieses typische Ehepaar, das man aus den Zeich-
nungen von Charles Dana Gibson und von den Tables
d'hote in Florenz, Rom, London, kennt: die verblühende
Millionenerbin, die sich noch rasch einen Athleten ge-
kauft hat. (Society-people, sagt meine Nachbarin, sie
sagt es mit dem sympathischen Tonfall der arbeitenden
Frau.) Morgens kommt Madame emailliert heraus, Perlen
bis an den Gürtel, beladen mit Ringen, der Herr mit
vagem, gelangweiltem Blick, einen langweiligen Roman
vom William Le Queux unterm Arm. Schon vor dem
Lunch sitzen sie in ihrer Staatskabine, deren Fenster
aufs Promenadendeck hinausgeht, und spielen Karten
miteinander. Am Abend nach dem Dinner tun sie dasselbe.
Das Licht brennt in ihrer Kajüte: der Herr sitzt im Pyjama
da, das elektrische Licht spielt auf seiner goldenen Brust —
Madame hat zwei brennende Zigaretten im Mund,
lächelt, gibt eine ihrem Partner hinüber, lächelt mit
vagem Blick in ihren Augen, jetzt am Abend ist sie plötz-
lich lo Jahre jünger als ihr Genosse. — Und dann gehen,
unter so vielen Gleichgültigen, die Leute vorbei, denen
man ihre Geschichte vom Gesicht herabliest. Da sind
die Stolzenj die ihren ersten Weg hinüber im Zwischen-
deck gemacht haben und jetzt mit uns in der besten Klasse
des Schiffes — vielleicht desselben Schiffes, das kaum
zehn Jahre alt ist, fahren. Da sind die allzu Beweglichen,
die wahrscheinlich denselben Weg umgekehrt beschreiben
werden, jetzt voll Schlauheit und Berechnung alles
ringsum zusammenhorchen, was sie nur irgendwie von
fern angeht, und eines Tages vielleicht unten zwischen
H
den Decken zurückschleichen werden in das minder grau-
same Europa, auf das sie jetzt schlecht zu sprechen sind.
Dann die Blasierten, die sogar hier in ihrer Kaste ein-
gesperrt sitzen; dann die Farblosen, die nichts gewinnen
und nichts verlieren ; dann die Hyänen des Schiffsflirts und
jene, die sich gerne zerfleischen lassen, aber wie gern ! Dann
die und jene, dieGalligen, die Zielbewußten, die Verträum-
ten, und in all dieses Treiben hinein brüllt das Nebelhorn
alle paar Sekunden lang seinen warnenden Laut hinein. Die
Brust schmerzt von dem Ton. Man meint, das Plankton unten
in der See müsse in Schwingung geraten von diesem Ton.
Ich liebe diesen Ton. Das ist der Akkord, in dem die
Menschenseele und die Meeresseele beisammen ist. Alle
die Töne, die das Lied, den Hymnus des Seefahrers bilden,
sind enthalten in diesem Ton. Darin sind alle Worte, die
sich die Fahrer auf ihre Flaggen und in ihre Herzen hin-
eingeschrieben haben, auch diese unermeßlich großen;
Navigare necesse, vivere non! Da ist der Flaggenschlag
auf der Back der schweren Kasten Marco Polos, Mage-
Ihaens, Roald Amundsens, Shackletons, drin in diesem
Ton, und mehr als ein Geheimnis noch außerdem. Das weiß
ich, von allen meinen Gefährten, die ihn heute mit mir hören,
diesen Ruf des Nebelhorns, gehen mich ganz sicher jene am
wenigsten an, die sich die Ohren zuhalten und wünschen :
der Nebel ginge weg, damit das Brüllen endlich aufhört !
Vom Sonnendeck kommt ein Boy herab und bringt mir
ein Telegramm. Ein freundlicher Herr aus Oklahoma
bleibt stehen und sieht mir zu, wie ich das Telegramm
aufmache und lese.
„Sad news?*'
Ich schüttle den Kopf, danke ihm für sein Interesse,
und er geht beruhigt seines Weges.
Jemand hat an mich gedacht auf dem Festland. Ein
paar liebe Worte sind vom Festland her durch die Atmo-
sphäre gezuckt, haben unser gutes, schnell dahinschie-
ßendes Schiff gesucht und gefunden und sind in den
25
X
Empfänger hineingelaufen, der oben auf dem Sonnendeck
in der Marconi-Station sein Morse-Getick hören läßt.
Nein, wahrhaftig, wir sind nicht allein auf der Welt!
Derselbe Geist, der uns wegzerrt vom Festen ins Unge-
wisse hinein, derselbe Geist, der unten die Kolben und
Räder herumschwingt und ineinander fahren und beißen
heißt, wie hier oben die Sehnsucht, die Blicke und die Leiden-
schaften der Menschen, dieser selbe Geist liegt immer tätig
und bewußt um den ganzen Erdball und die Welt gewunden.
Festland und Wasser, Erdball und Stern, Sonne und Äther
sind nicht mehr getrennt, Mensch und Mensch gehört zu-
sammen. Äugenblick für Äugenblick. Und ein Schiff im
Nebel auf hoher See, drei Tage weit vom Festland weg, steht
nicht einsamer da auf dem Erdball als ein Mensch in seinen
Kleidern und Schuhen mitten in einem Volksgetümmel.
Oben auf Sonnendeck, in dieser phantastischen gelben
Stadt aus Schloten, Windfängern mit offenen Rachen,
Ventilatoren, schwingenden Böten und surrenden Stricken
steht das kleine braune Haus, das die Verbindung her-
stellt zwischen uns Verschollenen und der sicheren Welt.
Ich wollte, das Schicksal der Genies wäre dies eine Mal
minder dumm und grausam gewesen, und die Strahlen,
die hier in das braune Haus herein und aus ihm hinaus-
fahren, führten den Menschennamen Hertz und nicht den
nichtssagenden: Marconi. Das wäre recht und billig und
ein wunderschönes Ding hätte einen guten Namen, der
sich fast wie ein symbolischer Namen anhört.
Abends, wenn man unten in den Sälen sitzt oder schon
in der Kabine im Bett liegt, da hört man plötzlich das
Huiiii — tak tak — taktak des Telegraphisten oben,
der über tausend Seemeilen weg mit der „Minnetonka",
dem „Cymric", dem „Kaiser Wilhelm H." spricht, der
die Schiffe anspricht durch die Nacht und freundliche
Antwort erhält von den Schiffen. In der Huiiii — tak-
tak- Kammer da oben pocht das Herz des Erdballs.
Der Manipulant erklärt mir : man braucht die Richtung
nicht zu kennen, in der sich der Angerufene befindet.
26
Man sendet seine Botschaft einfach in einen Umkreis von
so und so vielen Seemeilen, denen eine Stromkraft von
so und so viel Volt entspricht, hinaus — es wird der Richtige
sich schon melden und antworten. Ich lasse den eifrigen
jungen Mann sprechen. So oft er: „Marconi" sagt, kor-
rigiere ich es in mir und sage: „Hertz".
Und ich denke plötzlich auch daran, während ich vom
Sonnendeck aufs Promenadendeck hinuntergehe, daß ich
ja selber wie dieses Schiff, nicht mehr so allein und roman-
tisch durch die Welt segle wie in all diesen frühÄen Jah-
ren. Sondern meine Reise gehört all den anderen, die
es lesen werden, was ich mir erreise und woran ich
vorüberreisen werde. Nicht mehr den sausenden Winden
allein preisgegeben, sondern auch Menschenaugen, guten
und harten zu gleicher Zeit. Menschen aus meinem
Umkreis und aus weiteren . . .
Dieser Zustand ist mir so neu, wie's etwa dem „Kaiser
Wilhelm der Große" neu und vielleicht unbehaglich vor-
kam, als man ihm das braune Häuschen auf den Rücken
hinaufgebaut hat. Aber ich fühle, trotz allem, deutlich
die überschwengliche, edle und unersättliche Lust: zu
reisen, zu reisen, und es überkommt mich, auf der letzten
Stufe, auf einmal die bizarre Vorstellung: Daß wir Men-
schen zur See allein gelten. Daß wir allein leben und sind,
wirklich da sind und leben, wir, die wir zu zählen sind,
und nicht die Ungezählten auf dem Festland!
Jetzt zieht ein Gewitter durch den Nebel hindurch.
Aluminiumfarbige Blitze fahren durch die milchweiße
Mauer, spalten sie in zahllose weiße Schichten, Schleier,
Vorhänge, die hintereinander vom Himmel bis zum
Wasser herunterhängen. Dann zieht der Nebel plötz-
lich dem Gewitter nach. Das Nebelhorn verstummt.
Ich stehe mit dem Papier in der Hand vor der Reling
und lese die Worte nochmal durch, die durch die Atmo-
sphäre bis zu mir gekommen sind. Jetzt ist das Meer
wieder hell und ganz ruhig.
Wir fahren wieder mit voller Kraft.
27
VORSÄTZE
Hier auf Deck sitze ich neben einem vornehmen Ame-
rikaner, mit dem ich über seinen und meinen
Kontinent spreche, zuweilen gibt er mir auch Rat-
schläge. Er ist ein feiner, gebildeter Mann. Er kommt
aus Kiel, hat mit seiner Yacht einen ersten und einen
zweiten Preis gewonnen und hat mit dem Kaiser ge-
sprochen. (Der Kaiser hat ihn gefragt, wie sich die gute
Gesellsdhaft Amerikas gegen die reichen Juden verhält,
und mein Nachbar hat dem Kaiser Antwort gegeben.)
Wie gesagt, er erteilt mir zuweilen Ratschläge. Ich
sage ihm: ich will drüben inir ansehen, wie Amerika mit
den armen Leuten umgeht, das interessiert mich sehr.
Darauf erwidert er: ich dürfe es nicht versäumen, nach
Newport zu fahren, wo die Reichen beisammensitzen.
Ich sage, eigentlich mache ich diese weite Reise nicht so
sehr um der Milliardäre willen, von ihrem Anblick habe
ich gewissermaßen schon in Europa genug gehabt. Der
Herr sagt: niemals werde ich ein abgerundetes Bild
Amerikas gewinnen und mir notieren können, wenn ich
nicht auch in Newport die smarten Leute habe tanzen
sehen. Ich sage: ich bilde mir nicht ein, in ein paar Mo-
naten und etlichen Kreuz- und Querfahrten durch den
unbedeutenden Erdteil Amerika ein rundes Bild zu-
sammenzukriegen. Ein Schriftsteller ist nicht so gut
dran wie ein Maler, sagen wir, wie Whistler, der auf
seinem Bild: „Die Reede von Valparaiso" mit zwölf
oder fünfzehn Aquarellstrichelchen auf silbergrauem
Grund die Atmosphäre eines Erdteils festhält, und fertig!
Gewiß, ich werde um die Straßenecken sicher nicht
Theorien nachjagen, sondern lebendigen Dingen, und ich
werde mit dem neuen Kontinent hauptsächlich mein Ge-
fühl für die Welt und die Menschen nähren. Dieses Gefühl
ist zur Zeit ziemlich stark in mir und braucht eine kräf-
tige, gesunde Kost. Ich will's weder an den Tafeln der
Reichen füttern, noch durch die Abfälle der Gosse hinter
mir herschleifen. Ich will, wenn's mir grad paßt, ein-
schichtig und, wenn's mir paßt, gesellig, mit meinem Ge-
fühl durch den Kontinent spazieren gehen und gut zu-
schauen, was für ein Gesicht mein Gefühl zu den Dingen
macht, die uns begegnen.
Gleich in der ersten Stunde, wie ich an Bord des
„Kaiser Wilhelm der Große" gekommen bin, habe ich
mir vom Decksteward einen Stuhl an Steuerbord auf-
klappen lassen, obzwar ich gut wußte, daß man an Back-
bord geschützter sitzt. Ich habe mir vorgenommen, die
erste Nacht oben auf Deck so lange auszuhalten, bis ich von
meinem Stuhl aus die Feuer Englands werde leuchten
sehen ; so lange wie möglich den Blick nach dem Westen
haben. Und gäb's auch weiter nichts zu sehen, als ein
armseliges Feuerschiff draußen vor einer der gefährlichen
Sandbänke an der Ostküste des alten Englands.
Die friesischen Inseln waren schon am Vormittag ver-
schwunden, nun ging's durch den Kanal. Links die Nieder-
* lande, Belgien, Frankreich, rechts die Inseln von Groß-
britannien: das war der Weg durch die Länder, den die
Gründer der Reiche drüben in der neuen Welt ein-
geschlagen hatten, als sie ausgezogen waren in ihren
harten Kästen. Unser braves Schiff, unser vierschlotiges
Monstrum, unser tüchtiger Karrengaul pflügte seine
Furche durch historisches Wasser, wenn man sich so
ausdrücken darf.
Wenn ich schon die Dinge drüben wie ein Bauer
ansehen will, wie ein Auswanderer, dem die ersten zwanzig
Tage nach seiner Ankunft am Pier in Hoboken bei Gott
wichtiger sind als die zwanzig und mehr Jahrhunderte
vorher — und wenn mir auch die lustige Seebrise, die
mir gleich in der ersten halben Stunde den Hut von der
Schnur riß, all das Geschichtliche aus dem Hirn heraus-
gekämmt hat — kein Mensch konnte mich daran hindern,
mit Rührung zwischen den Küsten hindurchzutahren,
von denen all die kühnen und wagemutigen und auf Gott
vertrauenden Nußschalen abgestoßen und hinausgeschau-
29
kelt sind den gleichen Weg lang, den die Schraube da
unten unsern „Kaiser Wilhelm der Große" entlang
wirbelt.
Niemand konnte mich daran hindern, daß ich mit inten-
siverer Rührung als an die Reichsgründer auf der Back-
bordseite, die holländischen Landgrapscher und die fran-
zösischen Eisenfäuste pour le Roy, an die Leute rechts
von mir, die Leute Englands denke, und an den Spruch
Emersons : der Amerikaner sei im Grunde nur die Fort-
setzung des englischen Geistes (English Genius) unter
neuen und veränderten Bedingungen.
Für englischen Geist brauchte ich nur: Freiheit des
Individuums und Respekt vor dieser Freiheit des In-
dividuums zu setzen und für veränderte Bedingungen:
Abwesenheit von Tradition, Vorurteilen, Historie — und
da hatte ich einen guten Grund, weiß Gott, nach Amerika
zu den Amerikanern zu reisen.
Aber da war noch eine Vorstellung aus der Kindheit,
aus einem alten Buch daheim: es handelte von den
sympathischen blassen Puritanern, die auf der „May-
flower" ausgezogen waren, um im gefährlichen Weltteil
so etwas vide das Reich Gottes zu gründen. Das Reich
^ Gottes, das nicht viel anders ist, als eine höhere Form
von freiem Beisammenhausen von Menschen, die sich
von innen heraus regieren. Einige Splitter, zerstreute
Stückchen vom Reich Gottes drüben zu finden, das war
im Kanal und ist auf hoher See meine Hoffnung, sagte ich
meinem Nachbarn.
Die Nachkommen der Puritaner drüben in dem demo-
kratischen Erdteil sollen ja jetzt einen Klub, eine Art
aristcAratischen Vereins gegründet haben, höre ich. Und
der Ausdruck : „Deine Vorfahren sind auch nicht mit der
Mayflower hieher gekommen!" soll für den Angeredeten
eine ähnliche schimpfliche Bedeutung haben, wie drüben
in Europa etwa dieser Ausspruch: „Deine Vorfahren
sind auch mal mit alten Hosen auf dem Rücken durch die
Dörfer gezogen!". Aber, hol's der Teufel, wenn schon was
30
Aristokratisches da sein muß, so soU's doch lieber von den
Rittern des reinen Gotteswortes herkommen als von den
erlauchten Wegelagerern und Schnapphähnen jenes alten
Europas !
Ha ! höre ich einen sagen : das ist mir ein netter Beweis
für unhistorisches Denken. Zudem sind ja die Puritaner
arge Inquisitoren und Auf dem Erworbenen-Sitzer ge-
wesen.
Aber ich bin von der wunderschönen Meerluft um
mich herum schon ins Schwärmen geraten, stehe an der
Reling und phantasiere drauf los. Die Mayflower,
etwas sehr Schönes, Reines, Fanatisches, etwas das mir
mit Umgehung der historischen Notwendigkeit eine
reiche, lebendige Freude an dem Erdteil einflößt, dem
wir entgegentreiben — ein altes Buch aus der Kindheit,
wie gesagt!
Jemand klopft mich auf die Schulter und fragt mich
höhnisch: „ob ich auch wisse, wie ein Puritaner aus-
gesehen habe?" Ich antworte: nun, ich denke, wie die
Puritaner auf den schönen Stichen in Washington Irvings :
„Didrik Knickerbocker's History of New York!" Darauf
sagt mir der Mann : „Ja, wohl ! Viel mehr aber haben sie
noch ausgesehen, wie ein Londoner Sonntag-Nachmittag!"
Darauf drehe ich mich lebhaft um und sage dem Mann
ins Gesicht: „Gut, daß Sie mich daran erinnern!"
Denn grad einer dieser berüchtigten und merkwürdi-
gen Londoner Sonntagnachmittage, vor dem der phan-
tasielose Kontinentale mit Siebenmeilenstiefeln Reißaus
nimmt, verursachte es, daß ich jetzt auf diesem Schiff
sitze, an der ungeschützten Steuerbordseite, von der ich
Englands Feuer gesehen habe und seither, seit vier
Tagen, nichts mehr als das Wasser und den Himmel und
die untergehende Sonne jeden Gottesabend noch dazu!
Ich habe es nicht vor, auf die Jagd in die Vernunft-
gründe zu gehen, wenn es sich um etwas so Herr-
liches wie eine Reise über See, durch gewaltige Städte,
unendliche Prärien und Seen so groß wie Meere han-
3»
delt. Sondern ich will Heber dem kleinen tickenden
Schlag nachforschen, der einmal vom Herzen hinauf ins
Hirn geklungen ist, und der elektrische Funke war da
und die Lust entfacht, und es mußte nur noch' die Zeit
abgerollt sein, die auf diesen irdischen Wegen den Wunsch
von der Erfüllung trennt. Und dieses kleine Ticken, diese
kleine Explosion des Motors hier drinnen habe ich an
eben solch einem stillen und lautverlassenen Sonntag-
nachmittag gehört, vor einem Jahr etwa, in London, wie
gesagt. —
Das war der Sonntagnachmittag, an dem ich den
kleinen Narren im Hydepark hab predigen hören und den
Kolonisten mit Weib und Kind in der Shaftesbury-
Avenue hab mit dem Policeman stehen sehen und aus dem
Anblick dieser beiden und aus der plötzlichen Erinnerung
an das alte Kindheitsbuch von den Puritanern und der
„Mayflower" hat sich der Kontakt: Amerika ergeben
und ist dagewesen und geblieben ein Jahr lang.
Die Leute, die in den Vernunftsgründen beheimatet
sind und Liegenschaften besitzen, sie wissen nichts von
den Wegen der Seele und dem Dickicht, darin die Vögel
singen und zwitschern. —
Der kleine Narr im Hydepark war ein kleiner Narr,
und ich müßte noch heute lächeln über ihn, glaubte ich
nicht, daß dieZinzendorfs und die Menno Simon und Aba-
die und Fourier und die Leute von Oneida wohl ähnliche
Narreteien an sich gehabt haben, und alle die großen Un-
zufriedenen und ins Irre laufenden Vorläufer jener, die
heute unzufrieden sind, aber die Straße endlich gefunden
haben. (
Er hatte ein große Tasche mit sich in den Park ge-
bracht, wo an den Sonntagnachmittagen jeder reden und
predigen und schwätzen darf, was ihm beliebt, für Gott
und gegen die Kirche, für den Menschen und gegen den
Staat, keiner wird ihm das Wort verbieten hier in der
freien Luft des alten Englands. Weder die Luft noch
England wird um ein Atom schlechter dadurch. Ich
32
wurde auf den Narren aufmerksam, als er anfing, seine
Tasche auszupacken, er hatte sein Podium mitgebracht
in ihr. Vier dicke Ziegelsteine, drei davon waren aus
Holz, und der vierte war die Bibel. Die drei Holzstücke
legte er so auf die Erde, zwei nebeneinander, das dritte
auf das rechts liegende, denn sein rechtes Bein war kürzer
als das linke. Es war ein hinkender Narr, dieser Narr
am Sonntagnachmittag. Er bestieg sein Podium, schlug
auf seine Bibel und begann zu sprechen. Seine Sprache
war die des wenig gebildeten Londoner Vorstadt-Cockneys,
ich hatte Mühe, ihm zu folgen, aber sein Gesicht war
schön und sein Feuer rein, nur wenige unter den Hörern
lachten ihn aus.
Was er redete, war eine große, in der Woche einstudierte
Rede gegen die presbyterianische Kirche, die mit dem
Gotteswort Geschäfte macht, gegen die Mächtigen, die
die Bibel gefälscht haben, denn die Bibel strotzt vor
Widersprüchen, und die Reichen fahren gut dabei, gegen
das Parlament, das eine Lüge ist, und den König, der eine
Lüge ist, und für Jesus, der arm und wahr war und dessen
Worte klar durchstrahlen durch alle die Fälschungen
hier in diesem Buch da usw. Ich werde mich hüten, zu
erzählen und zu berichten, was er zusammenredete (ich
könnte es, denn ich habe mir Notizen gemacht), er war ein
ziemlich naiver Narr, dieser kleine, windschiefe Sonntag-
nachmittagsparkredner. Aber ich glaube, um des Tonfalles
willen, in dem er von dem wahren Jesus sprach, hätten
ihn die Pilgerväter auf der „Maiblume" mitgenommen,
und im Klub drüben säßen heut einige Aristokraten mehr.
Der andere aber war der Kolonist. Seine junge Frau
stand neben ihm, und er hatte sein kleines schlafendes
Kind auf dem Arm. Das Kind hatte eine kleine blaue
gehäkelte Mütze auf dem Köpfchen. Der Mann stand in
einem alten abgetragenen, an den Schultern ganz grün
gebleichten Militärmantel da, er hatte sehr schlechtes
Schuhzeug an den Füßen. Er stand mit seiner Familie an
der Ecke der Shaftesbury-Avenue im Sommerregen da und
3 33
erzählte einem Schutzmann, den er um Auskunft über die
Straße gebeten hatte, in der sein Lodging war, daß er
morgen in aller Früh nach Liverpool fahren wollte, von wo
er mit der „Empress of Ireland" weiter hinausfahren werde.
Ich hörte den Namen des Schiffes, als ich an den vier
Menschen vorüberging und ich sah das Kind auf dem
Arm des noch jungen Mannes, und ich sah der Frau in
ihr gramvolles Gesicht, ich glaubte, dies schon einmal ge-
sehen zu haben: in dem wundervollen Bild von Ford
Madox Brown: „TheLastof England", das ich zu Hause in
einer Mappe mit anderen Reproduktionen der englischen
präraffaelitischen Schule liegen habe.
In meinem Boardinghouse erkundigte ich mich dann
beim Abendessen, wohin die „Empress" fahre, und man
sagte mir, daß sie nach Kanada fahre. Und dann, während
ich nachts aus meinem Fenster auf die alten Bäume
des kleinen Bedford Square hinaussah, da wußte ich es
in mir drin, etwas war geschehen, ich werde bald in die
Welt hinausfahren, und ich wußte sogar schon die Rich-
tung mir anzugeben.
CAPTAINS DINNER
Letzter Abend an Bord. Die Leute der ersten Kajüte
kommen in großer Toilette zum Essen hinunter. Der
Speisesaal ist hübsch dekoriert, bunte Crackers und Blu-
men sind überall auf den Tischen, und kleinwinzige
japanische Papierschirmchen, die die Frauen sich ins Haar
stecken. Sie sehen, aufgespannt, wie große tropische Blu-
men zwischen den Frauenhaaren aus. Viel Champagner
kommt auf die Tische. Heute abend entscheidet es sich,
ob die Freundschaften, die man zur See geschlossen hat,
auf dem Festland von Dauer sein sollen oder nicht. Wir
Schöngekleideten alle lehnen uns in unseren Stühlen
zurück und schauen nach den anderen Tischen hinüber, von
wo uns lächelnde oder gleichgültige Mienen Bescheid tun.
34
Oben auf dem Promenadendeck hat man einen Tanz-
platz mit bunten Signalfahnen abgesteckt. Vom Dach,
das heißt dem Sonnendeck, hängen bunte Glühlichter
herab. Die Paare lüften den Vorhang, die deutsche und
die amerikanische Flagge, ehe sie zum Tanz antreten.
Die braven Stewarde spielen amerikanische Tänze auf,
dazwischen einen biederen Ländler oder einen frisch in
Wien fabrizierten Walzer. Das Publikum zeigt sich rasch
vor Torschluß in einer neuen Funktion. Die während der
Fahrt hin und her gelaufen sind oder bleich und gelang-
weilt unter Decken gelegen haben, tanzen jetzt. Manche
haben einen ganz befremdlichen Rhythmus, den ihnen
keiner zugetraut hätte. Eine kleine bläßliche Dame, die
sechs Tage lang in ein und demselben wässerigen Roman
herumgeplätschert ist, hat plötzlich den Teufel im Leibe.
Der Schwerenöter und Kartenschärfer vom Tisch nebenan
tanzt mit seinem Flirt: der Flirt hält seinen Lockenkopf
an das Plastron glattgepreßt, es ist, als tanzten zwei Rücken
herum. Die männliche Hälfte aber tanzt wie ein junges
Mädchen.
Die Matrosen haben's nicht leicht diese Nacht. Einer
versichert mich: heute wird nicht geschlafen. An Back-
bord liegen schon die Postsäcke aufgeschichtet; morgen
früh kommt der Postdampfer und nimmt sie auf. Eine
Stunde, ehe wir in Hoboken einlaufen, sind die Säcke an die
Bahnen verteilt. Ich steige über den Strick und sehe mir
die Labels auf den Säcken an. Port au Prince, Yukon
Pacific, Nicaragua — ich höre die Reiselust förmlich
wiehern in mir.
Auf dem Deck der zweiten Kajüte starrt ein riesiges
Loch im Boden. Der Kran zwingt aus der fünf stock-
tiefen Untiefe das Gepäck herauf, die Koffer, Kisten, die
Fracht des Schiffes. Unaufhörlich kommt und geht die
Riesenkette. Ich gehe um das ganze Deck herum und ge-
nieße den letzten Abend auf dem schönen, mir lieb ge-
wordenen Schiff.
Vom Tanzboden her kommt ein Twostep geweht. Es
3* 35
tanzen die Amerikaner, die Deutschen, die Spanier. Der
ganze Tanzboden ist voll von Tanzenden. Ei was: May
und Marjorie, die beiden Töchter des toten Mannes,
tanzen mit. Recht der Jugend! Sie haben weiße Seiden-
blusen an, und die eine hat eine kleine schwarze Masche
mit einer Diamantenagraffe an ihrer Brust befestigt. Sie
tanzen sehr gut, ebenso der Bruder, ein wenig ausgelassen,
— ausgehungert. Tanzt doch, ihr Lebenden. Ihr dürft
es und könnt es, darüber besteht ja kein Zweifel.
Im Drawing-room sitzt der alte Kommodore mit seiner
alten Frau. Er hat das Puzzle vor sich, es ist immer noch
nicht weiter als bis zur Hälfte gelöst. Man kann es schon
erkennen: es wird ein Gainsborough- Knabe mit einem
Reifen sein. Das alte Paar arbeitet seit Bremen an dieser
Aufgabe. Hie und da nickt der alte weißhaarige Herr ein
bißchen ein, seine Frau läßt ihn ruhig ein, zwei kleine
Schnarchtöne ausstoßen und lächelt ihm dann zu, wenn
er aufwacht und wieder nach den Holzplättchen greift.
Die Frau des toten Mannes sitzt in einer Ecke und legt
Patience. Ich lasse es mich eine Viertelstunde kosten und
sehe von weitem, die Augen über dem Buchrand, zu, ob
die Patience aufgeht. Nach einer Weile wirft die Witwe
den Talon mit den aufgelegten Karten zusammen und
beginnt eine neue Patience. Auch diese mißglückt. Dann
eine dritte. In dem Gesicht der Witwe ist kein Zug, der
Hoffnungslosigkeit ausdrückte. Sie ist nicht mehr jugend-
lich, ihr Gesicht ist fahl und gelb, aber ich fühle, sie legt
die Patience nicht nur, um sich die Zeit zu vertreiben.
Draußen ist die Nacht voll von Sternen. Die Zu-
schauer vor den Flaggen sind rar geworden. Die Stewarde
spielen ihren letzten Twostep, ein paar unentwegte Paare
tanzen noch unter den Glühbirnen dahin, May und Mar-
jorie tanzen. Der Bruder steht mit der Lockendame an
einer dunklen Stelle des Decks. Wie ich vorübergehe, sehe
ich: er versucht mit der glühenden Spitze seiner Zigarette
ihre Hand zu berühren. Er ist noch ein halbes Kind, dieser
kindische Bursche.
36
' Auf dem Deck der zweiten Kajüte, drei Schritte weit
vom Tanzplatz kommt und geht die große Kette. Aus
der Untiefe hebt sie die Fracht des Schiffes, die Koffer
und die Kisten herauf. Ehe ich schlafen gehe, sehe ich
zu, ob nicht eine Kiste heraufkommt, die die Form eines
Sarges hat ? Und wirklich, da kommt eine herauf, die sieht
aus wie ein Sarg.
EINFAHRT
Elfter Juli früh. Den sechsten Tag haben wir nun
kein Schiff gesehen!
Die Schiffszeitung erzählt Schauermären von einer
Hitzwelle, die über Amerika hinübergestrichen ist. Hier
draußen schon fühlen wir sie zwischen Haut und' Hemd
hindurchstreichen, diese Hitzwelle. Von Massachusetts,
sagt man, haben wir sie her bekommen. Mir ist's egal,
woher, sie ist infam. Jemand macht auf einen leisen Ge-
stank in der Luft aufmerksam: das sei schon der Ge-
ruch von Newyork. Nun, das kann gut werden. Die
Matrosen haben eine schlaflose Nacht hinter sich. Diese
sympathischen, angestrengten Männer in zu weiten Hosen
und mit Kinderkragen auf ihren kindlichen Blusen gehen
geschäftig zwischen uns Passagieren hin und wieder.
Das Hinterdeck ist mit Gepäck vollgestopft. Die Post-
säcke liegen bis zur Decke aufgetürmt.
Auf Zwischendeck ist alles sehr munter und steckt in
Sonntagskleidern. Auf einmal haben alle Kragen um die
Hälse, sogar Itzig und seine Söhne. Nur Frau Itzig hat
ihre Alltagstracht bewahrt, hellgrauer Rock, weiße Bluse,
das heißt . . .
Jetzt rennt alles an die Reling. Dünne graue Striche
sind am Horizont zu sehen, sie steigen, es ist das Land.
Ein paar Schiffe kommen von Amerika her, Schiffe end-
lich! Eine kleine Rauchwolke nähert sich uns, rasch.
Das ist der Pilot, heißt es. Da ist also die Neue Welt. —
37
Es dauert nicht lang, und der Pilot ist ganz in unserer
Nähe. Ein Boot stößt von seinem^Schiff ab. Die Strick-
leiter mit Holzsprossen kollert an unserer Schiffswand
hinunter, der Pilot kommt an Bord des^„ Kaiser Wilhelm
der Große".
Drei fette alte Buischen, in Stadttracht und mit Zahn-
stochern im Mund, pusten sich die Leiter herauf — das
ist der Pilot. Ich kann nicht sagen, daß diese ersten drei
authentischen Amerikaner mich mit Enthusiasmus er-
füllen. Sie sehen aus, als sollten sie uns im nächsten
Augenblick mit den drei elementaren amerikanischen
Unarten bekannt machen, Gummikauen, Spucken, Hemd-
ärmeln. Sie tun aber nichts dergleichen, und unser
Interesse wird bald durch andere Dinge von ihnen ab-
gelenkt.
Man sieht jetzt mehr Schiffe und graue Streifen am
Horizont. Berge, Farben, Inseln. Es ist ganz klar zu
ersehen, was die Macht dieser Stadt dort im Hitzenebel
begründet hat. Zwischen New Jersey und Long Island
klafft ein Loch, und das ist die natürliche Pforte des
Hafens. Dieser Hafen ist mit einer Unzahl von kleinen,
unansehnlichen, schief im Wasser steckenden Pflöcken,
winzigen roten Klingelboyen und Zeichen aller Art be-
spickt, der Pilot ist nicht überflüssig, weiß Gott.
Häuser werden sichtbar, Bungalows, Wald; ein sil-
berner Strich unterm Grün, das ist Long Islands Strand;
ein riesiges Rad, ich höre, es steht auf Coney Island.
Und nun steigt auch schon, weit hinten hinter Long
Islands Hügeln ein fester, durchsichtiger Rauch in die
Höhe, eine Nebelfestung mit Türmen und Zinnen, schmal
und fest zur Seite von Staten Islands Berg, der jetzt
hervorkommt, weil wir uns drehen : das ist die Südspitze
von Manhattan, die Stadt der Wolkenkratzer.
Der „Moltke" der Hamburg- Amerika-Linie fährt an
uns vorbei, hinaus, die italienische Flagge vorii gehißt,
nach Genua — adieu! Eine kleine Insel gleitet näher,
von Staten Island her, auf uns zu ; sie ist wie eine kleine,
38
kapriziös ausgezackte grüne Decke, aufs Meer flach drauf-
gelegt. Eine menschliche Gestalt von ungeheuren Pro-
portionen, Sonne in den grünen Falten ihres Gewandes,
hat Fuß gefaßt auf ihr — dies ist Liberty Island, die
Statue der Freiheit, die an der Pforte der Neuen Welt
liegt: Freiheit, von Herzen Hurra, Hail Columbia!
Hurra ! !
•' Gleich dahinter, allerdings, die breiten niederen roten
Häuser, halb Lazarett, halb Gefängnis, mein Freund er-
klärt mir, das sei Ellis Island, die Einwanderer-Insel, die
schreckliche. (Von ihr später, viel später.)
Allerhand kleine Schiffe haben sich jetzt an unseren
Flanken festgelegt; wir stehen still, wie ein Pferd, von
Mücken belagert. Da ist, das weiße Postschiff, das Sani-
tätsschiff, ich weiß nicht, was für welche noch. Die Yacht
des New York Herald bringt die ersten wirklichen Zei-
tungen an Bord, Börsenkurse summen um uns her, aber
auch andere Zahlen: heute 103 Grad Fahrenheit, acht-
zehn Tote bis Mittag. Bis herauf zum Sonnendeck, wo ich
stehe, schwirren all die Zahlen her. Ich fahre jetzt, wir
fahren auf die Riesenstadt zu, das Erste, was man von
Amerika zu sehen kriegt und das Ungeheuerlichste zu-
gleich. Es wächst, wächst am Horizont, höher, schaut
jetzt aus wie eine Hand, die sich schmal und langsam
in die Höhe streckt, man weiß nicht zum Willkomm
oder wie eine Drohung.
Wie eine Hand, wahrhaftig, kommt Manhattan aus dem
Meer in die Höhe gestiegen, jeder Finger ist dreißig
Stockwerk hoch und darüber.
Wir fahren jetzt langsam, langsam. Die Seeluft ist
weg, vergessen, es ist schon sehr heiß, obzwar's noch
seine guten Wege hat mit Hoboken.
Bei einer Wendung des Schiffes sehe ich die Hand dort
vorne sich spalten. Die mittleren Finger gehen aus-
einander, zwischen ihnen sieht man einen Strich, der mit
Luft gefüllt ist — das ist Broadway, die große Straße der
Stadt. Absonderlich, wie das dort ausschaut. Garnicht
39
<
wie Wirklichkeit, sondern wie eine dünne Kulisse mit
nichts dahinter, wahrhaftig.
Viel deutlicher ist schon die Reklameinschrift rechts
unten, in Brooklyn zu sehen. So etwas wie ein wagerechter
Wolkenkratzer, knapp über der Hafenlinie, etliche Kilo-
meter lang — ein Bitterwasser wird angepriesen !
Die Pyramiden Ägyptens versetzen einem einen ähn-
lichen Schlag ins Genick, wie die Wolkenkratzerstadt
Manhattan von der Bai aus zum erstenmal gesehen,
sagte mir der Vornehme. Nun, ich mach mich auf den
Schlag bereit. Ich wünschte, man würde die Bitterwasser-
Reklame dort wegkratzen, auch sie hat etwas Monumen-
tales, ich warte und bereite mich auf den Schlag vor. Ich
habe die Pyramiden nicht gesehen, aber hier, was ich
jetzt im Drauflosfahren auf die Insel Manhattan-Newyork
empfinde, ist ein bizarres, gemischtes Empfinden von
Unbehagen, Widerstreben, Staunen, ohne Befreiung des
Gefühls vom Denken, alles eher als ein großes, unbe-
dingtes, aufatmendes: Ah!
Und die Manhattan-Spitze dreht sich weiter. Broad-
way ist weg und die Häuser sind jetzt gut zu sehen, große
viereckige Ziegelsteine mit Poren, nein, besser gesagt.
große aufrecht hingestellte, holländische Waffeln, nein,«
riesige Siebe mit Löchern drin, das ist's: Siebe, mit un- ■>
geheuer vielen Löchern. Da stehen sie beieinander. Man
kann sich nicht denken, daß da drinnen Menschen leben
sollen, daß hinter jenen Löchern dort menschHche Wesen
mit Augen, Nasen und Haaren auf dem Kopf ihr Leben ver-
bringen. Oben sind an die Siebe winzige weiße wehende
Rauchfähnchenangebunden,dieWinzigkeit dieser Fähnchen
macht den Anblick dieser Mordskasten vor uns noch unbehag-
licher, jawohl. Ich drehe mich anders herum, lasse die Stadt
dort hinten sich ruhig um ihre Achse drehen und besehe mir
die Stadt der Schiffe hier unten, statt der Stadt des Steins.
Wirkhch, diese Stadt der Schiffe, die Manhattan ein-
säumt, ist einzig, überwältigend.
Schlote und Mäste, ungeheure Hallen, auf den Piers
hinaus ins Wasser geschoben; aus ihnen lösen sich zu-
weilen schwere braune Inseln los und gleiten in den
Strom, den Hudson, in den wir jetzt einfahren. Es
sind die Fähren. Sie tragen Eisenbahnzüge, Wagen, Auto-
mobile, Vieh und Menschen auf ihren Rücken. Ein
dumpfes, klagendes Gebrüll und die Insel ist vorbei ge-
schwommen. Alte Schiffe, mit Pendeln auf dem Rücken,
lenken an uns vorbei. Ein Abfallschiff stinkt penetrant
seines Weges daher, hinaus auf eine Insel bei Rockaway;
es trägt den Duft „Newyorks" hinaus, den wir schon von
weitem gewittert haben. Jetzt zeigt man sich die weißen,
fünf Stockwerke hohen Schiffe der Hudson-Linie; schon
denke ich daran, daß ich auf einem dieser Paläste bald
hinauffahren werde ins Land und fort von Newyork.
Und die Stadt der Riesensiebe verschiebt, verschiebt sich.
Die Wolkenkratzer sind grau, gelb, bräunlich, zumeist
aber monoton graugelb. Plötzlich sehe ich etwas wahr-
haft Schönes in der Ferne über dem Gewimmel der löche-
rigen Häuser auftauchen. Eine riesige rote Spinne, die auf
ihrem Rücken eine rote stachelige Blume trägt, kriecht mit
langen Spinnenbeinen über die Dächer weg — es ist das
Eisengerüst des neuen Municipal-Building, eine Kon-
struktion, die eines der höchsten Häuser Newyorks krönen
wird. Dieser rote Fleck ist schön ; ich habe etwas gemerkt
und schreibe es mir auf. Das Gerüst ist schön und das
Fertige ist häßlich. Das heißt die Energie, die hinter
diesen Ungetümen steckt, geht mich näher an, als die
Resultate, die sie hervorgebracht hat. Wir sind in New-
york, und der Choc ist ausgeblieben. Ich wäre ein Lügner,
wollte ich behaupten, ich hätte eins im Nacken gespürt.
Aber unter diesem Allzugroßen, nicht Überwältigenden
lebt die Stadt. Manhattan, das spitzige Tier, sticht wie
ein Tausendfüßler mit seinen unzähligen Piers wie mit
giftigen Stacheln nach uns. „Kaiser Wilhelm der Große"
gleitet ruhig an ihnen vorbei, zwischen Manhattans und
Hobokens Stachelspalier hindurch, den Piers des Nord-
deutschen Lloyd entgegen.
An Bord kümmert sich keiner mehr um den anderen.
Alle Augen sind auf ein weißes viereckiges Loch gerichtet,
das, nicht mehr weit von uns, in einem schwarzen breiten
niederen Haus auf der Hoboken-Seite flimmert. Dort
warten Menschen in hellen Kleidern auf unser Schiff,
schwenken Tücher, sind aufgeregt und flimmern in der
wahnwitzigen Hitze.
42
Neben mir zieht einer seinen Rock aus und entfaltet
eine kleine weiße Fahne mit rotem Viereck darin — eine
ähnliche antwortet ihm aus dem weißen flimmernden Loch.
Die großen Lettern North German Lloyd, die in der
Nacht über dem Hudson aufglühen und verschwinden,
sind jetzt auf den drei Piers vor uns zu lesen. Wir drehen
uns langsam und laufen den südlichen der drei Piers an.
Unten vor dem offenen Tor des schwarzen breiten Hauses
steht ein kurzer, unnatürlich dicker Kerl breitspurig da
und blickt unter seinem Sombrero patzig zu uns hinauf.
Die Menschen aus dem flimmernden Loch sind jetzt alle
auf die Ankunftsseite hinüber gelaufen und brechen in
ein delirierendes Erkennungsgebrüll aus. Von unserm
Schiff antwortet man. „Kaiser Wilhelm der Große"
knarrt mit einem Ton, der sich norddeutsch anhört wie:
„Uff!" an den Pier an. Ich nehme meinen Paletot und meine
Handtasche und gehe übers Brett hinunter nach Amerika.
HITZWELLE
Im Hotelzimmer lasse ich gleich den Ventilator surren,
das Badewasser laufen und führe mir die Eisstücke,
die der Kellner im Porzellankrug hereingebracht hat,
über den Leib spazieren. Aber all dies ist eitler Dunst vor
dieser Höllenhitze dort draußen und da drin.
Aus meinem Fenster habe ich den Blick tief hinunter
auf einen kleinen Park. Ich sehe im Baedeker nach: es
ist Bryant Park. Ein paar Dutzend Leute liegen wie tote
Fliegen, mit Hemd, Hose und Schuhen bekleidet, dort
unten auf den Bänken herum. Rings um den heißen
Rasenfleck stehen Häuser, lange und schmale, wie Spargel,
ganz winzige mit geteerten Dächern daneben, und dann,
nah und fern, wieder diese ungeheuren durchlöcherten
Kasten, diese viereckigen aufrecht hingestellten Siebe,
grau und stupid, mit fünfstockhohen Reklameschildern
und Anpreisungen von allem Möglichen auf dem Deckel.
43
Wirklich, ich kann momentan den Anblick dieser Stadt
nicht vertragen.
Ich setze mich, so wie ich bin, mit dem Rücken gegen
das Fenster, gleich habe ich den Rücken voll Fliegen. Wie
ein armer zuckender Gaul trachte ich, mir die lästigen
Tiere durch kleine Stöße vom Leibe zu halten. Ich sitze
zwischen dem Ventilator und dem Fenster, krame in
meiner Handtasche herum und lese in der Zeitung, die
der Kellner mit dem Eiswasser hereingebracht hat. Diese
Welle liegt nun schon den achten Tag über Newyork.
Ein paar Leute sind luftschnappend aus Wolkenkratzern
in die Atmosphäre hinuntergefallen. Frauen im Osten
der Stadt haben Eisläden geplündert. Ein Riese in der Vor-
stadt Bronx ist plötzlich irrsinnig geworden, fing an, Amok
zu laufen, und hat drei Schutzleute in Schaufenster und
Rinnsteine geschleudert. Long Island ist eine einzige Bade-
stube der ganzen Länge nach, viele Meilen weit. Die gelbe
Presse irrt sich um eine Null bei der Addition der Todes-
fälle, aber auch so ist es ein hübscher Empfang bei Gott.
Und der Höhepunkt von allem : ein Geistlicher in Newark
hat das Wort : „damn" von der Kanzel herab ausgesprochen !
„Damn the Ice-Trust!" Das sind die historischen Worte,
die der brave Reverend Shreve Osborne von der Kanzel
der Trinity Episcopal Church herunter in die erschreckt
auffahrende Menge seiner Schafe geschleudert hat. Meine
Absolution hat er — denn das Eisstück, mit dem ich mich
eingeseift habe, ist bis auf Nichts zusammengeschmolzen,
schon schwemmt mir die infame Welle das letzte Atom
von kühlem Wasser wie einen Rauch vom Leib her-
unter und der Schweiß stürzt ihm aus allen Poren nach.
Soll ich in dieser Stimmung aufschreiben, was für ein
Gesicht Newyork mir gemacht hat vom Pier in Hoboken
über Broadway hierher bis zur Ecke der 42. Straße?
Broadway ist das Absurdeste, was ich je gesehen habe.
Eine Stadt, arme Viertel, reiche Viertel, große Häuser,
kleine Häuser, ist durcheinander geraten; sagen wir, ein
barbarischer, Amok laufender Riese hat ihr von der Seite
44
her einen Tritt gegeben, und als alles kunterbunt dalag
und durcheinander, da hat das drei Monat alte Riesen-
kind in dem Haufen herumgewühlt und die Häuser wieder
aufgestellt, neben- und übereinander. Ärmliches Haus,
Palast, vier Häuser übereinander, kein Haus, kein Haus,
zwölf Häuser übereinander, winziges Haus, tiefes Loch,
kleines Vorstadthäuscheh, Palast, siebenunddreißig Häuser
übereinander — das ist Broadway. Es wird einem schlecht,
wenn man da durchfährt. Ich stecke den Kopf aus
meinem Fenster — es ist nicht zu beschreiben, wie diese
Stadt aussieht. Das bayrische Viertel in Berlin, in dem
man stundenlang zwischen den hochherrschaftlichen
Häusern herumlaufen kann, bis man eines trifft, das nach
einem Haus aussieht, das bayrische Viertel ist ein schlichtes
inniges Volksliedchen gegen diese Papua-Musik gehalten.
Ich ziehe den Kopf wieder zum Fenster herein, nehme mir
vor, europäische Schönheitsbegriffe zu meiden, und stecke
dann meinen Kopf mit kosmopolitisch objektiven Aug-
äpfeln wieder zum Fenster hinaus.
Daß diese Stadt schön ist, das wird mir keiner einreden,
auch nicht der vorzügliche Radierer, Lithograph und
Whistlerschüler Pennell, der als Erster mit großer Kunst
die „down town", die Wolkenkratzer Newyorks, verwertet
hat und der ein Piranesi des heutigen Newyork genannt
werden darf.
Ich habe jetzt Newyork ein paar Tage lang kreuz und
quer durchstreift und muß sagen, es ist eine häßliche,
abnorm und trostlos häßliche Stadt und dabei nicht ein-
mal zweckmäßig aufgebaut ! Dieses Gestrüpp von Häusern
von grotesk ungleichem Kaliber scheint mit einer Ge-
schwindigkeit von 100 Kilometern in der Stunde zu-
sammengehext zu sein, damit die Leute in ihr nur ja rasch
ihre Geschäfte unter Dach und Fach herunterwirtschaften
können. Ein Automobil, eine Bahnhofshalle sind bei
Gott nicht schön, das ist so eine heutige Zumutung, und
wer einmal ein altes Schinkelhaus oder einen friderizia-
45
nischen Schlitten gesehen hat, der kann gleich konstatieren,
wo die Grenzen von Schön und Zweckmäßig gezogen
sind.
Newyork hat einige Teile, von denen man sagen kann,
sie sind schön, die aber sind nicht Newyork, sondern Nach-
ahmungen von Paris und London. Riverside Drive am
Hudson ist die Avenue du Bois, Gramercy Park und die
fünfte Avenue um Washington Square herum eine genaue
Kopie von Bloomsbury, die fünfte Avenue in der fashio-
nablen Gegend ein Abklatsch von Piccadilly und Bond
Street, und die Bankgegend der unteren Stadt sieht, wenn
ich meine Hutkrempe niederbiege und die Häuser dadurch
plötzlich nicht höher sind als drei Stock hoch, genau aus
wie London um die Börse herum. Auch andere Stadtteile,
die Bowery, die erste, dritte Avenue gleichen auf ein Haar
den entsprechenden Londoner Gegenden, Houndsditch,
der Tottenham Straße. Der berühmte und berüchtigte
Broadway aber ist ein Kauderwelsch, ein Sammelsurium
von allen möglichen Unarten, als Straße absolut un-
charakteristisch. Wer von einem Stil Newyorks spricht,
muß sich also wohl oder übel mit den fatalen W. (ich
meine die hohen Häuser, das Wort ist scheußlich und
zu lang!) beschäftigen, denn die repräsentieren Newyork
und das heutige Leben des Mittelpunktes von Amerika.
Am siebenten Tag warte ich noch darauf, daß mir der
W. „aufgehe". Wenn der W. mir „aufgegangen" sein
wird, fahre ich ab. Ich will bald hinauf nach Kanada,
mein Hotel ist viel zu teuer, und dann bin ich ja diesen
Winter wieder hier. Mit dem W. muß ich aber jetzt gleich,
diesmal, fertig werden, denn er ist nicht nur das Problem
von Newyork und Amerika, sondern ein Problem dieser
heutigen Zeit überhaupt. Man kann vom W. nicht reden
wie von einem Automobil oder einer Bahnhofshalle, denn
er hat seine Fasson nicht von der Zweckmäßigkeit erhalten.
Daß 3000 Bureaus in einem Haus beisammen sind, ist keine
Notwendigkeit, eher vielleicht, daß sie so nahe zur Börse
oder Bank sind, wie irgend möglich. Nur kann ich mir
46
Zehn Stockwerke . . . filnfx.ig huniert!,'
nicht denken, daß um elf Uhr aus jedem dieser Bureaus
ein Mensch die Lifts hinunt erschießt und mit zehn Schrit-
ten an der Börse ist. Aber ich will, ahnungslos wie ich
pchon bin, annehmen, daß dies der Fall ist und daß die
Notwendigkeit, es so bequem zu haben, die Preise der
Grundstücke hier unten auf der Südspitze von Manhattan
so wahnwitzig in die Höhe getrieben hat. Auf alle Fälle
mußten die Stockwerke diesen Grundpreisen in ihre schwin-
delnde Höhe nachklettern, und das ist also die ästhetische
Grundidee des W. Vor den Pyramiden hoffe ich einst
den Choc zu erhalten, von dem man mir auf dem Schiff
berichtet hat und den uns Heutigen die Macht und
Selbstherrtichkeit in Jahrtausende weiter Entfernung noch
immer versetzen. Wenn ich mir aber jetzt an der Ecke
von Wall Street den Hals verrenke, so denke ich mir
doch nur — der Kerl, der dort eine Orangenschale
wegwirft, bedeckt mit ihr eine Viertelmillion Mark oder
47
so, und bin nicht im geringsten erschüttert. Es ist mir
auch gleichgültig, daß sie jetzt ein Haus mit loo
Stockwerken bauen wollen. Bitte. Meinetwegen mit
siebzehntausend. Das zu hindern, ist so unmöglich, wie
einen Ventilator mit dem Finger zum Stillstand zu
bringen.
Vor drei Tagen blieb ich noch vor den Grundgrabungen
des Woolworth-Building stehen und probierte, ob ich
mir Respekt abringen könnte angesichts der Tatsache,
daß dieses Haus 56 Stockwerke hoch sein wird. (Wool-
worth ist der Mann der fünf und zehn Cents-Bazare im
ganzen Land; für das Grundstück — etwa dreißig
Schritte im Geviert — hat er vier und eine halbe
Million Dollar bezahlt; die acht Millionen, die zum
Bau einstweilen benötigt werden, hat ein Berliner Mann
i^ Frankreich aufgebracht, ein W. ist also keine so spezi-
fisch nationalamerikanische Tatsache oder Sünde oder
wie man's nennen will.) Heute las ich, daß man eben dabei
ist, ein Loch in den Boden zu graben, auf dem sich ein
Haus mit 100 Stockwerken erheben soll. Der interessante
ungeborene Woolworth ist somit schon im Mutterleibe
ein bedeutungsloses Zwerglein geworden. Rekords.
Der Mutterleib — der gute Mutterleib der Insel
Manhattan ist Felsen, solider Felsen, und jedes 100 000
Dollar-Bröckelchen Terrains muß mit Schießpulver und
Dynamit herausgeknallt werden. Was ich bei der Ein-
fahrt, beim Erblicken der roten Spinne gefühlt habe,
das fühle ich, wenn ich in das Loch unter Woolworth
hinunterschaue, wieder: unbegrenzten Respekt vor der
Arbeit, die hier getan werden muß und wird, um solch
eine turmhohe Absurdität nachher als Resultat zu er-
zielen.
Ich möchte mich gern gegenüber Woolworth ein-
quartieren und ein bißchen zusehen, wie die harten Jungen
mit dem Felsen und dem Eisen und all den schweren Wi-
derständen fertig werden, aber ich habe keine Zeit. Ich
bleibe nur eine Stunde lang auf dem Holzsteig stehen,
48
Broadmay im Geschä/Utiierul
lasse mich von der Menge, die über den Broadway schiebt,
puffen und blau stoßen und sehe und höre zu, wie die
Jungen 130 Fuß tief in die Caissons niederfahren und blut-
rot wieder heraufkommen an die sengende Sonne. Wie die
4 49
Karren donnernd hin und her rollen. Wie die Eisen-
traversen, von den Derricks gefaßt, langsam in die Höhe
pendeln. Wie der Schachtbohrer zischt und wettert und
der ihn bedient, zittert und hin und her geworfen wird
auf dem Eisenrand. Wie die Signalpfeife schrillt und
warnt. Wie Mut und Kraft am Werke sind in der Hitze
dahier, in und über diesem ausgehöhlten Viereck, bei
dessen Anblick ich nicht mehr an Dollar und Millionen
von Dollar denke, sondern an Leben und Tod, die hier
am Werke sind.
Wie ich dann den Broadway lang zu meinem Hotel
zurückgehe, zum erstenmal ein bißchen betäubt von
Newyork und begeistert von Newyork, und den himmel-
hohen Wolkenkratzer erblicke, das sogenannte „Bügeleisen"
an der scharfenEcke der 5. Avenue undMadison-Square —
da konstatiere ich etwas und schreibe es mir ins Gedächtnis
auf. Nicht das ungeheure Bauwerk ist es, das mich mit
Staunen und Ehrerbietung erfüllen kann je und je —
sondern jawohl der kleine brüllende Zeitungsjunge, der
unten auf der Straße vor dem spitz zulaufenden Bug des
„Bügeleisens" steht und dem die bedruckten: „Peipers",
d. h. Papiere, aus der Hand heraus und die Cents in die
Hand hinein fliegen.
NEWYORKER
Nach 7 Tagen in Newyork, bei einer Durchschnitts-
temperatur, die einen Heiligen unwirsch machen
könnte, finde ich nichts, was mich mit Haß oder Ver-
achtung gegen die viel verleumdeten Newyorker erfüllen
könnte. Kauen tun sie wohl, aber, Herrgott, laßt sie
doch kauen! Ihr Klima absorbiert viel Feuchtigkeit,
darum müssen sie viel Wässeriges in sich hineinpumpen,
davon werden ihre Magenwände unwillig, und der Spei-
chel muß nachhelfen. Auch sind ihre Zähne schlecht
und brauchen Betätigung. Sie werden wohl das Kauen
SO
Das BügtUism Times- Building
nötig haben. Solange sie mir ihren ausgclutschten Kaut-
schukbrocken nicht auf die Stuhllehne schmieren, kann's
mir gleichgültig sein.
Und was die Hemdärmel anbetrifft: ich habe selber
am zweiten Tag nach meiner Ankunft mutig den Rock
über den Arm gelegt und hab mich mit meinem reinen
Hemd unter den andern Reinhemdigen ganz wohl gefühlt.
In diesen mit flüchtigem Herumstreifen angefüllten
ersten Tagen war einer meiner besten Eindrücke von
Newyork: man sieht keine Uniformen auf der Straße!
Ich komme aus Berlin und weiß diese Wohltat zu
schätzen. Aus Berlin, wo sogar die Nachtwächter als
nachgemachte Leutnants herumlaufen, und der grim-
mige Funktionär, der mir den Strahl von seinem
Wasserwagen auf die Hose dirigiert hat, mich hoch von
seinem würdigen Bock herunter anschnauzen darf, weil
er eine staatlich sanktionierte Uniform am Leibe trägt.
Die Uniform wie der Lakaienfrack ist doch das Zeichen
dafür, daß einer dient, nicht daß er befiehlt, es mögen
von ihr so viele Orden herunterbaumeln, wie nur irgend
drauf Platz haben. Die Vorstellung, daß einer, der auf
seinen Knöpfen Zahlen oder Reliefs hat, mir, der ich mit
simplen Hornknöpfen herumlaufe. Befehle erteilen darf,
ist eine europäische Vorstellung, das seh ich schon. In
Amerika, an dessen Pforte die Freiheit ihre Fackel hoch-
hält, ist die Uniform aufs Minimum reduziert. Der
Mann, dem ich in der Tram meinen Nickel zu bezahlen
habe, trägt eine Mütze, die mich darauf aufmerksam macht,
daß Er der Mann ist, dem ich meinen Nickel zu bezahlen
habe, sonst aber sein graues oder blaues, fertig gekauftes
Gewand. Ein Preuße, dieser Dinge nicht gewohnt,
mag an der nächsten Haltestelle entrüstet aufspringen
und dagegen Einspruch einlegen: daß soeben vorn ein
ältlicher, hemdärmeliger Herr mit einer Zigarre im Mund
auf den Tramwagen aufgesprungen ist und die Kontakt-
kurbel zu drehen anfängt, ohne die Zigarre aus dem Mund
zu tun. Es ist ein staatlich sanktionierter geprüfter Mann,
obzwar er kein Abzeichen seiner Würde auf sich genäht
hat, beruhige dich, Mitteleuropäer! Er wird ohne Auf-
hebens: „Hallo, my boy" rufen, wenn an der nächsten
Straßenecke Mr. Taft ihm ein Zeichen macht, daß er
52
aufzusteigen gedenke. Er verdient seinen Unterhalt wie
dieser, er ist „in his job^' und Taft ist in seinem, genau
so der eine wie der andere.
Ich sitze in der Halle meines Hotels unten, plötzlich ist
Militärmusik zu hören. Alles stürzt hinaus, das Militär zu
sehen, ich stürze mit. Ein Regiment marschiert vorüber,
in bequemem, zweckgemäßem Khaki, es ist heiß, Röcke
offen, Hosengurt locker, Hemd über dem Hals frei, Ge-
wehr so herüber und so herüber, eine Schar von Gentle-
men, Offiziere und Mannschaften tragen ihr Gewand
im Bewußtsein, daß es das für ihre Zwecke entsprechendste
sei, das es gibt ich habe in meinem ganzen Leben
noch nie Soldaten und Offiziere von so intelligentem Aus-
sehen gesehen, wahrhaftig. Es ist kaum einer unter ihnen,
den man sich nicht in Harvard, Yale oder Cornell vor-
stellen könnte, auf einer Universitätsbank sitzend. Das
Publikum meines Hotels macht liebevolle Augen, die
Gentlemen aber schiert das wenig, sie gehen, rauchen,
kauen, reden mit ihrem Vordermann oder Nebenmann,
putzen sich die Nase, wischen sich die angelaufenen Kneifer
sauber, es gibt keine Wehrpflicht, sie verdienen sich
ihr Brot, „they are in their job". — Hier herüben wird
keiner von den jungen Staatsbürgern, wenn man ihn nach
dem Mittagessen in seinem Elternhause aus Höflichkeit
zwischen die Knie nimmt und fragt, nun Kürtchen, was
willst du einmal werden: neben dem Beruf des Aviatikers
und Chauffeurs auch den des Leutnants angeben, weil
der so schön angekleidet ist; hier herüben gewiß nicht.
Das einzige (unauffällig) kostümierte Wesen, das mir
hier in Newyork bisher begegnet ist, ist der Schutzmann,
der Bobby. In Preußen geht er bekanntlich herum, damit
keiner von den Zivilisten auch nur einen Augenblick
vergessen soll, daß einer hinter ihm her ist. Hier, glaube
ich, nach den unsympathischen Gesichtern dieser ir-
ländischen und schlechtbeleumundeten Individuen zu
schließen, ist ihre Uniform eine Mahnung an den Pas-
santen: Hilf dir selbst!
53
Ich glaube, wenn ich meinem Kombinationsvermögen
das Bummeln freigebe, wie meinen Füßen und Augen in
diesen paar Tagen dahier: ich glaube, diese Abwesenheit
von Uniformen hängt irgendwie unterirdisch mit der
Ursache der Klagen meiner Newyorker Bekannten zu-
sammen, über die Phantasielosigkeit und Nivellierungs-
sucht des Amerikaners. Jede noch so geringe Auffällig-
keit in der Tracht und im Privatleben, in den Äuße-
rungen und in der Betätigung des Einzelnen soll hier
streng geahndet und verurteilt werden, höre ich viele
klagen, und ich fange an, das an Kleinigkeiten vor-
erst ringsum wirklich zu bemerken. Davon später, im
Herbst.
Abends, wenn die hohen Häuser des Geschäftsviertels
das Mammonfutter der kleinen Leute alle aus ihren
Toren speien, und die kleinen Leute laufen eilig nach
den Fähren und heim, nach Brooklyn, Bronx, Hoboken,
da stehe ich an einer Ecke und sehe zu, wie diese ge-
sitteten, bleichen, von harter Arbeit erschöpften Menschen
an mir vorbeilaufen. Nachts streiche ich in den ver-
rufenen Vierteln der Bowery, von Chinatown, tagüber
in allen vier Ecken der Stadt, bei den Juden, den Arme-
niern, Italienern, Franzosen, in den Docks und Massen-
quartierstraßen herum.
Ich erinnere mich an einen kleinen polnischen Schneider-
gesellen, der letzten Sonntag nachmittag neben mir in
der Bibliothek sich Mickiewicz in der Ursprache hat geben
lassen. Ehe er den Lederband in die Hand nahm, hat er
seine schwitzenden und zerstochenen Finger erst ein paar
Minuten lang mit seinem Taschentuch gerieben und ge-
rieben und getrocknet und gesäubert, ich habe ihm zu-
gesehen, es war sein freier Nachmittag. —
In der Bowery torkelt ein betrunkener Kroat bei Nacht
herum, hält einen halben Zehn-Dollar-Schein in der
Hand, schwitzt und flucht. („Porco Dio, ich bin ein
Italiener!" flucht dieser ungarische Kroat — auf deutsch!
54
Brücke nach Brooklyn
Das ist Österreich!) Er ist eben angekommen, eine
Menschenmenge ist im Nu um ihn hemm, ich mitten
drin. Alle Sprachen der Welt sind zu hören — Dollar
ist das einzige Wort, das alle zusammen in der selben
Sprache aussprechen. Alle wollen wissen, was es mit dem
zerrissenen Schein auf sich hat. Der Kroat hat noch drei
ganze in der Hand, fuchtelt mit der Hand, flucht und
heult. Um ihn her der „Abschaum" der fremden Stadt.
Aber alles hilft; alle suchen; wo ist die verlorene
Hälfte vom Zehndollarschein geblieben; alle wollen aus
dem armen Hund herauskriegen, wo er herkommt;
rennen in alle Butiken, alle Spelunken rings, helfen, suchen,
fragen — und fangen erst zu lachen an, wie der Porco-Dio-
Mann. auf der Straße niederkniet und anfängt, mit in-
brünstigen Küssen auf seinen schmutzigen Rosenkranz
seine Madonna um Beistand gegen diese Schweine hier
herum anzuflehen! —
Ich speiseineincm der kleinen „quick-lunch"- Restaurants
in einer Seitengasse des Broadway zu Mittag. An dem
langen Eßtisch ist mir ein Platz frei, neben mir. Ein
Mensch kommt zur Tür herein, ich seh ihn kommen da
sitzt er auch schon neben mir. Er ist abstoßend häßlich,
sieht gemein und gierig aus. Das ist der Mann vom Broad-
way, sag ich mir, einer von der übelsten Straße dieses
Kontinents. Wenn er schon da sitzt neben dir und dir
den Appetit ruiniert, entschädige dich, indem du ihn
5S
von der Seite her beobachtest; schau dir das Exemplar
mal gut an.
Er bestellt sich eine Schale mit Reis, eine kleine Flasche
mit Milch, kriegt sein Brot, manscht all das durchein-
ander und beginnt gierig zu fressen. Er ist arm, das
Gericht da ist das Billigste auf dem Zettel, er schlingt es
hinunter, man hört den ganzen Apparat, ich sitze da
und warte. Bei dem letzten Mundvoll beginnt er das
Geld aus seinen Taschen centweise zusammenzukratzen,
er hat wenig Zeit, Gott sei Dank, ich habe ihn nun
gesehen, er mag abfahren. Er hat das Geld jetzt bei-
sammen — was ist das ? Er schiebt dem Mädchen 5 Cent
hin, dazu ist man ja hier garnicht verpflichtet! Aber,
5 Cent hin, 5 Cent her, er wird jetzt gehen, Gott sei
Dank. Ich habe mir in Scheiben geschnittene Pfirsiche
mit Milch bestellt und warte; bis der neben mir aufsteht,
um mir mein Essen nicht durch seine unrasierte, klebrige
Gegenwart zu verekeln.
• Er steht auf, zieht seine Hose mit einem Ruck in die
Höhe, und ich bohre wie auf Kommando meinen Löffel
in den Pfirsich auf meinem Teller.
Nach fünf Schritten kommt der Mann zurück, schiebt
mir seine noch zur Hälfte volle Flasche Milch hin und
sagt: Diese Milch schmeckt besser zu Pfirsichen, ich ver-
sichere Sie, als die, die Sie bekommen haben. Es ist eine
andere Sorte Milch — „use" ! Dann trollt er sich, ohne
meinen Dank abzuwarten.
Ich esse Pfirsiche nie mit Milch dazu, diesmal aber
schütte ich die halbe Flasche des Mannes vom Broadway
auf meine Pfirsiche und löffle das Ganze langsam hinunter.
Einer von dem Broadway. Ein häßliches, armseliges,
übel lebendes Menschenexemplar. Aber weshalb soll ich
in ihm nicht den typischen Menschen dieser Straße und
dieser Stadt sehn ? Damals, wie er hereinkam, gierig und
gemein aussehend, damals war er der typische Mann vom
Breiten Weg — und jetzt, wo er mir Gutes getan hat,
sollte er es auf einmal nicht mehr sein?
56
Poe hat den „Mann der Straße" in einem unheimlichen
Bummler durch die nächtige Stadt gesehen, und seither
ist das der Mann der Straße.
Jener hier aber kam herein, setzte sich an die Seite
eines Unbekannten, der gegen ihn nur Übelwollen im
Herzen empfunden hat, obzwar er nichts wußte, dieser
in einem teuern Hotel der Stadt Lebende, von ihm,
dem Kämpfenden, Cents aus allen Taschen Zusammen-
kratzenden. Der Arme hat dem Reichen sein Übel-
wollen mit Gutem vergolten. Er hat an seinen
Nebenmenschen gedacht in seiner Armut, der Mann
vom Broadway. Und wenn ich auf Broadway, der
übelsten Straße des Kontinents, an der Ecke dieser
kleinen Nebengasse hier vorüberkommen werde fortan,
dann werde ich einen Geschmack von Milch auf den
Lippen spüren, milde und besser schmeckend als die Milch,
die man sich kaufen kann für Geld.
DIE WOLKENKRATZER VON OBEN UND BEI
NACHT GESEHEN
Singer-Building, Nähmaschinen-Singers Haus, ist 47
Stock hoch, an dem teuersten Fleck der teuren Süd-
spitze von Manhattan gebaut. An einem Tag wie dieser
heute sieht man von oben über 30 Meilen in die Runde.
Die Plattform befindet sich auf der 42. Etage.
Da liegt sie nun, die ganze herrliche Küste, von der an-
deren, der Stadtseite gesehen diesmal. Die innere Bai
mit der Dame Freiheit, die auch von hier oben herr-
lich und majestätisch anzuschauen ist, weil sich ein
Begriff in ihr verbindet mit einem Gefühl, weil sie
ein Kunstwerk ist mit einem Wort. All die kleinen,
kapriziös zugeschnittenen Inseln der inneren Bai; da-
hiiiter die Meerenge; und hinten das Große, Breite,
Weite, Wunderbare, einen Gruß dort hinaus!
Unwillkürlich schaue ich nach der Hobokener Seite
57
hin, es ist Montag, zwischen den Piers des Lloyd muß
noch „Kaiser Wilhelm der Große" liegen. Da erblicke ich
auch seine vier treuen Schlote — gegrüßt ! Morgen fährt
er den Weg zurück. Solch ein Schiff ist fast wie ein
menschliches Wesen, ein Freund — ich weiß, es hat ja
auch seine Schicksale — man ist mit ihm verbunden, auf
geheime Weise, für alle Zeiten. Mit den Leuten, denen
solch ein Schiff nichts weiter bedeutet als ein schwimmen-
des Hotel, ein bequemes Beförderungsmittel, will ich nichts
zu tun haben. Gute Fahrt, Freund, grüß die Tiefe. —
Es ist deutlich zu spüren hier oben, wie der Turm, auf
dem wir stehen, schwingt und schüttert unter uns. Das
Felseneiland wiegt sich leise, die Erde dreht sich,
Manhattan atmet. Wie von einem angestrengten Men-
schen, der unter seiner schweren Arbeit stöhnt, dringt hie
und da der klagende Laut der Fähren herauf. Leise
schwimmen die braunen Inseln rechts und links von Pier
zu Pier, quer durch den Hudson, den East River, durch die
innere Bai. Ein heiseres Husten kommt alle Augenblicke
herauf, das sind die Automobile von dem Broadway her,
hierzulande kläffen sie wie gereizte Köter. Dann ist ein
Surren, ein Geschnurr da, wie von einem geschäftigen
Webstuhl, das sind die Menschen, die dort unten leben.
Jetzt sehe ich mir die Siebe von oben an. Die kleinen
weißen Rauchfähnlein sind putzig an den Dächern be-
festigt und flattern leise hin und her unter mir. Ich sehe
die himmelhohen Häuser in einer komischen Verkürzung,
oben breit, unten schmal, wie umgekehrt in die Erde ge-
steckt, eckige Zuckerhüte. Für diesen Anblick finde
ich keinen andern Ausdruck als komisch. Mitten unter
ihnen steht der schlanke Kirchturm der alten Drei-
faltigkeitskirche. Sie ist klein und liegt mitten unter den
Riesenbauten wie verloren da. Es ist kein Grund vor-
handen, sentimental zu werden bei Betrachtung der
alten Dame. Denn erstens kann sie sich's wahrscheinlich
leisten, da zu stehen, und zweitens weiß ich, mit welchen
Mitteln sie diese Leistung zuwege bringt — im Juden-
58
viertel, dort wo die Elendsten unter den Elenden in
Tenements (Massenquartieren) zusammengepfercht ein
Höllenleben führen, gehören ihr die furchtbarsten Straßen.
Die anständige Presse der Stadt schreit sich seit Jahr und
Tag den Hals wund über diese Schmach, die alte Bigotte
aber stellt sich taub, Hegt da im GeschäftsTiertel und be-
sitzt. Ihr beschädenes Türmchen gehört hierher, mitten
unter die Menschenfresser-Türme,
Nein, nichts zu sagen: von hinten und vom, von oben
und unten besehen, ich kanD mich mit dem W. nicht be-
freunden. Jetzt, von oben, sieht man ganz genau, wie so
ein Ding gebaut ist; der Grundriß liegt genau da, und die
Gründe sind klar. Es sind bebaute Gründe ganz einfach,
und keine Häuser, die auf Gründen stehen. Bizarr und
verwinkelt, hinein und hinaus verwinkelt und zugeschnit-
ten, ohne Rücksicht auf irgendwelche Proportion. Man-
hattan von oben ist noch häßlicher als Manhattan von
unten. Die Wolkenkratzer von oben gesehen noch ab-
surder als von unten betrachtet. Hier sieht man genau:
was dort unten im griechischen Tempelstil gebaut wurde
bis zum zehnten Stock, verwandelt sich von da ab in einen
rechteckigen, unnu änderten, von Quadrat fenstem durch-
brochenen Kasten, der weitere zwanzig Stock hoch auf
59
dflm griechischen Unterbau sitzt. Oben aber ist diesem
hybriden Wesen ein fünfstock hohes Renaissancegesims auf-
gestülpt — als hätte der Architekt, bis er oben angelangt
ist, vergessen, in welchem Stil er unten angefangen hat!
Dazu die Fahrt in den Elevatoren, wie die Lifts hier-
zulandeheißen! Hinauf geht's ja noch — aber hinunter!
Die Zahlen flitzen an den inneren Türen der Stock-
werke in absteigender Richtung vorbei. Ungefähr bei
Nummer 35 schießt einem der Magen mit einem Ruck
inwendig zur Schädeldecke hinauf, hüpft dort ein bißchen,
wie ein Kinderluftballon an dem Plafond, und bleibt dann
stehen. Wie bei Nummer 7 der Elevator anfängt, etwas
langsamer zu fahren, sinkt der Magen infolge des
veränderten Tempos sachte, sachte auf seinen vorge-
schriebenen Platz zurück, man hat selber wahrhaftig ein
Lift im Leib, und wenn auf der Tür innen Nr. i er-
scheint, hüpft einem der Magen auf leiser Gummisohle
drei-, viermal auf den Gedärmen hemm, die das nicht ver-
tragen und sich bäumen, und steht dann still. Es ist un-
60
denkbar, daß diese ewige, unerhörte Auf- und Nieder- Fah-
rerei auf die Dauer die Strulttur des menschlichen Körpers, l
des fahrenden Menschen nicht verändern sollte. Das i
Herz, das Gehirn müssen sich verändern, der liebe Gott hat
diesen Zustand des Hinauf- und Hinafafahrens im Tier-
reich nicht vorgesehen. Es wird zu den anderen Typen des
amerikanischen Menschen ein neuer, der Wolkenkratzer-
typus hinzukommen, das wird der nationale Kretin sein.
Ja, aber bei Nacht! sagen die unentwegten W.-Enthu-
^siasten. Und wirklich bei Nacht hätten die W. etwas
Phantastisches, wenn —
Times-Square, lo Uhr nachts. Irgendwo aus der Höhe
leuchtet ein ungekanntes Gestirn auf mich herab. Sieb-
zehn apart verteilte Blaugas-Sterne leuchten aus einer
viereckigen, nur undeutlich sichtbaren Himmelswolke her-
nieder. Es sind beleuchtete Fenster des Tim es- Building.
Unter den Sternen dort oben arbeiten Menschen die Nacht
hindurch. Hoch oben, gegenüber auf dem riesigen Hotel
6i
schweben Lichtgirlanden, glühen Lichtblumen in den
dunklen Himmel hinein, ein unsichtbarer Scheinwerfer
beleuchtet die flatternde weiße Fahne über der Krone
des schönen Hauses. Ich möchte gerne jetzt bei Nacht
alles vergessen und mich an den neuen Sternen ergötzen,
den Glühbirnen und Azetylen-Sternen, die Newyork dem
Fremden auf seinem Himmel zeigt — aber ich sage es
gleich, ich finde mein Entzücken nicht.
Ringsum glühen neben diesen exquisiten Lichteffekten
dumme fünf Stockwerke hohe Reklamen in der be-
leidigten Nacht. Sie begnügen sich nicht damit, da
zu sein und grell und ordinär zu sein, sie strampeln,
zappeln, rieseln, kreiseln, all das fünf Stockwerke hoch.
Pferde schlagen mit Hufen und schütteln die Mähnen.
Ein Kätzchen wackelt mit dem Schwanz und verwickelt
sich zusehends in einer roten Zwirnspule. Ein fünf Stock
hohes Baby bekleckert sich mit Kakao, und wenn es sich
genügend eingeferkelt hat, verschwindet es von der
Bildfläche, um gleich darauf, meilenweit sichtbar, das-
selbe Manöver zu beginnen. Ich fahre auf den be-
rühmtesten Hotel-Dachgarten Newyorks hinauf, höre die
Musikkapelle Puccini spielen, es ist wirklich ein bißchen
kühl da oben, ich sehe den Wolkenhimmel über mir —
plötzlich ist der Himmel weg, und es beginnt vor meiner
Nase Jeffries mit Johnson zu boxen, um mich von der
Haltbarkeit der Unterwäsche Porosknit zu überzeugen.
Es ist unsagbar. Es ist hoffnungslos. Ich setze mich anders
herum — plötzlich kaut am Firmament vor mir ein Riesen-
maul das neueste Kaugummi. Die Reklame tobt bei Tag
und Nacht. Hinter jenen Sternen sitzt jetzt wahrschein-
lich der Manager von diesem Unfug und kalkuliert und
diktiert in eine Maschine hinein Ziffern, Tobsucht,
Gotteslästerung. Weiß ich's denn noch, ob dieser Stern
dort oben der Sirius ist oder eine Aktiengesellschaft?
Ich will lieber schlafen gehen, d. h. wenn man das Schlaf
heißen kann, was an der Ecke vom Broadway und der
42. Straße Schlaf genannt wird.
62
DEN HUDSON HINAUF
Dienstag, morgens um 9, an einem Juli-Morgen, den
Gott in einer feinen Laune geschaffen hat, fahre
ich fort von New/ork, mit einem paar Tausend anderer
entzückter und geräuschvoller Erdenmenschen den Hudson
hinauf, in dem lustigsten Schiff, auf dem ich je ge-
fahren bin, dem „Hendrik Hudson", einem weiß und
goldenen Palast, der munter seinen Weg vorwärts tutet.
Auf allen Decken ist Leben und gute Laune. Die Leute,
die ihren Tagesausflug machen, haben Proviant mit,
jeder und jede; eine bunte Zeitschrift, eine Schachtel
mit Candy, einen Sack Obst. Unten im Salon spielt eine
italienische Musikkapelle ein national-amerikanisches Tanz-
lied, das von einem polnischen Juden komponiert ist und
das die Amerikaner lebhaft beklatschen und immer wieder
zu hören verlangen. Oben auf* dem Sonnendeck geht
die Luft scharf, wie auf dem Meer.
Ich stehe hinten auf dem obersten Deck und blicke
zurück auf die enorme Stadt, in die ich erst in drei oder
vier Monaten zurückkehren werde. Auf Newyork zurück-
blickend streife ich mit den Blicken noch einmal die Kon-
turen der hohen Häuser hinauf und hinunter und habe
nichts Neues mehr dazu zu sagen. Ich besitze einen
Maßstab, der zeigt mir Menschen und Dingen gegenüber
an, was gut und schlecht, schön und häßlich ist an ihnen.
Aber jetzt, wo es gilt, die hohen Häuser zu messen,
klappe ich meinen Maßstab zusammen und habe keine
Verwendung für ihn.
Auf Newyork zurückblickend sage ich mir: die hohen
Häuser dort hinten sind weiter nichts als der simple,
kalte, steingewordene Übermut der Bourgeoisie unserer
Tage. Eine kalte, hundekalte Arroganz, die nicht im
entferntesten verwandt ist mit dem sympathischen,
glühenden Wagemut der großen Abenteurer oder auch
nur der armen Brotgewinner und Lebensriskierer in
ihren Caissons drunten. Sondern es ist ein gut aus-
63
kalkulierter Übermut, der auf Felsen gebaut, sich in den
Felsen eingekrallt hat und nicht weichen wird, außer es
kommt einmal ein Erdbeben und putzt die ganze Insel
weg aus der Bai.
Der „Hendrik Hudson" gleitet, gleitet, Lärm und Fröh-
lichkeit auf all seinen fünf Rücken tragend, den breiten
Strom hinauf, der ebenso wie er, den Namen eines Kühnen
und Rastlösen der Erde trägt. Die Palissaden erscheinen,
und unter den Palissaden, die große rote Felsenwände
sind, ist Wald, vom Felsen bis an den Rand des
Wassers hinunter. Und am Rand von Wald und Strom,
ganz unten am Wasser stehen Zelte, Leinwandzelte,
eine Unmenge von Zelten. Mit freiem Auge kann man
Menschen sehen, die vor diesen Zelten sitzen, im Sommer-
morgen, nackt in Kanus vom Ufer abstoßen und mit
kurzem Indianerruder, manche im Boot stehend, dahin-
paddeln; andre laufen bi« an die Hüften im Wasser herum,
andre schwimmen ganz und gar.
Manche von diesen Zelten tragen Fahnen, die lustig
im Winde flattern. Auf einer und der andren ist ein
indianischer schön klingender Name zu lesen. Stunden-
weit, viele Meilen den Hudson hinauf, stehen diese
Sommerzelte, „c%mps". Manche in Gruppen, besonders
auf den kleinen WaldUchtungen am Ufer, manche zu
zweit, zu dritt. Oft kann man in diese Zelte hineinsehen.
Man sieht Eisenbetten, Stühle, ein Herdfeuer, ein
Grammophon, einen Koffer, eine Küche mit Gerät.
Einige von diesen Zelten sind hübsch, mit Ornamenten,
meist Indianerornamenten, bemalt, und wenn die gut-
mütigen und fröhlichen Menschen hier auf dem Schiff ein
hübsches Zelt sehen, dann schreien und winken sie bei-
fallsfreudig zu den Zeltbewohnern hinüber, die dann mit
Armschwenken, Handtuch- und Flaggensignalen und
Indianerrufen antworten vom Ufer.
Vor einem der Zelte sitzt ein riesiger Kerl, in zottigen
Hosen, den gebräunten Oberkörper bloß. Der schießt,
wie wir vorüberfahren, aus seinem Revolver ein Freuden-
64
geknatter in die Luft los. Er freut sich, er fühlt sich wohl.
Er wohnt ganz allein in seinem Zelt, wie ich sehe, sein
Zelt steht ganz allein da, links und rechts ist Wald,
Strom, Felsen, weit und breit nichts als Wald, kein
anderes Zelt, nichts. Da sitzt er am Hudson vor seinem
Wigwam, raucht seine kurze Pfeife, fischt und brät sich
seinen Fisch, läßt sich träumen, wenn's ihm so zumute
ist, schießt aus seinem Revolver in die Luft, wenn das
große Schiff vorüberfährt, und freut sich, freut sich, wie
gesagt.
Ich schaue mir ihn an, diesen Einsiedler am Julivor-
mittag. Wer ist dieser kühne Lederstrumpf, dieser ge-
treue Natty Bumpo, dieser scharfe Adlerflügel, dieser ge-
fährliche Mohikaner?
Es ist einer von den zehntausend Angestellten im Singer-
Building, der hier seinen Urlaub verlebt, einer von den
abgerackerten, übermüdeten, zu Tode gehetzten, ver-
hasteten und herumgejagten Bewohnern, der Wolken-
kratzerstadt dort weit hinten, und er fühlt hier für ein
paar Tage, was es heißt, ein Mensch zu sein.
6s
REISE DURCH DEN STAAT NEWYORK
DIE KINDERREPUBLIK IN FREEVILLE
Ich hatte mir vorgenommen: zu schreiben, was ich
von ihr wußte, ehe ich hinkam. Dann: was ich ge-
sehen habe, während ich dort war. Und schließlich,
was ich von alledem halte, jetzt wo ich fort bin. Nun sind
es zehn Tage her, daß ich in Freeville gewesen bin, ich
will alles anders machen, einfach sagen, was ich gesehen
und gehört habe, und mich, soweit es geht, des Urteils
enthalten. Nur soviel will ich gleich herschreiben: die
Reise hat sich gelohnt, denn ich habe einen Menschen ge-
sehen. Es ist der Gründer der Republik Freeville, die nach
ihm „The George Junior-Republic" genannt ist, William
R. George; und wenn es wahr ist, daß die Gerechten rechts
sitzen werden, wenn's einmal so weit ist, so weiß ich gut,
wo ich „Daddy" George zu suchen habe und wiedersehen
werde. —
Ich war gleich vom Hudson weg nach dem kleinen Ort
zwischen Auburn und Ithaka im Staat Newyork ge-
fahren, und wie mich der Omnibus von der Station zum
schönen kleinen „Republic Inn" brachte, sagte ich mir:
Herrgott, dieses Gasthaus dahier ist viel zu vornehm und
luxuriös für den Ort, wo sie es hingebaut haben. Denn
Freeville ist, nennen wir das Kind beim Namen, eine sehr
milde Korrektionsanstalt für mißratene, schlecht beauf-
sichtigte, verbrecherisch veranlagte Kinder und junge
Leute. Neben mir aber, in dem künstlerisch vollendet
eingerichteten Speisesaal des Gasthauses saßen beim Dinner
drei Damen in Abendtoilette. Ich schämte mich ganz
und gar in meinem Reiseanzug.
Aha, sagte ich mir weiter, die ganze Geschichte wird mit
dem Gelde der Reichen im Lande gemacht, und dieses
Gasthaus ist hergebaut worden, damit sie standesgemäß
aufgehoben sind, wenn sie mal daherkommen und sich die
Republik anschauen. Schlimme Aussichten!
Nach dem Abendessen ging ich auf die Landstraße
hinaus, der Republik zu. Schon aus meinem Fenster hatte
69
ich sie gesehen, ein kleines Dörfchen, etwa zwei Meilen
weit vom Gasthaus, kleine bunte Häuser aus Holz, wie
ein russisches oder schwedisches Dörfchen anzusehen
aus der Entfernung. Dorthin ging ich die Landstraße
entlang.
Ein paar Knaben fuhren auf einem Leiterwagen an mir
vorüber, hinaus nach der Republik. Sie waren ärmlich
angezogen, hatten blaue Overalls an (das heißt: Hosen,
Weste und Schulterbänder aus einem Stück) und kamen
mit ihren Spaten von der Feldarbeit. Ein hochgewach-
sener, breitschultriger Mann kam von der Republik her,
dem Wagen entgegen. Er und die Knaben begrüßten sich
mit Händewinken, als sie aneinander vorbeikamen. Ich
hörte, wie die Knaben „Daddy!" riefen, und der Mann
rief etwas, das sich wie „Sonny!" anhörte.
Als er an mir vorüberkam, blieb er stehen und grüßte.
Ein Fremder in diesem kleinen Ort bedeutet einen Be-
sucher der Republik, und ein Fremder am Abend, wenn
keine Züge mehr fortgehen, bedeutet einen, der nicht
bloß aus flüchtiger Neugierde hergekommen ist, sondern
bleiben will, sehen will.
Der Mann war Mr. George selber, der Vater der Re-
publik, ein Mann mit einem offenen, guten und beseelten
Gesicht, mit milden blauen Augen, ein Mann in den
reifen Jahren und doch mit einem sehr jung gebliebenen
Blick. Einer, der Daddy, das heißt Papa, genannt werden
durfte von vielen mehr oder weniger unglücklichen Kin-
dern, für die er mehr getan hat als andere Papas, als ihre
eigenen, nämlich er hatte sie nicht in die Welt gesetzt,
sondern er war dabei, etwas Besseres mit ihnen anzu-
fangen: sie ins Leben hineinzusetzen. Er ging mit mir
den Weg zurück, den er hergekommen war, wir gingen
beide in die Junior-Republik, wir blieben an diesemTage
einige, an den nächsten viele Stunden beisammen ; und als
er mich diesen Abend ins Hotel zurückbegleitete, stellte
er mich den Damen vor, die ich dort gesehen hatte. Ich
hatte mich nicht geirrt, die jüngste von ihnen war eine
70
der reichsten Frauen Amerikas, die Tochter des „Kupfer-
königs" aus dem Westen.
Ich bin drei Tage in Freeville geblieben und habe alles
gehört und gesehen. Es waren im Juli 191 1 ungefähr
hundertundfünf2dg Kinder da, Knaben und Mädchen,
weiße und schwarze, die meisten nicht älter als siebenzehn.
Wenige unter ihnen jünger als fünfzehn Jahre, wenige
älter als achtzehn, die meisten, wie ich konstatierte,
zurückgeblieben in der Entwicklung. Kein Wunder, es
waren ja mißratene, verwahrloste, gedrückte, „kriminelle"
Kinder. So und so viele kamen aus staatlichen Kor-
rektionsanstalten, „reformatories", hatten allerlei Ver-
brechen auf ihrem jungen Gewissen, Diebstähle, aber auch
Ärgeres; es war ein Brandstifter unter ihnen, sogar ein
Mörder. Welche waren von ihren Eltern hergesandt,
weil sie daheim nicht gut getan hatten, zum Teil durch
die Schuld der Eltern selber, es waren Künder aus
Säuferfamilien da, aus geschiedenen Ehen, unbeauf-
sichtigte, sich selber überlassene Kinder. Kinder, die
zum Teil auf Abwege geraten, zum Teil schon ziemlich
tief in den Abgrund hinuntergeglitten waren. Wenige
von ihnen, die in sexuellen Dingen Übles auf dem Kerb-
holz hatten; doch war kein Onanist unter ihnen. Zum
größten Teil: Kinder, deren Lebensdrang keine richtige
Lenkung zuteil geworden war, und etliche, deren Lebens-
drang schon in der dunkeln Tiefe, noch ehe sie das Licht
erblickt hatten, in eine Richtung gelenkt war, die die
Gesellschaft ahndet, bestraft, bis ins vierte Glied.
Ein Amerikaner ist mit einundzwan2dg Jahren reif und
zur politischen Aktion berechtigt. Ein Amerikaner und
ein Europäer und ein Botokude begeht die Dummheiten
seiner Flegeljahre zwischen fünfzehn und achtzehn. Die
Gesellschaft und der Staat, grausam wie sie schon sind,
ahnden mit geringen Milderungen diese Verbrechen mit
der Korrektionsanstalt, die eine Art Gefängnis ist; und
ein junger Mensch geht mit einem Makel ins Leben hinaus
und wird, wie soll's anders zugehen, ein Verbitterter, ein
71
Empörer, ein Rächer. Mir ist's recht, und ich sehe es
gern, wenn sich die Gesellschaft ihre Zerstörer durch
ihr eigenes Gift züchtet, aber wer dürfte nicht weinen
über einen zerbrochenen Menschen?
Nun, ehe er zerbricht, nimmt ihn Daddy George in
seine mitleidigen Hände, und ein Leben ist gerettet.
(Viele von den Leben, die ihm anvertraut sind, gehen
gerade und wieder geweiht in die Welt zurück, nicht
alle!) Ich denke mir auch, daß die Zerstörer der heu-
tigen absurden Ordnung nicht von den Krummge-
schlagenen herkommen sollen, sondern aus dem Lager
der Lachenden, der Ungebrochenen, der Überschwäng-
lichen, der Unzerbrechlichen, ob sie nun als Proletarier,
Bourgeois oder in gekrönten Wiegen geboren worden
sind, und ich lasse George ruhig seine Idee durchführen,
die eine der schönsten ist, für die heut ein Mensch leben
darf.
Die Republik ist aus einer Ferienkolonie entstanden,
die George vor vielen Jahren, auf eigne Faust, aus armen
Kindern Newyorks gebildet und in seine Heimat nach
Freeville mitgenommen hat. Die Kinder trieben aller-
hand Unfug, und George sagte sich, als der Gute und
Weise, der er ist: ich will euch nicht bestrafen für den
Unfug, den ihr treibt — bestriaft euch selber!
Aus dieser Idee ist die Republik entstanden. Die Kinder
geben sich ihre Gesetze selber und gehorchen ihnen oder
fühlen ihre Strenge.
Zwei Sätze habe ich mir gemerkt aus dem, was mir
George gleich zu Anfang sagte : Es ist gar kein so gewaltiger
Unterschied zwischen dem schlechten Menschen und
dem guten Menschen. Und: Es ist gar kein so gewaltiger
Unterschied zwischen uns Erwachsenen und den Kindern.
Wer so spricht, wahrhaftig, der ist ein Vater und ein
Mensch, und er hat seinen Platz zur Rechten erworben
im Reich Gottes.
Zieht man nun eine Diagonale zwischen diesen beiden
Sätzen, so ist es klar, was es mit Georges Idee auf sich hat.
72
Kinder werden in die Lage versetzt, eine Art Regierungs-
spiel zu spielen, das aber verdammt ernst gemeint ist;
sie dürfen sich's selbst einbrocken, was sie nachher hin-
unterzuschlucken haben, aber dies Schlingen wird ihnen
nicht halb so weh tun, als müßten sie daran würgen, was
ihnen die Großen gekocht haben.
Bis zu ihrem einundzwanzigsten Jahr dürfen sie hier,
wenn sie nicht anders können, alle Dummheiten der Welt
machen — und werden dafür doch nicht den Makel des
Sträflings mit ins zweiundzwanzigste hinübernehmen.
Noch etwas kommt dazu: Ein Junge, der „draußen"
einen Streich begangen und in Kollision mit den Gesetzen
geraten ist, vor einem wirklichen Richter gestanden hat
und in eine wirkliche Anstalt gesteckt worden ist: so ein
Junge ist draußen ein Held in seiner Gasse geworden,
eine mythische Persönlichkeit für alle seine gleich- oder
geringeralt rigen Genossen und Nick Carter- Schwärmer.
Hier in Freeville aber, wo ihn seine Altersgenossen am
Kragen haben, wenn er was angestiftet hat, ist er nichts
wie ein kläglicher Geselle, der keine Gewalt über sich
hat, das Gesetz, das er selber gemacht hat, nicht ein-
halten kann; ein verächtlicher Patron mit einem Wort.
Das ist, scheint mir, eine vorzügliche Idee.
Das andere Leitmotiv aber ist die Devise der Republik :
„Nichts ohne Arbeit." George (er heißt nur zufällig so
wie der Verfasser von „Fortschritt und Armut", weder
er noch sein Werk hat mit Henry George etwas zu tun),
George führte mich in den Werkstätten herum, in denen
gearbeitet wird. Die Knaben und Mädchen arbeiten.
Es sind Buchdrucker, Bäcker, Feldarbeiter, Bauleute,
Hühnerhof- und Kuhstallfarmer, Rüben- und Kartoffel-
züchter, Näherinnen und Wäscherinnen da, kurz, alle
Gewerbe. Sie werden gut bezahlt. Wenn einer fleißig
ist, kann er sich zwei Dollar und mehr in einem Tage er-
arbeiten — im Geld der Republik, einer Aluminiummünze,
auf der um die Wertziffer herum die Worte: „Nothing
without Labour" stehen.
73
Sie müssen schon! Denn in der Republik ist nichts um-
sonst zu haben — außer dem Schulunterricht, der, so
wie in den Staaten ringsum, frei ist und obligatorisch.
(Er ist vorzüglich in Freeville, die tüchtigsten und ge-
bildetsten Lehrkräfte sind hier am Werk.) Jawohl, Woh-
nung, Kost, Kleidung, Wäsche, alles kostet Geld — Geld
der Republik; und arbeitet einer nicht, so verliert er
seine Schlafstelle und seinen Platz bei Tisch in seinem
Boardinghouse, wird ein Obdachloser und — marschiert
ins Gefängnis.
Wo es Gesetze gibt, dort gibt's auch Gefängnisse,
das ist klar; und die Gefängnisse (der Knaben) sind gar
nicht schön in Freeville. Da alles nach dem Muster des
„Draußen" zugeschnitten ist, dieses „Draußen", für das
die Kinder tüchtig gemacht werden sollen, das sie selber
hier nachmachen und in das sie mit einundzwanzig
Jahren im Ernst eintreten werden, so sind die Gefängnisse,
nach dem Muster von Sing Sing, eiserne Käfige mit
einem allerdings nicht allzu harten Bett drin. Das Bett
ist gut, denn wer am Tage hart arbeitet, soll bei Nacht
ruhig schlafen können. Und die Gefangenen, die Vaga-
bunden, die Faulen, arbeiten tagsüber härter, als täten
sies für ihre eigene Rechnung und in Freiheit, die härte-
sten Arbeiten, die es in der Republik zu besorgen gibt —
um einen geringeren Lohn, als wenn sies für sich täten.
Denn sie müssen ihr Bett im Käfig und ihre Gefangenen-
kost bezahlen.
Mittags führt mich George in das „Hotel", das wohl-
feilste der Republik, wo die Gefangenen verköstigt wer-
den. Da sitzen sie an einem langen Tisch und essen,
kräftig und frugal. Ein junges Mädchen sitzt am Tisch-
ende und liest den Essenden etwas vor (nichts Religiöses).
Sie nickt mir zu, wie ich hereinkomme — es ist Kupfer-
königs Töchterlein, und heute wird sie beim Lunch im
„Inn" fehlen, denn sie hat einen Teller mit derselben Kost
vor sich stehen, wie die Jungen.
Sie ist ganz allein da, ihre Freundin und die andere
74
Dame ihrer Gesellschaft, eine feine und liebenswürdige
alte Dame, sind zu Haus oder fahren in ihrem Automobil
im Land spazieren. Das gefällt mir, es ist amerikanisch und
läßt auf Unabhängigkeit und Stärke schließen; aber es
mißfällt mir auch, denn es sieht nach Snobismus und
andererseits nach Gewährenlassen der reichen Leute
aus; — aber ich warte am besten noch mit dem Urteilen,
bin ja doch auch noch zu kurze Zeit hier herüben.
Ich schaue mir die Jungen an: was für geweckte, gute
Köpfe und doch — der dort ist der Brandstifter; einer
hat eine kurze Kette an den Füßen, das ist ein unver-
besserlicher Ausreißer, ein kleiner Italiener. Warum
kommt es mir hier auf einmal nicht unmenschlich und
barbarisch vor, daß ein Kind Ketten an den Füßen hat?
Reißt er wieder aus, so muß er sich durchstehlen,
denn er hat ja im besten Fall nur das Aluminiumgeld der
Republik in der Tasche! An einem Tisch abseits sitzt
eine kleine Negerbestie, — also sogar hier ist's nichts mit
der Freundschaft zwischen Weißen und Schwarzen!
Wer hat sie ins Kittchen gebracht, diese Jungen? Sie
selber, ihresgleichen. Ich frage George: „Kommt's nicht
vor, daß Sie oder andre „Große'' in strittigen Fällen und
Fragen als Schiedsrichter angerufen werden?"
Darauf gibt er mir eine wunderschöne Antwort. Er
sagt: „O ja. Aber wir Großen enthalten uns jeder Ein-
mengung in ihre Angelegenheiten. Ein Wort, ein Wink
oder gar ein Befehl von einem von uns Großen, und die
Republik ist beschädigt in ihrem Fundament. Wohl wissen
wir's, daß durch die Einmengung von erfahrenen, er-
wachsenen, weltkundigen Männern Irrtümer vermieden,
der Gang der Angelegenheiten beschleunigt werden
könnte. Aber lassen Sie sie nur gewähren — geben
Sie den Jungen nur Zeit: auf einem Umweg, der gar
nicht^so weit zu sein braucht, werden sie mit dem jedem
Menschen angeborenen Gefühl fürs Rechte ganz von
selber ihren Irrtum wieder gutmachen, langsam ebnen
und von selber dorthin gelangen, wohin wir sie gleich
75
und ohne Umwege hingelenkt hätten. Es ist kein so großer
Unterschied zwischen einem Kind und einem Großen,
wirklich nicht." —
Es gibt zurzeit sieben Junior-Republiken in den Staaten
nach Muster von Freeville. Die Philippinen wollen eine
haben. England hat George aufgefordert, er solle drüben
eine gründen. Es ist mir gleich, daß reiche Leute (Rocke-
feller und andere) ihr Geld für diese Sache hergeben, und
daß das, was George „das Rechte" nennt, mit dem,
was Staat und Gesellschaft so nennen, ziemlich überein-
stimmt (die Kirche hat mit Freeville nichts zu schaffen!) :
ich weiß, ein Mensch hat hier eine Idee durchgeführt,
und eine schöne dazu.
Falsches, Schlechtes, Verkehrtes ist'ja leider genug um
den hellen Kern herum, und man sagt mir, daß Freeville
heute, die Republik besteht seit sechzehn Jahren, noch in
einer Krise mitten inne steht. Aber ich will mich hüten,
das Große zu verkennen, das hier getan ist, und die
Resultate an lebenden Exempeln nicht sehen zu wollen,
die hier erzielt werden, jahraus jahrein. Warum soll das
Werk eines Menschen, und wenn's ein Edler und Reiner
ist, wie William R. George, nicht seine menschlichen
Schlacken tragen?
Man flüstert mir überhaupt mancherlei ins Ohr: Die
Sache soll ihm, nämlich dem, der von den Kindern
„Daddy" genannt wird und der die Kinder mit „Sonny"
anruft, über den Kopf gewachsen sein — so ziemlich!
Er sei nicht der Mann, flüstert man mir zu, solch eine große
Sache durchzuführen; man hat ihm allerhand praktische
Leute rechts und links zur Seite hingestellt. So, — denke
ich mir — aber ein großes Gefühl in seinem Herzen zu
nähren und es durch die Pforte der Idee in die Wirklich-
keit eintreten zu sehen — : dazu war er doch der rechte
Mann, nicht wahr? Um seines Versagens, seiner Schwäche
willen gegenüber dem unerbittlichen, anspruchsvollen
Alltag liebe ich ihn um so ehrlicher, ihn, den die Kinder
den „Daddy!" anrufen.
76
FreevilU: Der Präsident und sein Stab (Aus einem früheren Jahre)
Ich will nun etwas aufschreiben, was mich verstimmt
hat und was mir meinen Glauben an die Idee der
Repubhk trübt, ich muß es sagen.
Am Freitag ist Gerichtstag in der jn nior- Republik ;
und da es das Prinzip Georges und des Gerichtes der
Staaten ist, daß da jeder kommen und der Verhandlung
beiwohnen darf, so ist Freeville an solchen Tagen von
Leuten aus der Umgebung beQagert. Aus Auburn,
Ithaka, Syracuse, Sayre kommen Leute her, um den
Kindergerichtshof tagen zu sehen. Leute, denen es
offenbar darum zu tun ist, einen amüsanten Abend zu
erleben. Obzwar sie sich ruhig und ernst benehmen, kann
man ihnen das Vergnügen, das sie gesucht und gefunden
haben, recht vom Gesicht ablesen. Und doch ist das
Kindergericht kein Spaß, und was ich da bemerkt habe, hat
mich tief, tiefer vielleicht als nötig, verstimmt.
Der Richter ist ein junger Mann von zwanzig Jahren,
der Staatsanwalt ist etwas jünger, beide sind „keine
Heiligen", sonst wären sie ja nicht hier. Allerdings sind
sie aus dem besten Material, das die Republik hat (besser
als der Präsident und andere hohe Funktionäre, darüber
schreibe ich sogleich!).
77
Der Gerichtshof tritt ein, wir stehen alle auf, der Saal
ist vollgepfropft mit Bürgern der Republik und Zu-
schauern. Der Richter hat das Gesetzbuch der Republik
vor sich; die Jury wird aufgerufen, dann ruft der Clerk
die Angeklagten auf, der Staatsanwalt tritt an den Rich-
tertisch heran.
Der Clerk verliest die Anklage, der Richter fragt den
Angeklagten, ob er sich schuldig bekenne oder nicht?
Der Angeklagte hat Himbeeren gestohlen (aus Daddys
Garten noch dazu!). Es ist ein hübscher blonder Lausbub
mit einem unverschämten Gesicht. Er antwortet: „not
guilty".
Der Clerk verliest jetzt die Eidesformel: „Staatsanwalt
X., versprechen Sie, die Wahrheit zu sagen, die volle
Wahrheit und nichts als die Wahrheit, so wahr Ihnen
Gott helfe?"
Der Anwalt hebt die Hand zum Schwur auf. Es
kommen Zeugen, Knaben, der hat dies gesehen, jener das
gehört, einem hat der Angeklagte dies gesagt, dem andern
das. Der Angeklagte ist schlau und gerissen. Er kennt die
Schliche, ist kein Grünhorn mehr, weder hier, noch wohl
auch draußen im Ernst, er schwindelt sich heraus, ob-
zwar es so gut wie ausgemacht ist, daß er die Beeren ge-
stohlen hat.
Andre Angeklagte treten vor. Einen haben sie zweimal
hintereinander beim Rauchen ertappt. Es ist die dritte
und vierte Anklage gegen ihn, seit er Bürger der Republik
ist. Das erstemal wurde er zu einem, das zweitemal zu
zwei Dollar Strafe verurteilt. Heute erhält er für Nummer
drei und Nummer vier im ganzen sieben Dollar Strafe
zudiktiert. Er mag der Sohn reicher Eltern sein (es gibt
Millionärssöhne unter den Bürgern Freevilles), es nützt
ihm nichts, er muß im Aluminiumgeld der Republik
zahlen und die kriegt man nur für getane Arbeit. Für
zwei Züge an je einer verbotenen Zigarette wird er sieben
Dollar Arbeit liefern müssen, außerdem muß er sich noch
verköstigen, Wohnung, Wäsche bezahlen! Ist er ein
78
Der Gerkhuboj
schlechter Ker! und träge, so wird er einem Kameraden,
während der schläft, die Taschen durchsuchen, er wird
vielleicht in den Käfig marschieren, vielleicht ausreißen
und im nächsten Ort im Warenhaus stehlen — sieben
Dollar für Rauchen ist viel.
Ein hübsches Negermädchen wird verhört. Sie ist
zum drittenmal durchgebrannt — Gefängnis. (Das Ge-
fängnis der Mädchen ist die reine Puppenstube im Ver-
gleich zu dem der Buben.)
Ein winziger Junge, kaum 15 Jahre alt, hat geraucht,
dann, wie er erwischt wurde, geflucht, dann ein unan-
ständiges Wort gegen den geschleudert, der ihn abgefaßt
hat. Drei Verbrechen: Rauchen, Fluchen, unflätige
Redensart. (Alle diese Delikte sind im chiclcenj'ard ver-
übt worden, der Kleine ist den Hühnern zugeteilt.) Es
ist die vierte, fünfte und sechste Strafe des Kleinen.
Vier und fünf und sechs Dollar; ein bißchen viel.
Der Kleine schaut den Richter mit offenem Mund an.
Meine Nachbarin, eine Dame aus der Umgebung, lacht
in sich hinein, daß es sie schüttelt. Sie vergißt: ein
Kind, 15 Dollar Arbeit und dazu noch Kost, Quartier,
Wäsche, Es ist ein armes Kind, es ist in derben Schuhen
79
und Overalls vor dem Richter erschienen, es geht diesem
Kind nicht gut, er steht mit offenem Mund da, der
kleine Junge, und hat nicht gehört, daß schon der nächste
Angeklagte aufgerufen ist. Hat er das Geld nicht bei-
sammen, der kleine Junge, so wird er es im Gefängnis
langsam abarbeiten müssen. Vielleicht hilft das, und er
wird nicht mehr rauchen, fluchen, Schweinereien reden,
vielleicht!
(Die Sage geht, die Bürger wollten Daddy George
selber einmal in den Käfig sperren, weil er in ihrer An-
wesenheit: „Gee!'^ gcszgt hat. Gee bedeutet Jesus! und
ist ein „Fluch^^ so etwas wie Jemine! Ein Dollar zum
erstenmal.)
Wie kommen diese Anklagen zustande? Ich erkundige
mich bei allen, die ich treffe, George, den Bürgern, dem
Richter, der liebenswürdigen alten Dame, bei der Kupfer-
prinzessin, bei dem jungen feinen Graduierten der Uni-
versität Cornell aus Ithaka, den ich hier kennen lernte —
wie kommen diese Anklagen zustande? Herrscht unter den
Kindern ein System der Angeberei, des Denunzianten-
tums ? Alle sagen mir : nein. Die Kinder fühlen sich glück-
lich hier, frei und stark in der Gleichheit vor dem Ge-
setze; Desertion kommt nur selten vor, öfter kommen
schon entlassene Jungen in die Republik zurück, weil sie's
da besser haben als draußen. Sie halten gute Freund-
schaft miteinander, es herrscht nur Achtung über alles
andere, absoluter Respekt vor dem Gesetz! Das will
mir nicht in den Kopf hinein.
Einen Staatsstreich habe ich auch erlebt in Freeville.
Wir kommen grad aus Georges Haus am Rand der
Republik heraus, George hat mir sein schönes Haus ge-
zeigt und die schöne Bibliothek in seiner Vorhalle — ein
reiches Elternpaar hat sie. zum Andenken an sein ver-
storbenes Kind gestiftet; ein paar Bürger der Republik
sitzen gerade über einem der juristischen Bücher in der
Bibliothek — , wir kommen also heraus und gehen nach der
80
Republik zurück — es ist drei Uhr Nachmittag, da kom-
men vom Schulhaus her zwei lachende junge Leute, es
sind Lehrer, auf uns zu. George schmunzelt, er ahnt schon
etwas. Aber da er ja keinen Finger rührt in den internen
Angelegenheiten der Regierung, läßt er sich alles haarklein
erzählen, schweigt und schmunzelt.
Jetzt im Sommer gibt's rings im Staat Newyork Zu-
sammenkünfte, Kongresse und Beratungen von Schülern
an vielen Orten, und Bürger der Republik haben in großer
Zahl Urlaub erhalten, um zu diesen Kongressen reisen
zu können. Die besten Bürger natürlich, solche, denen
man ihr redlich erworbenes Aluminiumgeld schon für ein
paar Tage in Staatswährung umtauschen durfte.
Es ist bis auf den Richter, den Staatsanwalt und ein,
zwei Dutzend rühmlicher Ausnahmen recht schlechtes
Bürgermaterial in der Republik geblieben. Sehr schlechtes
sogar, höre ich jetzt.
Diese Schlechten haben, nach bewährtem Muster, die
Herrschaft an sich gerissen, den Präsidenten, seinen
Stellvertreter, die Polizisten und ähnliche Funktionäre
aus ihrer verrotteten Mitte gewählt, und diese Rotte
Korah hat unter den Augen Daddys und der „guten"
Jungen eine wahre und rechte Tammany-Hall- Wirtschaft
geführt. Mit Bestechungsversuchen einerseits und Er-
pressungen andrerseits, mit falschen Anzeigen, Ver-
leumdungen, kleinen Diebstählen und Unterschlagungen,
allerhand im Dunkeln verübten, rasch ausgeführten poli-
tischen Winkelzügen, wie sie „draußen" wohl in Blüte
stehen unter den schlechten Jüngern der Politik, in
Amerika nicht nur; rasch, wie gesagt, denn die guten
Jungen sollten ja bald zurückkommen.
Und vor einigen Tagen sind nun auch ein paar gute
Jungen zurückgekommen. Unter ihnen etliche beurlaubte
Funktionäre der Republik. Sofort nach ihrer Rückkehr
sahen sie, daß Bübereien verübt worden waren. Sie
sammelten Material, kriegten es zusammen, brachten den
Polizeipräsidenten auf ihre Seite und heute, vor einer
6 8i
Stunde, während George mir sein Haus zeigte, ist der Prä-
sident, der Vizepräsident und ein Schock andrer Missetäter
einfach verhaftet worden, jetzt sitzen sie alle im Gefängnis.
Wir gehen an dem Gefängnis vorüber — überfüllt. Wir
gehen an dem Haus mit dem Turm vorüber, in dem die
Regierung ihren Sitz hat, zwei Schriftstücke kleben auf der
schwarzen Tafel : der Präsident erklärt, er sehe sich veranlaßt,
sein Amt jniederzulegen und der Vizepräsident desgleichen.
Daddy George steht da und reibt sich die Hände. Die
guten Buben stehen da und lachen. Was kann ich tun,
ich lache mit. —
Und am letzten Abend, es ist schon spät, sitzen wir auf
der Freitreppe des schönen kleinen „Republic
Inn", die feine alte Dame, Kupferkönigs Töchterchen
und ihre Freundin, ein junger, hübscher, krausköpfiger
Bürger der Republik und ich. Auf der Veranda hinter
uns spielt der junge Cornell-Mann, der junge Graduierte
vom Sibley-College aus Ithaka, eine Sonate auf seinem
Cello. Er spielt gut, besser als ein Dilettant; die Nacht
ist wundervoll klar, aus der Ferne, aus der Republik
leuchten einige Fenster herüber.
Der junge Cornell-Mann spielt. Gewiß sind die Töne
des Cellos weit herum im dunkeln Land zu hören. Gewiß
hört sie der Präsident und der Vizepräsident, jeder in
seinem Käfig. Die guten und die bösen Buben setzen
sich aufrecht in ihren Betten und spitzen die Ohren.
Und hoffentlich lullen die Töne den Daddy in seinem
schönen Haus in eine gute Nacht und guten Schlaf nach
den Mühen und den Verworrenheiten des Tages hinüber.
DIE DONNERNDEN GEWÄSSER AM SONNTAG
Hundertsiebzig Sonderzüge aus allen Himmelsgegen-
den der Vereinigten Staaten und der englischen
Dominion Kanada haben ihren Inhalt über die beiden
82
Ufer der Fälle ausgeschüttet, heute früh spazieren Toff
und Honey, 'Arry und Sue, selig sich umschlungen hal-
tend, die donnernden Gewässer entlang, an den beiden
Ufer des Niagarastroms.
Es sind auch Gruppen, große Gruppen von Menschen
Amerikas da, sie haben weite Strecken zurückgelegt, um
diesen Sommer das Wunder des Erdteils mit eigenen Augen
zu sehen. — Da sind sie nun, für diesen einen kostbaren
Sonntag an der Grenze von den Staaten und Kanada, wo
die Wasser donnern. An der Art, wie sie das für mich
Europäer so plausible Wort aussprechen, erkennen sie
gegenseitig, wo sie her sind. Ich will die vielfältige Aus-
sprache des Wortes, die da in mein Ohr hineingesummt
ist, übereinanderphotographieren : es kommt so etwas wie
Neiägroh heraus. So heißen die Gewässer auf ameri-
kanisch.
Die Leute aus Waterloo im Staat Jowa sind fröhliche
Leute, sie haben große weiße Schleifen auf der Brust, mit
winzigen goldenen Glöckchen, an denen erkennen sie sich
schon von weitem. Ich höre und sehe die Männer und
Frauen aus dem nördlichen Staat Montana, diese haben
große Porzellanbroschen auf ihren Kleidern mit der rot
aufgedruckten Landkarte ihres Staats und der Auf-
schrift: „500000 Circulation" drum herum, — ich weiß
nicht, bezieht sich das auf Waggone, Menschen oder Vieh ?
Und die Leute von Auburn ziehen vorüber, sie haben
kleine Wimpel an den Hnken Arm gebunden. Und Leute
aus Sacramento in Kalifornien. Diese machen mit In-
dianerklappern einen lustigen Lärm.
Ich fühle mich wohl unter all diesen Menschen. Ich
erlebe meine großen AugenbHcke zugleich mit ihnen,
an den Ufern und unter diesen unerhörten Fällen — ich
stecke diesmal lieber alle meine Epitheta ein und sage:
diesen Fällen des Niagara.
Die „Nebeljungfrau" ist ein kleines Schiff; man zieht
Gummimäntel und Kapuzen an, ehe man an Bord geht,
dann fährt das Schifflein an dem Gebrause der amerika-
6* 83
nischcn Fälle vorüber mitten in das offene Hufeisen der
kanadischen Fälle hinein. Diese stürzenden Wolken-
kratzer der kanadischen Seite sind, vom Ufer gesehen,
das Grasgrünste, was ich in meinem Leben geschaut
habe; im Äugenblick aber, in dem die kleine tapfere
Nebelmaid in das Schaummeer hineinsteuert, in das
dampfende, brausende, orgelnde Nebelmeer, da sieht es
aus, als steige das Wasser in ungeheuren kugelrunden
Wolkenschwaden, weiß wie Alabaster, von unten den
Abhang hinauf.
Es kommt der Augenblick, in dem sich 'Arry und Sue
durch das Loch in ihrer Kapuze überwältigt und atemlos
ansehen, Augen, Nase und Mund voll von dem Wasser,
das über das Schifflein und uns Kautschukmenschen hin-
wegbläst, wie eine weiße donnernde Nacht. Ganz lang-
sam kreuzt die kleine „Nebelmaid" zwischen den beiden
Fällen hin und her. Man könnte sich vorstellen, auf
Frithjof Nansens „Fram" zu sein und durch das weiße
Polarmeer zu treiben, wäre nicht hier und dort ein rie-
siger brauner Stein in dem Wasser zu sehen, ein schläf-
riger, sagenhafter, stumpfer und hartnäckiger Riese, an
dem sich die Gewässer seit Millionen Jahren donnerig ge-
schlagen haben. Noch eine kurze Jahrmillion und einer
und der andere fällt auseinander, verschwindet von der
Bildfläche; dann hat das Wasser recht behalten, und ein
anderes Bild kommt dem Zuschauer auf seine Retina.
Und das sollte alles sein?
Auf die Höhle der Winde geht man in einem kleinen
runden Regenbogen zu, dessen Mittelpunkt man selbst
ist — das ist das Amüsante. Amüsant ist auch der Weg
aus der Ankleidehalle durch das sonntägig geputzte und
belustigte Publikum hindurch, man legt ihn in einer grauen
Sträflingstracht und einer Teerjacke darüber zurück.
Toff und Honey; 'Arry und Sue lächeln mir selig zu.
(Honey und Sue haben rote Strümpfe und Mützchen
mit auf die Reise bekommen.) So steigen wir alle den
Tutm hinunter, der bis zu dem Pfad nach dem Abgrund
84
unter dem Brautschleierfall hinunterreicht. Dort unten,
während wir uns gut und treu bei den Händen fest-
halten (nicht so sehr der Gefahr wegen, sondern der
Führer ladet seine Verantwortung auf die einzelnen seiner
Herde ab), dort unten hat man dann wieder seinen Augen-
blick. Das schreckliche Wasser, das hinter uns hinunter-
donnert von oben, führt keinen Orgelton mehr mit sich,
auch das Donnern der größten Maschinen der Welt ist
dagegen nur wie das Atemholen eines schlafenden Kindes.
Ich probiere so laut zu brüllen, wie ich nur kann, um zu
sehen, ob ich inwendig in mir etwas davon höre, aber nur
die Hände meiner Nachbarin zucken ein wenig, und die
sind auch von dem Laut der Ewigkeit oder der kreisenden
Sterne geschüttelt. Unser Leben sitzt uns wie ein Knebel
hinten im Genick. Auf dem Rückweg dreht sich mein
Nachbar von rechts nach mir um und fragt: „Das ist
eine gute Prüfung für die Nerven, was?" Und ich denke
mir: würde ich heute noch mit Herrn X. aus dem Tier-
gartenviertel zu Mittag essen und sein Geschwätz eine halbe
Stunde lang über mich ergehen lassen, ohne die primitivsten
Formen der Höflichkeit zu verletzen, wahrscheinlich hätten
meine Nerven dann das Abiturium glücklich bestanden.
Die Sonne sinkt über all diese großen Augenblicke
nieder und verschwindet hinter den Bergen. Die Glüh-
birnen an den Ufern und in den Häusern glühen auf,
so intensiv wie ich noch nie Glühbirnen habe glühen
sehen. Sie haben rote Backen sozusagen, wie Land-
kinder, die von den Früchten auf ihres Vaters Felde
leben; sie werden gut und reichlich gespeist dahier. Es
ist wunderschön, wie es Nacht wird. Bänke stehen überall
zwischen Büschen und unter Bäumen am Ufer versteckt,
dort wo das Glühlicht sie nicht sieht, nur ein kleiner in
die Höhe schäumender Wassertropf en sie zuweilen benetzt.
Auf den Aussichtsterrassen stehn die Leute von Jowa,
Missouri, Montana; auf den dunklen Bänken an den
Gewässern aber sitzen Toff und Honey, 'Arry und Sue
und verstehen ihr eigenes Wort nicht.
8s
AM MONTAG
Am Montag höre ich den Donner der Gewässer wie-
der. Diesmal aber ist er eingefangen in dem Powcr-
house, der Kraftstation auf der amerikanischen Seite.
Bis der Führer kommt, läßt man uns allein auf der Platt-
form der riesigen Halle stehen. Und da steh ich nun.
Das da vor mir sieht aus wie ein zusammengerücktes
und in Einen Raum gebrachtes Schiff; Maschinenräume,
Kommandobrücke, alles in einem riesigen Kasten von
schwerem grauen Stein und Glas. Hier innen aber ist
alles schwarz und weiß. Die elf Generatoren stehen in
einer Reihe und kreisen mit wahnwitziger Geschwindig-
keit um ihre Achse herum. Es sind schwarze untersetzte
runde Türme aus Stahl, wie Spirituskocher anzusehn, in
jeden gingen fünfzig aufrechtstehende Männer hinein,
aber er hat nur seine 5500 Pferdekräfte im Leibe. Wahn-
witzig kreisen und kreisen die Spirituskocher; man sieht
parallele Streifen fliegen, Lichtstreifen wie bei einem
Ventilator, Die Turbinen tief unten treiben sie im Kreise
herum, die Turbinen, die unten in der Tiefe in das Wasser
tauchen, von der lebendigen Kraft des schießenden
Wassers herumgejagt werden. Wir steigen jetzt hinunter
zur Quelle der Kraft, hundertvierzig Fuß tief unter den
Wasserspiegel und hören mit eigenen Ohren das Schüttern
des gereizten Stromes gegen Felsen und Stahl.
Eine Turbine ist in Reparatur und mitten in dem
Abgrund, mitten in dem hohlen Kamin, den hinauf-
zuschauen schon schauerlich ist, in schwindelnder Höhe
über unsern Köpfen steht ein schmales Holzgerüst ge-
baut, auf diesem steht eine Leiter und auf dieser steht
ein Mann.
Unter ihm sind siebzig Fuß Finsternis, und unter
diesen siebzig Fuß brüllt und tobt das Wasser dahin, das
noch fünfzig Fuß tief ist an dieser Stelle.
Während meine Gruppe mit dem laut schreienden
Führer von Turbine zu Turbine weitergeht, bleibe ich
85
auf dem Flecke stehen, auf dem schmalen Steinsteg zur
Seite des Abgrundes und schaue zu dem Mann dort
oben empor.
Eine kleine Glühlampe erhellt ungenügend das Holz-
gerüst, die Holzleiter, die Gestalt des Mannes selbst.
Nach einer Weile haben meine Augen sich an das Dunkel
gewöhnt, und ich sehe jetzt deutlicher den dort oben.
Er steht in einer Haltung da, die schwer zu beschreiben
ist. Seine Füße sind eng geschlossen auf der Sprosse der
Leiter. Er hat seine Arme wagerecht ausgestreckt, nach
rechts und links, seine Hände greifen in Stahl und Stein
auf beiden Seiten. Seinen Kopf hat er zurückgeworfen,
• er schaut hinauf, sucht etwas in der Höhe. So steht er da
auf seiner Holzleiter über dem Abgrund. Jetzt kann ich
auch unterscheiden: er hat ein blaues Hemd an und
Corduroyhosen. Dort oben steht er über dem Abgrund
und arbeitet für die Kraft. Er steht ganz allein dort
oben und arbeitet für die Kraft, die die Maschinen der
Fabriken im Lande treiben soll. Der Führer ruft, ich
darf nicht länger zurückbleiben. Noch einmal schaue ich
dort hinauf und präge mir das Bild des Einsamen, des
Arbeiters ein, des Mannes, der zwischen den Abgründen
steht und dessen Leben, gering erhellt, auf einer dünnen
Leiter schwankt für die Kraft, die die Werke im Lande
treibt. Ich gehe vorwärts und frage mich, ob das nicht
eben das Bild des Gekreuzigten war, das ich dort oben
gesehen hab im Kamin? —
Im Tageslicht, in der schwarz und weißen Halle steht
ein junger Bursche, er kann nicht viel älter sein als drei,
vierundzwanzig, er steht auf der Kommandobrücke
längs der Generatoren bei den Stahlhebeln der Konduk-
toren wie ein Weichenwärter auf der Strecke. Es ist ein
junger blonder Bursche, er hat scharf aufzupassen, und
sein schwitzendes, intelligentes Gesicht ist geladen mit
Aufmerksamkeit wie eine Dynamomaschine. Aus einem
kleinen Glaskasten zur Seite der Konduktoren, über denen
opalne Lichter brennen, rollt ein dünner Streifen Papier
87
heraus — eine rote Zickzacklinie läuft über den Streifen — :
das ist der Bericht über die Stromentfaltung und den
Stromverbrauch, die. anschauliche Linie, die das Auf und
Nieder der Kraft anzeigen soll.
Ich sehe den tätigen Burschen an und dann den Glas-
kasten, aus dem der Papierstreif sich herausschlängelt.
Ich komme mir mit meinem kläglichen Notizbuch vor,
als säße ich selber in dem Glaskasten drin, während der
Kontinent da neben mir rüstig und aufmerksam seine harte
Arbeit verrichtet, und zeichnete an einer roten Zick-
zacklinie, die noch dazu gar nicht präzis ist ; nur der Glas-
kasten stimmt einstweilen. Ich mache mir lieber keine
Gedanken über diesen Gegenstand.
EIN GUT ANGEWANDTER NACHMITTAG
Daß die Dinge aus der Nähe gesehen anders aus-
schauen als von Weitem — um das zu erfahren hätte
ich nicht von Buffalo nach East Aurora fahren müs-
sen. Ich bin nur für ein paar Stunden hinübergefahren,
und als ich in der Kolonie der Roycrofters ankam, da sagte
man mir, Herr Elbert Hubbard, den ich gerne gesehen
hätte, sei grad heute nicht daheim in East Aurora.
Schade — sagte ich mir; Glück! — sagte ich eine Stunde
später.
Elbert Hubbard ist der Gründer der „Roycrofters",
man kann seinen Namen auf den kleinen hübschen Wild-
lederbüchlein lesen, die um die Weihnachtszeit in großen
Mengen aus Amerika in die guten Buchhandlungen des
europäischen Kontinents herüberkommen. Die Eng-
länder und die Amerikaner werden nicht müde, ihre Klas-
siker immer und immer wieder mit Liebe und Sorgfalt
neu zu drucken, und die Roycrofters tun dasselbe. Sie
drucken einzelne kurze Essays von Emerson, Thoreau,
Ruskin und dann andres, die portugiesischen Sonette der
Browning-Barrett, die unvermeidliche Rubayat des Omar
88
Khajjam, mit sehr geschmackvollen Lettern auf sehr
schönes Papier, und binden das Ganze dann in winzige
Lederbändchen ein. Man kann dieses Leder hin und her
streicheln, es fühlt sich an wie ein Handschuh, der auf
einer lebendigen Hand sitzt, ein gutes Geschenk für
Boudoire. Diesen Zweck zu erfüllen, ist, denke ich,
eine hübsche Aufgabe, und darum darf man auf die
Roycrofters nicht böse sein, wenn sie in der gleichen
kostbaren Art auch alles drucken, was Elbert Hubbard
schreibt und dichtet. Sie drucken seine Aphorismen, Essays
über Menschen und Lebensdinge, philosophische und
soziale Maximen usw. in kleine und große Bände, malen,
schnitzen und treiben sie auf Pergamentblätter, in Holz
und Metalltafeln, all das tun sie mit großer Kunstfertig-
keit und erlesenem Geschmack. Ich habe mir ein paar
von diesen Sprüchen zur Lebensweisheit aufgeschrieben,
aber ich schreibe sie hier wirklich lieber nicht wieder auf.
Ich habe sie mir in mein Notizbuch hineingeschrieben
von den Tafeln und Pergamenten, die alle aus kostbar-
stem Material waren, und wenn:
„Morgenstunde hat Gold im Munde!"
oder
„Trautes Heim Glück allein!"
mit Morrisscher Einfachheit auf solch einer Tafel ge-
schrieben steht, so glauben es die Stilbedürftigen und
Schönheitsdurstigen im Lande aufs Wort — sei es
nun Ruskin oder Mr. Hubbard, der den Spruch ge-
sprochen hat.
Ich bin nicht nach East Aurora gefahren, um zu sehen,
wie die Roycrofters setzen und binden, bosseln und
punzen, sondern weil die Sage ging, die Roycrofters seien
Kommunisten, wenn auch mehr mit künstlerischem Ein-
schlag als aus rein sozialen Gesichtspunkten, sozusagen in
der Mönchskutte und nicht blaublusig.
Hubbard selbst nennt sich ja, etwas kokett, Fra Elbertus,
was man ihm weiter nicht verargen darf, denn Hubbard
89
ist kein schöner Name für einen Künstler, zudem fängt
ein altes englisches Kinderlied auch so an:
„Old mother Hubbard
She went in the cupboard etc."
Er nennt sich Fra wie der aus Fiesole, und das Hotel, das
er für die zahlungsfähigen Schwärmer neben seine Werk-
leutskolonie hingebaut hat, sieht einem Kloster ebenso
ähnlich, wie er dem Angelico. (Ich merke schon, wo in
Amerika ein Experiment gemacht wird, steht sofort ein
Hotel daneben.)
Elbertus trägt sein Haar wallend und verfügt über
einen Augenaufschlag, der auf zahllosen Abbildungen zu
sehen ist; der Speisesaal des Hotels aber ist ein Refekto-
rium. Es gibt einen veritablen Kreuzgang, und da in
Mont' Oliveto kein Raum für den Fünfuhrtee vorgesehen
war, so hat der Fra rasch entschlossen einen Pavillon zu
diesem Zweck hinter die Apsis der Kapelle, die hier
ein Musiksaal ist, hingebaut.
Wie mir ein deutscher Werkführer in dem Fabrik-
haus erzählte, besteht unter den Hauptbeteiligten der
Roycrofter- Werke wohl eine Art von gemeinsamer Arbeits-
bestimmung und Teilung des Gewinns. Da sich aber die
Unternehmung, die geschickt in Szene gesetzt ist und
mit beträchtlicher Reklame arbeitet, süperb bezahlt,
haben die ästhetischen Kommunisten eine Schar von be-
soldeten Arbeitern und Clerks angestellt und bauen jetzt
Kapelle um Kapelle, in denen ihre Kunstwerke zum
Verkauf ausgestellt sind.
Fra Elbertus wehrt es keinem, daß er mit wallendem
Haar hinter der Schreibmaschine sitze, und ich habe
augenaufschlagende Novizen die Addiermaschine be-
dienen sehen. — Der Fra ist ein Idealist und ein Praktikus
zugleich. Er druckt selber und zwar mit Morrisscher Ein-
fachheit die Plakate für die Varietes, in denen er, oben
wie ein Mönch, unten wie ein Montmartrois anzu-
schauen, Vorträge hält, Propaganda macht für eine Idee,
90
die eine künsderische und asketische zugleich ist, oben
Angelico, unten Barnum.
Wie ich aus der Bibliothek des ästhetischen Hotels in
die Halle hinauskam, da saß eine Corona von den auch bei
uns ziemlich bekannten Damen mit verwaschenen Farben
auf dem Leib, Kettchen, Steinchen und Haartrachten,
im kühlen Schatten auf bequemen Stühlen beisammen;
in ihrer Mitte saß ein Jüngling, eine gut gemachte Re-
produktion seines Meisters, und las ihnen, langgelockt
und in Hemdsärmeln, aus den Werken des Fra vor. Bild-
nisse von guten und weisen Männern sahen, in der Nach-
barschaft des Briefkastens, auf dieses wohlgepflegte Som-
meridyll hernieder, und ich dachte, um mit dem erfolg-
gekrönten Fra rasch fertig zu werden, an den Daddy
drüben inFreeville, der ebenso wie der Fra, ein Amerikaner
ist, dem aber sein Werk über den Kopf gewachsen war. —
CHAUTAUQUA
Die ersten Eindrücke, die man hier herüben von den
Dingen gewinnt, sind oft recht schlechte. Nimmt
man sich aber die Mühe, läßt sich von der Oberfläche
nicht verwirren und hat überhaupt Sinn und guten Willen
dafür, so sieht man bald das Gute und Große unter der
abstoßenden Einhüllung. Auch in Chautauqua mußte
ich durch eine Schichte von unfreundlichen Eindrücken
hindurch, ehe ich hineinkam.
Der Ort hat seinen (Indianer-)Namen vom See, an
dem er liegt. Dieser anmutige See, der an den Chiemsee
in seinen östlichen Partien erinnert, liegt ein paar Meilen
vom Erie entfernt am nordwestlichen Ende des Staats
Newyork, etliche hundert Fuß höher als der Erie.
Man kommt mit dem Schiff an dem Pier an und möchte
nun gerne in den Ort hinein. Das ist aber nicht so ein-
fach! Man muß durch ein Tourniquet, ein mannshohes,
mit Barren versehenes Eisengitter, das sich dreht. Es
9^
dreht sich aber erst, wenn man seinen Obolus bezahlt hat ;
will man das nicht, so kann man mit dem nächsten Schiff
weiter! Der Obolus ist gar nicht so gering. Ich
zahle meinen halben Dollar für den Rest des heutigen
Tages und gehe mit meiner Tasche in den Ort hinein.
Gleich ein paar Schritte weit vom Pier sehe ich etwas,
was mich mit Heiterkeit und Spottlust erfüllt. Ein paar
kleine Hügel und zwei kleine Pfützen sind nahe beim
Seeufer auf den Boden aufgeschüttet und in den Boden
eingegraben, — auf einem der Hügel bemerke ich so etwas
wie ein primitives plastisches Modell einer kleinen Stadt,
aus weißem Zement. Eine Tafel belehrt mich: das da ist
eine getreue Nachbildung von Palästina.
Die Pfütze vor mir ist der See von Galiläa, die Zement-
stadt auf dem Hügel da ist Bethabara, und der Hügel ist
der Gadarenische Hügel. Drüben die größere Pfütze ist :
Das tote Meer. Darüber ist ein größerer Zementhaufen
zu sehn: Jerusalem. Rundherum kleinere: Bethlehem,
Gibeon, jenseits des ölbergs aber, nach dem Chautauqua-
See zu, liegt Hebron, — denn was da draußen ist, der See,
über den ich grad mit dem Dampfer gefahren bin, ist
nicht der Chautauquasee, sondern das Mittelländische
Meer.
Alles genau nachgebildet ; der Fluß Jordan, eine schmale
Wasserader zwischen dem See von Galiläa und dem
Toten Meer, Carmel, Dan und Berseba, Sidon und Tyrus,
alles. Der ganze Kitsch ist vor langer Zeit der Institution
Chautauqua von einem alten Herrn gestiftet worden und
hat Chautauqua in seinen Anfängen in den Staaten be-
rühmt und populär machen helfen.
Nachdem ich im „Hotel Athenäum" mich gesäubert
und mein Abendessen zu mir genommen habe, schlendre
ich links den Berg hinauf, um mir Chautauqua anzusehn.
Zehn Schritte weit vom Hotel bleibe ich plötzlich wie
angewurzelt stehn — ja, wirklich, da habe ich einen Schlag
ins Genick bekommen, und zwar nicht vom Anblick eines
Wolkenkratzers, sondern von dem einer gewaltigen Sache,
92
der ich mich mit einemmal ganz ohne Vorbereitung
gegenüber finde.
Chautauqua ist eine große Sommerschule, hat man mir
gesagt, eine Art Kurort, in dem man aber kein heilendes
Wasser trinkt, sondern Vorträge anhört. Berufene Leute
halten diese Vorträge über Gegenstände der Literatur,
Geschichte, über alle Fächer der Wissenschaft; man setzt
sich einfach hin, wo man Lust hat, zu sitzen, und hört zu.
Was wir in Europa „University Extension" nennen, aber
doch etwas spezifisch Amerikanisches, etwas in Europa
kaum Denkbares, ein Karlsbad mit dem kastalischen Quell
statt des Sprudels. Aus allen Teilenj aus den entlegensten
Winkeln ihres riesigen Kontinentes, ihres bewunderungs-
würdigen demokratischen Staatenverbandes kommen die
Americanos daher, für acht Wochen im Sommer, um zu
lernen; dann zerstreuen sie sich wieder in alle Winde
und haben etwas mitgenommen, was sie nicht mehr ver-
lieren werden. Man kann sagen: nicht Menschen werden
hier unterrichtet, sondern ein Weltteil. Sie bekommen
eine homogene Kost hier, die Americanos, sie sitzen alle
an der gleichen Quelle, gesunden, genesen und fühlen
sich jährlich um einige Grade mehr als Americanos nach
solch einem Sommer in dem Ort Chautauqua. (Doch wir
haben etwas — entfernt — Ähnliches in Europa: Bayreuth.)
Ich habe von Walt Whitmans Lieblingswort, dem Wort
„en masse", wohl immer einen Schauer empfangen, wie von
etwas Inkommensurablem. Aber das Wort ist trotzdem
nicht bis in die innerste Tiefe gedrungen, wo der Kontakt
erreicht wird. Hier auf einmal fühle ich den Schlag im
Nacken sitzen. Denn was da plötzlich vor mir liegt, ist
ein ungeheures, von obenher aus unsichtbaren Licht-
quellen beleuchtetes Tal von Menschen, ein Krater
von Menschen, eine Arena, das Dach ruht auf hohen
Säulen, aber sonst ist der Raum von allen Seiten offen,
tief in einen Berg eingegraben, und in dieser Arena,
diesem Amphitheater sitzen Menschen in hellen Sommer-
kleidern, Tausende und Tausende — mir schien's, Zehn-
93
tausende, ohne einen Laut, ohne die geringste Regung,
stumm, in Andacht.
Auf dem Podium, das halb in das Amphitheater hinein-
gebaut ist, sitzen vorne an der Rampe ein paar Männer
und Frauen in dunkeln Kleidern. Hinter ihnen hängt
eine große Flagge» das Sternenbanner, von einer Art
Kulisse herunter, und hinter dieser Kulisse ist die Orgel,
eine Orgel von Dimensionen, die dem ungeheuren Raum
entsprechen. Rechts und links auf dem Podium auf-
steigend, Chöre, Männer und Frauen, hell und weiß,
nur die paar Menschen vorn auf dem Podium sind schwarz
angezogen.
Ich habe letzten Winter Reinhardts ödipus im Zirkus
Schumann gesehen, und als das wehschreiende Volk, am
Anfang, in die Arena hereingestürzt kam, da habe ich
etwas Ähnliches empfunden wie jetzt, da ich diese schwei-
gende Menschenmenge erblickte. (Ich hörte später, es
seien ungefähr achttausend Menschen da gewesen.)
Aus der kleinen Gruppe^vorne auf dem Podium trat
ein Greis hervor und sprach mit leiser, alter Stimme
zu den achttausend Menschen des Tales. Jedes Wort war
deutlich zu hören, jedes Atemholen des alten Mannes,
und das schreibe ich nicht nur her, um zu erklären, wie
gut die Akustik des Raumes beschaffen ist, sondern mehr,
um zu sagen, wie die Akustik inwendig in diesen Menschen
beschaffen ist.
Es war „Old First Night", zu der ich zufällig her-
gekommen war, — die Feier des siebenunddreißigsten
Jahrestages der Gründung von Chautauqua. Der Greis,
der da redete, war der eine der Gründer Chautauquas,
Bischof John C. Vincent von Indiana, und er sprach vom
andern Mann, der mit ihm Chautauqua gegründet hatte
und den die Erde deckt, Lewis Miller.
Ich hörte lange den Reden zu. Männer aus fast allen
Staaten der Union sprachen nacheinander. Ihre Reden
waren alle von Enthusiasmus für die Idee, die demo-
94
kratische Idee Chautauquas erfüllt; von einem Lokal-
patriotismus, der zugleich Patriotismus für den Welt-
teil Amerika war. Von Liebe für die Männer und Frauen,
die hier am Werke waren, und von Pietät gegen die Männer
und Frauen, die einst für Chautauqua gearbeitet hatten
und nicht mehr arbeiten konnten. Hier hatte ich den Ein-
druck von Geschichtlichem, von Tradition, von Vater-
landsgefühl, das mich anging, das lebendig war und keine
Mache, hier hatte ich den Eindruck, daß die Toten leben
und bei uns Lebendigen sind in diesem Moment. Denn
was ich sah, war etwas absolut Schönes und lebendigstes
Leben — und zu dem gehört noch immer etwas mehr,
als was die Lebenden allein aufbringen können.
Dann setzte die Orgel ein, auf einmal fiel die große
Flagge, das Sternenbanner, von der Kulisse aufs Podium
herab, und man sah die Kulisse dastehen, sie war etwa
sechs Meter hoch, und in der Mitte war die Form eines
Turms aus der Leinwand ausgeschnitten.
In diesem Jahr 191 1 haben die Chautauquaer ihrem
Gründer Lewis Miller einen Gedächtnisturm an dem
Ufer ihres Sees gebaut, Bischof Vincent hatte das Glocken-
spiel heute nachmittag eingeweiht, und jetzt, in einer
Stunde, sollten die Kosten durch freiwillige Gaben ein-
gebracht werden, und nicht nur die Kosten für Turm und
Glocken. Man brauchte noch Geld für arme Leute,
Schullehrerinnen, die einen Sommer lang in Chautauqua
leben, gute Luft, gute Nahrung und guten Unterricht
genießen sollten, soviel in sie hineinging, ohne einen Gro-
schen von eigenem zuzusetzen, zur höheren Ehre von
Mütterchen Amerika.
Es gingen kleine Knaben und erwachsene Männer mit
Körbchen herum im Menschental, stiegen auf den Berg
der Arena und kehrten zurück in die Tiefe. In den Körb-
chen waren Kuverte, und in die Kuverte mochte, wer da
wollte, Geld, Noten, Schecks hineinstecken.
Reden wurden gehalten. Der Gouverneur trat vor,
meldete: ein Kabeltelegramm, die ersten tausend Dollar
95
für den Turm, von Mrs. Thomas Aiwa Edison, die gegen-
wärtig in Frankreich ist.
Gleich darauf begann hinter dem Ausschnitt der Ku-
lissen ein Junge Ziegelsteine aus Pappendeckel aufzu-
bauen. Zehn Ziegelsteine, von denen jeder hundert
Dollar vorstellte. Bei Nummer zehn hielt er inne.
Nicht lange, denn es kamen weitere zehn dazu, und
noch zehn und noch fünfzehn. Bei jeder neuen Lage
applaudierten die Achttausend. Rasch wuchs der Turm
in die Höhe — eine genaue Nachbildung im kleinen des
Campanile, den ich vor einer Stunde vom Dampfschiff
aus gesehen hatte. Noch zehn Ziegelsteine, dann fünf,
dann drei, dann fünf.
Reden, Gesang. „The Old Kentucky Home", dieses
wundersame alte Negerlied, der Chor sang es, die Orgel
spielte es, achttausend Menschen summten es leise mit.
Dann Reden; Senatoren, Richter, Männer von Uni-
versitäten, Fabrikanten, Farmer aus dem Westen. Alle
standen auf, nacheinander, und sprachen; von ihrem
Stand, ihrer Provinz, von Amerika. Dazwischen Musik,
„Way down upon the Swanee Ribber" . . . Und dann plötz-
lich das frische, jauchzende: „Dixieland!", die Hymne
des Südens, die die aus den Südstaaten hier in der Arena
mit entzücktem Pfeifen, kleinen Schreien, einer Art
kultivierten Tobsuchtsanfalls, begrüßten und alle, auch die
vom Norden, mitsangen, Wort für Wort. In weniger als
einer Stunde war der Turm fertig bis hinauf zum Giebel.
Ungefähr neuntausend Dollar waren zusammengebracht
worden in einer Stunde, Baukosten für den Turm,
Baukosten für Menschen. Dann: „The Star Spangled
Banner", das Tal setzte sich in Bewegung und zer-
teilte sich über den ganzen Ort, der im Walde drin
liegt, Haus bei Haus eng beisammen, so eng wie das Land
weit ist, aus dem diese Menschen hergekommen sind.
Nächsten Tag war ich mitten drin in allem. Und heute
möchte ich heulen darüber, daß das Muß mich wegge-
trieben hat und ich nicht eine Woche, einen Monat noch
96
unter diesen Menschen Chautauquas, unter diesen Men-
schen des großen Amerikas bleiben durfte. —
Ein junger Student aus meinem Hotel, von dem ich
noch sprechen werde, erklärte mir die Institution.
Professor E. J. Flügel von der Cornell-Universität Ithaka,
der im Sommer über deutsche Sprache und Literatur
liest und der Gouverneur von Chautauqua, Präsident
George E. Vincent von der Universität Minnesota,
nahmen mich herum und zeigten mir alles, erklärten mir
Chautauqua.
Ich möchte am liebsten das Programm eines einzigen
Tages hier aufschreiben, das Programm vom Freitag,
4. August 191 1. Ich habe 49 Vorträge gezählt, sie stehen
auf dem Tagesprogramm gedruckt. Einige will ich her-
zählen. Ein Vortrag über moderne soziale Bewegungen
in Europa. Über Wald und Vögel. Über den Kinder-
garten. Über Shakespeare. Über außerchristliche Glau-
bensbekenntnisse in der Union. Ein Vortrag über die
Geschichte der Banken Amerikas, vom Präsidenten einer
der größten Banken Newyorks gehalten. Über die Zu-
bereitung von Eisspeisen und Creme. Über die Kirche
und die Arbeiterfrage. Über die Persönlichkeit und Kunst
von G. K. Chesterton. Über Björnsons „Handschuh"
und die Frauenfrage. Über Missionstätigkeit in den großen
Städten. Und am Abend ein Konzert mit Chören und
Solisten in der großen Arena: „Schön Ellen" von Max
Bruch und „Die Kreuzfahrer" von Niels Gade.
Ich habe Vorträge gehört, ausgezeichnete, in der Arena,
in der wundervollen „Hall of Philosoph/", einem grie-
chischen Tempel mitten im Wald, in den Häusern der
Methodisten, der Presbyterianer, der Nonconformisten.
(Christian Science ist ausgeschlossen aus Chautauqua!)
Im Kindergarten habe ich die Lehrerinnen mit den ent-
zückendsten kleinen Amerikanern und Amerikanerinnen
spielen sehen und habe Vorträge mit angehört, die diese
Lehrerinnen im College von den besten Lehrkräften der
7 97
Ankunjt in Chautauqua
Universitäten Amerikas in vielen Fächern erhielten. Ich
habe in den schönen Werkstätten die Lehrerinnen das
kunstgewerbliche Handwerk erlernen sehen. Ich war auf
dem Base ball- Feld und habe vom Ufer Schwimm- und
Ruder-Matche ausführen sehen. Ich war in „Piano-
ville", dem entlegensten Winkel Chautauquas, wo Vir-
tuosen von großem Namen ihre Klavier- und Geigen-
farmen haben, Hühnerhofe für angehende Klavier- und
Geigenvirtuosen. All die wundervollen Plätze, Häuser
und Häuschen, in denen gelehrt, gelernt, gelebt und
geflirtet wird, habe ich, teils von außen und teils von
innen, mir angesehen.
Professor Flügel und Gouverneur Vincent, der Sohn
des Bischofs, haben mir den inneren Mechanismus dieser
national amerikanischen Bildungsstätte erklärt. Sie ist
für den gebildeten Bürger und den Lehrer der Mittel-
klasse berechnet und geschaffen. Der Lehrerstand (der
in Amerika ein Lehrerinnenstand ist) erhält hier eine
Das Baseball-Feld
einheitliche^ Wissensbasis, und wer so entlegen wohnt,
daß er sich jahraus jahrein mit Gedrucktem Behelfen
muß, kann hier acht Wochen lang Universitätshörer
werden, wenn er Lust dazu hat. Das Gitter um Chau-
tauqua herum ist da, damit der oberflächliche Besucher
aus den Sommerfrischen rings um den Chautauquasee
den Wißbegierigen den Platz nicht wegnehme und
daß, wer da lernen will, mit gutem amerikanischen Geld
für seinen Unterricht und für den der „scholars", der un-
bemittelten Lehrerinnen, bezahle. Im ganzen sind zur-
zeit etwa fünfzig hier.
Es gibt fünfundsiebzig Professoren und vortragende
Damen, die während der acht Wochen wie die Sklaven
arbeiten dahier. Es sind heute fünfzehntausend Menschen
in Chautauqua anwesend. Außer den Kursen über Schul-
fächer für die Lehrerinnen und den Vorträgen aus allen
Gebieten gibt's alljährlich einen Spezialkurs über einen
bestimmten Gegenstand. Dies Jahr sind es amerikanische
Fragen, voriges Jahr waren es Kulturfragen Englands
und nächstes Jahr werden es Kulturfragen Deutsch-
7* . . 99
lands und Frankreichs sein. Chautauqua gibt alljährlich
zu diesem Spezialkurs Bücher heraus, die die Sommergaste
mitnehmen und im Winter sind sie dann daheim in Chau-
tauqua! Dies Jahr sind es: „Der Amerikaner des zwan-
zigsten Jahrhunderts" von H. P. Robinson, dem Washing-
toner Korrespondenten der Londoner „Times"; „Der
Geist der amerikanischen Regierung" von Professor Allen
Smith, Universität Washington ; „Material und Methoden
der Romandichtung" von Clayton Hamilton, und „Zwan-
zig Jahre in Hull-House" von Jane Addams in Chicago,
der großen Sozialreformerin.
Ich habe Broschüren und Berichte mitbekommen und
gelesen, daß Männer und Frauen wie James Garfield,
Mac Kinley, Roosevelt, Taft, Drummond, John Fiske,
Julia Ward Howe, Benjamin Ide Wheeler, Frances
Peabody, Susan Anthony, Lew Wallace (um nur ein
paar in Europa bekannte Namen zu nennen) Chau-
tauquaer waren und sind, hier gelebt, gelesen und
gesprochen haben. Daß man Grade und Ehren einheim-
sen kann und nach Hause mitnehmen darf, wenn man die
und die „Prüfung" abgelegt hat, ist vielleicht nicht sehr
ernst zu nehmen. Ein herzlicher alter Herr aus Kentucky,
der mich im Hotel ansprach (er hat mich für einen schot-
tischen Reverend gehalten, war aber nicht mehr als
schicklich enttäuscht, als ich ihn aufklärte), erzählte mir,
er sei jetzt achtundsiebzig Jahr alt, komme seit dreißig
Jahren mit seiner Frau und Tochter nach Chautauqua,
und die ganze Familie habe vor drei Jahren „promoviert".
Ich habe im ganzen das sympathischste, feinste und liebens-
würdigste Leben, das die heutige Bourgeoisie an irgend-
einem Sommerort der Alten oder Neuen Welt zur Schau
tragen kann, in Chautauqua ein paar Tage lang genossen;
und wenn ich meinem Nachbarn vom „Kaiser Wilhelm
der Große" wieder begegne, dann will ich ihm sagen:
ich habe Amerika an einem Ort beisammen gesehen und
ein Bild von Amerika in mir empfangen, ohne daß ich
die smart set in Newport hätte tanzen sehen.
IOC
Chautauqua ist ein Ort für den wohlhabenden Bürger,
und der „Mann ohne Niveau" hat hier nichts zu suchen.
Er wird auch keines bekommen hier, denn das ist nicht
vorgesehen. Chautauqua ist kein soziales Experiment,
dazu sitzen auch zu viele hübsche und gelangweilte Frauen
mit ihren Stickerei-Arbeiten zu Füßen der Professoren.
Aber ich glaube, sieben Tagereisen weit an einen Ort
herzukommen, um ein paar Wochen lang in einer freien
intellektuellen Atmosphäre unter gebildeten und bil-
dungsbegierigen Menschen leben zu können, das ist gar
kein so schlechter Anfang für ernstes soziales Streben.
Der Bourgeois ist ebenso, wenn nicht bildungsbedürftiger
als der Proletarier: und in Chautauqua wird vielleicht,
wenn man genauer hinschaut, etwas für die Zukunft getan,
was gar nicht auf dem Programm von Chautauqua steht.
DAS HOTEL „ATHENÄUM", CHAUTAUQUA
In Amerika wird überhaupt manches getan.
Ich habe erwähnt, daß mir in meinem Hotel, dem
Hotel „Athenäum", ein junger Student die ersten
Aufklärungen über die schöne Institution und das Problem
Chautauqua erteilt hat. Dieser Student, ein Graduierter
der Columbia-Universität in Newyork, wohnte nicht etwa
zufäUig im Hotel „Athenäum", sondern er war dort
bedienstet.
Er war es, der mir mein Zimmer angewiesen hat, er
war Clerk im Hotel.
Ich hatte mit meinem Koffer Schwierigkeiten bei der
Dampferstation. Kaum war ich in meinem Zimmer,
klingelte ich dreimal; ein junger Mann kam herein und
sprach: „I am the Porter."' Er sah aus, wie Wilamowitz-
Moellendorf in jüngeren Jahren ausgesehen haben mag.
Ich sagte mir: was, du mit deinem Gesicht bist der
Portier? und erklärte ihm hierauf meine Angelegenheit.
(Ich hatte von den Dingen im Hotel keine Ahnung.)
lOI
Eine Viertelstunde später brachte er mir auf seiner
Schulter meinen Koffer. Er war ein stämmiger junger
Mann, dieser Portier.
Ich hörte später, er sei Kandidat der Medizin. Ich
hörte auch, daß das Stubenmädchen, das mein Bett
machte, ein Collegegirl sei, ebenso das Fräulein, das
an der Table d'hote mit dreißig anderen Collegegirls die
vierhundert Gäste des Hotels bediente; und der Lift-
junge war ein Gymnasiast, und alle die Clerks waren
„college-people", und jeder und jede arbeitete, und zwar
ziemlich hart, und verdiente sich einen Teil seines oder
ihres Unterrichtsgeldes für das nächste Semester. Und
wenn sie am Abend fertig waren mit ihrer Arbeit, dann
saß die feine Millionärsgattin aus Cincinnati mit dem
Mädchen, das bei ihrem Tisch aufwartete, und mein
guter Herr aus Kentucky saß mit dem Liftjungen bei-
sammen in der Halle des schönen Hauses, und sie unter-
hielten sich über mancherlei, über die Verhältnisse ihrer
eigenen kleinen Heimat in der großen gemeinsamen, der
alte Herr holte sich Rats beim Liftjungen über etwas
Lateinisches, was er heute im Vortrag des Professors nicht
recht verstanden hatte, und der Liftjunge mußte sich
mit der Erklärung beeilen, denn es wurde geklingelt, und
Nummer so und so viel wünschte Eiswasser aufs Zimmer
gebracht zu bekommen.
Ich habe mit ihnen gesprochen und vom Columbia-
Mann vieles gelernt und gehört über die Universitäten
Amerikas, über die Menschen und die Anschauungen der
Menschen auf diesem merkwürdigen, jungen und bären-
starken Kontinent. Beneidet habe ich sie alle, vom Clerk
zum Liftjungen hinunter, alle miteinander.
Der Anschauungsunterricht im Hotel Athenäum hat
mir etwas beigebracht, was ich mir aus hundert zer-
streuten Tatsachen hätte zusammensuchen und «-stellen
müssen. Ich werde nun alles besser verstehen, was ich in
den Staaten sehen und hören werde, das weiß ich sicher.
Die Klasse, scheint es, existiert hier herüben nicht. Auf
102
alle Fälle: in einer ganz anderen Form als drüben
in Europa. Stellen Sie sich einmal einen deutschen
Studenten als Kellner in einem Sommerhotel und eine
höhere Tochter aus guter Familie in einer niedereren
Funktion als der einer kunstgewerblichen Pfuscherin vor.
Ein Korpsstudent, ein Gesicht mit Schmissen, ein Mann
mit einem Komment im Gehirn. Der Franzose sagt:
vous voyez ga d'ici.
Ich meine, wie muß einem amerikanischen Austausch-
professor zumute sein, wenn er von einem „Salamander"
wieder hinaus auf die Straße kommt und die elektrischen
Straßenbahnen des zwanzigsten Jahrhunderts sausen an
ihm vorbei. Die jungen Herren haben andere Sorgen!
Nein, die Klasse existiert in Amerika gewiß nicht in
der Form, wie in Europa drüben. Der Unterschied
zwischen dem einen arbeitenden und dem andern arbei-
tenden Mann ist sicher ein wesentlich geringerer als in
Europa, wo zu allen Verbarrikadierungen der Menschen
gegeneinander noch die Klassifizierung der Arbeit kommt,
die die Klassen regelt, zerstückelt, in kleine Unterabtei-
lungen numeriert und wertet.
Gewiß steht der Mann mit einer Million Dollar jähr-
lichem Einkommen hier herüben in einer ganz anderen
Kaste, als der mit „nur" tausend. Und ich kann's mir gut
denken, daß die vielen Klubs und Logen dahier eine Aus-
wahl treffen, die verdammt nach Kaste und Klasse aus-
schaut. Aber daß ein Mann aus der Kaste der Gebildeten
auf einen Sommer oder ein Jahr in einen niederen „Job"
hinuntersteigt, ohne hierdurch seiner Kaste verlustig zu
werden, das ist Amerika und nicht Europa, daraus spricht
ein demokratischer Geist, und ich weiß nicht, ob der sehr
weit oder sehr nah ist vom Ideal des Sozialismus.
Ich weiß es nicht. Ich weiß nur, daß sich hier herüben
der Kampf der Klassen mehr als ein wirtschaftlicher
Kampf abspielen muß, d. h. reinlicher, nicht mit der Ge-
hässigkeit und Tücke, zu der uns in Europa das Kasten-
wesen und die snobistische Ambition der niederen Klassen,
103
in die höheren hinaufzuklettern oder sich in die höheren
hineinzuschwindeln, und all der ähnliche Plunder zwingt.
Ich weiß auch : in diesem raschen Wechsel der Berufsarten
des einzelnen; in diesem mit der Waffe der Kraft und
Veranlagung von Mann zu Mann und nicht aus einer
Festung in die andere Festung hinübergeführten Kampf;
in diesem sozusagen mit dem kurzen Römerschwert ge-
führten Kampf um das materielle Dasein — kann eine
anständigere Form der Gesamtheit sich entwickeln, als eine
Nation es im alten Europa ist. Wo einer durch Patente,
Adelsbriefe, Titelchen und Narrheiten schlimmerer Sorte
sich hindurchdrängen muß, an denen die Kraft zer-
splittert und die Energie niederträchtig wird. Ich lerne
aus diesem simplen Anschauungsunterricht in der Hotel-
halle dahier, daß in Amerika der Kampf der Arbeit gegen
das Kapital, der große kommende Weltkrieg, gegen den
es keine Arbitration und kein Haag gibt, mit einer Blutig-
keit wird ausgefochten werden müssen, die ihresgleichen
nicht hat in der Geschichte der Kämpfe der Menschheit. —
Es ist meine letzte Stunde in Chautauqua. Während
alles in den Hörsälen, im Amphitheater, in all den schönen
Häusern im Walde beisammensitzt, um zu lernen, seine
Kräfte zu vervielfachen, gehe ich mit meiner Reisetasche
den Weg zum Eisengitter zurück, den ich gekommen
bin am ersten Tag. Ich muß mein Billett zurückgeben,
das mich in diesen dreieinhalb Tagen etwa drei Dollar
gekostet hat, und damit höre ich dann auf, ein Chautau-
quaer zu sein.
Es ist ein schöner Sommertag, für lange Zeit mein
letzter in den Staaten, denn ich fahre heute über den
Ontario nach Toronto hinauf.
Die Sonne scheint auf den Chautauquasee herunter,
auf Häuser, Wald und helle Menschen dazwischen. Wie
ich an „Palästina" vorüberkomme, hocken drei kleine
Kinder am Ufer des Sees von Galiläa und treiben kleine
Papierschiffchen hinüber von Tiberias nach Kapernaum.
104
REISE DURCH KANADA
ONTARIOFAHRT
Der Ontario ist das kleinste von den fünf Meeren
im Innern Nordamerikas. Wenn man ihn an seinem
westlichen Zipfel durchquert, vom Niagara hinauf
nach Toronto zu, so ist dieser Zipfel noch breit genug, daß
ein paar Stunden lang die Ufer rings unter den Horizont
hinuntergehn und Himmel und Wasser um das Schiff sind,
vielleicht noch ein Fetzen Rauch in der Ferne.
Ich weiß, ich fahre über einen See, und ich kenne auch
die Landkarte Kanadas gut genug, um zu wissen, daß die
Grenze Kanadas und der Staaten ein gerader Strich ist,
wie mit dem Lineal quer durch den Weltteil gezogen, und
doch stellt sich dieses feierliche Gefühl von innerem Er-
staunen wieder in mir ein, das mich damals beherrschte,
als ich unterm so und so vielten Breitengrad plötzlich
wußte — nun bin ich der Neuen Welt näher als der Alten.
Kanada ist eine neue Welt in der Neuen. Schade, daß
ich nicht länger mich in den Staaten aufhalten durfte;
hätte ich's gedurft, sicher war mir der Kontrast stärker
bewußt geworden. Ich erinnere mich, hörte ich als
Kind von jemandem sagen: er sei nach der Neuen Welt,
um ein neues Leben zu beginnen (die meisten, von denen
man das erzählte, hatten ihre guten Gründe, Welten und
Leben umzutauschen !), mit einemmal war da alles sonder-
bar um diesen Menschen herum! Er selbst. Dann dieser
Begriff: die Neue Welt. Und dann: das Neue Leben!
Ein erwachsener Mensch beginnt in einer neuen Welt
ein neues Leben! Es war so etwas wie ein Märchen, und
der arme Bankrotteur, der gebückt auf dem Stuhl gegen-
über den strengen Onkeln saß, war ein Märchenprinz,
nichts weniger.
Was damals die Neue Welt war, ist inzwischen, der
Technik und der Konkurrenz und all den übrigen Seg-
nungen sei Dank, ziemlich alt und schon äußerst selbst-
verständlich geworden — aber jenes nördliche Land
über dem graden Strich durch Nordamerika hindurch
107
ist heute noch so etwas wie ein Märchenland, etwas frisch
zur Welt Gekommenes, fast Unwahrscheinliches. In
Wahrheit ist's ein Kontinent, von dem kaum die etwas
Genaues wissen, die in ihm leben;. für mich, da ich über
dieses Binnenmeer dorthin treibe, etwas absolut Rätsel-
haftes; meine Augen blinzeln; ich möchte schon Toronto
sehn!
In Newyork ist mir auf einem Bahnhof ein kleines
blaues Heft in die Hände gefallen, der Titel heißt : „Fünf-
tausend Tatsachen über Kanada". Jetzt, während es
Abend wird und Himmel und Wasser und die rauchenden
Schiffe wie Nebelwände ineinander sich schieben, blättere
ich im Heft und probiere die Landkarte Kanadas im
Winde auf zuspreiten. In diesem Abendhcht eines schönen
Augusttages wird die Statistik und die Landkarte un-
versehens zu einer einzigen Nebelwand mit Lichtern hier
und dort, unwahrscheinlich und die Phantasie aufregend,
so wie der Horizont dort im Norden jetzt geworden ist —
wie eine ungeheure haardünne Schildkrotplatte, hinter
der eine Kerze brennt irgendwo.
Dieses Land Kanada, in dessen Norden sich die Linien
der Landkarte zag und ungewiß auf dem Papier verlieren,
hat vor Jahrzehnten noch als ein Land des ewigen Winters
gegolten, als ein Tummelplatz von Felljägern, Fallen-
stellern, Indianern und spärlichem Abenteurergesindel
über unermeßliche Wüsteneien. Jetzt fängt man an, zu
ahnen, was es ist Kanaan!
In dieser englischen Dominion leben acht Millionen
Menschen, und es ist Raum in ihr für hundert. Heute
schon sind durch die Eisenbahnen, die das Land erschlossen
haben, 250 Millionen Acres für landwirtschaftliche Zwecke
aufgemacht worden. In ein paar Jahren werden neue
Bahnlinien noch einmal so viel Land aufgemacht haben.
Aber es sind bis heute erst 80 Millionen Acres urbar und
unter Kultur. Vor zwei Jahren stand Kanada an zehnter
Stelle unter den weizenbauenden Ländern der Erde,
heute schon an fünfter Stelle.
108
Unermeßliche Wälder warten auf die Axt. Unermeß-
liches Prärieland, von der Fäulnis der Faunen und Floren
von Urzeit her gedüngt und wieder gedüngt, wartet auf
die Pflugschar, die die schwarze Erde zum erstenmal um-
drehen soll. Erz ist in den Bergen. Die Ströme und Seen
sind schwarz von Fischen; Wild lebt in den Bergen und
hat nie seinen Jäger gesehn. Auf rollenden Hügelländern,
Tage und Tage weit, kann das Vieh im Freien weiden in
all den vier Jahreszeiten. Und es gibt im Westen, in der
Nähe des Pazifik, Hügelabhänge, auf denen die Bäume
zweimal im Jahr Früchte tragen.
Die „fünftausend Tatsachen" sagen dies in einem min-
der biblischen Stil, als ich es hier tue, aber mir ist das Wort
Kanaan in den Sinn gekommen; ich schreibe heute, in
Vancouver, am Stillen Ozean, zehn Wochen nach der
Ontariofahrt dieses Wort mit gutem Gewissen nieder,
und in diesen zehn Wochen hab ich das Land gesehen.
Ich war in den Städten und bin über Land gefahren.
Ich war in den Bergen, wo das Gold wächst, und war bei
den Weizenbauern auf der Prärie. In Alberta habe ich mit
Ranchern gespeist und in Saskatchewan auf Farmen über-
nachtet. In dem Felsengebirge haben mir Jäger und Berg-
steiger ihre Abenteuer, und in den Tälern westlich von
dem Felsengebirge haben mir Siedler ihre Kämpfe in den
ersten und ihre Erfolge in den nächsten Jahren erzählt.
In Ottawa, in dem wunderschönen Regierungspalast, und
in Winnipeg in der nicht minder schönen Einwanderer-
halle hat man mir Zahlen und Daten geliefert, die ich
ernsthaft in mein Notizenbuch hineingeschrieben habe.
Mehr wert, als Zahlen zu hören, war's mir, das Leuchten
in den Augen der Menschen zu sehen, die vor wenigen
Jahren noch arm und verstoßen und verzweifelt aus der
Alten Welt (und auch aus der „Neuen") herüber-
gekommen waren und heute froh von „Our Country!"
zu mir sprachen.
Und wie könnte ich je den Nachmittag vergessen, an
dem mir das tiefste Geheimnis dieses Landes offenbar ge-
109
worden ist, im südlichen Alberta, auf der Ranch der
Familie Mc Gregor, bei Bow Island, inmitten einer
Wüstenei. Durch den Willen der Menschen ist dort
eine Oase entstanden, im ödesten grauen Weideland,
— mitten in meilenweiter Heide ein viereckiges Stück
Land, auf dem Obstbäume, Nutzholz, Blumen und Kak-
teen, Getreide und Feldfrüchte von fünfzehn Arten ge-
züchtet worden waren: eine Experimental-Farm, ein
Beweis für die Fähigkeit des Bodens, anderes herzugeben
als bloß Futter für Vieh- und Pferdeherden.
Ich habe Kanada im Sommer gesehen und weiß nicht,
wie es im Winter ausschaut. Ich denke mir, die Erde
schläft hier tief und lange, um sich für die Arbeit zu
stärken, die sie für die hundert Millionen leisten müssen
wird. Für die hundert, von denen sie jetzt erst acht die
Nahrung und Fülle des Lebens gibt. Aber dieses Sommer-
land Kanada, das ich kenne, sollte ich heute in Vancouver
es mit Namen nennen, ich wüßte keinen anderen, taug-
licheren dafür zu finden, als den aus dem Alten Testament.
Wie gesagt, es hat Raum und Brot und Hoffnung
für hundert Millionen Menschen. Hier ist augen-
blickliche Hilfe, Erde übrig für die Hungernden, die
Arbeitslosen, die Zurückgewiesenen, die Fabriksklaven
und die Gehirnsklaven der heutigen Gesellschaft. Sieht
man dem Lauf der Welt zu, wie Irrtümer über Irrtümer
den notwendigen Gang der Entwicklung aufhalten, und
wie Generation um Generation todwund und verzweifelt
die Augen von der Zukunft abkehrt und sich niederlegt,
um zu sterben; sieht man selbst vor Mitleid mit den
Liegengebliebenen kaum das Rot am Himmel mehr, das
langsam aber unaufhaltsam herbeikommt, näher, näher;
dann wünscht man: es möchte doch ein Gelobtes Land
da sein, das augenblickliche Hilfe in seinen Grenzen hätte
für die Menschen, die an der Gegenwart zu stark zu leiden
haben.
Die Welt geht wahrscheinlich ihren Gang, auch wenn
nicht 92 Millionen unterwegs verhungern. Wer kann mich
110
denn überzeugen von der Theorie, daß es notwendig sei,
die Massen total zu verelenden, durch das Nichtmehr-
weiferkönnen die Massen zur plötzlichen Abschüttelung,
zum endgültigen Fertigwerden mit der Unerträglichkeit
ihres Zustandes aufzustacheln? Ich sehe nur: daß das
Übermaß des Elends aus dem Leidenden keinen
Revolutionär, sondern einen genügsam-zynischen Bettler
macht.
Kanada gehört dem Staat England, dieser aber weiß
allein damit nichts anzufangen und gibt es daher einem
jeden hin, der herbeikommt und es haben und bebauen
will. Ein jeder, woher er komme, kann i6o Acres von der
Regierung haben (der Acre gleich 0,4 Hektar) und muß
den Leuten, die in ein paar Jahren von der Regierung
ausgeschickt .werden, um nachzuschauen, was er mit dem
Land angefangen habe, nur zeigen : ich hab einen Teil des
Landes bebaut und seht her, hier ist die Hütte oder das
Häuschen, in dem ich wohne. Aus den Fabriken, den
Bureaus, aus den Massenquartieren können die Gestalten,
die man in Europas großen Städten schon gar nicht mehr
anschaun kann vor Herzleid und Ingrimm, hierher zur
Erde kommen und mit dem Himmel über sich leben!
Sie können hier auf etwas gesündere und reinlichere Art
zu ihrem Brot und dem Genuß ihres Lebens gelangen,
als die Proletarier, die ihre Partei durch kleine Versiche-
rungen und den Herrschenden abgerungene Konzessionen
und Konzessiönchen in Kleinbürger verwandelt. Ohne
demütigende Wohltätigkeit und Komiteebeschlüsse kön-
nen die Legionen der verschämten Armen und der Ärm-
sten, die ihre Scham schon verlernt haben, von den ek-
ligen Rinnsteinen der Vorstadt hierher zu den Jahres-
zeiten der Erde zurückkehren. Sie dürfen sich Engländer
nennen und den schönen bunten „Union Jack" über ihrem
Giebel aufpflanzen, — gezwungen werden sie nicht dazu.
Ich werde sogleich berichten, wie ich bei Leuten war, die
hier sie selbst bleiben durften und die der Staat England
nicht gezwungen hat, sich seinen Gesetzen anzupassen.
IIT
Von all der Statistik behalte ich mir nur ein, zwei
Ziffern. Hundert Millionen Menschen brauchen nicht
mehr zu hungern. Dieses Land hier ist um ii2ooo
Quadratmeilen größer als die Union. Achtzehnmal so
groß wie Deutschland.
Ich erinnere mich gut an die Fahrt über den Ontario.
Die Sonne war untergegangen, und im Norden erschienen
die Lichter Torontos. Am Ende dieser Lichtkette am
Ufer stand eine aufrechte Linie von Lichtern, — man sagte
mir, das sei der Turm des Vergnügungsparks Scarboro
Beach. All dies sah aus wie eine Zeile, ein geschriebener
Spruch aus Licht mit einem Licht-Ausrufungszeichen
am Ende. Ein paar Möwen flogen über unserm Schiff,
und eine Minute lang noch ein anderer Vogel, ein Süß-
wasservogel, ein schwarzes, schlankes Tier, ein Kranich.
Rasch flog er davon über unser Schiff, nordwärts gegen
Toronto zu.
Während er grad in die Lichterschrift am Horizont
vor uns hineinflog, dachte ich mir: dieser Vogel ist ein
rechter Märchenvogel. Und ich dachte mir auch: schöner
als das schönste Eswareinmal-Märchen im Grimm ist das
Märchen, das so anfängt: Es wird einmal sein!
TORONTO, DIE ENGLISCHE STADT
Auf den ersten Blick glaubt man, man ist wieder in
Europa. Kaum eine halbe Tagesreise weit von den
Staaten, mit einem Wasserzipfel zwischen dem Staat
Newyork und der Provinz Ontario, glaubt man sich
nach Europa zurückversetzt, aber in einen seltsamen
Winkel von Europa, irgendeine Wartehalle mit weither
zusammengewürfeltem Völkerkunterbunt.
Um es gleich herauszusagen: es ist ein schauderhaftes
Kunterbunt, das sich da zusammengerottet hat. Man sagte
mir später in Ottawa, in Winnipeg, und auch hier in
Toronto sagten es mir die Leute von der Heilsarmee:
112
der Einwanderer, der in den großen Städten des Os-
tens, in Toronto, Quebec, Montreal bleibt, ist der am
wenigsten erwünschte Typus des Einwanderers. Er hat's
auf die leichteren Chancen abgesehen und gibt sich auch
mit den geringeren Chancen zufrieden. Ihn zieht's nicht
zur Erde, sondern zum Asphalt. Das Meer hat er um-
sonst durchquert. Er hat nur einen Rinnstein um einen
andern eingetauscht. Er hätte daheim bei seinem alten
Rinnstein bleiben können. Im Westen schießen Städte wie
Pilze fabelhaft über Nacht in die Höhe, dieser Uner-
wünschte aber ist alles, nur kein Städtebauer. Statt im
Westen ein Herr zu sein, ist und bleibt er ein Schmarotzer
im Osten. Er wird aus diesem kanadischen Osten bald
denselben unerträglichen, überwimmelnden Fäulnisherd
gemacht haben, der seine Heimatstadt im alten Kon-
tinent war.
An den Straßenecken kleben riesige Plakate mit Auf-
schriften, die wie Kanonenschüsse, aber auch wie Not-
signale klingen!
„50000 Farmarbeiter sofort nach dem Westen!*^
,30000 Ernteleute für Manitoba verlangt!"
>Die unerhörteste Ernte, seit Kanada Weizen baut !
(Ich weiß nicht mehr wieviel) . . . hundert Millionen
• Busheis warten auf den Schnitter!"
Eine gesunde Prahlerei, die anzeigt, daß das Land
Menschen braucht. Aber die Menschensorte, von der
ich grad sprach, zieht es vor, jahraus jahrein in ungesunden
Fabrikhallen sich krummzuschwitzen bei der Fabrikation
eines und desselben Maschinenteils und*iäuft an den grellen
und verheißungsvollen Plakaten bUnd und taub vor-
über.
In dieser relativ kleinen Stadt kommt es einem so vor,
als dominiere das fremde Element, aber das ist eine Täu-
schung. Sie wird durch die Liberalität hervorgerufen, mit
der der Engländer den Fremden in seinem eignen Lande
schalten und walten läßt nach Herzenslust. Ganze Stra-
ßen tragen armenische Aufschriften. Das Ghetto ist von
99.
99-
8
"3
beträchtlichem Umfang. Russen und Griechen be-
wohnen ganze Stadtteile, ebenso Syrer. Im allgemeinen hat
es den Anschein, als sei die Einwanderung aus dem öst-
lichen Europa und aus Kleinasien hier stärker als die aus
dem Westen. Sonntag nachmittag ergehe ich mich in
dem Vergnügungspark Scarboro Beach — nicht Ein gutes,
freudiges Menschengesicht. Nicht Einer von den selbst-
bewußten positiven Köpfen, denen man drüben in den
Staaten so oft begegnet. Kleine gierige Kleinstadtbürger,
gelblich bittere Proletariergesichter. Abstoßende Roheit
in den Vergnügungen. Den stärksten Zulauf hat der
„Splasher", — man wirft mit Bällen nach eineni armen
Kerl, der auf einem Brett über einem Bottich sitzt. Trifft
der Ball ein Brett, so gibt's ein Hallo, der arme nervöse
Kerl (aus Barmherzigkeit hat man ihm eine Maske um-
gebunden !) fällt ins Wasser und muß dann naß und müh-
sam wieder aus dem Bottich auf sein Brett hinauf-
krabbeln. Daran vergnügen sich diese Leute.
Kommt man aber in die guten Viertel, wo die einge-
sessenen Engländer zu Hause sind, so merkt man gleich —
o ja, das ist Old England. Die Häuser sind aus Ziegeln
und Stein und nicjit aus Holz wie drüben in den Staaten,
wo sogar in den Villenvierteln ein „Frame-House" neben
dem andern Straßen und Straßen lang zu finden ist.»
Etwas zeigt hier, in Jarvis Street, in Rosedale an, daß
diese Häuser den Menschen als Heime dienen. Drüben
in den Staaten wird man das Gefühl nie los, daß die Wohn-
häuser provisorische Zelte sind, heute aufgerichtet, mor-
gen abgebrochen. * Sogar jetzt im Hochsommer, wo all-
überall die Vorhänge hinter den Scheiben herunter-
gezogen sind, sieht man's den hübschen, gepflegten Gärt-
chen an, daß Sorge und Freude ihrer Eigentümer bei
ihnen sind, und daß ihre Eigentümer in der Fremde die
Photographie ihres Hauses auf dem Tisch ihrer Hotel-
zimmer vor sich stehen haben.
Etwas anderes, das stark an „the old country" drüben in
England gemahnt, ist die Anzahl der Kirchen in Toronto.
114
Ich fahre mit der Straßenbahn über die Ringlinie und traue
meinen Augen nicht. Ich zähle in 41 Minuten 22 Kirchen,
— fast an jeder Haltestelle eine. Ich höre dann von einem
wohlinformierten Herrn, daß Toronto bei einer Ein-
wohnerzahl von etwa 300000 Seelen 250 Kirchen besitzt.
Dann gibts aber andere Einzelheiten, die anzeigen, daß
man allerdings weit weg ist von dem alten Lande. Unter
roheir, hin- und hergebogenen Baumstämmen, die als
Telegraphenstangen dienen, stehen ebenso ungeschlachte
Wildwestburschen, mit einer beträchtlichen Patina über
ihrem Engländertum, in unbehaglichen Berufen von der
Pionierart erworben, Kräfte um Kräfte. Der west-
lüsterne Reisende kann sich unter diesen breiten gelben
Hüten und roten Hemden alle die romantischen Berufs-
arten vorstellen, die in den Wäldern Ontarios, in den
Goldgräberlagern von Britisch- Kolumbien, an den Strö-
men im unerforschten Yukon und auf den ungeheuren
Viehweiden des südlichen Alberta im Flor stehen.
Merkwürdiger aber und charakteristischer noch für diese
englischste Stadt der Dominion ist ein Typus von Men-
schen, dessen Anwesenheit die Atmosphäre Torontos be-
stimmt; wenn ich mich an Toronto erinnern werde in
späteren Jahren, wird diese Menschensorte ganz vorn an
der Rampe der Erinnerung stehen in mir.
In meinem Hotel wimmelt es von „jüngeren Söh-
nen", und draußen in der Stadt, am Hafen, in den ele-
ganten Straßen, in den Warenhäusern, in den Bureaus der
Schiffahrts-, Eisenbahn-, Landgesellschaften, überall sehe
ich und erkenne ich sie wieder. Überall stehen sie, sitzen
sie herum, rauchen, gähnen sie herum, sprechen sie Mister
wie Mistah aus und haben ihren Stempel auf allem, was
sie tun und lassen : die „jüngeren Söhne".
Sie sehen aus wie Exilierte und wirklich — schon als sie
geboren wurden, als zweite und dritte Söhne alter eng-
lischer Adelsfamilien, waren sie ganz und gar exiliert und
enterbt; nach dem englischen Gesetz erbt der Erst-
geborene Titel und Gut, und der jüngere Sohn ist auf die
8*
"5
Gnade der Eltern und des Erstgeborenen angewiesen. Der
jüngere Sohn ist der Zukurzgekommene; vom Gesetz hat
er nichts zu erwarten ; er muß sich resigniert oder empört
durchs Leben schlängeln. Die Tage dieser unglückseligen
Menschensorte sind gezählt, wenn Gott Lloyd George
Leben und Gesundheit gibt. In diesem Falle wird eine
mittelalterlich grausame Anomalie aus den Sittengesetzen
des ersten Volkes der Erde ausgestrichen sein — dii Aus-
geburt nicht des englischen Geistes, sondern einer tod-
geweihten und dem Untergang entgegentreibenden Kaste
der Alten Welt.
Immerhin haben die unglücklichen Exemplare dieser
Menschensorte, wenn's beim Militär und in dem Klerus
keinen Platz mehr für sie gibt, die großen Kolonien
Britanniens als Tummelplatz zu ihrer Verfügung. Sie
finden in diesen Kolonien Raum und Freiheit genug, ihr
Rößlein zu tummeln, Gold zu graben, in Boden und Er-
zeugnissen des Bodens ihr Gold zu verspekulieren, Weizen
und Melonen zu züchten, wenn sie das lieber mögen, —
auf einmal, siewissen's selber kaum wie, sitzen sie auf einer
guten, dampfenden Scholle der Mutter Erde, statt in
einem morosen Klubsessel in St. James bei Piccadilly!
und was die Hauptsache ist, sie sind der verhaßten Not-
wendigkeit enthoben, dem ältesten Bruder Viscount oder
Lord Soundso von Angesicht zu begegnen, dem Herrn,
der nichts weiter zu seinem Glück zu tun brauchte,
als zuerst zur Welt zu kommen.
Genau beschnüffelt sieht der jüngere Sohn in seiner
physischen Existenz wie ein desparater Klubmann aus,
der nach einer verlorenen Partie im Straßenkot dasteht,
mit der Alternative vor sich: Soll ich mich nun im
Whisky besaufen, soll ich zu den Mädchen gehn, oder soll
ich mich nicht lieber ein für allemal und definitiv mit
einer Kugel totschießen?
Er kann Aviatiker werden oder Sportkorrespondent über
See. Wenn er klug ist und seine Fäuste taugen was, so
fährt er mit der „Empreß of Ireland" nach der Dominion.
ii6
Und da strecken wir auch schon alle beide, er und ich, die
Füße unter denselben Hoteltisch. Haben beide, aber aus
ungleichen Gründen, die Taschen voll von Prospekten über
Farmländer, Viehzucht, Reiserouten, Grundstückspeku-
lation, — Prospekte und Broschüren, die hierzulande in
schweren Mengen hergestellt und unter die Leute geworfen
werden; und die der trägen Phantasie des jüngeren Sohnes
nachhelfen, Weg und Möglichkeiten zur Existenz zu
finden.
Gegenwärtig hat er es leicht, seine Unschlüssigkeit
hinter langen Gesprächen zu verbergen, die sich sämtlich
um das garstige Wort „Reziprozität" herumbewegen
und politische Gespräche sind.
Ich werde, Gott sei's geklagt, dieses Malefizwort jetzt
sieben Wochen lang in allen Tonarten hören müssen.
Am 21. September finden in Kanada die Wahlen statt,
und die Frage ist : ein Reziprozitätsverhältnis oder keines
mit der Union? Eine liberale Regierung oder eine kon-
servative? Sir Wilfrid Laurier oder Mr. R. L. Borden?
In diesem Land der Zukunft, in dem die ungeduldige
Erde nach Befruchtung schreit, werde ich ein politisches
Gezeter anhören müssen sieben Wochen lang. Ich be-
schließe, mich gut und rasch im vorhinein zu anästhesieren,
und tue das gründlich.
Ein sympathischer junger Kanadier, Sproß der be-
rühmten Familie, die ganz Kanada mit Erntemaschinen
versorgt und mit Konzertsälen und Orgeln beschenkt, ist
mein Cicerone in Toronto. Ihm verdanke ich es, daß ich
im York- Klub und später im Golf- Klub Gast einiger
gelehrten und einflußreichen Herren bin, denen ich Dinge
Deutschlands berichten soll und von denen ich Dinge
Kanadas erfahren kann. Es ist eine feine Gelegenheit, zu
reden und zuzuhören, bei Gott!
Nun, ich merke es gleich und die Herren merken es
auch gleich — es ist da so was wie ein Sozialist in ein Nest
vpn Konservativen geraten. Aber es läuft alles gut ab
und wir haben alle „agoodtime" miteinander, unten in
117
Onifl Sam zapft den Kanadisthtn Ahorn an,
dem schönen Haus in der Stadt und oben auf den Golf-
hügeln, von denen man den Blick auf den Ontario hat.
Heute, 27. September, da die liberale Regierung unter
dem „Erdrutsch" (the landslide, wie die Affäre hier
pittoresk benannt ist) begraben und die Konservativen
obenauf sind, heute, da alles vorüber ist, weiß ich es : in der
Gesellschaft befand sich ein älterer, liebenswürdiger Herr,
dem Jetzt, in der neuen Regierung, einer der drei obersten
Posten in der Dominion angetragen werden soll. Ich hätte
also die Ohren spitzen und gut aufpassen sollen, um über die
wichtige Frage Reziprozität oder nicht die definitivsten
und maßgebendsten Ansichten zu hören und mit mir zu
nehmen auf meinen Weg durch die sieben Wochen.
Statt dessen habe ich, in mich hinein, versteht sich,
ein paar Monologe gehalten, als einer, der in Dingen der
Politik auf dem einigermaßen primitiven Standpunkt
eines Sonntagnachmittagspredigers im Hyde-Park steht
und stehen bleiben wird. Die Amerikaner brauchen die
Farmprodukte Kanadas, das als Farmland eben mit-
zuzählen begonnen hat, und die Amerikaner möchten
ihre Industiieprodukte in Kanada los werden, das eben
118
Der Stier sind die Staaten, Kanada ist das Kalb.
Agilaiionsplakate der Konservaliven.
als konsumierendes Land mitzuzählen begonnen hat. Ka-
nada könnte durch den Freihandel sein Frühstück billiger
besorgen und in billigeren Kleidern bei seinem Früh-
stückstisch erscheinen. Der amerikanische Vierteldollar
ist zudem ebenso gut wie der englische Schilling und näher;
das ist ein berühmter Ausspruch Sir Wilfrid Lauriers, des
liberalen Expremiers. Andererseits aber tst man, sozu-
sagen, eine englische Dominion, und, wie die Konserva-
tiven behaupten, ist der Grenzstrich zwischen den Staaten
und der Dominion ein Trennungsstrich, während der
Atlantische Ozean ein Meer ist, das die alte Heimat mit
der neuen verbindet! Der englische Scherenschleifer
drückt den kanadischen Konsumenten an sein brüderliches
Herz und schielt über seine Schulter nach dem Land
unter dem Strich hinüber, ob von dort keine Scheren
herübergezückt werden, die das Meer auseinander schnei-
den würden. Was zur Folge hätte, daß die beiden Hälften
von Nordamerika zusammengepappt werden müssten usw.
usw.
Ich frage mich in mich hinein: was bedeutet es schon
119
für die Menschheit, ob Rezipr. oder nicht? Geht sie
durch, wird's den Interessen der einen, fällt sie, wird's den
Interessen der anderen politischen Partei dienen. Rückt
die Welt einen Hahnenschritt vorwärts, wenn die Libe-
ralen am Ruder bleiben, oder einen zurück, wenn man sie
fortjagt? Wird es weniger ausgebeutete Menschen, we-
niger Frauen, die sich prostituieren müssen fürs Brot,
weniger arbeitende Kinder, weniger Verbrechen, die kein
Gesetz bestraft, weniger systematische Verdummung
durch 250 Kirchen an jeder Trambahn-Haltestelle geben?
Ha, der Wille des Volkes, Urlüge der Weltgeschichte!
Ich bin ein paarmal über den Strich, „the boundary",
zwischen Kanada und der Union hinüber- und herüber-
gefahren, und wirklich, die Berge gingen über den Strich,
und die Saat schwankte so im Winde, daß die Ähren-
spitzen die Linie hinüber- und herüberbewegten, und die
Sonnenblume, der Kopf der Sonnenblume wußte nichts
von Reziprozität auf seiner sehnsüchtigen Wanderung,
schaute sich weder nach Sir Wilfrid noch nach Mr. Taft
um. Also wozu diese Narrheiten.
Ich bemühe mich, zu den Ausführungen meiner Wirte
das aufmerksamste Gesicht zu schneiden, dessen meine
Larve fähig ist, und gehe erst aus mir heraus, als man mich
allen Ernstes fragt (es ist Anfang August und von Marokko
noch keine Rede): Also bitte, heraus onit der Sprache,
will Deutschland den Krieg mit England, oder will es ihn
nicht?
„Ha!" sage ich. „Ha! wer ist denn dieses Deutschland,
das will oder nicht will? Ich glaube wohl, wenn man
Deutschland sagt, so ist darunter das deutsche Volk zu
verstehn? Das deutsche Volk aber will, wie das Volk
anderer Länder, vorläufig nichts weiter als ein Bankkonto
und ein Sparkassenbuch und ein Mittagsschläfchen Sonn-
tag nach Tisch. Den Krieg sicherlich nicht. Der Herr
Unter-Schlächtergeselle an der Ecke möchte gern Ober-
Schlächtergeselle werden und denkt nicht im entferntesten
daran, Herrn Tommy Atkins 2;u schUchten oder in den
■
120
„Dreadnought" ein Loch zu bohren. Man wolle also
das deutsche Volk nicht mit den Augenbrauen-in-die-
Höhe-Ziehern und den Leuten vom gerollten R im
Worte Krieg verwechseln." Und daran knüpfend halte ich
einen kurzen Vortrag, den ich hier nicht wiedergeben
kann.
„Good" sagen die gelehrten Herren und schmunzeln,
und der einflußreiche Herr, der jetzt solch hoher Wür-
denträger werden soll, sagt „Good!" und ich freue
mich dieser Zurufe, die mich an die Rufe erinnern, wo-
mit man bei Boxer-Matchen die Burschen im „Ring"
nach einem gelungenen upper-cut oder einem left-swing
anzufeuern pflegt.
Zum Glück ist nicht lang von Politik die Rede. Jemand
fängt an, von der deutschen Literatur zu sprechen. Der
Geschichtsprofessor der Universität Toronto erzählt mir,
was ich schon in der Cornell- Universität gehört habe, daß
auf den hohen Schulen Storms „Immensee" das meist-
gelesene deutsche Buch ist, und nicht nur auf den Schulen,
in ganz Amerika. Als klassisches Buch erfreut sich Frey-
tags „Soll und Haben" der größten Popularität. Von den
heutigen Autoren aber' ist es Gustav Frenssen, der am
meisten gelesen wird.
Dann kommen wir auf Gerhart Hauptmann zu sprechen.
Es wird spät, und an diesem Tage ist von Krieg und
Reziprozität weiter keine Rede mehr.
MONTREAL, DIE FRANZÖSISCHE
Fährt man, von Buffalo herkommend, nordwärts aach
Toronto, so ist's, als führe man aus Amerika nach
Europa, fährt man aber von Toronto ostwärts nach Mon-
treal, so ist's, als führe man aus England nach Frank-
reich. Torontos Villenstadt sieht auf ein Haar Londons
reizendem Vorort Hampstead gleich, in Montreal aber
umNotreDame herum (der Schutzmann, den ich nach dem
121
Weg frage, spricht das Wort Natterdämm aus) glaubt man
sich in das Pariser Bondieuserie- Viertel um St. Sulpice,
Rue Madame, Rue Bonaparte, versetzt.
Schon auf dem St. Lawrence, wenn man zu Schiff von
Toronto die zahmen Stromschnellen nach Montreal hin-
unterfährt, merkt man auf: Frankreich! An den Ufern
stehen Kirchen in großer Zahl, Kathedralen aus Holz im
Stil der steinernen der Normandie und der Bretagne.
Die Klöster am Wasser aber sind aus haltbarerem Material,
gute steinerne Häuser neuen Ursprungs; von Combes' und
Clemenceaus Gnaden hierher an den Strom Kanadas ver-
pflanzte graue, blaue und schwarze Männlein und Nönn-
lein wandeln die Gartenpfade entlang, spazieren ans Ufer
hinunter, in wohlgepflegter Beschaulichkeit.
Die Kirchen und Klöster in Montreal hab ich nicht
gezählt, weil die Trambahn nicht so bequem an ihnen vor-
überfährt wie in Toronto, ich kann nur sagen, daß ich
genug Kirchen und Klöster in Montreal gesehen habe.
All dies aus dem richtigen Frankreich fortgetriebene
Volk sitzt an den schönsten Punkten der schönen Stadt
tüchtig und zäh inmitten alter Gärten und komfortablen
Neubauten fest und läßt sich's gut gehen im falschen
Frankreich dahier.
Der Engländer läßt sie leben, wie er alle Menschen in
seinen Grenzen leben läßt (im Orient macht er's ja anders).
Der junge Riese Kanada hat einen guten Magen und wird
das indigeste Zeug schon verdauen. Immerhin geht ihm
von den Pfründen auch gewiß nicht wenig Fett in den
Leib über und somit ist alles gut.
In Montreal erzählt einem jeder Pflasterstein, daß der
Osten Kanadas ein französisches Land war, ehe er eine
englische Dominion wurde, und daß der Habitant früher
dagewesen ist als der Settier. Maisonneuve, Cartier,
Champlain, Frontenac sind einige Namen der Geschichte,
Quebec heißt: welch eine Mündung! und Montreal
hört sich auf französisch ausgesprochen auch besser an
als: Mantreohl, wie es die Engländer aussprechen,
122
(1
Montreal ist eine französische Stadt, von seinen 450000
Einwohnern sind rund 350000 französisch sprechende
Kanadier. Das exotische Element, das sich in Toronto
so breit bemerkbar macht, ich meine Russen, Juden,
Syrer usw., tritt hier ganz zurück, obzwar es in der Be-
völkerung im Verhältnis ebenso zahlreich vertreten ist.
Der Typus des französischen Kanadiers ist nicht sehr ver-
schieden vom Typus des Kleinbürgers des alten Frank-
reichs, den der ausgezeichnete Menschenschilderer Charles
Huard gesehen, konturiert und auf eine definitive Formel
gebracht hat. Der verderbliche Einfluß des Katholizismus
auf die äußeren Merkmale der Rasse macht sich hier
unangenehm bemerkbar, ein Duckmäuservolk von kleinen
Sparmeistern und Beichtstuhl-Habitues läuft an den vor-
nehmen und rassigen Bekennern der High Church und
des Methodismus vorüber.
Ihr Französisch hört sich komisch an. Kanada-franzö-
sisch ist überhaupt eine merkwürdige Sprache. Franzö-
sische Kanadier auch der gebildeten Klassen, die ich
sprach, behandelten ihre Sprache so, wie französische
Komiker französisch radebrechende Touristen des alten
Englands karikieren. Andre sprachen den harten Dialekt
von Rouen oder St. Malo, aber mit Worten und Akzenten
untermengt, die die jahrhundertelange Abgetrenntheit
vom Mutterland ins Idiom hineinpraktiziert hat.
In Ottawa habe ich mir im Parlamentspark die Auf-
schrift notiert:
„Pick no flowers!
Ne cassez pas ces fleurs!"
Ich dachte immer, es heiße cueiUir ? Und gar der Titel
der Senatoren auf der Tafel vor dem Verhandlungssaal:
„The Honourable Messieurs!"
Geschäftsschilder, Trambahnschilder, Steininschriften auf
Regierungsgebäuden und Monumenten in Montreal
tragen französische Worte zur Schau ; Amts-, Unterrichts-,
Gerichtssprache ist französisch; an vielen Stellen sieht man
die französische Trikolore friedlich sich mit dem „Union
123
Jack" im gleichen Winkel von einem gemeinsamen Halte-
schaft zur Seite biegen; in den Reden, die in Ottawa
gehalten werden, kommt es zuweilen vor, daß einer
oder der andere der Honorable messieurs, bildlich ge-
sprochen, den Union Jack mit der linken Hand herunter-
holt und in die Hosentasche steckt, um gleich darauf mit
der rechten Hand in seine Brusttasche zu greifen und die
französische Fahne über dem Kopf zu schwingen.
Das wäre interessant, sagte ich mir, einmal einen
französischen Kanadier über sein National- und Rassen-
bewußtsein auszuholen. Und es wäre nicht gar so schwer
gewesen, Herrn Bourassa oder Herrn Lemieux oder im
Notfalle einen Redakteur der „Patrie" mit diesem An-
liegen aufzusuchen.
Als ich grad aus dem Telephonbuch mir die Adresse
des Herrn Bourassa und der „Patrie" herausgeschrieben
hatte und vor dem Fenster, meinen Hut bürstend, auf
die Place Viger hinunterblickte, da sah ich unten auf der
Place Viger einen Mann mit der guten klerikalen „Presse"
in der Hand auf einer Bank sitzen und beschloß, zu diesem
Mann zu gehen und die Bourassa und Lemieux und alle
offiziellen Nationalisten Kanadas ungeschoren zu
lassen. Denn was könnte ich bei denen schon einheimsen
als ein paar offizielle und für solche Gelegenheiten extra
hergerichtete Redensarten ?
Ich ging also auf die schöne alte Place Viger hinunter,
die mit ihren Springbrunnen und alten Häusern, von
denen schmale Freitreppen zwischen geschwungenen
Gittern aufs Pflaster niedersteigen, mit ihrem Donjon-
hotel und mächtigen Platanen wie ein alter Platz in einem
Provinznest der Touraine aussieht ; ich ging hinunter und
setzte mich auf die Bank zum „Presse"-Leser und war
bald in ein Gespräch mit ihm geraten.
Er war ein Mann aus dem Volke, ein braver alter
Menuisier, in Montreal geboren, aus einer Familie, die
vor Menschengedenken aus Frankreich herübergekommen
war; und seither hat keiner der Familie das Geld, aber
124
auch nicht den Wunsch
gehabt, die alte Heimat
drüben wiederzusehen.
„Ganz merkwürdig ist
es," sagte ich, „wie man
hiersofortjedemMenschen
ansieht, ob er französischer
Kanadier sei oder was an-
deres. In der Union drü-
ben amerikanisiert sich der
Deutsche, Russe, Jude in
wenigen Jahren, und die
Kinder dieser fremden
Rassen kommen auf ameri-
kanischem Boden schon
mit amerikanischen Schä-
delformen zur Welt, hab
ich gehört hier aber Katholische Baukutut i» Montreal
hat sich der Typus des
Franzosen von Anfang her ganz rein konserviert,"
„Wir sind keine Einwanderer. Nous sommes chez
nous."
„Nun, so ganz „chez vous" doch nicht, dies ist hier
eine englische Dominion, nicht wahrf"
„Man erinnert uns aber nicht daran. Wir fühlen uns
wohl unter der englischen Flagge, wir haben absolute
Freiheit. Im Grunde gibt's gar keine kanadische Na-
tionalitätsfrage. Diese Wahl im nächsten Monat wird die
erste sein, bei der die Nationalitätsfrage mitspielen wird —
Machenschaften der gens de la politique!" Er lächelt
und ich auch. Merkwürdig, über die Reziprozität haben
wir auch dieselbe Anschauung, dieser Leser der kleri-
kalen „Presse" und ich!
„Aber, unter der Nationalitätenfrage gibt es doch
die Rassengegensätze, die nicht von der Räson und
auch von den Interessen nicht wegdisputiert werden
können ?"
IIS
„All dies ist hier gemildert, spielt sich in den mildesten
Formen ab — außer jetzt natürlich, in der Wahlagitation.
Nous nesommes pas aigris ! Der materielle Aufschwung ist
großartig, Handel und Industrie blühen und gedeihen,
das Land ist das reichste der Erde und uns allen geht es
gut. Wenn's den Leuten gut geht, fragen sie nicht viel
nach der Rasse."
„Aber die alten Familien; es muß sich hier doch so
etwas wie eine Aristokratie gebildet haben?"
„Die alten französischen Familien hierzulande denken gar
nicht daran, sich als Aristokratie zu etablieren. Die Lords,
die vor Jahrzehnten aus der „oldcountry" (olde quantrie)
hierher gekommen sind, probieren so etwas, konnten sich
aber nicht lange halten. Schauen Sie her: jetzt schickt man
uns den Herzog von Connaught hier herüber, damit da
so etwas wie ein Hof eingerichtet werde. Das ist ein Miß-
griff der Regierung. Der Herzog wird sich, passen Sie
auf, in der kürzesten Zeit bis in die Knochen hinein
blamiert haben. Dieses Land ist durch und durch
demokratisch. Hier haben wir zwei Klassen — die der
Arbeitenden und die der Nichtarbeitenden. Wir haben
es besser als die in der Union, weil hier, wer arbeitet,
rascher viel Geld machen kann als drüben in den Staaten.
Das liegt daran, daß wir jünger sind."
„Halten die Franzosen nicht irgendwie gegen die Eng-
länder zusammen? Indem sie zum Beispiel ihre Menui-
serie lieber von einem französischen als einem englischen
Tischler anfertigen lassen?"
„Das wäre die größte Torheit. Der Handel befindet
sich zu neun Zehnteln in Händen der englischen Gros-
sisten. Die Leute kaufen bei dem, der billigere und bessere
Ware liefert, nicht bei dem, der ihre Sprache spricht.
Sie hören darauf, was der Artikel, und nicht, was der
Verkäufer ihnen sagt."
„Ein französischer Kaufmann stellt aber doch lieber
einen französischen Clerk in seinem Geschäft an als einen
englischen?"
126
Ottawa — das Parlament
Das versteht er nicht. Ich wiederhole die Frage in
einer anderen Form: „Was ist einem französischen Kauf-
mann lieber: ein englischer Cierli, der französisch kann,
oder ein franzosischer Clerlt, der perfeift englisch spricht
und schreibt."
„Der Tüchtigere . . . aber vielleicht doch der Franzose
von den beiden."
Darüber lachen wir beide ein bißchen. Dann aber ver-
schieße ich mein letztes Pulver und zeige mit dem Finger
auf „La Presse".
„Ihr Klerus aber! Sie werden doch nicht leugnen
können, daß der französisch-katholische Priester unter
einer nationalenghschen Regierung national-französisch
fühlt?"
„Jawohl, das tut er, aber einfach darum, weil der katho-
lische Priester von Natur aus ein Intrigant ist. Der Eng-
länder läßt den Katholiken und den Mohammedaner und
den Sonnenanbeter seinen Kult ruhig ausüben. Alles ist
in Ordnung. Wir schielen auch nicht nach den Staaten
hinüber, das lügen nur die Konservativen ; wir hören genug
von der politischen Korruption in der Union drüben,
wozu sollen wir uns dort hinübersehnen? Wir haben
es besser hier."
(? ? Jetzt habe ich sieben Wochen lang ihre Morgen- und
Abendblätter gelesen und weiß wirklich nicht, ob der
Mann recht gehabt hat.)
Dann stellt er die stereotype Frage: ob ich zum ersten-
mal in Kanada bin und wie mir das Land gefällt? Als
ich ihm erzähle, ich komme aus Toronto, fragt er mich
nach dem Lacrosse-Match zwischen den Tecumsehs und
dem National Team letzten Sonnabend zu Hanions Point.
Ich habe diesem Ereignis zufällig beigewohnt und muß
nun, so gut ich's kann, erzählen, wie es zugegangen ist
dabei; und jetzt, da vom Sport die Rede ist, merke ich
an der aufgeregten Teilnahme dieses ältlichen Mannes
auf einmal, daß dieser Franzose da schon ein Engländer ist !
DIE LAUFENDE STRASSE
In Ottawa stehe ich um drei Uhr nachts auf dem
Perron und warte auf den Expreßzug Quebec-Van-
couver, der mich nach Winnipeg mitnehmen soll.
Die großen Städte des Ostens haben mir wenig gegeben,
ich habe mich auch mehr aus Pflichtgefühl in ihnen auf-
gehalten und war dankbar für jeden ungehobelten Tele-
graphenpfahl mit einem Rothemd und Cowboyhut dar-
unter, der mich an den Westen gemahnte. Die alte stil-
volle Stadt Quebec aber habe ich gar nicht aufgesucht.
Alte stilvolle Städte gibt's in Europa genug, sagte ich
mir; jetzt nur rasch nach dem Westen, wo der Stil noch
nicht angefangen hat und das Leben uferlos, uneingeengt,
auf keine Formel noch gebracht, über die Stränge schlägt.
An der Wand des Wartesaales hängt die Karte der
C. P. R. Jedes Kind in Kanada weiß, was diese mysteriösen
Buchstaben bedeuten: Canadian Pacific Railway. Eine
starke, heiße Freude überläuft mich, wie ich die dicken
128
Striche betrachte, die auf der Karte quer durch den
Kontinent vom Atlantischen zum Stillen Ozean gezogen
sind und die Schienenwege versinnbildlichen, über die
die Züge dieser Gesellschaft fahren.
Ich weiß nicht: aus welchem dummen atavistischen
Trieb eines geborenen Vagabunden und Nomaden soll
ich mir diese Aufwallung erklären, die mir immer
wieder den Verstand trübt, wenn ich eine Landkarte
oder ein Kursbuch, ja auch nur irgendeinen ordinären
Fahrplan für fünfzehn Pfennige in die Hand nehme?
Von Konrad Dreher habe ich einmal einen Lustspiel-
narren dargestellt gesehen, der das Reichskursbuch im
Kopf hatte; aber wie bei mancher Lustspielfigur lag's
auch bei dieser nur an dem Gesichtswinkel, aus der sie
betrachtet wurde, daß sie nicht wie eine echte
Figur der Tragödie dastand. Bei einer Eisenbahn oder
großen Dampfschiffsgesellschaft bin ich leichter als
bei der Betrachtung irgendeines auf kapitalistischer Grund-
lage basierenden Getriebes dabei, die Zusammenhänge
und Konsequenzen zu übersehen, die mich schon bei
einer Dampfkessel- oder Lokomotivenräderfabrik fana-
tisch machen würden. Ein Eisenbahnzug, ein Dampf-
schiff sind die großen Werkzeuge der unaustilgbaren
Sehnsucht des Menschen, und ohne daß dies Instru-
ment sich seines fernerliegenden Zweckes bewußt würde,
einfach dadurch, daß es den Drang des Menschen nach
der Welt und der Weite stillt, dient es dem End-
ziele jeder Sehnsucht, der Verbrüderung des Alls, all der
Menschen auf diesem allen gehörenden Erdball, dessen
Gesetzen wir alle gleich Untertan sind, an allen Punkten
und in allen Klimaten unseres Planeten.
Dieser Eisenbahnzug, mit dem ich nach dem Westen
hinausfahren werde, gilt mir mehr, als wofür mir ein be-
quemes Vehikel allein gelten würde. Und wenn's eine Bahn
gibt, so ist es diese mit den mystischen drei Buchstaben,
die aus unserer heutigen Zeit, aus der Nähe besehen, mehr
als bloß eine Aktiengesellschaft mit Kapital, Dividende,
9 129
Landbesitz und gut und schlecht bezahlten Angestellten
vorstellt. Ich bin nicht der erste, der sie ein Weltwunder
nennt, auch nicht der erste, dem sie einen gelinden
Schauer der Begeisterung den Rücken hinunterjagt.
Auf einer Farm in Saskatchewan habe ich ein Notenheft
auf einem Harmonium gefunden, in dem unter allen mög-
lichen nationalen und geistlichen Gesängen eine Hymne:
„The C. P. R. Hymn" mit Text und Noten abgedruckt
stand. Ich hab mir die letzten Zeilen gemerkt, sie lauten :
„The Railroad cars are going humming
Through the great North- West,
We'U sacrifice our hats, we will,
Four Dollar hats, brand new!"
Wenn der gute Farmer seiner Begeisterung einen neuen
Vier-Dollar-Hut zum Opfer bringt, so darf ich wohl das
gleiche mit einer Druckseite meines Buches anfangen ! —
Man setzt sich in den Imperial Limited am Ufer des
Atlantic und fährt einen Tag lang durch die Normandie
und die Bretagne. Man geht in der Bretagne schlafen und
erwacht in Thüringen. Man geht im Harz schlafen und
erwacht in Sibirien. Man legt sich in Sibirien zu Bett,
erwacht in Ungarn und fährt zwei Tage und zwei Nächte
lang durch die Weizenfelder Ungarns. Man legt sich in
Vorarlberg in seine Klappe und fährt beim Aufwachen
durch die Schweiz, die sich Stunde um Stunde mit sich
selber und mit sich selber so lange multipliziert, bis man
froh und atemlos die Dämmerung auf diese haarsträubend-
ste Gebirgslandschaft herunterkommen sieht. Zwischen
den träumerisch milden Seen und Hügeln des schottischen
Hochlands wird's wieder Tag. Die Nacht aber und den
nächsten Morgen fährt man durch ein zerklüftetes,
donnerndes, unwahrscheinliches Felsengeröll, dessenglei-
chen man nur aus den Bildern Gustave Dor6s zum „In-
ferno" kennt. Zum letztenmal erwacht man zwischen
Obst- und Blumengärten, in einem tropischen Land der
turmhohen Zedern, Erlen und Schlingpflanzen, sieht in der
130
Ferne das Meer schimmern, sieht an den beiden Seiten
der Bahn bärtige Hindus, bezopfte Chinesen, mit Speeren
nach Fischen zielende Indianer stehen und weiß bei
Gott keinen Vergleich mehr für Britisch-Kolumbien an-
zuführen, in dem man angekommen ist und der Zug nicht
mehr weiter kann.
Wirklich es geht nicht an, von dieser Märchenbahn wie
vom Orientexpreß zwischen Paris und Konstantinopel
oder dem Nordsüdzug zwischen Petersburg und Palermo
zu sprechen, die ja auch durch alle Wunder der Erde im
Hui hinwegfegen. Denn diese kanadische Bahn verbindet
nicht große Städte und verschiedenst geartete Zentren
der Kultur miteinander, sondern sie hat sie geschaffen.
An dieser Bahn, die sich durch Wald, Wüstenei, Fels und
Tal ihren Damm gelegt und ihr Geleise festgenagelt hat,
ist Leben aufgestanden und dagewesen Zoll für Zoll
zwischen zwei Meeren. Menschen sind ihr gefolgt, Zoll
für Zoll, und haben aus ihren neuen Heimstätten zu-
gesehen, wie die Bahn sich langsam gegen Westen zu von
ihrer Heimstätte entfernt. Zwei andre große Systeme
gibt's noch in Kanada, die Grand Trunk Pacific und die
Canadian Northern, und beide leisten der Menschheit
Pionierdienste. Beide sehen an ihrem Weg durch den
Norden, durch den Westen Hoffnungen und Erfüllungen
aufschießen, 2^11 für Zoll bei ihrem Vorwärtsdringen.
Aber Kanada ist durch die C. P. R. erschlossen worden
und darum darf man in ihr von Ozean zu Ozean mit
anderen Gefühlen fahren als in einer xbeliebigen Bahn
über lange Strecken.
Sie gebietet gegenwärtig einschließlich der zirka tausend
Meilen, die sich unter Konstruktion befinden, über einen
Schienenstrang von 11700 Meilen im Innern Kanadas.
(In den Staaten der Union stehen weitere 4300 Meilen
unter Kontrolle der Gesellschaft.) Ihre Schiffe fahren
zwischen Liverpool und Montreal und zwischen Vancouver
und Yokohama. Von Liverpool über den amerikanischen
Kontinent bis Yokohama umspannen diese drei Buch-
9* 131
Stäben den Weltverkehr. Die Regierung hat die Gesell-
schaft für die Erschließung ihres Landes mit einem Ge-
schenk, einer Verleihung von fünfundzwanzig Millionen
Acres belohnt. Um hieran eine Bemerkung zu knüpfen,
fehlt es mir an Autorität und nationalökonomischen
Kenntnissen; ich erwähne dies nur, weil ich auf dieses
Detail später zurückkommen muß. Auch über die Ge-
fahren für die politische Verwaltung eines Landes, das
einer privaten Gesellschaft ein solches ungeheures Ter-
ritorium überlassen hat, über die Gefahren, die dieser
„grant'^ für Kanada mit sich bringt, kann ich aus dem er-
wähnten Grunde nicht urteilen. —
Um drei Uhr nachts fühle ich in Ottawa auf dem Perron
eine starke, heiße Freude in mir sieden, wie sich in der Ferne
der milchweiße Schein des Zuges zeigt, das kalt forschende
Auge des Scheinwerfers auftaucht, das sich den Weg
durch Kanada sucht. Hinter Häusern und Bäumen ver-
schwinden Auge und Schein zuweilen, und dann liegt
eine gespenstische Wolke allein in der Nacht da. Aber
plötzlich ertönt das lang gezogene Heulen des Zuges ganz
in der Nähe, und der Scheinwerfer wirft zwei silberne
Linien, die parallel bis zu meinen Füßen herlaufen, auf
den Boden vor sich. Ich gehe den Perron entlang, dem
Neger nach, der mein Gepäck trägt.
Plötzlich bleibt der Neger stehen und schaut auf den
Boden vor sich nieder. „What's the matter?" Und der
Neger erzählt mir, mit weißbeleuchteten Zähnen in
seinem Nachtgesicht, daß hier auf diesem Fleck vor drei
Stunden ein Mensch überfahren worden ist, einem
Menschen beide Beine abgerissen worden sind vom Zuge.
Es ist um Mitternacht geschehen; er wird jetzt wohl schon
tot sein. Er war erst vierzig Jahre alt, hatte Weib und
Kinder. Er war kein Neuling und kein Springinsfeld, son-
dern ein alter, treuer und erfahrener Bediensteter der
Gesellschaft.
Während der Neger mit meinem Gepäck auf den
Schlafwagen am Ende des Zuges losgeht, bleibe ich auf
132
dem Fleck stehen. All meine gute Gotteslaune ist ver-
flogen im Augenblick. Mir ist der Preis eingefallen,
der für jede Freude jedes Menschen, für jeden Zollbreit
Lebens auf dieser Erde gezahlt werden muß. Ich denke
an die Tausende und Tausende, die draußen im lockenden
Westen ihr Leben lassen mußten, damit die Bahn gebaut
werden könne ; damit sich Menschen an der Bahn nieder-
lassen können in Heimstätten; damit eine freudige Gottes-
laune aufflackern könne für einen Augenblick im Herzen
eines Weithergekommenen.
Es nicht vergessen! Daran denken, wer das Leben
der Welt schafft heutigen Tages und um welchen
Preis. Es nicht vergessen. Es keinen Augenblick lang
vergessen.
Hinten, am Ende des Zuges, in den Schlafwagen ist's
finster, schläft schon alles. Aber hier vorn in den „Ko-
lotiistenwagen" hinter dem Gepäck- und Postwagen ist
jetzt mitten in der Nacht noch Leben, Lärm und Licht
hinter den heruntergelassenen Fenstern.
Indes der Neger mein Gepäck dort hinten hin trägt,
bleibe ich vor einem dieser Wagen stehen und sehe in der
Nacht eine Szene, die ich nicht vergessen werde.
Drin im Wagen steht ein riesiger dürrer Kerl — ich
kann ihn nur von der Hüfte aufwärts sehn — mit nacktem
Oberkörper mitten im Gang da und hält zwei nackte
Beine, die vom oberen Schlafbrett herunterbaumeln, mit
den Händen fest. Drei gespenstische Gestalten torkeln
um diese Gruppe herum.
Der Kerl ist tätowiert vom Adamsapfel bis an den
Nabel hinunter. Ich sehe eine blaue und rote Schlange
unter der linken Achselhöhle auf die Brust hervor-
kommen. Auf den linken Oberarm ist die französische
Fahne, auf den rechten ein fingerlanger Dolch, der nach
oben steht mit der Spitze, tätowiert. Auf Brust und Bauch
und um den Nabel herum das obszöne Bild eines nackten
Frauenzimmers. Der Mensch hat auf seinem roten
>3J
schrumpfigen Hals den pomadisierten Kopf eines Jahr*
markt-Ringkämpfers sitzen und redet mit einer schau-
rigen syphilitischen Stimme auf den Menschen oben auf
dem Schlafbrett ein, dessen strampelnde Beine er mit
seinen rohen Fäusten festhält.
Auch die anderen drei, offenbar betrunken, gestiku-
lieren und schreien dort hinauf. Einer schwenkt eine
Flasche in der erhobenen Hand über seiner Mütze, es ist
nicht zu erkennen, will er sie dem oben anbieten oder
will er mit ihr auf ihn losschlagen.
Der Neger kommt, er kann sich nicht erklären, was mit
mir geschehen ist.
Nächsten Morgen gehe ich durch den ganzen Zug und
sehe mir die Leute in jenem Kolonistenwagen an. Die
ganze Gesellschaft scheint unterwegs ausgestiegen zu
sein. Es führt da, von North Bay, eine Seitenlinie nach
Cobalt zu den neu entdeckten Goldminen in Porcupine,
Nordontario, hinauf.
Ich erwache spät, in meinem Wagen ist schon alles
auf.
Wir fahren durch eine öde Strecke, steinigen Boden,
Nadelholz, verwildertes Gebüsch um verlassene Seen
und Teiche. Zuweilen durchqueren wir reißendes Wasser,
das Holz mit sich führt, systematisch und eckig behauene
Scheite, die sich an den Biegungen und Buchten stauen
und zuweilen ganze Seen zudecken. Stundenlang Steine,
Nadelholz, Wasser, Steine. An den Stationen ein Block-
haus, aus dem ein paar verwahrloste Menschen, zerlumpte
Kinder dem Zug nachglotzen. Einmal eine kleine Gruppe
von Blockhäusern mit einer kleinen Holzkirche dazwischen.
Ich versuche es, mir vorzustellen, wie es dem Ein-
wanderer zumute sein mag, der aus der alten Heimat
in diese neue kommt, denselben Weg nach dem Westen
fährt wie ich jetzt und aus dem Fenster des Zuges
schauend, mit Erschaudern sich sagt; in diesem Land
soll ich mein Leben neu beginnen?! Einen Tag und
134
zwei Nächte lang wird er durch diese Einöde fahren,
Hügel, Wasser und Wald sehen. Man müßte ihm die
Augen verbinden ; das Herz muß ihm brechen vor Angst —
in diesem Land?!
Aber auch für den, der als Tourist aus dem
schönen Aussichtswagen am Ende des Zuges das Land
sich anschaut, gibt es Verstimmendes hinter den Fenstern
zu sehen, nicht nur zwischen Ottawa und Winnipeg,
sondern auf der ganzen Strecke, vom Atlantik zum Pazifik.
Und auf den Landwegen und Bergpfaden, wo nicht die
Bahn durchfährt, sondern Wagenstraßen führen, auch.
Ich meine die Art und Weise, wie man in diesem Lande
Platz und Raum für Bahndämme, Straßen, Dörfer,
Telegraphenstangen, Pfade und Pfädchen macht.
Es wird einfach jeder Baum, jeder Baumstamm und
jede Handvoll Gebüsch, die im Wege steht, nieder-
gebrannt oder mit Dynamit aus dem Wege gesprengt. Un-
barmherzig, barbarisch und frevelhaft unsinnig zugleich.
In diesem reichen Kontinent kommt es, scheint's, auf
ein paar tausend Quadratmeilen verbrannten Waldes wohl
nicht an. Und so ist der Weg der Canadian Pacific und
der Grand Trunk Bahn, über die ich gefahren bin, von
verkohlten Waldstrecken und zerrissenen Baumrümpfen
gezeichnet im weitesten Umkreis, den größten Teil des
Weges lang, der ja, mit der Ausnahme der Strecke durch
die Prärie, durch Wald und Wald und Wald führt vom
einen Meer zum anderen.
In den Bergen des Kootenay, Britisch Kolumbien, nach-
dem wir vier Stunden lang durch einen vernichteten Ur-
wald von fünf Mann dicken Zedern, Erlen und Hemlock
gefahren waren, erklärte mir ein Ingenieur, daß das Weg-
sprengen der Bäume und Wurzeln auf einer Strecke,
deren regelrechte Ausgrabung einen Tagelohn von viert-
halb Dollar erfordern würde, sechzig Cent Dynamit
kostet. Und auf demselben Wege klebten alle hundert
Schritte weit die offiziellen Plakate des Ministeriums des
Innern, Verhaltungsmaßregeln zur Verhütung von Wald-
135
branden enthaltend, an den zerrissenen und verkohlten
Stämmen !
Stellenweise hat's den Anschein, als hätten die Menschen
dieses Wüten gegen den Wald von den Stürmen gelernt,
die mit Blitzschlägen und verheerenden Brünsten ganze
Bergkuppen meilenweit in eine Einöde von grauen ent-
laubten und toten Lanzen- und Masten-Forsten ver-
wandelt haben.
Dieser schwarze zersprengte Wald hier unten und dann,
hinter dem Urwald landeinwärts, diese graublauen toten
Lanzen gegen den Himmel geben ein Bild der trostlosen
Vernichtung, an das man sich lange erinnert.
Aber die Natur, die fruchtbare, triumphierende, treibt
auch in dieser Vergewaltigung ihr Spiel und ihren über-
legenen Scherz mit dem törichten und anmaßenden
Menschlein. Von der Glut der brennenden Wälder
reifen die Samenkapseln der Blumen des Kleinkrauts in
wenigen Minuten, bersten, und ihr Inhalt fliegt in weitem
Bogen auf den Boden rings, wo er sich in die Ritzen der
Erde verkriecht. . . . Die verkohlten Stümpfe ragen aus
einem tropisch wuchernden Gewirr von buntem Unkraut
hervor, in dessen undurchdringlicher, üppigster Fülle
sich die Tiere des Waldes bis an die Schienenstränge hervor-
wagen! Im Westen sah ich sonderbar geformte Ma-
schinen vor die Lokomotiven gespannt — „weedburner",
Unkrautverbrenner, die das bunte Gezeug mit Feuer über-
gießen und wohl auch die Schwellen ein bißchen mit an-
zünden dabei.
Die „Imperial Limited" fährt mit achtzehn Wagen
von Ozean zu Ozean. Ich gehe einigemal durch den
ganzen Zug und schaue mir die Menschen an, die in dieser
laufenden, sausenden Straße mit mir wohnen; unsere
Wohnung bewegt sich unaufhaltsam dem Westen zu,
der unser aller Ziel ist.
Die Lokomotiven, die diese Straße hinter sich her-
schleifen über die ungeheuren Strecken, die Lokomotiven
»36
sind Unterseeboote, die auf mannshohen Rädern einher-
laufen. Ein komisches, kleinwinziges Schlötchen ragt aus
ihnen vorn in die Höhe, dahinter zwei Buckel, wie kleine
Observationstürme, und zwischen diesen Buckeln schwingt
eine Glocke unaufhörlich hin und her — die entsetz-
liche amerikanische Eisenbahnglocke, die den Unglück-
lichen, der in der Nähe der Bahn haust, bis in seinen
Schlaf hinein verfolgt und martert. Auf dem Schlot sitzt
vorne das Polyphem-Auge, das ich auf dem Perron in
Ottawa erblickt habe, und das ich dann in die Prärien,
in Abgründe, Ströme und Felsenrisse und endlich auf
die Wellen der Meerenge von San Juan de Fuca hab'
starren sehen, in den Wochen, die kamen und die nun
dahingegangen sind. Noch ein Instrument sucht der
Lokomotive den Weg freizumachen und zu sichern durch
die Weiten, es ist ein riesiges pflugartiges Eisengestell,
der Kuhfänger, „cowcatcher", und dieses hybride Wesen,
vorn wie ein Pflug, hinten wie ein Unterseeboot anzusehn,
ist also der Straße vorgespannt, in der die wohnen, die nach
dem Westen wollen!
Eine Straße wahrhaftig. Eine lange sonderbare Straße,
die in einem ärmlichen Arbeitervorort anfängt, durch das
Viertel führt, wo die bescheidene Wohlhabenheit ihren
Wohnsitz hat, und hinten in der Villenstadt der Reichen,
der Muße und des Luxus aufhört. Laufe, wunderbare
Straße, lauf nach dem Westen!
Die Kolonistenwagen vorn im Zuge sind wie richtige
Wohnräume eingerichtet. Ein Gang geht durch die Mitte
der Wagen. (Aller amerikanischen Wagen, von den Pull-
mans bis hinab. Abteile kennt man nur in eigens dazu
gebauten Wagen, die für den Bedarf der oberen Vier-
hundert eingerichtet und deren Preise auch danach sind.)
Rechts und links sind Bänke mit je zwei Sitzen. Ein auf-
klappbarer Tisch ist an der Wand befestigt, über den
Bänken aber sind Bretter an die Decke geschraubt, die
man bei Nacht herunterlassen kann, und die sich als
Schlafbretter an Ketten erweisen. Jeder Wagen der
Kolonistenklassen hat eine richtige Küche am Ende; zu
allen Tageszeiten sitzen da die Mütter, Töchter und
Frauen und kochen'das Essen für die Familie. Drei, vier
fünf Tage lang wird in diesen Räumen gekocht, gegessen,
geschlafen, gespielt, gelebt — gehofft.
Und gesungen! In all den Gegenden, durch die ich
gefahren bin, in all den rollenden Straßen, durch die ich
durchgelaufen bin, hat es einen Mann, eine Frau, meist
aber ganze Familien gegeben, die mit lauter Stimme
Psalmen gesungen haben. Einmal, an einem Sonntag-
abend hoch oben im Nordwesten, habe ich einen ganzen
Kolonistenwagen :
„Nearer, my God, to Thee"
singen gehört.
Unaufhörlich kommt und geht der Candy- Junge durch
den Zug, mit monotoner Stimme: „Chiclets, Choc'lates,
Chewing-gum!" Bücher, Zeitschriften und die Zei-
tungen aus den Städten auf der Strecke anbietend. Die
Neger in ihren grauen Uniformen, die armen Neger,
die für einen Dollar Taglohn dienen und oft drei Nächte
hintereinander kein Auge zumachen dürfen, lehnen gäh-
nend in den Übergängen zwischen den Wagen. Der weiße
Kondukteur setzt sich zwischen die Reisenden, macht
seine Rechnung oder sein Schläfchen oder einer allein
reisenden Dame, die sich's gefallen läßt, den Hof. Drei
Schreibmaschinen klappern von frühmorgen bis spät in
die Nacht hinein vor armen rastlosen Sklaven, die das
Wunder des Reisens nie kennen werden. Hinten in dem
bequemen Aussichtswagen hat alles schon Bekanntschaft
miteinander geschlossen. Die rotlackierte „Person" ist
in feste Hände geraten. Zwei „jüngere Söhne" haben
sich gefunden und verraten mir naiv und liebenswürdig
im Rauchzimmer ihre Pläne, die sie aus Landkarten und
Farmprospekten sich zusammenspekuliert haben. Die
kleinen Kinder laufen umher und stiften Freundschaften
zwischen den Eltern. Meine Tage vergehen mir angenehm
zwischen den jüngeren Söhnen, einem guten und warm-
138
herzigen alten Ehepaar aus Montreal und einem jungen
Japaner, der nach Nagasaki heimreist.
In den Kolonistenwagen hab ich weniger Glück. Die
Leute sind müde, verschlafen und wortkarg. Auch leben
sie so ziemlich in Dreck und Speck dahin alle diese Tage
und ziehen mürrische Mienen über ihre Gesichter, wenn
jemand aus der PuUman- Welt dahinten den Schmutz be-
sichtigen kommt, der sich um sie angesammelt hat. Genau
wie die Zwischendecker auf den Schiffen den Besucher
von „oben" anknurren, wenn er sich in ihre Mitte wagt.
An den Stationen, den spärlichen Haltestellen der
Strecke, steigt alles aus, um sich die Beine ein bißchen
einzurenken auf dem festen Boden nach dem Rütteln
und Schüttern der endlosen Fahrt. Die ganze Bevölkerung
der kleinen Orte um die Haltestellen tummelt sich auf dem
Perron und mengt sich unter die Reisenden, während der
Zug hält. Die Reisenden blicken neugierig auf diese Men-
schen, die hier inmitten der Wildnis ihr Leben verleben.
Dann heult das Signal auf, die Neger erscheinen bei den
Schemeln, über die man in die Wagen zurücksteigt, und
die zurückbleibenden Bewohner der kleinen Orte in der
Wildnis blicken ohne Neid dem davonfahrenden Zug
nach, dessen letzter Wagen, der Aussichtswagen, über sei-
ner offenen Veranda in transparenten Lettern die Worte
trägt: „Imperial-C. P. R.-Limited."
DAS TOR DER PRÄRIE
Den dritten Morgen erwacht man am Nordufer des
Lake Superior, des Meeres der Mitte.
Die Atmosphäre trägt schon einen Hauch von Steppen-
dunst mit sich, die Zeit geht um eine Stunde zurück, aus
der östlichen in die Zentralzeit.
Port Arthur kommt in Sicht — der „Puls Kanadas" —
und die Merkwürdigkeit Port Arthurs, die riesigen Ele-
vatoren, Getreidemagazine, sind gut zu sehen aus den
139
Cetreidespeicber in Fort William imd Part Arthur
Waggonfenstern. Da stehen sie am Fuß des sonderbaren
Tafelberges, diese riesigen grauen Röhren, vierzehn, fünf-
zehn nebeneinander wieTuben in der Patronentasche eines
Gottes, Oben läuft eine graue Brücke über sie weg, linlcs
und rechts fassen sie hohe, flache Kasten ein, die sie um
einige Stockwerke überragen. Festungen sind es, alles in
allem.
Auf dem Perron zeigt man sich den größten Getreide-
clevator der Welt, Eigentum der Canadian Northern,
sechzehn solcher Röhren nebeneinander. Wenn sie voll
sind, liegen da sieben Millionen Busheis Weizen, das un-
gemahlene Brot der Welt.
Das Verfahren, nach dem der Weizen behandelt wird
dahier, ist rasch erzählt: unten laufen die Wa^one aus
allen Gegenden der Prärie zum Mund des Elevators zu-
sammen. Dieser Mund saugt gleichzeitig den Inhalt von
neun bis zwölf Waggonen auf. Der Weizen rinnt durch
Schleusen von gewaltigem Umfang in einen Raum zu-
sammen, in dem ein System von automatischen Schau-
feln die Spreu vom Weizen sondert. Staub, Spreu, Unrat
wird durch Röhren automatisch von dem Weizen ab-
geleitet, der gewogen, von Baggerm aschinen in die Höhe
Gttrfidtspeicher in Fort William und Port Arthur
gehoben und in die großen grauen Türme hineingeschüt-
tet wird. Dort wartet der Weizen dann geduldig darauf,
bis die Welt wieder einmal nach Brot schreit.
Es sind Gebilde wie Wolkenkratzer, diese Elevatoren.
Sie erinnern mich sogleich an die Generatoren im Kraft-
haus an den Niagarafällen. In ihnen sammelt sich die
lebendige Kraft der Erde, die erfüllte Hoffnung der ins
Land strömenden Menschenmillionen.
Die Fruchte dieser ijraft, das Mark dieser Hoffnung,
werden durch die Gesetze des Handels, des Zwischen-
handels, der Börse und der Spekulation in die großen Siebe
der Wolkenkratzer von Chicago und Newyork geleitet.
Die automatischen Schaufeln von zehntausend Bureaus
fressen sodann das Beste dieser Kraft, dieses Fleißes und
dieser Menschenhoffnungen in sich hinein, schlingen sie
in sich hinein, behalten sie in sich zurück. Die Welt mag
sich derweil weiter heiser schreien vor Hunger,
In Winnipeg rühre ich mich einen ganzen Tag lang
nicht aus dem Bahnhof heraus. Auf der ganzen Welt
kenne ich keinen Ort, hab ich an keinem verweilt, der
mich derart fasziniert hätte, wie der Bahnhof von Winni-
peg. Er ist ganz voll, zum Überlaufen voll und gesättigt
von allen Strömen, die durch die Menschenherzen ziehen.
Hier kommen aus allen Teilen der Welt die Menschen
an, die die Erde suchen und auf die die Erde wartet. In
der Wartehalle stehen auf großen Tafeln die Züge ver-
zeichnet und die Schiffe des Atlantischen Meeres, deren
Menschenfracht im Laufe des heutigen Tages über
diese Bahnhofshalle ausgeschüttet werden wird. Und die
die große Prärie da draußen schon erwartet, seit Erschaf-
fung der Welt, ungeduldig und bräutlich.
Die „Teutonic", „Jonian", die „Cassandra" sind vor-
gestern und vorvorgestern in Montreal und Quebec ein-
getroffen. Die Züge, die ihre Passagiere mit sich bringen,
werden um ein Viertel vor Elf da sein. Eine Stunde später
treffen die „Homeseekers-Trains", die Züge der „Heimats-
Sucher" ein. Alle zehn Minuten kommen Kolonistenzüge
an und entladen ihren Inhalt von starken, ernsten und ge-
faßten Männern, staunenden, übermüdeten Frauen und
schlafenden oder weinenden Kindern. Ich gehe zwischen
der riesigen Wartehalle und dem Perron hin und her, sehe
auf die Uhr und weiß von jedem Zug: dieser bringt die
Leute der ,, Cassandra", dieser kommt aus St. Paul, diese
Leute da sind die dreißigtausend Erntearbeiter, die
Manitoba braucht, die dort sind^ie Heimstätten-Sucher,
die Homeseekers — ich erwarte sie, ergriffen und auf-
geregt, all die Tausende, von denen ich nicht einen kenne,
von denen nicht einer mich auch nur im entferntesten
angeht.
Hier auf diesem Bahnhof habe ich das Gefühl, wahrhaf-
tigem Leben, zwingendem Schicksal gegenüber zu stehen.
Während mich sonst auf Bahnhöfen, angesichts der hin-
und herschießenden, mit Körben und Taschen und
Schachteln aufgeregt hantierenden Reisenden oft und oft
die Vorstellung lachen macht: daß die große Mehrzahl
all dieser sich Tummelnden ebenso gut daheim bleiben
und versauern könnte.
142
Und meine eigene Wanderlust, wie kommt mir die plötz-
lich kleinlich und unwahrscheinlich vor und wie in benga-
lischer Beleuchtung — während da die Heimat-Sucher
an mir vorüberziehen zu den Ausgängen.
Sechs kleine Kinder in Schafsfellpelzen mit hochroten
•Mützchen auf ihren schneeweißen Köpfen sitzen auf
einem Haufen Bettzeug. Um sie herum ist ein Festungs-
wall von Koffern, Kisten mit Hausgerät, Kinderwagen
und riesigen Körben mit Wäsche errichtet. Die Eltern
sind ins Einwandererbureau, zum Billettschalter, zum
Konsul gelaufen. Wie hätten sie all das Kleinzeug mit-
schleppen können? Da sitzen nun die Kleinen in ihrer
Festung, die bewegliche Habe der Familie bewacht sie,
und sie bewachen die bewegliche Habe der Familie. Neu-
gierig und gar nicht schüchtern blicken sie auf all die Leute
heraus, die an der Festung vorüberlaufen und von denen
keiner ihre Sprache spricht.
Auf einer Bank gegenüber der Tür, die zum Land-
bureau führt, sitzt eine junge slowakische Bäuerin. Sie
hat ein gelbes Kopftuch umgebunden, und wiegt einen
Säugling, der in ein knallrotes Tuch eingewickelt auf
ihren Armen schläft. Sie hat einen Messing-Ehering am
Finger; die junge Engländerin auf der Bank drüben hat
keinen Ehering an dem Finger. Auch ihr Baby schläft
auf dem Schoß der Mutter, die hübsch in einen weißen
Sweater, braunen Rock angezogen ist und einen mo-
dischen Federhut auf dem Kopf hat, wie die Frauen der
Mittelklasse überall auf der Welt. Sie warten auf ihre
Männer, die Slowakin auf ihren Slowaken, die Eng-
länderin auf ihren Engländer. Die Slowakin hat ein
Bündel neben sich liegen, das ist ihr Hab und Gut; die
Engländerin drüben hat einen richtigen Handkoffer von
Leder neben sich auf dem Boden stehen.
Nicht weit von ihnen beginnt auf einmal ein großer
brauner Bauernlümmel mit über dem Topf geschorenen
Flachshaar und gesticktem Hemd die Kamarinskaja auf
seiner Ziehharmonika zu spielen. Ein paar andere Bauern-
H3
Das sind die Leute, die der Westen \braiieht.
kcrle tanzen, auf ihren Säcken sitzend, ohne aufzustehen,
mit wild strampelnden Beinen die Kamarinskaja mit. Volk
sammelt sich um die Russen an, lacht, spricht in allen
Sprachen der Welt durcheinander,
Das Slowakenkind ist aufgewacht von dem Lärm und
fängt gottsjämmerlich zu heulen an. Die junge Mutter
blickt puterrot um sich, ob ihr Mann denn nicht bald
kommt f Dann, als sie nicht mehr weiß, wie sich zu helfen,
knöpft sie ihre Bauernjacke auf und gibt ihrem Kind die
Brust. Die junge Engländerin drüben hat dieselbe Not mit
ihrem Baby. Beide Kleinen heulen in derselben Sprache
dasselbe Lied. Die Mutter des kleinen Engländers errötet
aber erst, als sie ihren Sweater aufknöpfelt und ihrem Kind
den Mund auf die gleiche Art stopft, wie die Slowakin auf
der andern, Bank. Die beiden Mütter blichen sich über
ihren bloßen Brüsten lächelnd und freundlich an, Sie
sind beide noch ein bißchen rot im Gesicht; sie zeigen
'44
sich, wie gut ihre Brüste
sind, ziehen das Hemd
ganz weg von ihrer Brust;
und die Röte ist gar nicht
Schamrote auf ihren Ge-
sichtern, sondern Stolz. —
Neben dem Bahnhof, so,
daß jeder, der anliommt, ob
er sie braucht oder nicht,
sie sofort sehen und finden
muß, sind die Bureaus, die
Informationshalle und die
Logierhäuser des staat-
lichen Ein Wanderungs-
amtes gelegen.
Beamte, an ihren Mützen
gleich zu erliennen, freund-
weckende Männer, die alle Sprachen der Erde sprechen,
erwarten die Ankömmlinge und geleilen sie in, die
Halle, die Bureaus und die freien Logierhäuser. Dort
Icönnen sie ihre Papiere vorweisen, ihre Wünsche vor-
tragen, dann ihre müden Glieder eine Nacht lang auf
sauberen Betten zur Ruhe legen — und morgen früh
werden sie dem Land entgegenfahren, das ihnen ge-
hört von diesem Morgen an!
Nein, wirltlich — ich kann mir beim besten Willen
so bald nichts dermaßen Einladendes, Mut und Hoff-
nung Weckendes, Wohlgefälliges vorstellen, wie es die
Halle ist im Einwanderungsamt zu Winnipeg. Die ge-
hetzten, von der tage langen Reise durch Stein und
Wasser und verbrannte Wälder matt und irr gewor-
denen Augen der Menschen klären sich, werden hell,
sicher und froh, wenn die Menschen in diesen schönen,
lichtdurchfluteten, mit Ahrenbündeln, Früchtefestons
und allen Zeichen der Fruchtbarkeit geschmückten Raum
eintreten,
■o HS
Etwas Selbstbewußtes, Forderndes glänzt auf in diesen
Augen, die daheim sich nur halb aufzutun gewagt
haben. Der Ärmste, der gewohnt war, zu bitten,
zu betteln, fortgejagt und wahrscheinlich noch verhöhnt
zu werden obendrein, wenn er Arbeit um Brot ein-
tauschen wollte in der „alten Heimat" — hier, das weiß
er, ist er der Erwartete, der Willkommene, ein Notwen-
diger, Nützlicher, wieder ein Mensch gewordenes Ge-
schöpf Gottes.
Er wird mit gutem Blick und aufrichtigem Wort emp-
fangen an der Schwelle dieses Landes, das vor Fruchtbar-
keit fast bersten will und mit Menschen unterernährt
ist; das ist es.
Der Beamte, der seine Heimatssprache spricht, fragt
ihn nach seiner Beschäftigung im alten und Begehr im
neuen Land. Eine Landkarte, die in winzige Quadrate
eingeteilt ist, wird ausgebreitet zwischen dem Einwanderer
und dem Beamten. Der Bleistift des Beamten zeichnet
irgendwo ein Viereck in diese Landkarte, der Ankömmling
erhält- ein rotes Papier, er muß jetzt nur seinen Binkel aus
der Gepäckhalle holen und sein rotes Papier gut in die
Tasche stecken. In einer Stunde hat er das erreicht, wonach
sich seine Träume im grausamen alten Land jahrelang
verzehrt und zerfleischt haben. Er hat Land und Brot
für sich und sein Weib und sein Kleines erhalten. Er hat
jetzt nur noch zu arbeiten.
Wenn ich will, brauche ich mich bloß in die Reihe mit
den anderen zu stellen, meinen Paß aus der Tasche zu
ziehen und morgen sitze ich auf meinen i6o Acres und
bin ein gemachter Mann, statt eines Bücher schreibenden
und sich aus unsicheren Quellen ernährenden Proletariers.
Den jeder von diesen Besitzern eines roten Papiers mit
Mißtrauen und einigermaßen begründeter Verachtung
von der Seite her anschauen darf — während Er, der Feste
und Sichere, mit wuchtigen Schritten zur Tür hinaus-
marschiert !
146
DER SETTLER
Den Schlüssel zur Prärie hat Herr J. W. Green way,
Commissioner of Dominion Lands im Ministerium
des Innern zu Ottawa, in der Tasche, ein überaus liebens-
würdiger Mann, dem ich die besten Informationen und
mehr Empfehlungsschreiben, als mein Koffer faßte, ver-
danke. An der Pforte der Prärie steht aber als Türhüter
Herr Bruce Walker, Commissioner of Immigration zu
Winnipeg, eine Persönlichkeit, die schon über das mensch-
liche Maß hinaus zu einem Mythus in die Höhe und
Breite gewachsen ist. Dieser behagliche, rundliche Mann
stellt unter der Maske eines starkbeschäftigten Amts-
vorgesetzten das leibhaftige Schicksal von Millionen von
Menschen vor, und gewiß wird sein gut schottischer Name
nach Sonnenuntergang all über die weite Prärie in zehn-
tausend Gebeten gleich nach dem lieben Gott und dem
guten König Georg genannt!
In Ottawa und Winnipeg habe ich theoretischen Unter-
richt in der Kunst, ein Settier zu werden, erhalten, und
habe dann in den drei großen Weizenländern, den Pro-
vinzen Manitoba, Saskatchewan und Alberta, die un-
gefähr drei Viertel des für Agrikulturzwecke geeigneten
Bodens von Nord-Amerika umfassen, Anschauungsunter-
richt über alles weitere Wissenswerte empfangen.
Wenn Sie die Landkarte von Kanada ansehen, werden Sie
bemerken, daß die erwähnten drei Provinzen auf genau
dieselbe Weise durch gerade Striche voneinander abge-
trennt sind, wie die meisten Staaten der Union.
Die Landkarten, auf denen der Einwanderer zugleich
mit dem Beamten sich sein Stück Land aussucht, sind ganz
auf dieselbe Weise durch gerade Hoch- und Querlinien in
Vierecke eingeteilt. Diese Einteilung beruht auf einer
Flachenberechnung von sechs engl. Meilen im Geviert.
Der Name des Gevierts ist: a township, ein Stadt-
gebiet. Es ist in 36 Vierecke zerschnitten, zu 640 Acres,
d. h. einer engl. Quadratmeile jedes; jedes dieser Vierecke
IQ* 147
in vier gleiche Teile von je i6o Acres. Die Regierung hat
von diesen 36 Vierecken 16 als freies Heimstättenland zu
vergeben, 16 gehören, wie früher erwähnt, der C. P. R.
(ich spreche von den Strecken in den Weizenländern, die
diese Bahn erschlossen hat), 2 der Hudson-Bay-Company,
der großen Handelsgesellschaft, der Kanada vor der ,, Ent-
deckung Kanadas" in Wahrheit als Eigentum gehört hat,
und die restlichen 2 Vierecke sind Schulland.
Dieses Wort „Schulland" ist natürlich nicht so zu ver-
stehen, daß da auf 1280 Acres in jedem Township eine
Schule steht und weiter nichts, freies Land um die Schule
herum. In Kanada ist die Einrichtung getroffen (nach dem
Muster der Staaten, wie man mir sagte), daß in einem
bewohnten Umkreis von je 5 Meilen eine Schule errichtet
ist, in der eine junge Lehrerin den Kindern aus den Far-
men Lesen, Schreiben, Rechnen und Nationalgefühl bei-
bringt. Das Land um diese schmucken Schulhäuschen ist
sehr viel wert und steht höher im Preise noch als die Lände-
reien der Canadian Pacific und der Hudsonbay, über die
der Settier, wenn er einmal zu Geld gekommen ist, kraft
seines Geldbeutels verfügen kann. Der Ertrag aus dem
Verkauf dieser Schulländer kommt der Schule zugute, die
die Regierung erhält»
Der Settier kommt nun in dem fremden, weiten Lande
an, das auf ihn gewartet hat seit Erschaffung der Welt.
Es ist jungfräulicher Boden, die Prärie hat nie die Pflug-
schar in ihren Eingeweiden gespürt. Ich will annehmen,
dem Settier sind, nachdem er die Überfahrt und die Reise
ins Innere bezahlt hat, in Winnipeg auf dem Bahnhof
grad noch fünf Dollar in der Tasche geblieben. Mit denen
soll er sein neues Leben als Grundbesitzer beginnen.
Nun, er wird sich natürlich mit seinen 5 Dollar nicht
gleich auf die 160 Acres setzen, die ihm gehören, und mit
den Fingern den Boden aufwühlen, der ihm zu seiner
Existenz verhelfen soll. Sondern er wird am besten als
eine „Farmhand", als Landarbeiter, auf der Farm eines
beginnen, der ebenso mit 5 Dollar angefangen hat, wie er.
148
Auf dem Bahnhof steht zwischen der Einwanderer-
halle der Regierung und dem Landbureau der Canadian
Pacific eine Holzhütte, deren Wände mit Plakaten be-
deckt sind.
Erntearbeiter gesucht.
Gilbert Plains 50
Gladstone 20
Tessier 100
Roblin 90
Humboldt 50 usw.
Dies Plakat ist mit Dutzenden anderer um 8 Uhr früh
ausgehängt worden, um 10 sind schon zwei Züge ange-
kommen und hinter dem Ortsnamen Tessier steht die
Ziffer 20, alles übrige ist gestrichen.
Drin in der Stadt gibt's unzählige Arbeitsbureaus, ja
es gibt um den Bahnhof kleine Straßen, in denen ein Ver-
mittlungsbureau neben dem andern ist.
Ich notiere mir einige Löhne.
Drescher 2^/2 Dollar den Tag; Farmkutscher 2V2 Dollar
den Tag; Farmarbeiter 45 Dollar monatlich; immer Kost
und Unterkunft einbegriffen. Diese Löhne beziehen sich
auf die Arbeit während der Erntezeit. — Mühlenarbeiter
2V2 Dollar den Tag; Bautischler 25 Cent die Stunde;
Bahnarbeiter 2V4 Dollar den Tag, Sägereiarbeiter 4 Dollar
den Tag; Kohlenbergleute 55 Cent pro Tonne; Holz-
fäller 2^/2 Dollar den Tag; Brückenbau-Leute 2V2 Dollar
den Tag nebst Verpflegung; Koch 65 Dollar monatlich;
Vormann auf Farm 75 Dollar monatlich.
Der Mann mit seinen 5 Dollar kann sich also irgendwo
als Knecht verdingen. Ein Farmarbeiter, der nicht nur
während der Erntezeit dient und gebraucht wird, sondern
das ganze Jahr bleibt, kann auf einer Durchschnittsfarm
25 bis 35 Dollar den Monat verdienen. Am besten ist er
dran, wenn er sich auf einer Farm verdingt, auf der er die
Praxis von der Pike auf erlernt. Arbeitet er und versteht
sich aufs Zurücklegen, so wird er in zwei Jahren 360 bis
149
Aufbruch nach der Heimstättf. Saskatoon.
400 Dollar sein eigen nennen. Er kann nun die 160 Acres
von der Regierung aufnehmen. Alles wird ihm helfen bei
seinem Unternehmen, er mag sein und herkommen, wo
er und was er mag. Ist er als guter Arbeiter bekannt, wird
man ihm den Kredit, den er braucht, aufzwingen. Zuerst
braucht er ein Paar Ochsen, einen Pflug, eine Egge. Dann
Draht zum Zaun, Werkzeug zum Bau seiner Hütte, eine
oder zwei Kühe. All das gibt's auf Kredit zu geringen
Zinsen. Landbanken, staatliche wie private, haben ihre
Agenturen und Filialen in den verlorensten Nestern der
Prärie und stehen in direktem Kontakt mit dem Farmer,
Im ersten Jahr kann er ohne jegUche Hilfe, sofern es nicht
anders zu bewerkstelligen ist, seine 40 Acres umgebrochen
haben. Nun braucht er eine Säemaschine, später eine
Erntemaschine.
In Saskatchewan habe ich Farmen gesehen und von
welchen gehört, die in den ersten Jahren 40 Busheis
(Scheffel) Weizen auf den Acker getragen haben. Das
Land hat einen Humus, dessen Reichtum seinesgleichen
sucht auf der Erde. Er hat aus der Pflanzenfäulnis und
der Verwesung von Tierkadavern seit der Urzeit die Kraft
herbezogen, die ihn auszeichnet. Es ist besser, wir nehmen
nur einen Durchschnittsertrag von 25 Busheis pro Acre
150
DU neue Heimstätte — und — die alte.
an, einen Ertrag, den in Manitoba der vernachlässigteste
Boden nach einer Bearbeitung von 30 bis 40 Jahren noch
gelegentlich einer Mittelernte liefert. Vierzig Acres
bringen also dem Neuling tausend Busheis ein; aus ihrem
Ertrag kann er, nach Abrechnung der Dresch- und der
Frachtkosten bis zum Elevator an der nächsten Station,
einen Teil seiner Schulden bei der Bank abzahlen und neue
machen. Die Qualität des Weizens wird durch Stich-
proben auf amtlichem Wege durch staatliche Ernte-
aufs eher bestimmt.
Es ist die Regel, daß ein Farmer nach den zwei oder drei
ersten Jahren angestrengter Arbeit weitere 160 Acres zu
einem nicht allzu hohen Preis und mit geringer Anzah-
lung zu seinem Land hinzukauft. Der als ein Armer und
Verstoßener ins Land kam, hat sich vor dem Hunger und
der Verzweiflung in einen Hafen gerettet, in dem er frei
und mit erhobenem Kopf um sich blicken kann. Steckt
das Zeug in ihm, so wird er aus dem Wunder der Jahres-
zeiten, das sich vor seinem Häuschen draußen abspielt
Morgen für Morgen, die Lehre ziehen und das große All-
gemeine aus der Wahrheit erkennen, daß die Arbeit alles
ist und der Besitz nichts. Vielleicht wird sich mit der Zeit
bedrucktes Papier von besserer Art als das, worauf der
'S'
Die Prärie wird umgebrochen.
Tagesschnickschnack gedruckt ist, auf dem Tisch in sei-
nem Häuschen finden. Vielleicht wird in der großen Stille,
in dem langen Winter Kanadas ein Samen in den vielen
tausend Seelen aufgehen, die die Alte Welt grausam ver-
dorren läßt und abtötet in dem ekligen Dunst der Massen-
quartiere.
VON DER HEILSARMEE
UND ANDEREN INSTITUTIONEN
Dies ist der typische Weg des Einwanderers vom
Hungertuch zum Brotkorb.
Natürlich bezieht sich das Gesagte auf einen bestimm-
ten Stand, aber den, dessen Schicksal, so glaube ich, heute
die Menschheit am brennendsten beschäftigen und be-
unruhigen sollte. Erst diese Frage aus der Welt geschafft
und nachher alles andere. Auch hier, in diesem unerhör-
ten Land, mahlt darum die Mühle, von der Dehmcl in
seinem wundervollen Gedicht spricht: „Es wird kein
Mensch mehr Hunger schreien . . ." Das Land, das auf
die 92 Millionen wartet, bevölkert sich nicht rasch. Man
152
Ernte auf einer Mennonitenjarm.
kann nichts Besseres tun, als seine Ungeduld der Welt
mitzuteilen.
Den Oberfluß der Well an Menschen, den grausigen
Überfluß an armen und elenden Geschöpfen, den die so-
genannte Zivilisation der heutigen Ordnung züchtet, über
dieses wartende Land auszuschütten, die Herrscher der
Welt konnten nichts Klügeres tun, als dies — einstweilen.
Statt dessen stoßen sie den Überfluß tiefer und tiefer in
eine Sackgasse hinein, pumpen diese voll mit Alkohol,
damit der Überfluß nur ja gründlich ersaufe und — die
Zivilisation soll leben, hoch!
In Winntpeg war ich bei einer Versammlung der Sozial-
demokraten. In diesem Lande, in dem es dem guten Willen
des einzelnen und nicht der Notwendigkeit anheim-
gegeben ist, ob er sein Leben gestalten will oder nicht, in
Kanada ist heute noch kein Platz für den Sozialdemo-
kraten. Wenn der Fabrikarbeiter hier für seine Klasse
kämpft, so kann man ihm sagen : was geht dich deine Klasse
an? Sei ein einzelner und kämpfe für dich. Bekämpft eine
Klasse die andere, so werden sie im besten Fall die Plätze
tauschen ; aber wie läßt sich's am besten gegen das Erbübel,
die Klasse, kämpfen! Man kann dem Fabrikarbeiter in
153
Winnipeg mit Fug weiter das folgende sagen : Kennst du
nicht den Weg zu Mr. Bruce Walker ? Ich will ihn dir zeigen .
Geh aufs Land und werde ein Farmer. Wenn in der Stadt
Not an Fabrikarbeitern sein wird, wird sich ihr Los von
selber bessern. Geh aufs Land zum Nutzen deines Standes.
Aber, wenn ich so zu dem Fabrikarbeiter spreche, so muß
ich mich auf die Möglichkeit gefaßt machen, daß er mir
ins Gesicht lacht und antwortet: All das, was du Daher-
gereister da sagst, ist von A bis Z falsch. Kannst du mir
vielleicht Genaueres sagen darüber: mit welchen Mitteln
die Einwanderung speziell nach den Städten, die Industrie-
zentren sind, betrieben wird? Künstlich betrieben wird?
Mit welchen Mitteln es die Industrie, die von dem Über-
schuß des Angebotes über die Nachfrage nach Arbeits-
kräften lebt, allerorten zuwege bringt, daß das Proletariat
sich schon in diesen Städten, die mitten im Reichtum
Hegen, breit macht und anschwillt zum Entsetzen?
Bleibe du gefälligst erst zwei Jahre hier fest sitzen; nach-
her magst du dann reden, bis dahin aber halte gefälligst den
Mund!
Mann auf dem Podium, fahre fort. Ich hör schon zu.
Wie ich schon sagte, die Länder der Welt bekunden
geringes Interesse daran, ihre Armen in das reiche Land
zu schicken (das Proletariat der großen Städte kann bei
dieser Bemerkung nicht mitzählen). Ein Rundgang durch
die höllischen Vororte von London, Dublin, Liverpool
bringt einem an allen Straßenecken den Namen Kanadas
auf die Lippen. Sonderbar ist es, daß es hier, obzwar
natürlich nächst der Einwanderung aus den Staaten jene
von den britischen Inseln die stärkste ist, keine englische
Einwanderung im eigentlichsten Sinne sondern eine irische
und schottische gibt. Die O's und die Mac's sind es, die,
direkt oder schon auf dem Umweg über die Staaten von
den Weizenländern des Westens in Scharen Besitz er-
greifen. Wales, Cornwall, der Osten Englands verhält sich
still. Die Ziffern der reichsdeutschen Einwanderung, die
man mir im Konsulat in Montreal genannt hat, waren
154
ganz lächerlich geringe. Ich kann mir das erklaren — die
gesegneten Kolonien des Deutschen Reiches bieten wahr-
scheinlich dem deutschen „Überfluß" verlockendere Per-
spektiven als die englische Dominion . . . Nächst den bri-
tischen Inseln und den Vereinigten Staaten stellen die
slawischen Länder Europas das stärkste Kontingent für
die Einwanderung nach Kanada.
In den Konsulaten der österreichisch-ungarischen Mon-
archie habe ich mich mit Interesse nach Daten über die
Einwanderung aus Ungarn erkundigt und habe da die
rätselhafte Auskunft erhalten — es gäbe keine. Ich habe
nun selber in ungarischen Broschüren gelesen und von
berufenen Leuten in Europa und in den Staaten gehört,
mit welchen Mitteln die Agenturen gewisser Dampf-
schifflinien, z. B. der Cunard-Line, deren Schiffe von
Fiume nach Häfen der Union laufen, die Auswanderung
der ungarischen Kroaten, Slowaken, Rumänen und
Magyaren nach den Vereinigten Staaten betreiben. (Sie
würden gewiß etwas vorsichtiger zu Werke gehen, wenn
sie bei ihren Manövern nicht durch die ungarische Regie-
rung gedeckt würden.) Also warum gibt's keine unga-
rische Einwanderung in Kanada?
Als ich diese bescheidene und höfliche Frage in den
Konsulaten verlauten ließ, erhielt ich zwar keine Antwort,
jedoch es wurden mir die bewußten überlegenen Amts-
mienen gezeigt, welche einem immer entgegenstarren,
wenn man eine den Staat gefährdende Indiskretion be-
gangen hat oder begehen möchte. Erst in Winnipeg löste
mir ein freundlicher magyarischer Seelsorger dieses Rätsel
auf die einfachste, plausibelste Weise.
Die Ungarn, d. h. ungarischen Staatsangehörigen, die
nach den Gebieten der Union wandern, suchen dort «o
rasch wie möglich zu Geld zu gelangen (oft durch
eine frevelhafte und auf künstlichem Wege hervor-
gebrachte Unterbietung der Löhne). Sie packen dann,
wenn sie notabene noch am Leben sind, ihre blutig er-
worbenen Dollar in ihr Taschentuch und machen zurück
155
in die Heimat, wo's ihnen alles in allem besser behagt.
In Kanada, im englischen Land aber lauert die Gefahr,
daß es den Ungarn doch noch besser gehen könnte, als
in ihrem eigenen gelobten Land daheim; und tatsächlich,
die Ungarn, die nach Kanada kommen, ziehen es vor, in
Kanada zu bleiben und ihre Taschentücher der englischen
Sitte gemäß und nicht als Bankkonto zu gebrauchen.
Die Regierung untersagt also stillschweigend und mit
Nachdruck die Auswanderung nach Kanada. Das ist ein
amüsantes Exempel.
Im Zensus jähr 1909/10 kamen 208000 Menschen nach
Kanada. Davon waren 60000 britische Untertanen,
103000 aus den Staaten, der Rest, 45000 Menschen,
gehörte 62 Nationalitäten an. 1910/11 sind 325000 Men-
schen ins Land gekommen. Wie man mir in Ottawa sagte,
ist die Einwanderung im Frühjahr dieses Jahres 191 1 die
außerordentlichste gewesen, die Kanada je gesehen hat.
Was die Heilsarmee betrifft, so kann man von ihr den-
ken, wie man will. Ich werde keinem widersprechen,
der ihre äußeren Methoden als abstoßend bezeichnet,
und wenn einer mir vorhält, daß ihre Ausbeutung der
Arbeitslosigkeit an vielen Orten eine fatale Verschlechte-
rung der Arbeitslöhne in gewissen Gewerben zur Folge
hatte, so werde ich ihn nicht gut Lügen strafen können.
Aber was sie für die Auswanderung bedürftiger Leute
aus den britischen Inseln nach Kanada geleistet hat und
leistet — das zwingt Respekt und Bewunderung ab für
diese Institution und das Genie, dessen Gehirn sie ent-
sprang, den alten schlauen Apostel Booth. Sie hat auch
längst die Klippe einer Wohltätigkeitseinrichtung um-
schifft und segelt, sehr zu ihrem Heile, unter der Flagge
einer sozialen Macht, die aus unserer heutigen Ordnung
gar nicht mehr weggedacht werden kann.
Der Weg, den ich beschrieben habe, den der unbe-
mittelte Ankömmling von seiner Ankunft bis zur Über-
nahme seines eigenen Landes zu gehen hat, ist ein ziem-
.56
lieh ebener, und die Heilsarmee ebnet ihn noch dem
Arbeitswilligen, der sich ihrem Schutz und ihrer Vermitt-
lung anvertraut. Aber nicht nur für diesen bedeutet sie
eine gute Vorsehung, sondern auch für den Farmer, der
auf die beschriebene Art immer wieder seinen tüchtigen
Knecht verliert und sich oft in der Zeit, in der er am
schwierigsten zu entbehren ist, nach Ersatz umsehen
muß. Die untere Schichte muß immer wieder nachgefüllt
werden, und dies besorgt zum großen Teil und mit ihrer
bewunderungswürdigen Organisation die Heilsarmee.
Ihr System des Arbeitsnachweises und der Versorgung
des Farmers mit Arbeitswilligen aus den britischen Inseln
hat sich in großartiger Weise bewährt. In Toronto sind
die ,,Headquarters" der Heilsarmee, und dort hat mir
Brigadier Morris die Logierhäuser und Mädchenheime
der Armee gezeigt, die Bücher gewiesen, in denen An-
gebot und Nachfrage in überzeugenden Ziffern ver-
zeichnet standen, Briefe der Versorgten und alles mögliche
statistische Material vorgelegt.
In den letzten 7 Jahren hat die Armee fünfzigtausend
Menschen herübergebracht. In vielen Fällen hat sie ihnen
das Überfahrtsgeld vorgestreckt. Speziell nach Dienst-
mädchen herrscht in allen Teilen Kanadas verzweifelte
Nachfrage. Es ist ein Männerland, und was fängt ein
Farmer ohne Frau an auf seiner Farm, auf der doch jemand
nach dem Kleinvieh und der Wirtschaft sehen muß. Die
Armee sichert den meisten, die sie herüberbringt, eine
Quelle festen Erwerbs, für ein Jahr ungefähr, so daß der
Arbeitswillige die Heimat schon als fertiger Kanadier
verlassen darf. Zur Frühjahrszeit treffen Schiffsladungen
voll Menschenmaterials in Kanada ein, von Offizieren
der Armee persönlich geführte und geleitete Gesellschaf-
ten, die dann auf die angenehmste und sicherste Weise
an ihren Bestimmungsort befördert werden. (Im Zeit-
raum vom I. Juni bis 31. Oktober 1911 hatte die Armee
laut der „Emigration Gazette" auf 97 Schiffen der
Canadian Pacific, Allan, White Star und anderen Linien
157
Emigrantengruppen unter ihrer Obhut, davon auf 36
Schiffen persönlich geführte Gesellschaften.)
Weniger kümmert sich die Heilsarmee um die direkte
Kolonisation ihrer Leute in Kanada. Sie sind eben von
den Ärmsten, von den 5 -Dollar- oder keinen Dollar-
Leuten, die als Farmhände beginnen müssen. Immerhin
hat die Heilsarmee eine H. Klasse von Einwanderern, die
mich recht sehr interessiert hat und über die ich vom
Brigadier bereitwillige Auskunft erhalten habe.
Die große Mehrzahl der Heilsarmee-Schützlinge fährt
in. Klasse, kommt in Quebec an und wird dort sofort
nach den Gegenden verladen, wo sie gebraucht wird und
ihr Leben begründen kann. Klasse II aber kommt in
Montreal an und sieht dann auf eigene Faust zu, wie sie
weiterkommt.
Diese IL Klasse besteht zum großen Teil aus kleinen
Clerks, kleinen Kaufleuten und Duodez- Kapitalisten,
Geistlichen und Militärpensionären. Sie enthält aber auch
zu einem nicht geringen Prozentsatz Leute, die von ihren
Angehörigen oder Freunden mit etlichem Geld versehen
und mit dem geheimen Wunsch und Abschiedssegen, der
Teufel möge sie holen, in die Ferne spediert worden sind.
Es sind die „jüngeren Söhne des Lebens". Brigadier
Morris versteht nicht recht, was ich damit meine. Ich
aber weiß es recht gut, was es mit diesen ,, jüngeren
Söhnen" auf sich hat, und verspreche dem Brigadier, ich
werde in meinem Buch Propaganda für diese II. Klasse
machen. Ihm ist die III. Klasse lieber; mir auch. Die
Leute, die um zu arbeiten nach Kanada gekommen sind
und von denen die Armee nach 2 bis 3 Monaten nichts
mehr hört, weil sie gut und sicher versorgt sind, keine
Hilfe mehr benötigen und ihre Schuld an die Überfahrts-
kasse bald abgetragen haben werden.
Die IL Klasse aber, überhaupt die gesamte „zweite
Klasse" der Einwanderer nach Kanada, sind Men-
schen, die aus verschiedenen geistigen Berufen herüber
158
zur Erde kommen. Unter der Schar der Bureausklaven
finden sich Künstler und Gelehrte, Oxford- und Cam-
bridge-Leute, Schauspieler und die ,, Überflüssigen" der
intellektuellen Welt.
Legenden sind im Umlauf von ganzen Kolonien aus
einem der exklusivsten Colleges von Cambridge, die jetzt
im westlichen Alberta, in der Gegend von Lloydminster,
ihren Weizen bauen. Legenden von Ranchern, Polizisten
und Cowboys, von denen spreche ich später.
Für diese und ähnliche Arten von Kolonisten hat die
Canadian Pacific Railway in ihrem System der Ready
made farms, der vorbereiteten Farmen, gesorgt.
Es ist dies eine überaus praktische Idee, will mir schei-
nen, Kanada dankt sie Sir Thomas O'Shaugnessy, dem
Präsidenten der C. P. R.
In der Gegend um Irricana, dem gewaltigen künstlich
bewässerten Territorium zwischen Edmonton und Calgary,
an einer Seitenlinie der C. P. R., sind diese vorbereiteten
,, fertigen" Farmen gelegen. Wie viele Tausende kulti-
vierter, empfindlich geborener oder gewordener Menschen
lassen eher ihr Leben verderben, als daß sie sich den Stra-
pazen auszusetzen wagten, die der Beginn eines neuen
Lebens, in einem fremden, weiten, unbekannten Land
mit sich bringt? Menschen, denen es an Geld nicht fehlt
zum Anfangen, nur an Mut. Auf der Ready made farm
finden sie ein hübsches Haus, das warm und gut gebaut
auf sie und die Ihren wartet, eine Scheune mit Maschinen,
einen Stall mit Vieh, und den besten Boden, den keiner
noch bebaut hat vor ihnen. Eine Märchenfarm, ein Tisch-
lein-deck-dich für den zivilisationsmüden Städter, der zur
Erde wiederkehren will.
Wird von der Heilsarmee gesprochen, so muß man
auch einige Institutionen geringeren Umfangs,
aber ähnlicher Tendenz erwähnen. So z. B. die berühmte
Stiftung des Dr. Barnardo in London, die Heime und
Schulen für verwahrloste Kinder, die im East End
IS9
Londons unendlich viel Gutes getan haben. In all den
großen Städten Kanadas habe ich Barnardo-Heime ge-
funden; große Scharen von Kindern werden herüber-
gebracht, kinderlose Farmer nehmen sich der Ärmsten
an und manch ein Barnardo- Junge sitzt heute als Herr
auf dem Gute, das seine Pflegeeltern bewirtschaftet
haben, als er ihrer Obhut und gutem Willen anvertraut
wurde vor Jahrzehnten. Die Zentralleitung der Stiftung
bleibt immer in Verbindung mit diesen Kindern, weiß,
wo sie sich befinden und wie es ihnen geht.
Das nach der Philanthropin Annie Macpherson be-
nannte Heim in Stratford, Ontario, hat sich eine ähnliche
Aufgabe gestellt und erfüllt sie in geringerem Umfange als
die Barnardo-Homes. Sie versorgt die Farmer Ontarios
in einem nicht zu weiten Umkreis um Stratford mit ihren
Pfleglingen und hat so stets direkte Fühlung mit diesen
Kindern.
All diese Institutionen gehören, wie die bekannten
Studentensiedlungen in den Vierteln des Londoner und
Newyorker Elends, wesentlich ins Kapitel der Wohl-
tätigkeitseinrichtungen, einer Erfindung der bürger-
lichen Klasse, die glaubt, auf solche Weise quitt zu sein für
die Sünden, die sie an den Unteren begeht. Mit der rech-
ten Hand die Menschheit knebeln und mit der linken ihr
den Angstschweiß von der Stirn wischen — „Schneeballen
in den Höllenschlund werfen," damit es denen dort unten
nicht zu heiß werde!
Irgendwie fühle ich aber, daß die Wohlfahrtseinrich-
tungen, deren Tätigkeit nach Kanada, dem Erdeland, dem
Ackerland hinüberspielt, einen Teil ihres odiösen Beige-
schmackes verlieren. Auf alle Fälle hat es, wie ich erwähnte,
die Heilsarmee vorzüglich verstanden, ihre Mission in der
unverfänglichsten Art, als reines Agenturgeschäft auszu-
üben. Sie befördert alle ihre Leute herüber, ohne nach
Name und Art zu fragen, und ich habe von Leuten ge-
hört, die die Brigadiers und Majore ausdrücklich ver-
sicherten, daß sie die Anschauungen der Heilsarmee
i6o
keineswegs teilten, und somit der Vergünstigungen, die
die Armee gewährt, vielleicht gar nicht teilhaftig werden
dürften. Die Soldaten haben darauf, mit dem Heilsarmee-
Lächeln auf ihren Gesichtern, diese allzu Gewissenhaften
versichert : das sei gar nicht nötig, sie würden auch so hin-
übergenommen.
Ich kann jedem, der mich anhören will, den guten Rat
geben, es zu machen, wie ich: werde ich zum Mitsingen
des Liedes:
„The old, old story is true ..."
oder gar zum Niederknien vor der Bußbank aufgefordert,
so lehne ich dieses Ansinnen höflich und entschieden ab.
Kommt aber das Salvation-Lassie mit dem Tamburin
auf mich zu, so habe ich gar kein Bedenken, ihr meinen
Silberling auf das Tamburin zu werfen, denn ihr Werk
verdient es!
BEI DEN MENNONITEN IN SÜD-MANITOBA
Wenn der Zug im Dörfchen Altona ankommt, ist
das Postbureau voll von Menschen. Das Postbureau
ist zugleich der General-Store, in dem man von Salpeter
aufwärts bis zu den Nähmaschinen alles kaufen kann, was
gebraucht wird. Auf einmal bin ich in Deutschland, höre
viele Dialekte, Platt, Hannoversch, Ostpreußisch und
das Deutsch, das in den baltischen Provinzen gesprochen
wird. Deutsch von drüben, der alten Heimat, aber gott-
lob nicht das verhunzte Amerikanerdeutsch, ein Misch-
masch aus dem heimatlichen Dialekt und Yankee-Slang.
Ich bin noch keine fünf Minuten da und habe schon
Bekanntschaften geschlossen. Ich soll von Deutschland
erzählen, höre aber lieber denen zu, die mir von Altona
erzählen, denn meine Berichte sind mehr auf den York-
klub als das Postamt dieses Dörfchens zugeschnitten.
Altona liegt im Süden des Weizenlandes Manitoba,
Manitous Land, wie die Indianer es benannt haben, des
" i6i
Gotteslandes. Kaum eine halbe Stunde weit vom Staat
Nord-Dakota, dessen Berge man hinter dem Städtchen
Gretna blau aufsteigen sieht.
Ich^ bin hier im Stadtgebiet Rheinland, und die Dörf-
chen und Niederlassungen ringsum heißen Eigengrund,
Blumenthal, Schoenhorst, Bergmann, Winkler, Neuhoff-
nung. Es ist eine der ältesten Ansiedlungen der Menno-
niten in Amerika.
Die Mennoniten haben es weniger geschickt angefangen
als ihre Schicksalsgenossen, die Puritaner. Diese haben den
Weg England — Holland — Amerika gewählt, die Menno-
niten sind aber von Holland nach Preußen, von Preußen
nach Rußland gezogen, ehe sie auf die gute Idee kamen,
hierher zu übersiedeln, wo sie seit 50 Jahren und darüber
in Frieden und Wohlstand leben und ihr Land bebauen.
In die ,, Ostreserve", jenseits des Redrivers, in die
wenige Stunden östlich gelegene Bergtaler Gemeinde
kamen, so erzählte man mir, die ersten Mennoniten um
die Mitte der siebsdger Jahre aus Südrußland, wo man
sie wegen ihrer Verweigerung des Militärdienstes zu mole-
stieren anfing. Altona hat 500 Einwohner, in ganz Ma-
nitoba sind gegenwärtig an die 15000 Mennoniten.
Der Photograph, er ist mit seiner Familie aus Minne-
sota hierher übersiedelt, nimmt sich meiner an und mit
ihm besuche ich den Schmied, den Landagenten, den
Gemeindeschreiber. Mit ihnen allen sitze ich am Abend
in den warmen Stuben ihrer hübschen Häuschen bei-
sammen. Es sind gute und einfache Menschen, und es ist
Genuß, mit ihnen beisammen zu sein. Der Photograph hat
einen schönen Kopf. Er sieht wie ein deutscher Lehrer
aus Schwaben aus, der heimlich Gedichte schreibt und an
Sonntagen mit Novalis in der Tasche in den Wald zieht.
Eduard von Gebhardt hätte sich glücklich geschätzt, den
prachtvollen Wiedertäuferkopf des Landagenten malen
zu dürfen. Schön wie ihre ruhigen und ernsten Gesichter
sind ihre Namen, die man auf den Schildern der Ge-
schäfte Altonas liest: Friesen, Coblentz, Joerger, Toews.
162
Ihre Trachten sind die der Tradition und der Sekten, die
sich innerhalb ihres Bekenntnisses gespalten haben. Da
sind die Schwarzen, die den Gebrauch weißer Wäsche ver-
pönen; sie tragen flache schwarze Kappen und Schaft-
stiefel, in denen die schwarzen Tuchhosen stecken. Eine
andre Sekte trägt die Hosen über die Stiefel gezogen und
weiße Wäsche, die aber nicht mit Knöpfen, — Knöpfe-
tragen ist Luxus und Teufelswerk ! — sondern mit Haken
und Sicherheitsnadeln zugemacht ist, denn:
,,die mit den Haken und Ösen
wird Gott der Herr erlösen".
Mein Freund, der Photograph, fühlt sich nicht wohl
in Altona und will frühestens in Kalifornien, dem Sonnen-
land, Obstländer aufnehmen. Das Klima bekömmt ihm
hier nicht. Aber, ich glaube, es liegt auch ein wenig an
seinem modischen Kragen und hohen Hut. Einer hat ein-
mal seinen Schwager rundherum einkassieren geschickt,
der Schwager hatte ein weißes Hemd an und konnte nur
von den Weißhemdigen Geld erhalten, von den andern
aber Knurren und zugeschlagene Türen. Bis dann ein
Schwarzer kassieren kam.
Indes, es gibt gemeinsame Angelegenheiten, in denen
alles, was sich zu Simon Menno bekennt, zusammensteht.
Geht's einem Bruder oben in der Rosthern-Reserve, Sas-
katchewan, in den Staaten oder am Schwarzen Meer
drüben schlecht, dann tun sich die Hände in all den sieben
Sekten um den Red River auf. Das größte Haus in Altona
ist das Seminarium, in dem Missionäre und Lehrer aus-
gebildet werden. Allüberall, wo Mennoniten hausen, gibt's
solche Scminarien, und die jungen Priester gehen herum
und predigen, lehren die Lehre vom Tausendjährigen
Reich, vom auserwählten Volk Gottes, dem neuen Israel,
das selig werden muß vor all den Andersgläubigen. In
Oklahoma, Nebraska, Arkansas haben sie rote Indianer
gelehrt, schwarze Hemden zu tragen. In Indien unter den
Hindus gibt's Mennoniten.
Den Leuten in Rheinland dahier liegt nicht so sehr viel
II
*
163
an der Gewinnung neuer Seelen. Sie machen keine Pro-
selyten, enthalten sich jeglicher Propaganda, einschließ-
lich der Propaganda in politischen Dingen — zum größe-
ren Teil.
Mein Freund, der Photograph, hat in seinem Laden
einen Aufruf an die Farmer, für den Liberalen zu stimmen,
hängen. Er selbst wird nicht wählen, weil sein Glaube
es ihm nicht erlaubt. Aber lieb wäre es ihm doch, wenn
es Reziprozität mit den Staaten gäbe, weil dann sein
Photographenmaterial billiger ins Land hereinkäme! Ähn-
lich wie ihm, ergeht's in anderer Beziehung denen, die
aus Gründen der Tradition ihre Kinder nur in die eigenen
deutschen Schulen, die sie sich auf ihrem Landgebiet ge-
baut haben, schicken und sie die ,, fremde^' Sprache, das
Englische, nicht erlernen lassen. Die Kinder der Fort-
schrittlichen, die Englisch gelernt haben, können auf den
Agrikultur-Schulen der Dominion, in den staatlichen
Lehrfarmen überall im Lande lernen, wie der Boden er-
tragsfähiger gemächt werden kann — die Orthodoxen
verstehen sich auf diese Kunst nicht, sie bauen ihren
Boden nach der alten Fasson, minieren ihn, statt ihn zu
bebauen, verbrennen aus Gleichgültigkeit oder Uner-
fahrenheit ihr Stroh, statt es als Winterstreu für ihr Vieh
zu verwenden, und lösen auf diese Weise bloß 25 bis 30
Busheis von ihrem Acre, statt wie in früheren Jahren 40.
Sie lassen ganze Acres sich mit Unkraut bedecken, sie be-
bauen kaum die Hälfte ihres Landes. In Montreal hörte
ich die Mär, die Mennoniten gingen nicht in Gegenden,
wo es Wald, Bäume zum Roden gibt, sondern nach dem
Flachland. Sentimental und ahnungslos sagte ich mir —
die Heimat, die Erinnerung an die Steppen! Bis man mich
dann in Altona versicherte, daß sie einfach zu faul sind,
die Bäume von dem Ackerboden wegzuputzen, und lieber
dorthin gehen, wo das Ackerland fix und fertig, sozusagen
auf dem Präsentierbrett, vor ihnen liegt.
Es geht ihnen gut, manche besitzen ganze Quadrat-
meilen besten Bodens. Zwei Monate im Jahr gibt's zu
164
schaffen, der Rest vergeht in Wohlbehagen, denn die
Erde arbeitet oder ruht derweil.
Im Winter essen sie gut, die, denen ihr Sektenglaube
den Alkohol nicht verbietet, trinken noch besser, halten
sich warm in ihren Häuschen, machen Besuche beieinander
und lobpreisen den Herrn.
In ihren Stuben liegt der ,, Nordwesten", das in Winni-
peg erscheinende deutsche Tagblatt, die „Mennonitische
Rundschau", und wenig Bücher. Hier und dort findet sich
ein Harmonium, dort, wo es die Sekte zuläßt, überall aber
rundherum läßt man's sich gut gehen, lebt in der Familie,
sitzt beim Ofen und ,,schmokt sein' Peip!"
Sie sind ohne Ausnahme arm herübergekommen, in
wenigen Jahren hat das Land sie reich gemacht, obzwar
sie es ja nicht ausnutzen, wie gesagt. Legenden sind im
Umlauf von fabelhaften Aufstiegen. Da sind die neun
Brüder, die vor einem Jahrzehnt herübergekommen sind,
die neun waren so arm, daß sie alle zusammen nur eine
Mütze besaßen — wer die vom Kleidernagel zuerst er-
wischte, konnte am Abend spazieren gehn, die übrigen
mußten zu Haus bleiben. Jetzt ist der eine der Brüder
50000 Dollar ,,wert". Vier große rote Getreideelevatoren
von Ogilvie und der Lake of the Woods-Mühle sind an
der Bahn aufgepflanzt ; von dort bis zur Bank in der Haupt-
straße hat der Farmer nur hundert Schritte zu gehn.
Warum bringen sie denn nicht alle ihre Freunde, Glau-
bensgenossen, Brüder und Schwestern aus Südrußland
hier herüber? frage ich und bekomme darauf ein paar
Anekdoten zu hören, d. h., was ich zu hören bekomme,
klingt wie Anekdoten, ist aber eine schaurige Enthüllung
von Dingen, die auf dem Grund unsrer heutigen Zivili-
sation liegen.
Der Schmied erzählt mir von den Leuten in Südruß-
land. Er muß es wissen, er kommt ja selber aus der Menno-
nitengegend am Schwarzen Meer, wo er vier Jahre lang
um einen Taglohn von zwanzig Pfennigen gearbeitet hat.
(Jetzt steht seine große Schmiede, Wagen und Pferd bei
i6s
seinem hübschen Häuschen, hinter dessen sauberen Gar-
dinen blondköpfige Kinder in den Sonnenschein heraus-
lachen.) Er weiß etwas vom russischen Bauer und von der
Sinnesart, die dem guten alten Stamm dort drüben im
Heiligen Rußland aufgepfropft wurde, zu erzählen.
Er war Anno 1910 zu Besuch drüben. Warum kommt
ihr nicht, wir haben's gut, ebenso gut könntet ihr es haben,
wir bereiten euch den Weg! Aber sie verhungern lieber
daheim. Sie haben gehört, in Amerika sitze der Herr mit
dem Knecht an demselben Tisch — was muß das für ein
Land sein? Ein paar von ihnen haben den Versuch mit
Kanada gemacht, haben es aber nicht ausgehalten und
sind zurück. Diese hatten guten Lohn und freundliche
Ansprache. Niemand stand mit der Peitsche hinter ihnen
bei der Arbeit. Da wurden sie mißmutig, legten sich
apathisch schlafen und dachten, es war besser daheim.
Erst wie jemand auf den guten Gedanken kam, sie mit
Fußtritten zur Arbeit zurückzuprügeln, da wurden sie
munter, da fühlten sie sich in ihrem Element! Aber sie
haben es doch nicht ausgehalten, sondern liefen zurück
ins Heilige Rußland, in die Sklaverei und zum Hunger-
tuch. Die Vettern und Basen daheim beschnüffeln den
Schmied, wie er in seinem guten modischen Rock und
Hosen daherkommt in die alte Heimat. Aha, sagt einer —
jetzt verstehe ich es, warum dort drüben so viel gestohlen
wird, in eurem Amerika. Kein Wunder, wenn ihr so viele
Taschen in euren Kleidern habt! Zwei hie, zwei innen,
zwei vorn, zwei hinten — natürlich denken die Leute bei
solch einem Überfluß an Taschen weiter an nichts als ans
Stehlen !
Nie nach Amerika hinüber, sagt eine gute Mutter.
Das könnte man noch brauchen, den ganzen Tag auf die
Kinder aufpassen! Weshalb, weshalb den ganzen Tag,
Matuschka? Nun, Amerika ist doch auf allen Seiten vom
Meer umgeben — wie leicht fällt da ein Kind beim Spielen
ins Wasser! Das Heilige Rußland im zwanzigsten Jahr-
hundert.
166
Wie hat sich dieser treueste deutsche Menschenschlag
in der Freiheit, die ihm dieses Land hier gewährt, ent-
wickelt? Der Freiheit, jawohl, denn der Staat zwingt sie
zu nichts, was ihnen gegen das Gewissen läuft. Sie brauchen
ihre Kinder nicht Englisch lehren zu lassen, sie können
ihre Religion frei ausüben, ihre Missionäre ausbilden, zum
Militärdienst zwingt sie keiner. Sie haben in ihrem Ge-
biet die vollste Freiheit.
Ich habe mir ein paar Hefte der „Mennonitischen
Rundschau" angeschafft und sie genau von allen Seiten
betrachtet. Sie ist eine Kreuzung vom „Kriegsruf" der
Heilsarmee und einem primitiven ländlichen Familien-
blatt mit stark bigottem Einschlag. Sie gilt ab das füh-
rende Blatt der Mepnoniten in der ganzen Welt. Das Wert-
vollste in ihr sind die Briefe, die die Brüder und Schwe-
stern aus all den Niederlassungen an den Herausgeber
adressieren, in denen sie von ihrem eigenen Umkreise und
von Besuchen bei Brüdern und Schwestern im Lande und
in der alten Heimat berichten. Diese Briefe, interessante
und sympathisch berührende menschliche Dokumente,
füllen die Hälfte des Blattes aus. Es ist in ihnen von
Sonnenschein und Hagelschlag, von Hochzeiten, Taufen
und Sterbefällen die Rede, von Glück und Unglück der
Gemeinde und ihrer Kinder, in einem redlichen, herz-
lichen Bauerndeutsch. Sie schließen mit dem Rat, die
Brüder und Schwestern mögen diesen und diesen Psalm
wieder lesen und beherzigen. Und ich weiß, sie tun es
und lesen die Psalmen ringsum in dem weiten Land, ehe sie
nach dem Erntewetter hinausschauen aus den Fenstern
ihrer Häuschen.
Mit dem guten Recht des Reisenden habe ich manches
von dem, was ich unter den Menschen Ältonas sah, hörte
und fühlte, für mich behalten. Vielleicht ist es nicht recht
und ein Widerspruch, wenn ich mich schon jetzt ein wenig
nach dem Abend zwischen den schönen, an Hessen und
Thüringen gemahnenden Häuschen und Blumengärtchen
von Altona zurücksehne. Aber ohne Rückhalt und von Her-
167
zen grüße ich nach dem kleinen blauen Holzhaus hinüber,
in dem Ehrwürden Hansen, der Dichter „Wilhelm vom
Strande'^ mit seiner guten Frau seinen Lfebensabend be-
schließt. Vor zwei Menschenaltem kam er aus Swine-
münde herüber und ist ein Pionier der reformierten Deut-
schen in den Staaten und der Dominion geworden. Seine
Gemeinde hier in Ältona ist fast ganz weggestorben um
den Greis. Aber es ist darum noch genug Gegenwart um
ihn — wir gehen vor das Häuschen hinaus, zwischen die
Blumenrabatten und Obstspaliere und sehen zu, wie der
jüngste Sohn Ehrwürdens, ein frischer, ganz englisch aus-
sehender Kanadier, das Vaterhaus mit schöner blauer
Farbe vom Boden bis zum Giebel neu anstreicht!
ESTERHAZY IN SASKATCHEWAN
Dpr Magyare steht da, die eine Hand hat er in tränen-
reicher alkoholischer Heiterkeit hinter sein linkes Ohr
gepreßt, in der Rechten über seinen Kopf erhoben hält
er den Cocktail in die Höhe und singt dazu :
„Ha bemegyek, ha bemegyek
Esterhäzy — Bar-ba,
Räszolok a, raszolok a
Czigänyra !
Huzd ra czigany" usw. ...
Dabei hat er sein Lebtag keinen Zigeuner gesehen, er
ist schon in Pennsylvanien als Sohn eines Kohlenberg-
manns zur Welt gekommen, steht jetzt hier, in der Bar
des Hotels in Esterhazy, Provinz Saskatchewan, und
spricht sogar in der absoluten Betrunkenheit das reinste
Ungarisch, das man sich denken kann. Und im übrigen
gibt es gar keinen Zigeuner hier und anderswo, weit und
breit, höchstens ein Grammophon.
Im Ort hatte es sich bald herumgesprochen, daß ein
ungarisch redender Fremdling im Hotel abgestiegen sei.
Bald flogen die Dollar nur so auf den Schanlftisch, und ich
i68
lernte die ungarische Gastfreundlichkeit hier herüben unter
Kopfschmerzen und allen Symptomen einer leichteren
Fuselvergiftung kennen.
Der schlaue irländische Giftmischer hinter der Bar kann
schon ungarisch schimpfen und fluchen und gibt auf den
Dollar siebzig Cent zu wenig heraus, wenn sich der Ungar
über die fremdartige Aussprache von , ,basszama teremtette* *
schüttelt. Es ist eine feine Atmosphäre von Besoffenheit
ringsum zu spüren.
Mr. Greenway in Ottawa und Mr. Walker in Winnipeg
waren einstimmig in der Versicherung, wie hoch die
Regierung die Ungarn in der Dominion schätze^ Gute, ja
vorzügliche Farmer, und „most law-abiding Citizens" oben-
drein. Law-abiding, das war überhaupt das zweite Wort,
das ich in all den Regierungsbureaus zu hören bekam.
Ich hatte den Fehler begangen, ein bißchen zu viel von
den Duchoborzen und den Mennoniten und all diesen
Eigenbrödlern und Sonderbündlern und von der Toleranz
der Regierung zu reden. So bläute man mir dieses Wort
law-abiding mit Hammerschlägen ins Gehirn hinein.
Sind's die Einwanderer nicht von selber — aber sie sind's,
es geht ihnen ja gut, — so läßt es sich die Regierung ange-
legen sein, sie in kurzem dazu zu machen. Und die Ungarn
sind es schon, sind schon gesetzestreue Bürger, wenn sie
Kanadas Boden unter ihren Füßen haben.
In Ottawa hat man mir Wagen und Automobile ver-
sprochen, die mich auf dem Lande herumkutschieren
sollten. Herr Walker aber bedauerte unendlich, es war grad
die hohe Erntezeit und alle seine Regierungsautos sausten
mit Kommissären in den Erntegebieten herum. Mir war's
recht, die Staatsautomobile hätten mich ja doch nur auf
die Renommierfarmen mitgenommen, auf denen der
Fremde dann die Hände über dem Kopf zusammen-
schlägt vor Begeisterung. Ich kam nach Esterhazy, um
irgendeine rechtschaffene Durchschnittsfarm eines unga-
rischen Weizenbauers anzusehn und dabei zuzuschauen,
was dieses gute englische Land aus einem ungarischen
169
Bauern zu machen inistande ist. Der daheim in der
Quetschmühle zwischen dem Pfaffen, dem Erbadel, dem
Juden und den kinematographisch rasch wechselnden und
sich ablösenden Regierungen seinen blutigen Schweiß
verspritzt.
In allen Orten Kanadas findet man bedruckte Tafeln
in den Hotelzimmern: „Bitte nicht auf den Boden zu
spucken P' „Bitte die Streichhölzer nicht an den Wänden
anzustreichen!*' „Gedenke deines Schöpfers, wenn du
zu Bette gehst und wenn du aufstehst!" — hier aber, in
Esterhazy, stand auf der Tafel :
„Hasardspiel in den Zimmern streng verboten!"
Auch war das vornehmste Firmenschild, das ich auf der
Hauptstraße erblickte, nicht das des „General Store" ge-
wesen, sondern es hing über dem Laden eines Rechts-
anwaltes. Die Ungarn sind ein Juristenvolk, und das
Nationalübel ist das Kartenspiel. Hier war ich wahr-
haftig in einem bis in die Wolle gefärbten Ungarn.
Auf ging die Tür der Bar, und zwei Gestalten kamen
herein. Die eine, ein kleiner bedächtiger, wie ein Städter
angezogener Mann, war Herr Soundso — der erfolgreichste
Farmer dieser Gegend, wie man mich mit ehrerbietigem
Seitenblick versicherte, Besitzer von zwei Quadratmeilen
besten Landes hier herum, eine Persönlichkeit, die ihr ge-
wichtiges Wort mitzureden hatte in der „township". Der
Begleiter dieses vsdchtigen Mannes war ein junger Mensch
mit Großstadtallüren, von der Gelenkigkeit der Leute,
denen es dran liegt, rasch etwas zu erreichen, und die es
auch tun müssen, aus naheliegenden Gründen. „Zweite
Klasse der Heilsarmee", sagte ich mir gleich. Und wirk-
lich — es verging keine halbe Stunde, da hatte er mir schon
erzählt, er und seine Frau seien mit der Heilsarmee nach Mon-
treal, weil man, fährt man mit der, mehr für sein Geld hat !
Sohn eines Budapester Millionärs. Weit in der weiten
Welt herumgekommen, während daheim der Vater die
Millionen verspekulierte. Jetzt ist er in politischer Mission
unter seinen Landsleuten da. Die Konservativen haben
170
Ungarische Farmer in SaikaUhewan
ihn hergeschickt, damit er den einflußreichen Farmer
Herrn Soundso, der für den Liberalen „arbeitet", herum-
kriege, oder, wenn das nicht geht, ihm ein bißchen seine
Effekte verpfusche. Gelingt ihm das, und ist man an
maßgebender Stelle zufrieden, so wird er sich hier im
Kreis niederlassen, das dankbare Gewerbe eines Rechts-
anwaltes ausüben, unter seinen leidenschaftlich prozessie-
renden und in Grund und Land spekulierenden Lands-
leuten. Da ist also der dritte spezifisch magyarische Typus,
der „Cortes", Wahlagitator, eine Kreuzung des Juristen
und Kartenspielers, mitten in der fruchtbaren Prärie an
Der liberale Farmer nimmt Herrn Bahnarbeiter A. in
die Ecke, derweil lauert der konservative Eimillionär über
seinem Cocktail in der anderen Ecke. Herr A. wird mit
einem Lächeln und Händedruck entlassen, und der Farmer
wendet sich Herrn Sattlermeister B. zu, der darauf ge-
wartet hat und dessen Miene ausdrückt, er fühle sich wohl
geschmeichelt, aber es wird nicht so leicht sein. Der Kon-
servative schlängelt sich an Herrn A. heran und schielt zur
Gruppe um Herrn B, hinüber. Das politische Geschäft
A — B, B — C, C — D geht langsam daa ganze Alphabet lang,
und' der irische Spitzbube sieht hinter der Bar dem Cre-
scendo schmunzelnd und beherrscht zu.
171
Der Konservative hat sich mit seiner Frau draußen auf
der Farm des Liberalen niedergelassen. Morgen abend
ziehen sie, der Liberale mit etlichen Dollar, der Konser-
vative mit einem Sack voll Versprechungen, einander gut
bewachend und belauernd auf die Dörfer in weitem Um-
kreis, der Umkreis ist aber dem reziprozitätslüsternen
Liberalen so gut wie sicher.
Hier werde ich keine Renommierfarm zu sehen kriegen,
um so besser. Aber es ist einer, der groß geworden ist
dahier, dieser pfiffige kleine Ungar mit seinen zwei
Quadratmeilen. Er ist seine hunderttausend Dollar
,,wert"; als er hereinkam, hatte er ganze 75 Cent in der
Tasche. Erreichen seine Söhne das gesetzmäßige Alter,
so wird er sie jeden 160 Acres aufnehmen lassen, und die
Familie wird an Reichtum zunehmen. Zudem baut jetzt
die Canadian Northern eine Linie quer an seinem Gut
vorbei, er hat also sein Land nur zu halten, es arbeitet
für sich, in zehn Jahren wird es das Fünffache wert sein,
wenn sein Besitzer nur warten kann.
Er wartet auch, das sehe ich.
Draußen auf dem Feld der väterlichen Farm arbeitet
der fünfzehnjährige Sohn, während der Vater mit
dem Gast im Land herumfährt, um die Fahne für Sir
Laurier zu schwingen. Die Familie (und das Exmillionärs-
paar) wohnt in der Lehmhütte, die der Farmer, als er
arm hereinkam, mit eigenen Händen gebaut hat. Er er-
klärt mir auf meine Frage, daß das Geld, das man in ein
Wohnhaus stecke, doch keine Zinsen trägt! Draußen
vor der Hütte faulen ein paar Bindemaschinen, schon alt
gekauft und seit Jahren außer Gebrauch. Das zahlreiche
Vieh übernachtet in einem Stall, in den's oben hinein-
regnet. Die jüngsten Sprößlinge des Zweimeilen-Be-
sitzers laufen zwischen dem Düngerhaufen und den Ferkeln
in kleinen dreckigen Hemdchen herum und haben sonst
nichts an. Zwei Drittel des Landes liegen brach — das
Land arbeitet ja für sich.
172
Hundert Schritt weit vor dem Haus, in einem Birken-
wäldchen, liegt ein totes Pferd schon den dritten Tag.
Vorgestern Nacht hat der Coyote (Steppenwolf) sich,
vom Gestank gelockt, an das Aas herangemacht, ihm den
Bauch aufgebissen und die Leber herausgeholt. Der brave
Fido hat den Räuber gestellt, man kann da hinten beim
Roggen noch die Leber sehen, die seinem Maul entfiel
bei der Flucht.
Die Familie unternimmt jetzt alltäglich Ausflüge ins
Wäldchen, um nachzusehn, ob die Maden im Bauch des
Pferdes zugenommen haben. Ich werde als Weichling
tüchtig ausgelacht, weil ich an dieser Vergnügung nicht
teilnehmen will.
Der einzige Schmuck der Lehmhütte ist ein halbes
Dutzend Heiligenbilder in nachgemachten Goldrahmen.
Dieser Anblick bringt mir eine Geschichte in den Sinn,
die ich in Winnipeg vom Seelsorger der ungarischen Ge-
meinde gehört habe, und die ich nicht unterschlagen darf,
denn in ihr steckt etwas von der Zukunft Kanadas, eine
kleine, faule, widerwärtige Perspektive sozusagen.
Ich habe mir wahrhaftig nicht die Mühe genommen, all
die Broschüren durchzulesen, die sich auf den Hader der
konfessionellen Parteien beziehen und die mir in großer
Menge unter Kreuzband und in Paketen ins Felsengebirge
nachgeschickt wurden. Hier steht, was ich mir von der
Angelegenheit gemerkt habe: Die Ungarn lieben es, ihre
eigenen Geistlichen aus der alten Heimat herüberzuholen,
um am Sonntag in ihrer eigenen Sprache von der Kanzel
herab angeredet zu werden. Die ungarische Geistlich-
keit zeichnet sich durch liberale Anschauung aus, und
diese stimmt mit der politischen Richtung der Gemeinde
überein. Die katholische Geistlichkeit Kanadas, die aus
Franzosen und Belgiern besteht, war mit diesem Stand
der Dinge nicht zufrieden. Was geschah? Ein belgischer
Geistlicher wurde insgeheim nach Ungarn geschickt, um
die Sprache zu erlernen. Jetzt bearbeitet er von der
Kanzel herab, in einem schauerlichen belgisch-franzö-
173
sischen Ungarisch, seine Schafe für die politischen Zwecke
seines Bischofs. Wenn der Exmillionär Rechtsanwalt in
Esterhazy wird, kann er nichts Klügeres tun, als sich mit
dem guten Pater P. auf du und du zu stellen.
Da habe ich nun leider Gottes eine Farm im ertragreich-
sten Gebiet des Weizenlandes gesehen. Dort, wo die
Millionen hinziehen sollen, die es nach Brot gelüstet. Ich
kann nichts dafür, wenn das Idealbild, das mir auf dem
Ontario vor Augen erschien, weiter von der Wirklichkeit
fortgleitet, wenn ich nach dem Westen komme. Diese
Farm bei Esterhazy ist — vermutlich — keine typische
Farm des Weizenlandes im Innern Kanadas. Um so
schlimmer. Herr Bruce Walker hätte mir ein Regierungs-
automobil mitgeben sollen!
DIE DUCHOBORZEN UND PETER VERIGIN
Ich sagte Herrn Walker: ,,Von den Duchoborzen geht
die Sage um, daß sie sich zuweilen, mitten während
der Ernte oder auch im Winter, auskleiden, und Männer
und Weiber ziehen nackt und jammernd durch die Felder,
Christum zu suchen, der sich irgendwo in der Nähe auf-
halten soll."
Mr. Walker: ,,Well, das ist vorgekommen. Aber ich
habe sie dann so lange ins Gefängnis und in die Irren-
häuser gesteckt, bis ihnen die Lust an ihren Märschen ver-
gangen ist."
„Verzeihen Sie — aber dazu sind doch diese armen
Leute nicht aus Rußland herübergekommen! Dort hat
man sie auch so lange in Gefängnisse und Irrenhäuser
gesteckt, bis — "
,,A11 das können wir hier nicht brauchen. Was wir
hier wollen, sind gute, gehorsame Bürger, „law-abiding
Citizens". Übrigens hab ich den Duchoborzen bei der
letzten Gelegenheit gesagt, in ihrem eigenen Interesse
gesagt: wenn's euch nächstens wieder mal nach Christus
«74
verlangt, schreibt mir eine Zeile, ich will ihn euch
schicken."
Also sprach Mr. Walker. Man kann nicht anders, als
ihm recht geben. Ein Nacktmarsch, von zweitausend
Menschen im Winter ausgeführt, ist keine sehr gesunde
Turnübung. Auch das Vieh in den Ställen fährt nicht gut
dabei, das nach drei Tage währendem Hunger, weil nie-
mand nach dem Futter sieht, in den Ställen verreckt
oder aus den Ställen bricht und dann von den Behörden
eingefangen werden muß — damit die unglücklichen Be*
sitzer, wenn sie von ihrer vergeblichen Expedition zurück-
kehren, es nicht im Schnee mit allen Vieren nach oben
vorfinden !
Die Duchoborzen haben ihren letzten Marsch vor fünf
Jahren vollführt. Fährt man durch ihre sauberen Dörfer
im Norden von Saskatchewan und sieht ihre breiten Ge-
sichter hinter den Fenstern ihrer Giebelhäuschen oder
zwischen den Sonnenblumen in ihren netten Gärtchen
auftauchen, so glaubt man nicht an gefährliche Fanatiker,
sondern daß es brave, bescheidene Muschiks sind, die da
hausen. In Wahrheit sind es die einzigen Menschen, die
heute in Kanada unter dem wirtschaftlichen Prinzip des
Kommunismus beisammen leben, in einer Reservation,
wie alle, die sich der Staatsform nicht bequemen wollen,
unter deren Schutz die law-abiding Citizens ringsum ihren
Kohl bauen.
Ich wohne beim Müller, der ein Schotte und Vor-
arbeiter in der Mühle ist, wo der Weizen der ,,Doukhobor
Community" zu Mehl vermahlt und in Säcken bis nach
Liverpool und Schanghai versendet wird.
Freund Kon in Winnipeg, der Immigrationsagent der
Grand Trunk Pacific und väterlicher Freund und Berater
aller Ankömmlinge slawischer Herkunft, die sich in den
von der Grand Trunk-Bahn eben erschlossenen Weizen-
ländern im Norden niederlassen wollen — Freund Kon
hat mir geraten, nach Verigin zu fahren, ins Reich des
,,Duchoborzen-Zaren" Peter Verigin, statt nach den
175
Duchoborzen- Kolonien Elbow und Buchanan, die man
mir in Ottawa genannt hat.
Freund Kon kennt die Russen hierzulande, wie er sie
in seiner alten Heimat kennt. Die alte' Heimat gedachte
Freund Kon ein bißchen zu henken wegen irgendwelcher
politischen Vorurteile. Vor drei Jahren noch hat er, als ein
Armer, als der er herüberkam, oben in Alberta mit einigen
seiner Landsleute Bäume im Urwald gerodet, Schwellen
gelegt, Schienen an die Schwellen geschraubt — heute
sitzt er zwischen den Oberen der Grand Trunk Pacific
und hilft die Schicksale des Systems lenken — eine
kanadische Karriere unter Tausenden, die sich in der neuen
Heimat in die Höhe entwickeln.
Ich brachte von ihm einen Brief an seinen alten Kame-
raden Sam Batschurin mit, und einen zweiten an den
Sekretär der kommunistischen Gesellschaft. Der Prä-
sident der Gesellschaft ist ,,Zar" Peter, und der Ort ist
nach ihm benannt. —
Den ,, Zaren" möchte ich für mein Leben gern von An-
gesicht sehen. Leider wird's nicht möglich sein. Er ist
in Britisch- Kolumbien, wo er Obstland für die Ducho-
borzen aufgenommen hat, die das harte Winterklima hier
oben im Norden nicht mehr aushalten. Erst in zwei bis
drei Tagen wird er zurückerwartet — wenn ich Geduld
hätte, so lange zu warten? Nein, es geht nicht. Schade!
sagt der Müller. Ein großer Mann ! Aber ich muß darauf
verzichten, diesen Kommunisten-Zaren von Angesicht zu
schauen. Auch seinen Sekretär werde ich nicht sprechen
können, der ist ihm nach Yorkton entgegengefahren.
(Yorkton . . . wo habe ich diesen Ortsnamen gehört?
Der Tonfall, in dem man mir dieses Wort sagt, bringt
mir die Szene ins Gedächtnis zurück: vor vier Tagen, als
ich von Brandon, Manitoba, nach Esterhazy fuhr, um
sechs Uhr früh — sprang da im Zug plötzlich ein Mensch
auf und fing wie verrückt im Wagen herumzulaufen an :
Stop! stop! Er wollte ja nach Yorkton, und dies sei der
verkehrte Zug!
176
Er war ein großer stämmiger Mann, halb wie ein Städ-
ter, halb wie ein Bauer angezogen, in einem billigen
schwarzen Anzug, Hemd ohne Kragen, die Haare in die
Stirn gekämmt. Die Tränen standen ihm in den Augen,
er stotterte heiser, englisch war nicht seine Muttersprache,
er wollte wahrhaftig aus dem mit voller Kraft fahrenden
Zug hinausspringen, der Kondukteur und ich, die der
Tür zunächst saßen, wir hatten beide Mühe, ihn an den
Armen zurückzuhalten . . .
Bei der nächsten Station sahen wir dann den breiten
Rücken des Mannes im Sonnenschein glänzen. Mit seinem
Regenschirm unterm Arm lief er, in einem vom Anfang
an systematischen Trab, den Schienenweg entlang nach
Brandon zurück — die zwölf Meilen nach Brandon zu-
rück — Staunen und Gelächter aus den Coupefenstern
hinter ihm her. )
Ich habe Sam Batschurin beim Abladen von Holz
aus einem Waggon angetroffen und habe ihm meinen
Brief übergeben. Er ist kein Farmer, sondern Kutscher
in einem livery-stable. Heute nachmittag wird er einen
Wagen anspannen und dann fahren wir ein bißchen herum
in die Dörfer.
Der Müller fragt mich, ob ich Peter Verigin jr., den
Neffen des großen Peter, in der Mühle besuchen will?
Das will ich, gewiß. Und dann finde ich den jungen
Verigin zwischen den Mehlsäcken. Er spricht ganz gut
englisch, er scheint es gewöhnt zu sein, Fremden über die
Angelegenheiten der Duchoborzen zu berichten, auf meine
Fragen kriege ich gut hergerichtete und unverfängliche
Antworten zu hören, wir reden laut, denn über uns don-
nert und schüttert das Werk der Mühle.
Er ist ein junger Mensch mit einem ehrlichen russischen
Gesicht. Er wird ein bißchen rot, wie er von seiner Re-
ligion spricht. Ich glaub's ihm gerne. Es ist gewiß hart
für einen, der seine zehn oder mehr Stunden angestrengt
arbeitet, Sätze auszusprechen wie diesen: ,, Christus ist
12
^77
immer leibhaftig zwischen uns!*' (Soll das im übertragenen
Sinne oder im Sinne der Marschierer gemeint sein? Die
Antwort ist geschickt präpariert.) „Ich glaube an den
Himmel!'* (An die Hölle aber glaubt er nicht.)
Er will es nicht wahr haben, daß sein Onkel der Zar sei.
Ich beruhige ihn, das sei ja nur so eine Redensart; aber
er ereifert sich: Alle, alle sind gleich! Er zeigt auf die
Marken der Säcke: ,,DoukhoborCommunit7'Sals ob das
ein Beweis wäre. Ich habe das Gefühl: Der will oder
darf nicht reden. Darum halte ich ihn nicht länger von
seiner Arbeit zurück.
De Duchoborzen sind vor zwölf Jahren aus Rußland
herübergekommen, wo sie als gefährliche Narren und
Anarchisten verfolgt und dezimiert wurden ihr Leben
lang. Sie sind Vegetarier und töten weder Tiere noch
Menschen. Sie weigern sich, Waffen in die Hand zu
nehmen, die den Zweck haben, ihresgleichen damit den
Garaus zu machen. „Dem Cäsar geben, was des Cäsars
ist," steht nicht in ihrem Katechismus. Die Quäker in
Pennsylvanien, Massachusetts und England waren es, die
diesem armen Volk die Mittel verschafften, daß es her-
überkommen konnte — aus dem Land, wo man es sterben
und verkommen ließ. Arm, wie Gott sie geschaffen hat,
sind sie herübergekommen. Immer waren sie fleißig und
bescheiden gewesen, aber das heilige Rußland hat ihnen
Hab und Gut konfisziert und entwendet, sie nach Sibi-
rien und in die Gefängnisse gesteckt, bis sie schwarz ge-
worden sind. Peter Verigin selbst, der drüben, obzwar
ein Mann von höherer Kultur und Wissen, ein Bauer und
Hirt unter seinen Glaubensgenossen war, ist i8 Jahre lang
aus einer Festung in die andere getrieben worden, hat mit
Schellen an Händen und Füßen Sibirien durchquert in
den harten Jahreszeiten ....
Jetzt zählen sie hier herüben 8000 Seelen. Sie hausen
in Saskatchewan und am Kootenay in Britisch- Kolumbien.
Von den 8000 sind 6000 Kommunisten. Sie leben hier um
178
den Ort Verigin herum in 42 kleinen Dörfern und haben
ungefähr 100 000 Acker Landes, die ins Grundbuch in
Yorkton, wie man mir sagte, auf den Namen des Präsi-
denten Peter Verigin eingetragen sind.
Jedes dieser Dörfer wählt drei Männer und drei Frauen,
diese sehen nach dem Wohl und Wehe der Männer und
Frauen ihres Dorfes, es geht zu wie im Alten Testament.
Einmal im Jahr kommen die Zweiundvierzigmalsechs zu
einer Versammlung zusammen, in der die Angelegen-
heiten der ,, Community" besprochen werden. Es ist ein
Warenhaus da, aus dem jeder nach Maßgabe seiner Arbeit
und seiner Bedürfnisse herausholt, was er braucht, und
eine Kanzlei mit großen Büchern, in denen jedem gut
und zur Last geschrieben wird, was er schafft und ver-
braucht. Für die Kinder und die Alten sorgt die ,, Com-
munity". Dieser edle Zug wird mir von den Kommu-
nisten nachdrücklichst eingebläut.
Ein Trommler (so heißen im Volksmunde die Hand-
lungsreisenden) versichert mich, daß die Duchoborzen
auf ihrem ihnen von der Regierung reservierten und
ihrem dazu erworbenen Land heute drei Millionen Dollar
„wert" sind. Er irrt sich und sagt : Peter Verigin sei diese
drei Millionen „wert".
Ich verbessere;
„Sie meinen die Communitv."
Der Trommler erwidert: ,,Ich meine Verigin."
„Die Community!"
,,Verigin!"
Ich: „Aber dies alles hier gehört doch der „Com-
munitv!"
Darauf lacht der Trommler: ,,Yep, Siree, also meinet-
wegen, die Community.". —
Jeder Einwanderer wird, wenn er drei Jahre lang in
Kanada gewohnt hat, von der Regierung aufgefordert,
Kanadier zu werden. Kanadier zu werden ist nicht schwer
und die Prozedur äußerst einfach. In einem Bureau in
Montreal habe ich gesehen, wie es gemacht wird. Ein
12'
179
junger Mann kam herein, trat an einen Schalter heran,
legte zwei Finger seiner rechten Hand auf eine kleine
fleckige Bibel, während er in der linken derweil seine
brennende Zigarette hielt — der Beamte kritzelte etwas
auf einen Bogen, dann kam der nächste heran. Alles dies
ging einfach und rasch zu, wie beim Barbier.
Die Duchoborzen aber weigern sich, die beiden Finger
aufs Buch zu legen. Das Land, auf dem sie sitzen, fällt
infolgedessen nach drei Jahren an die Dominion zurück.
Die Dominion leiht ihnen pro Kopf 15 Acker, die ihnen
aber auch jeden Augenblick genommen werden können.
Wie kommt es nun, daß das Land in Yorkton auf Veri-
gins Namen ins Grundbuch geschrieben steht ? Der Post-
meister, ein deutscher Mennonit, hat früher im Amt in
Yorkton gearbeitet und die Eintragung mit eigenen Augen
gesehen. Wie das kam, weiß er mir nicht zu sagen.
Was geschieht, wenn „Königliche Hoheit", wie der
Postmeister sagt, einmal die Augen schließt? Dann fällt
das Land an die Kommunität zurück, sagen die Getreuen.
Dann gibt's einen Kampf aufs Messer, sagen die Rebellen,
sagt auch Sam Batschurin.
Sam ist 25 Jahre alt und hat Weib und Kind und seine
alte Mutter im Dörfchen Terpenje wohnen. Sam
gehört nicht mehr der Kommunität an. Er sprüht Blitze,
wenn er von der Kommunität spricht, die er übrigens
wie ,,Kominutom" ausspricht.
„Foolish people!" Wer? Die ,, Kommunisten**. Er
selbst hat jahrelang für die Kommunität gearbeitet. Hart
und von früh bis spät. Er für sein Teil hat es satt, sagt er,
für Peter Verigin zu arbeiten. Es heißt: jedem der Kom-
munisten werden jährlich für seine geleistete Arbeit 200
Dollar in den Büchern der Gesellschaft gutgeschrieben.
Hat er keine Lust mehr, für die Allgemeinheit zu arbeiten,
so erhält er beim Austritt sein Guthaben auf den Tisch
gelegt. Sam und seine Familie aber haben, als sie nach
jahrelanger Arbeit austraten, 15 Dollar erhalten. Sam
180
ist jetzt Kutscher in einem Liverystable und Knecht eines
Kanadiers. Mit ihm ist sein ganzes Dorf aus der „Ko-
minutom" ausgetreten.
Terpenje ist nicht der einzige Ort, der nicht mehr zur
Kommunität gehört. Es gibt eine ganze Anzahl von
Dörfern unter den 42, die Verigin untreu geworden ist
und einfach nichts herausgezahlt bekam beim Austritt,
obzwar sich in der Zahl Dörfer befinden, deren Bewohner
ein Jahrzehnt und darüber für die Kommunität gearbeitet
haben. Alles, worauf die Leute Anspruch hatten, blieb
einfach in der Kasse der Kommunität begraben.
Wir kommen in Terpenje an, und Sam hält vor seinem
kleinen sauberen Häuschen. Sam benutzt die gute Ge-
legenheit und stattet seiner Familie eine Visite ab. Seit
er nicht mehr für Verigin sondern in einem Job arbeitet,
kommt er nur einmal in der Woche, am Sonntag, dazu,
seine Familie zu sehn.
Dies ist ein Häuschen der Armut, aber wie hübsch und
wohnlich und bunt doch im Vergleich zur Lehmhütte
des Ungarn in Esterhazy! Sams alte Mutter und seine
schöne junge Frau kommen uns auf der Schwelle entgegen,
und es wird mir unter stummen Verbeugungen eine
Schale Wasser gereicht.
Sams Frau hat ein sorgenerfülltes Gesicht; sie hält ihr
zehn Monate altes Kind Polja auf dem Arm; Polja ist
immer krank und hat ein wachsgelbes Gesichtlein unter
dem buntesten WoUmützchen, das ich mein Lebtag ge-
sehen habe ! Die Familie fühlt sich längst nicht mehr wohl
in der Duchoborzengegend und denkt daran, nach Mexiko
auszuwandern. Bald ist die hübsche Stube voll von Men-
schen aus Terpenje. Sam macht den Dolmetscher und ich
probiere, so gut ich kann, die politischen Verhältnisse in
Mexiko den Leuten darzustellen, um sie von ihrer unglück-
lichen Idee abzubringen. Sie wollen, was sich bietet, an-
nehmen, aber das gute Obstland, im Kootenay, wo von
Verigins Gnaden schon 2000 der Ihren sitzen, lockt sie
nicht. Sie wollen Homesteaders werden und haben genug
181
von Kominutom. Nur die Alten und Ältesten sind dem
alten Glauben und Verigin wirklich noch ergeben. Die
Jungen wollen, offen oder versteckt, heraus; ja sogar der
Neffe Peter, der mir heute in der Mühle von seinem Volk
erzahlt hat, sucht eine homestead! Wenn Onkel Peter
zurückkehrt, wird er es zu seiner großen Verwunderung
erfahren.
Sie hassen die Zurückgebliebenen und hassen den Zaren.
Sie schicken ihr Korn lieber in eine englische Mühle, sie
haben es satt, für den Zaren zu arbeiten. Er hat sie kurz
gehalten zur 2^it, da sie für die Kommunität gearbeitet
haben, hat es verhindert, daß sie Schulen haben, englisch
oder auch nur russisch schreiben und lesen lernen; all dies
mit Christus als Rückendeckung.
Freilich, er hat sich nicht selber zu ihrem Führer aufge-
worfen. Der Geist kommt über die Gemeinde und der
Geist nistet sich in Einem der Gemeinde fest ein. Zuletzt
war's eine Frau, die an der Spitze der Duchoborzen stand;
als sie starb, hat sie Verigin als ihren Na'chf olger bezeichnet,
und Peter, der daheim in Rußland wahr und wahrhaftig
ein Märtyrer gewesen ist, i8 Jahre seines Lebens lang,
ist jetzt nicht nur der Zar, sondern so etwas wie der
Christus der Duchoborzen — die ihm blind ergeben fol-
gen — bis auf die Abtrünnigen, wie gesagt.
Sams Leute und ich nehmen unter tiefen Salamaleks Ab-
schied voneinander; ich streichle noch einmal dem armen
kranken Kinde Polja über die gelben Wängelein; dann
knallt Sam mit seiner Peitsche und die beiden v^lden
Bronchos sausen im Hui durch die Felder landeinwärts.
Ich frage Sam nach den Sitten und Gebräuchen, die im
Familienleben gang und gäbe sind. In sexuellen Dingen
gibt's keine ,, Kommunität" bei den Duchoborzen, das
ist eine Verleumdung durch böse Zungen. Freilich der
Zar soll kein Kostverächter sein, und die Erbitterung
unter den Leuten geht auch auf diese Ursache zurück,
das höre ich nicht von Sam allein. Wirklich, die Frauen
dahier sind außerordentlich hübsch. Die Duchoborzen
182
heiraten sehr früh, die meisten mit i6 bis 17 Jahren. Mag
ein Junge ein Mädchen und dieses ihn, dann kommen an
einem Sonntagnachmittag die Eltern zusammen, bespre-
chen die Angelegenheit, und die beiden sind Eheleute vor
Gott und der Gemeinde.
Wir kommen in einen kleinen Ort, ich glaube, sein
Name ist Nadjeshda — in dem die Duchoborzenkirche
steht. Die ICirche ist ein großer Saal mit einem Holz-
tisch, auf dem ist ein Glas Wasser und eine Schale Salz.
Wenn Gottesdienst ist, tritt, je nachdem der Geist über
ihn oder sie kommt, einer oder eine aus der Gemeinde
hervor, tritt zum Tisch und predigt den übrigen von Gott
und Christus.
Im übrigen muß gesagt sein, daß, genau wie bei den
Mennoniten drüben, jedes der 42 Dörfchen eine eigene
Sekte vorstellt, mit eigenen Anschauungen und Gebräu-
chen. Der Vater des Postmeisters, ein alter Mann, der mit
ihnen haust, seit sie hier sind, sagt: er habe noch nicht
herausbekommen, was es mit ihrer Überzeugung eigent-
lich auf sich habe. In geschäftlichen und weltlichen Din-
gen sind's die ehrlichsten und vernünftigsten Leute, aber
in der religiösen Abteilung ihrer Gehirne sieht's trüb und
wirr aus. Von den achttausend sind bloß fünfunddreißig
wirklich wahnsinnig. Mit diesen, soweit sie nicht in
Brandon im Irrenhaus sitzen, sondern frei in den Dör-
fern hausen, haben die andern ihre liebe Not. Wenn's keine
besondere Veranlassung gibt, wie's damals im Winter
eine gab, fängt es regelmäßig im Frühjahr in diesen
Köpfen zu rumoren an. Da wirft zuweilen auf dem Felde
mitten während der Arbeit einer sein Gerät hin, reißt
sich die Kleider vom Leibe und beginnt in Zungen zu
reden. Die übrigen — wenn sie der Wahnsinn nicht
schon angesteckt hat — packen dann den Propheten zu-
sammen und stecken ihn mit dem Kopf ins Heu oder ver-
bergen ihn irgendwo ganz sicher, sie selber wollen keine
Kalamität mehr mit den Behörden haben. Wenn's aber
zu arg wird und der Tobsüchtige nicht mehr zu halten
183
ist, dann rufen die Kommunisten selber nach der Polizei.
Anderthalb Dutzend der Ihren sitzt fest im Irrenhaus in
Brandon. Andere haben sechs Monate Gefängnis ab-
gesessen — Rückfällige gar zwei Jahre ... Es sind junge
unter ihnen und ganz alte. Natürlich fördert die Un-
wissenheit, in der sie dahinleben, diese Anlage in ihnen.
Die Unwissenheit war auch schuld daran, daß sie, noch
vor Jahren, ihre Weiber als Ackergäule vor den Pflug
spannten und überhaupt die schwersten Arbeiten ver-
richten ließen (genau so sollen es die Indianer vor der
Ankunft der Weißen gehalten haben!). Bis dann die
Regierung sich ins Zeug legte. Jetzt haben sie Maschinen,
aber doch noch arbeitet die Frau am härtesten im Felde.
Sam will mich nach dem Dorf fahren, wo das Badehaus
der Gemeinde ist. Einmal in der Woche reinigen sie sich
im heißen Wasser, nach dem Gebot ihrer Religion. Die
Sonne aber geht schon unter, ich verzichte und werde das
Badehaus der Duchoborzen nicht mehr, erblicken. Fahr
heim, sage ich Sam. Und wir fliegen nach Verigin.
Der Posthalter hat mich zum Abendessen eingeladen, und
wie Sam vor dem Store hält, sehe ich drüben, jenseits
des Bahngleises, ein beleuchtetes und blumengeschmück-
tes Automobil in das Häuserviereck um das Warenhaus
der Kommunität einbiegen.
Von der Station, von allen Seiten her, laufen Leute
dem Automobil nach. Schon im Lauf nehmen sie die
Hüte ab — ich errate, quelle chance! Peter Verigin ist
es, Zar Peter ist angekommen!
So rasch ich kann, mache ich dort hinüber. Wie ich
drüben bin, steht eine Menschengruppe auf dem Platz
zwischen den Häusern, die Männer mit bloßem Kopf,
alle in einer Haltung, als wären sie in der Kirche dahier.
Vor ihnen steht ein großgewachsener, stämmiger Mann,
auch er hat den Hut in der Hand, wie die Menschen, zu
denen er spricht. Ich sehe seinen breiten Rücken, aber
ich kann vom Platze, an dem ich stehe, nichts davon
184
hören, was er sagt. Ich würde es ja auch nicht verstehen,
er spricht Russisch.
Er erzählt den Duchoborzen, was er in Britisch-
Kolumbien ausgerichtet hat. Er bringt ihnen Grüße
aus dem Kootenaytal. Hier und da verneigen sie sich,
sehr tief, voreinander, der Mann vor der Menge, die
Menge vor dem Mann. Es wird ganz dunkel, der Mond
kommt irgendwo herauf, ich stehe wie ein Reporter im
Mondenschein und warte auf die Gelegenheit, mich dem
Zaren zu nähern. Ich gehe um die Gruppe herum und
kann jetzt im Schein eines beleuchteten Fensters dem
Sprechenden ins Gesicht blicken.
Es ist der Ausreißer aus dem Brandoner Schnellzug.
Herrgott, sollten alle diese Anklagen, die ich heute
von fünf, sechs, sieben verschiedenen Seiten gegen diesen
Menschen habe vorbringen hören, falsches Geschwätz,
Neid und giftige Nachrede sein? Am Ende und im
Grunde ist dieser da weiter nichts als rin Fanatiker von
reinem Wasser, ein naiver Draufgänger und Gesichte-
seher, Stimmenhörer und in praktischen Dingen ein ver-
bohrter Bauer? Dieser russische Märtyrer, der um seines
Glaubens willen barfuß durch Sibirien gehetzt, in der
Schlüsselburg und Orel und der Paulsfestung gequält
worden ist und jetzt im Automobil dahergefahren kommt,
drei Millionen wert ist, vor all den anderen rund um ihn, die
nichts haben und nichts wissen , weil er es ihnen nicht erlaubt !
Nach langen und tiefen Verbeugungen trennt sich der
Redner von den Duchoborzen. Diese stehen noch eine
Weile aufgeregt miteinander redend auf dem Hof, der
jetzt ganz in Nacht gehüllt ist.
Ein Mann mit einer Laterne kommt an mich heran.
Es ist der Sekretär, der mit Verigin aus Yorkton eben an-
gekommen ist. Er hat gehört, ich habe einen Brief an
ihn, er muß nur erst das Automobil versorgen, dann
kommt er zu mir ins Bureau.
Die Duchoborzen stehen da und hören mit ehrerbie-
tigen Mienen das wüste Geknatter an, mit dem die an-
i8s
gekurbelte Maschine auf ihren Gummirädern rücklings in
die Scheune hineinfährt.
Im Bureau bringe ich dann mein Anliegen vor. Ich
möchte, da ich ja jetzt die Chance habe, Herrn Verigin
hier anzutreffen, an ihn zwei, drei kurze Fragen stellen
über die Community, am liebsten heute noch, sollte er
aber von der Reise zu müde sein, so morgen früh. Um
neun will ich morgen nach dem Westen weiter.
Der Sekretär ist müde, aber gutwillig. Ich sehe es ihm
an und kann's ihm nicht verdenken, daß er mich heim
zum Müller und sich in sein Bett wünscht, von Yorkton
sind's ja gut acht Stunden Automobilwegs bis Verigin.
Ich möchte also, wie gesagt, einiges über das wirtschaft-
liche Prinzip des Kommunismus, unter dem die Ducho-
borzen hier leben, zu hören bekommen. Der Sekretär läßt
sich das Wort communism, das ich ja ganz gut und deut-
lich ausspreche, einigemale vorsagen und zuletzt bittet
er mich, es ihm auf ein Blatt aufzuschreiben. Ich schreibe
also mit großen Buchstaben das Wort
„communism"
auf ein Stück Papier. Der Sekretär sieht das Wort an,
dann mich. Er versteht uns beide nicht, nicht das Wort
und mich auch nicht. Er weiß, "was Community ist, er
ist ja angestellt bei ihr, aber was communism bedeutet,
weiß er nicht, hat nie davon gehört.
Ich ziehe mein Notizbuch hervor und mache mir eine
Notiz: , »Sekretär kennt Bedeutung Wortes communism
nicht." Plötzlich wird der Sekretär munter. Er legt seine
Hand auf meine Schulter und will jetzt eine Auskunft
von mir haben.
Ich soll ihm erklären, warum ich in meinem Notizbuch
die Blätter nur auf der einen Seite beschreibe?
Ich erkläre ihm diesen Trick, diese technische Spitz-
findigkeit. Darauf begibt er sich, gähnend und todmüde,
mit dem Zettel, auf dem
„communism"
geschrieben steht, hinüber ins Nachbarhaus zu Peter Verigin.
186
Nach emer Weile höre ich, daß mir die Audienz für
morgen früh um acht bewilligt sei, und so bin ich nächsten
Morgen um acht, meine Handtasche auf dem Boden neben
mir, wie ein Reporter in der Morgensonne, zur Stelle
und warte auf Peter Verigin. — Er ist mit dem Automobil
auf dem Lande herum, und es wird halb und dreiviertel
neune. Endlich erscheint das Automobil am Horizont.
Verigin kommt, vom Sekretär geleitet, auf mich zu,
und ich sehe: er erkennt in mir auf den ersten Blick, mit
einem kleinen Aufzucken der Augenbrauen, den einen
von den beiden wieder, die ihn hinter Brandon verhindert
haben, aus dem Zug zu springen.
Über sein großes, offenes Gesicht geht die Unruhe
schnell dahin, dann bittet er mich durch den Sekretär,
der sein Dolmetscher ist, die Fragen zu stellen. —
„Halten Sie es für durchführbar, daß heute in einem
staatlichen Organismus Menschen unter dem wirtschaft-
lichen Prinzip des Kommunismus beisammenleben f"
Antwort: „Der Kommunismus, unter dem dieDucho-
borzen beisammenleben, ist kein wirtschaftliches Prinzip.
Er ist ein religiöses und kein soziales Prinzip. Wir alle
arbeiten für Gott und nicht für uns selber, darum be-
währt sich das System."
,, Befürchten Sie nicht, daß die Regierung eines Tages
den Stand der Dinge ändern und Ihnen nahelegen wird,
in den Verband des Landes einzutreten und sich Kanadier
zu nennen mit all den Verpflichtungen, die das mit sich
bringt?"
„Wir stehen sehr gut mit der Regierung und haben
eben im Kootenay das größte Zuvorkommen gefunden."
„Haben Sie Briefe von Tolstoi, aus denen man seine
Anschauungen über Ihre Stellung als Führer der Ducho-
borzen erfahren könnte? Sind diese Briefe jemals ver-
öffentlicht worden?"
„Herr Verigin war mit Tolstoi befreundet und besitzt
Briefe von ihm, die sich auf die Duchoborzen beziehen,
betrachtet sie aber als Privatbriefe."
187
„Wie erklären Sie sich, daß es unter den Duchoborzen
jetzt so viele gibt, die von der Kommunität, also von
ihrem alten Glauben, abfallen und es vorziehen, ihre
Existenz auf eigene Faust aufzubauen?"
Antwort: ,,Herr Verigin fürchtet, Sie werden Ihren
Zug versäumen."
Tiefe Verbeugung. Automobil ab.
So verlief mein erstes Interview mit einem Mächtigen
der Erde.
Ich hatte noch einige Fragen vor, darunter die: ob es
die Religion denn zulasse, daß Menschen die Erde Gottes
von anderen Menschen kaufen und an andere Menschen
verkaufen, wie ein Ding, das ihnen gehört?
Aber, wie gesagt, das Interview war zu Ende.
Ich habe auf meinen Zug, der Verspätung hatte, noch
drei Viertelstunden lang gewartet. Peter Verigin fuhr
derweil weit, weit draußen in seinem blumengeschmück-
ten Automobil den Horizont entlang auf sein Gut Otra-
dnoe zu, acht Meilen weit von der Station, die nach ihm
Verigin heißt und im nördlichen Saskatchewan gelegen ist.
STÄDTE UND LEUTE DES WESTENS
Ich habe zwischen Winnipeg und dem Felsengebirge ein
Dutzend Städte Kanadas gesehen, ein Dutzend und dar-
über, von allen Sorten und Preislagen sozusagen, von sol-
chen, die eben aus dem Ei herausgekrochen waren, bis zu
denen, die grad in ihre Flegeljahre eingetreten sind, denn
ältere gibt es nicht dahier.
Winnipeg selbst war vor 40 Jahren noch Fort Garry,
wo die Trapper und Felljäger der Hudsons Bay Company
ihre Biber, Füchse und Bären abluden, wo diese Füchse
ßich Gutenacht sagten — und zählte sonst nicht mit auf
Gottes weiter Erde. Heute wphnen dort 200000 Men-
§ch(5n,
188
Die Entwicklung dieser Stadt geht mit solch rapiden
Sprüngen vorwärts, daß sich ihrer Bewohner ein gelinder
Größenwahn bemächtigt hat. Wenn einer sich bis zu der
Prophezeiung versteigt: in 25 Jahren werde das Parla-
ment Großbritanniens in Winnipeg seinen Sitz haben, und
Buckingham Palace werde am Ufer des Red River stehen,
so darf man mit dem Finger einen Kreis um die Stirn
machen und weitergehn. Aber was soll man sagen, wenn
einem mit einem Stück Bleistift und Papier schwarz auf
weiß erklärt wird, auf welche Weise in zehn Jahren
Winnipeg Chicago überflügelt und den Welthandel aus
den Staaten zu sich herübergezogen haben wird?
Im Westen dahier muß man überhaupt seine Uhr
reparieren lassen und seine Zeitrechnung anders ein-
stellen als in der Welt draußen. Eine Rubrik in der Win-
nipeger Tageszeitung betitelt sich: „Looking backward",
und in dieser Rubrik stehen Ereignisse aus der vorge-
schichtlichen Zeit 1880 verzeichnet. Wie Montreal sei-
nem Maisonneuve, hat Winnipeg seinem Eroberer ein
Denkmal gesetzt. Ja, Besseres getan, diesen Eroberer
selber in eigener Person als Denkmal verwendet und ver-
wertet. Er steht gegenüber dem Bahnhof, in einem
Glashaus, trägt die Inschrift: Lady Dufferin und ist eine
Lokomotive, die Lokomotive Nr. i der Canadian Pacific
Bahn, 1 877 auf einem Schiff über den Lake Superior her-
über und auf frischgelegten Schienen hierhergebracht.
Einwanderer stehen andächtig vor diesem ehrwürdigen
Instrument und flüstern: „34 Jahre alt!"
Winnipeg hat sich auch schon ein paar Wolkenkratzer
beigelegt und ist stolz auf sie. Man könnte nicht sagen,
daß hier schon erheblicher Mangel an Raum herrsche, die
Prärie dehnt sich um Winnipeg herum, aber der Städte-
bengel prahlt auf seiner Hauptstraße mit den hohen
Häusern, die dem Fremden einen Beweis seiner un-
erhörten Vitalität liefern sollen. Der Fremde denkt an
ein gefährliches Spielzeug, ein Taschenmesser, das sich
der unartige Junge für sein erstes Taschengeld angeschafft
189
hat, und möchte Winnipcg, wenn's das gäbe, am liebsten
in ein Freevillc für Städte schicken, bis es großjährig wird.
Jugendlich und jugendprotzig ist hier alles. Menschen,
2^tungen und Firmenschilder schwelgen in Superlativen,
daß einem schwindlig wird. Eine ungesunde Habgier
schlägt sich, rasch, rasch, ehe die Weizenzüge, aus der
Prärie kommend, nach dem Osten weiterrollen, hier noch
den Wanst voll vom Ertrage der Arbeit in den Ländern
dort im Westen. Die Spekulanten kommen aus aller
Herren Ländern und spekulieren zusammen mit jenen, die
sich in den westlichen Weizengebieten Kanadas in den
letzten Jahren bereichert haben und nun ihr Geld in der
Stadt in die Höhe schießen lassen. Es gibt eine ortsan-
sässige Macht von Pionieren, Pionieren von gestern und
vorgestern, die heute die Plutokratie Winnipegs vor-
stellen, mit all den Merkmalen dieser Klasse auf dem alten
Kontinent.
Wenn ich mich für den Gedanken begeistert habe, daß
ein Armer aus der alten Heimat hier in kurzer Zeit sein
gutes Brot finden kann, so darf ich mich auch nicht
empören über den Anblick einzelner, die in kürzester
Zeit so viel Butter auf ihr Brot streichen konnten, daß
es ihnen jetzt fett von den Mundwinkeln hinunterläuft.
Die österreichisch-ungarische Amts- und Respektperson,
die mir die Kulturlosigkeit der Winnipeger Gesellschaft
vorklagt, befindet sich im Unrecht. Ich mache mir nichts
daraus, daß der Briefträger und Rübenpflanzer von vor-
gestern heute mit 60 Pferdekräften an den Wolkenkratzern
Winnipegs vorbeisaust und seine Ehehälfte mit dicken
Brillanten, die sie nicht gestohlen hat, vor drei Jahren
noch von den Besuchern ihrer Schankwirtschaft in die
Weichteile gezwickt worden ist. Die Söhne und Töchter
dieser Dreiviertelalphabeten und ganzen Patrizier werden
in zwanzig Jahren aufgeregt durch die Museen Europas
laufen und die Zivilisation mit Schöpfkellen in sich hin-
eingießen, und es wird nicht das schlechteste Menschen-
material sein, bei Gott. Es ist noch ein Unterschied
190
zwischen einer Entwicklung vom Boden der Erde aufwärts
und vom obersten Stock eines Bureauhauses aufwärts.
Rings um den steinernen Kern Winnipegs ist ein
kosmopolitischer Gürtel von hölzernen Vororten gelegt.
In den hölzernen Kirchen dort kann man an Sonntagen
allen Riten der Welt beiwohnen, in allen Sprachen der
Welt Predigten hören. Aus den Holzhütten werden an
manchen Stellen Ziegelhäuser, Backsteinhäuser aus diesen
und Marmorfassaden. Weit draußen im Felde stehen
riesige Bauten ganz einsam, Schulen, Seminare, Kranken-
häuser, die die Peripherie künstlich ausdehnen und hörbar
zur Stadt reden, also : komm rasch zu mir herausgelaufen !
Jenseits des Red Rivers aber, der die Stadt im Osten
in zwei ungleiche Hälften auseinanderschneidet, liegt das
rein französische Viertel St. Boniface. Ein Bischof hat
sich dort, mit allem was dazugehört, steinern breit und
solid eingerichtet, und die katholische Geistlichkeit, der
französisch-belgische Katholizismus, zehrt schon, wie eine
fette Zecke dahier, an dem gesunden Fleisch des kana-
dischen Schäfleins.
Der Entwicklungsgang einer Stadt im kanadischen
Westen ist folgender.
Zuerst kamen, selbstredend, die Schienen durch die
Prärie daher. An einer Stelle neben den Schienen wird
eine Holzhütte gebaut und auf diese wird ein Brett ge-
nagelt, das einen Namen trägt. Einen Namen, der in
fünf Minuten aus der engeren oder weiteren Länderkunde
oder Weltgeschichte gefunden wird. Sagen wir: Welling-
ton oder Karthago. Das nächste Gebäude, das Karthago
erhält, ist ein rotangestrichener Turm, der Weizenelevator
von Ogilvie, von der British- American Co. oder irgend
einer anderen Gesellschaft. Ihm gegenüber wird der
General Store hingebaut, der zugleich Postamt, Standes-
amt, Klub, geistliche und weltliche Behörde und Ver-
bindungsglied zwischen der Wüste und der Welt vor-
stellt. Dieses Gebäude ist von vorn gesehn doppelt so
191
groB, wie von hinten angeschaut. Seine Fassade steigt als
eine einstockhohe Bretterwand in die Höhe, wenn man
aber ums Haus herumgeht, so liegt das Dach flach auf dem
Erdgeschoß, und die erste Etage ist eine Erfindung des
unsterblichen Potemkin. Im Generalstore, den ein
schweißtriefender, arbeitsüberladener Pionier von einem
armseligen, zumeist schottischen Menschenkind ver-
waltet, findet der Farmer alles, was er braucht und
nicht selber produziert. Das nächste Gebäude, das
Karthago erhält, ist ein Schuppen mit der Aufschrift:
Mc Cormick oder Massey-Harris Farm-Implements. Das
sind die beiden großen Erntemaschinenfabriken, die
erste hat in den Staaten, die letzte in Kanada ihre
Werke.
Bringt es Karthago zu einem Hotel, das das nächste Ge-
bäude in der Reihe ist, so ist Karthago zum Rang einer
Stadt emporgestiegen. Jetzt bestehen einfach keine
Schranken mehr, die seine Entwicklung hemmen könnten.
Gegenüber dem Hotel öffnet ein Friseur seine Bude, die
zugleich Billardzimmer ist, und nun bilden das Hotel
und die Friseurhütte Karthagos Hauptstraße. Der Grund-
stücksmakler erscheint auf der Bildfläche, in seinem Häus-
chen steht ein Tisch, zwei Stühle, ein Feldbett und eine
eiserne Kasse. Oho! Karthago zählt bereits mit! Es hat
jetzt sogar schon sein steinernes Haus — die Bank of
Canada hat es neben den Friseur hingebaut. Daneben
erscheint der nächste Pionier, der einen Drug-Store, d. h.
eine Apotheke, d. h. einen Quacksalberladen mit Schwin-
delbüchsen und Teufelsdreck eröffnet. Herr Hong-Sing,
der chinesische Wäscher, wird Nachbar des Grundstück-
maklers. Vielleicht kommt ein Gemüseladen an, sicher-
lich aber ein Priester mit bald darauffolgender Kirche
und Glockengetöse und in absehbarer Frist der Heraus-
geber, Redakteur und Drucker der ,,Carthago Gazette".
Jetzt stehen meterhohe und breite Tafeln an der Bahn-
strecke, ellenlange Ankündigungen in den Blättern der
Dominion, alle verkünden Ruhm und Ehre Karthagos,
192
des Stolzes des Westens und des giofiaurtigsten Exemp^
einer StadtentwicUong im heutigen Kanada«
Steigt man in Karthago ans, wd man auf onen Wagen
wartet, der einen landeinwärts fuhren soll, und geht, um
sich die Zdt mit einem schottischen Whiskr zu rer«
treiben, in die Bar im Hotel, so findet man, zu Avelcher
Tageszeit immer, die gesamte männliche Bevölkerung
Karthagos an dem Schanktisch versammelt. (Nur der
Chinese und der 6eneral-Store>Mensch fehlen.) Sofort
wird man von fünf Enthusiasten an den Überzieher-
knöpfen festgehalten«
„Woher des Wegs?^
„Berlin, Germanj/
Hallo — große Zusammenrottung — es ist ein Mann
aus Berlin dahergekommen, um den Stolz des Westens zu
besichtigen. Europa hat also von Karthago endlich gnä-
digst Kenntnis genommen.
„Geschäfte, eh? Grundstücke?"
Nein; man macht die Gebärde des Schreibens.
Jetzt verklären sich die Züge der Karthagoer.
Einer tritt vor und spricht:
„Vor sechs Jahren war hier noch nichts — " sagt er.
„Prärie! Jetzt schauen Sie einmal an, was hier entstanden
cc
ist."
Sie stecken dir den Kopf zum Fenster hinaus — du
siehst gerade fünf Holzbuden und ein Haus von Stein
und enthältst dich am liebsten einer Erwiderung.
Die anderen meinen, es hat dir den Atem verschlagen:
„You bet your sweet life, in drei Jahren haben wir hier
ein neues Winnipeg!"
Dann hat man, zwischen einem „high-ball" und einem
„clover-leaf" auf die ewige Frage: Krieg Englands mit
Deutschland oder nicht? zu antworten. Darauf erfolgt
das übliche: „How do you like our Country?" und wenn
man diese Frage nach bestem Gewissen beantwortet hat,
hebt ein Bacchanal von Patriotismus an um den erstaunten
Fremdling.
13 193
So fängt die wtitkanadisthe Stadt an.
Zahlen fliegen durch die Luft, Taglöhnerdollar, mit
denen einer anfing, und Busheltausende, mit denen es
weitergeht. Zehntausendangebote auf Farm und Vieh.
Keiner sagt: bin ich nicht ein Teuf elskcrl f Jeder sagt:
ist mein Land nicht das erste Land der Welt?
Wächst die IJeine Stadt weiter — dies geschieht, wenn
Wasser in der Nähe ist oder eine neue Bahnlinie vorüber-
gebaut wird, dann fangen auch andere Leute an, von ihr
mit Liebe und Bewunderung zu sprechen. Ihr Ruf ver-
breitet sich im Lande, Rasch Itommt der Kinematograph,
ein Konkurrent des Hoteliers, einer des Friseurs, einer der
Zeitung. Zwei neue Drugstores Öffnen ihre Pforten.
Drei neue Bars tun sich auf. Ein Ringelspiel mit einer
nur drei Töne spielenden Drehorgel versorgt die Stadt
mit höheren Genüssen. Und da ist ja auch endlich der
Juwelierladen, in dem man bemaltes Porzellan, Jagdscheine
und Heiratslizenzen kriegen kann. Die junge Großstadt
baut ihren ersten Wolkenkratzer, und zwar ist es der Grund-
stückmakler, der ihn baut. Derselbe, der mit einem Feldbett
und einem eisernen Schrank angefangen hat, als hier noch
nichts zu sehen war als drei Hütten; mitten in der Prärie.
194
Junge Stadt in Westkanada
Einige Städte zwischen Winnipeg und dem Felsen-
gebirge haben es in den letzten zehn Jahren von kleineren
verlorenen Ortschaften zum Rang wirklicher Städte ge-
bracht. So, um nur die zu nennen, die ich sah, Saskatoon,
Calgary, Medicine Hat, Edmonton.
Edmonton im Norden an dem breiten Saskatchewan-
Strom gelegen, durch zwei große Bahnlinien, die Grand-
Trank und die C. P. R. an die gerade Linie von Ozean
zu Ozean angeschlossen, von reichen Kohlengebieten und
Urwäldern eingefaßt, in einer wundervollen, verheiOungs-
reichen Umgebung — Calgary im Süden, die klimatisch
gesundeste Stadt des Weizen bauenden und \^ieh züch-
tenden Alberta am Fuß des Fels enge b i rges : das sind die
beiden Städte, die wohl nach Winnipeg die größte Ent-
wicklung aller westlichen Städte vor sich haben und durch
Statistik der Bautätigkeit und Bevölkerungszunahme auch
beweisen.
Indes — traue dich nicht, diese Wahrheiten einem Mann
aus Saskatoon oder Medicine Hat ins Gesicht zu sagen.
Er wird dich anrüffeln : ,,Saslratoon's allright!" und wenn
er sich überhaupt noch die Mühe nimmt, sich mit dir ab-
zugeben, so darfst du dich auf einen Dithyrambus gefaßt
13* 195
machen, der mit zwölff acher Affenliebe das Problem
Saskatoon entwickelt und in die Höhe treibt.
Eine Treibhausfrucht, aus der praktischen Ausnützung
dieses Lokalpatriotismus erwachsen und durch irrsinniges,
überhitztes Inserieren und Lärmmachen in den Zeitungen
zu fabelhaften Proportionen aufgedunsen ist die Grund-
stück- und Boden -Spekulation in Kanada. Kommt man
nach dem Westen, so merkt man bald: jeder zweite
Mensch ist ein Grundstücksmakler und Spekulant.
In Edmonton habe ich zwei richtige Photos neben-
einander im Schaufenster eines R eal- Est ate -Agenten ge-
sehen: Edmonton Anno 1908 und Edmonton Anno 1915.
Die letztere war die Photographie einer Wolkenkratzer -
gesegneten Stadt der westlichen Staaten, Kansas City
oder St. Paul. In Calgary fuhr mich ein Grundstück-
spekulant auf einen Hügel außerhalb der Stadt, zeigte
mit Feldherrngebärde auf das weite, mit zwei, drei Villen
schüchtern und schütter bebaute Land, das ihm unter-
tänig war und in den letzten drei Jahren fünfzehnmal
mehr wert geworden war als zur Zeit, da er es gekauft
hatte.
196
Calgary
Spekulanten aus den Staaten, meist deutlich jüdischer
Herkunft, sausen durch die lehmigen Straßen dieser Stadt
feist und siegesbewußt in Automobilen wie Kegelbahnen
80 lang. Der Neger, der meine Schuhe wichst, hat ein
Terrain vor der Stadt. In den Zeitungen stehen An-
noncen: Mr. Workingmanü Miß TypwritergirlM und in
den Hotels macht der Gast mit dem Kellner beim Früh-
stück Grundstücksgeschäfte.
In gewissen Orten erreicht die Zahl der Real-Estate-
Agenten eine absurde Höhe. In Vancouver, sagte man
mir, leben (bei einer Einwohnerzahl von looooo) fünf-
zehntausend Menschen, Agenten mit Angestellten und
ihren Familien, vom Real-Estate- Geschäft. Im Vancouvcr-
Hotel sehe ich mir das nach Gewerben geordnete Tele-
phonbuch an und schlage Real-Estate auf. Beim Buch-
staben C gebe ich das Zählen auf und habe bis dahin
144 gezählt.
Jedes fünfte Schaufenster ist mit Kartoffeln, Blumen-
kohl, Ähren und Obstzweigen geschmückt, und drin kann
man Farmen kaufen. Aber von zehn Schaufenstern sind
sieben solche, in denen die blauen mit weißen Linien ge-
zeichneten Bogen der Häuser- und Stadtgrundstück-
'97
Humoristische PostharUn aus dem Wesun
Makler hängen. Die Häuser auf diesen Grundstücken
werden von Leuten gekauft, die in ihnen sitzen und auf-
passen werden, wie die Preise ihrer Grundstücke in die
Höhe schießen.
Dabei schaut der Europäer zu, daß er so bald wie mög-
lich aus diesen im Wachstum sich räkelnden Großstädten
davonkomme. Das Wasser, das einem in die Wanne läuft,
ist eine gelbe Jauche; Städte wie Winnipeg sind um ge-
wisse Jahreszeiten Fieberherde und Reinkulturen von
Typhusbazillen; in ausgewachsenen Städten ist die Haupt-
straße gepflastert, in allen andern aber wirbeln die Hufe
eines Bronchos und die Räder eines Automobils Staub
und getrockneten Mist bis in den dritten Stock hinauf;
das einzige gute Hotel ist tagelang, eh' man ankommt,
überfüllt, und für Wochen hinaus belegt und das nächst-
beste, in dem man unterkommt, ist von einer Beschaffen-
heit, daß man sich vor seinem Nachthemd schämt, wenn
man zu Bette geht.
Für Straßenbahnen, elektrisches Licht, Marmorbelag
in Wolkenkratzern, für Fabrikanlagen, Webe, Eisen,
Zucker, Sägewerke, prunkvolle Regierungspaläste hat der
Humoristische Pastkarten aus dem Westen
Westen Geld übrig, aber das Wort Hygiene ist einst-
weilen hinter der Potemkinschcn Bretterwand liegen
geblieben.
Die Väter der Stadt sitzen in den Hotels an den Fen-
stern im Vestibül und haben ihre Füße vor sich, hoch,
fast bis in den ersten Stock hinauf gelegt, aut die Brüstung
der Fenster. Riesige Stiefelsohlen mit Seidensocken dar-
unter und haarigen Beinen dahinter starren den draußen
Vorbei wandelnden an. Schaut man über die Sohlen hin-
über danach aus, was dort hinten vorgeht, so sieht man
in der Verkürzung einen selbstzufriedenen, erfolgreichen
Drei viertel- Alpha beten, wie er mit Genugtuung die Bril-
lantenringe an seinen breiten Arbeitsfäusten betrachtet.
Neben ihm steht auf dem Boden der mächtige Spuck-
napf, Cuspidor geheißen wie ein Held aus der Cid-Le-
gende. Der Gewaltige kaut, aber was er kaut, ist nicht
Gummi, wie im Osten, sondern Tabak. Von Zeit zu
Zeit beißt er aus einer gepreßten Tafel mit Wolfszähnen
eine Ecke ab, die so lang im Mund herumgewälzt wird,
199
bis ein Strahl wie aus einer Kaffeekanne in den spanischen
Ritter auf dem Fußboden hinunterfährt.
Wenn du dich neben den Gewaltigen setzest, wirst du
statt Psychologie Statistik profitieren, eine höchst reale
Statistik, die in den Taschen des Gewaltigen klimpert.
Die Symphonie des Westens ist in dieser Tonart kom-
poniert.
Schaut man vom Platz der Väter durch die Scheiben
auf die Straße hinaus, so sieht man zwischen den jungen,
kräftigen Männern, die dorten gehen, hübsche junge Mäd>
chen trippeln, einen notwendigen Importartikel, der mit
Windeseile unter die Haube geweht wird. Alle Menschen
haben den sympathischen, selbstbewußten Zug im Ge-
sicht, der besagt: wir wissen, wir werden gebraucht dahier,
und wir wissen auch, daß wir die Frühangekommenen
sind. Wann wird es hier Nachzügler geben? Die Zeit
ist nicht abzusehen.
Alle guten Wünsche für die Starken und Willigen, die
Hintersichwerfer alter Verhältnisse, die Wagemutigen, die
ihren Brocken Sicherheit gegen die Berge Ungewißheit
eintauschen möchten — aber wenn ein Rotrock von der
Canadian Western Mounted Police vorübergeht, da
weht einem die scharfe, vmrzige Romantik aus lieben
Büchern der Kinderjahre um die dankbare und erwach-
sene Nase.
Mit dem Militär in Kanada hat's die gleiche Bewandtnis
wie mit dem Militär in England. Wer einen besseren Job
findet, hütet sich, Tommys Khaki anzuziehen. Außer, er
hat sich in die Karnevalstracht der schottischen Hoch-
länder verliebt. Mit der berittenen Polizei des kanadischen
Westens hat es aber seine eigenen Wege.
In Winnipeg lernte ich einen jungen Mann kennen, er
arbeitet jetzt im staatlichen Einwanderungsamt und hat
mir die Einrichtungen des Amtes und Asyles im Auftrage
von Bruce Walker gezeigt. Ehe er dieses interessante und
ersprießliche Amt bekleidete, war er jahrelang Sergeant
bei den Berittenen gewesen.
200
Im Städtchen Humboldt,
Nords askatchewan , einem
exponierten Platz, von wo
es galt, mit vier Untergebe-
nen in den endlosen Ein-
öden und Wäldern auf Ver-
brecher zu jagen und die
Indianerstämme im Schach
zu halten.
Sein Vater bekleidete eine
höhere Charge im deutschen
Heer. Er selbst stammt aus
Berlin und hat in Greifswald
Medizin studiert. Seiner
Wissenschaft verdankte er
diese heikle Aufgabe: ein-
mal, mitten im Winter,
drei Reittage weit im
Norden einen ganzen In-
dianerstamm, Männlein und
Weiblein, gegen die Pocken Authentische Cowboy
zu impfen, es grassierte
die Krankheit unter den Rothäuten.
Man sieht, es ist keine Sinekure, die die Mounted Police
in Kanadas Westen ausübt. Tage und Nächte lang einem
Pferdedieb aus einer Ranch über Steppe und Wälder
allein nachjagen müssen. Oder einem bis an die Zähne
bewaffneten Desperado aufzulauern, ^er, nachdem er einer
ganzen Farmersfamilie den Garaus gemacht hat, dicGegend
nach Obdach, Nahrung und Whisky durchstreift.
Alles in allem zählt die Mounted Force nicht mehr als
650 Mann und ist mit dem Wort Polizei unrichtig gekenn-
zeichnet. Unter ihren Cowboyhüten tragen die Männer
der C. W. M. P. ein selbstbewußtes, verwegenes und intel-
ligentes Gesicht zur Schau. Sie sind gut bezahlt, mit un-
beschränkter Autorität über ungeheure Gebiete ausge-
stattet, und ihr Job ist einer, den sie sich aus eigenem An-
trieb gewählt haben, in den meisten Fällen. Sollte ich
diese Miliz mit einem in Europa mehr bekannten Militär-
körper vergleichen, so wär's die Fremdenlegion, die ich
nennen müßte. Nur daß die Leute der Mounted Police
aus ganz anderen Gesellchaftsschichten herkommen, als
jene Unglücklichen in Sidi bei Abb^s dort unten im tief-
sten Abgrund der Menschheit.
Ein Bekannter, der bei einem Crikett-Match der Leute
in Regina dabei gewesen ist, erkannte in ihren Jacken
und Mützen all die Farben der feudalen Hochschulen
Englands, Trinity-CoUege von Cambridge, Balliol und
Christchurch von Oxford und die Rambiers von Eton
dazu. In Wahrheit sind es nicht wenige von den ,, jüngeren
Söhnen" der ältesten Adelsfamilien Englands, die in dieser
wilden Miliz unter angenommenen Namen ihrer Aben-
teurerlust und Verzweiflung nachhängen. —
Ich glaube, ich muß in diesem Kapitel noch Rechen-
schaft über den gegenwärtigen Stand der Cowboy-Spezies
ablegen. Es sind mir einige Exemplare dieser romantischen
Menschenart untergekommen, ich will sie in kurzen
Worten klassieren und erledigen. Nach meiner Wahrneh-
mung bildet die gewaltigste Mehrzahl die kommerzielle
Gattung der Buffalo-Bill- Zirkusreiter. Des weiteren gibt's
den Amateur -Cowboy. Einem dieser Sorte bin ich in
den Rockies begegnet. Er vermietete Pferde und ritt
in Fellhosen mit den Gesellschaften der Ausflügler mit.
Zitierte einer von der Partie Browning oder Ruskin, und
zwar falsch, so stieg der Gaul des Cowboys hoch, und der
Cowboy mußte ihm die Sporen geben und den Irrtum
verbessern. In Morley (bei den Indianern) bin ich einem
wirklichen Cowboy von einer Ranch begegnet, der über
die Aussichten der deutschen sozialdemokratischen Partei
bei den nächsten Wahlen, Spaß beiseite, erschöpfende
Auskunft zu geben vermochte und mich im übrigen ver-
sicherte, daß er seine Stimme auf Herrn Arthur Masters,
den Kandidaten der Sozialdemokraten Calgarys, abgeben
werde. Einen andern habe ich in Vancouver gesehen, wie
202
Cowboys beim Abstempeln
er in Lederhosen und Sporenstiefeln, im roten Hemd
und gelben Halstuch, mit einem Lasso widerspenstige
Besucher in ein Kinematographentheater hineinloiste.
Dies hört sich wie ein Witz an, bedeutet aber im Grunde,
daß die Profession im Rückgang ist. In Bow-Island, Süd-
Albcrta, war ich Gast der Familie Mc Gregor, die eine der
größten Pferde- und Vieh-Ranches der Gegend besitzt.
Auf dieser selben Ranch habe ich die erstaunliche Ex-
perimental-Farm gesehen, von der ich in einem vorigen
Kapitel Bericht gab. Die Ranches, die auf unendlichen
Strecken nur Weide für Vieh und Pferde abgaben, weichen
allmählich einem System von ,, gemischten Farmen", zu-
mal seit die künstliche Bewässerung sich in den Gegenden,
die ich bereiste, zu bewähren anfängt. Der Cowboy
sitzt ]ei7X einen Teil des Jahres auf den Erntemaschinen
seines Arbeitgebers und wird erst im Spätherbst für einige
Tage,wenn der „Roundup",dasEinfangen und Abstempeln
des Viehs auf den Gütern, stattfindet, ein strickeschmei-
ßender Sohn der Wildnis. Ei^schießt nur mehr in schlech-
ten Romanen in den Spiegel hinein und die Korke aus
den Flaschen. Er fahrt in Automobilen in die nächste
203
Stadt und ist auf linksstehende Zeitungen abonniert. Er
fühlt sich als Arbeitender und als Knecht des Arbeit-
gebers. Aus praktischen Gründen trägt er wohl Hosen
aus Ziegenfell und zwei Revolver im Gürtel, aber der
Hausmeister- Sprößling in Schöneberg, der sich am Samstag
für IG Pfennige seinen allwöchentlichen Nick Carter
kauft, hat romantischere Gelüste — als dieser junge ge-
bräunte Arbeiter auf den öden Steppen zwischen Clyde
und Gallo way-Herden.
Es ist nichts mehr los mit der alten Romantik aus unseren
lieben Büchern der Kinder] ahre. Vielleicht noch oben
in dem sagenhaften Alaska, unter den Goldgräbern und
Jägern in den unerforschten Wäldern. Hier unten, in den
Gegenden der Eisenbahn und der Zeitungen, gibt's keine
andere Romantik mehr als die des erwachenden Bewußt-
seins von dem, was nottut — und wenn noch so viele
Ziegenfellhosen auf gondelähnlichen spanischen Sätteln
durch die Felder sausen.
BEGEGNUNGEN MIT INDIANERN
Berg, Strom, Wald, Fisch und Wild,
Alles Roter Mann.
Weißer Mann kommt, mit ihm großer Rauch^
Roter Mann gibt Weißem Mann Alles.
Weißer Mann gibt Rotem Mann Hölle.
(Großes Offenes Herz.)
Nicht gerade darum, weil die Indianer ein so schwer
zivilisierbares Naturvolk sind, stellen sie ein solch sym-
pathisches Wunder im neuen Weltteil vor. Sondern
darum, weil alles rings um dieses stolze, beraubte und miß-
handelte Volk herum sich der modernen Zivilisation er-
freut und der Indianer es vorzieht, in seinen Bergen und
Gebüschen elend zugrunde zu gehen. Darum hat der
Indianer auf irgendeine WSse sich die Liebe der Men-
schen erworben, die die Erde lieben, die aber die Zivili-
sation einigermaßen krank gemacht hat.
204
Eiti Prärieindianer
Man darf von den In-
dianern nicht als von einem
vertierten und verlorenen
Volk reden. Man braucht
sich nur die Kunst und die
traditionellen Kunstformen
dieses Volkes anzusehn, um
den ganzen Abstand ihre r u r-
alten, sicherlich schon längst
vor dem Kommen der Wei-
ßen dem Verfall geweihten
Kultur, zu dem, was wir so
benennen.zu ermessen. Man
braucht nur ein paar gute
Exemplare der Rasse sich an-
zuschauen, um eine Vorstel-
lung davon zu gewinnen, wie
dieses Naturvolk in der Frei-
heit beschaffen sein mochte.
Ein amüsantes Erlebnis ist mir in Niagara Falls, ein
anderes in Caughnawaga bei Montreal widerfahren; in
beiden Fällen hat's mit einer Blamage geendet, aber sieht
man nur genauer hin, so waren gar nicht die, die sich
blamierten, die Blamierten.
Bei Niagara Falls, im nordwestlichen Winkel des
Staates Newyork, sind die Tuskaroras zu Hause, ein total
verkommener, das heißt gänzlich zivilisierter Indianer-
stamm von kleinen katholischen Kartoffelbauern. Ich
blieb in der Niagarastadt vor einem der zahllosen Läden
stehen, die mit ,,Indianer-Curios" und Postkarten han-
deln, und sah mir den biligen, für die Sonntagstouristen
in Fabriken hergestellten Schmarrn an. Dann ging ich
in den Laden und frugnach dem Preis der Dante-Büste
aus Gips, die inmitten der Mokassins, bemalten Häute,
kleinen Holzkanus und gefiederten Kopfbedecl:ungen im
Fenster herumstand. So nebenher erkundigte ich mich
bei dem Ladenbesitzer, was die Büste denn vorstelle f
205
(Es war eine Verkleinerung der bekannten Dantebüste
der Renaissance aus dem .Museum zu Neapel.) „Das ist
der große Häuptling Rote Wolke," sagte mir der Herr des
Ladens . . .
Und wirklich, wollte man die Blasphemie begehen, die
Büste, so wie sie ist, zinnoberrot anzustreichen und rechts
und links von den Schläfen hinunter zum Kinn drei gelbe
Zickzacklinien drüber zu malen, was für ein feiner In-
dianerkopf!
Das andre Mal aber habe ich mich blamiert, Caugh-
nawaga, am rechten Ufer des St. Lawrence, gegenüber
von Montreal gelegen, ist eine Reservation von Irokesen-
Indianern. Die ebenfalls katholisch und zahm gewor-
denen Bewohner ernähren sich durch Arbeiten an den
Damm- und Elektrizitätswerken, schlecht und kümmer-
lich, jedenfalls ebenso elend wie die elendesten der
Proletarier. Ihre Frauen sitzen bei den Fenstern
und machen grausliche blaue Tuchtauben, alle dieselbe
Taube, der, niemand weiß warum, drei rote Tuch-
kirschen aus dem Schnabel baumeln. Damit es nur
ganz klar ersichtlich sei, was das Ganze vorstellt, so
sticken sie den Ausgeburten ihrer katholischen Phan-
tasie noch das Wort: BIRD auf den Bauch — ich sah
sofort ein, hier war für mich nichts zu holen. Gelang-
weilt starrte ich in all die offenen Fenster hinein. Da
waren Männer und Frauen, die kein Wort Englisch
oder Französisch verstanden, in einem unbekannten
Idiom sich miteinander unterhielten, alle hatten unter
ihren beim Trödler gekauften schmutzigen Lumpen das
katholische Duckmäusergesicht vom jenseitigen Ufer
sitzen.
Endlich — vor einem Häuschen am Rand des Dorfes,
stockten meine Schritte. Was ich dort vor dem Häuschen
sah, vor dem Tor, mitten vor dem Eingang, so wie es die
Tradition wollte, war ein roh bemalter Pflock — eine
Säule von Holz, nicht mit Tierköpfen bemalt, wer hätte
das auch von diesen armseligen Caughnawagern erwartet,
206
aber immerhin ein geschnitzter, roh bemalter Holzpflock
— der erste leibhaftige Totempflock, der mir auf meiner
Reise begegnete!
Im Häuschen war niemand, es war zugesperrt, aber
der Pflock hatte mir Mut und Interesse wiedergegeben,
und ich frug mich im Dorf bis zum Hause des Maire
durch.
Um es rasch herauszusagen, der Maire, ein Halb-
blut-Irokese, wußte nichts von einem Totempflock in
seinem Dorfe. Ich erklärte ihm, wo die Hütte stehe,
vor der ich den Pflock gesehen habe. Es war die
Hütte des Barbiers, und der Totempflock war der
bemalte Pflock, den die amerikanischen Barbiere vor
ihren Läden haben; nun, reden wir weiter nicht dar-
über . . .
Es wäre ganz überflüssig gewesen, mit dem Maire über
die romantischen Vorstellungen, die sich ein Europäer
von der ersten wirklichen Indianerreservation macht, die
ihm begegnet, zu diskutieren. Der Maire wußte mir über
die Gebräuche und Sitten der Irokesen dahier weiter
•nichts zu berichten, als daß sie fleißige und tüchtige
Arbeiter sind, sich schlecht und recht durchs Leben
schlagen und alle Sonntage brav in die Kirche gehn. Dann
fing er, natürlich, an, mich über die Möglichkeit eines
Krieges zwischen Deutschland und England auszufragen.
Worauf ich dieselbe Antwort gab, die ich in Klubs und
General-Stores und allen möglichen Lokalen Kanadas ge-
geben habe.
Der Maire saß da, in seinem Holzhaus, in seinem Salon,
der wie eine gute Stube in Berlin-W. eingerichtet war,
rechts ein Rokokosessel, links ein gotisches Büfett, Ax-
minsterteppich und Kelim-Portiere, ein Neunzigpfennig-
gobelin mit einer Watteauszene über der Tür, auf einem
Vertiko falsches Meißner Porzellan und an der Wand
ein Öldruck des Königs Eduard. Er saß da, dieser Irokese,
auf der Höhe der Zivilisation saß er da und hatte Angst
vor der deutschen Armee . . .
207
Erst viele Wochen später, im Innern Kanadas, bin ich
der ersten wirklichen Rothaut begegnet, auf der
Station Hobbema zwischen Edmonton und Calgary. Es
war ein prächtiger alter Kerl vom Stamme der Bobtails,
wie ein altes rostiges Stück Eisen anzusehen, mit kleinen
schwarzen 2^pfchen bezottelt, mit Muschelohrringen
und einem Perlenhalsband geschmückt. Der Zug hielt
nur eine Minute, aber für diese eine Minute hätte ich
ihm am liebsten einen Dollar geschenkt, so ein feiner
alter Kerl war es.
Ich bin in vielen verschiedenen Reserven gewesen, bei
den Sarcees in Alberta, bei den Stoneys in dem Felsen-
gebirge, in der Squamish-Reserve, in Nord-Vancouver,
die interessanteste aber war die der Sarcees bei Calgary.
In Ottawa, im Ministerium des Innern, hatte ich einen
Empfehlungsbrief an die sämtlichen Indianer-Agenten in
den Reserven Kanadas mitbekommen, aber der Zugang
zu den Reserven ist auch so, wenn man den Rothäuten
mit einem ,,Greenback" winkt, die leichteste Sache der
Welt. Wir fuhren, ein junger Norweger, der mit Gram-
mophon, Kinematographenkasten, Leinwandzelt undp
Schießgewehr die Gegend heimsuchte, eine Amazone aus
Calgary und ich, eine ganze Weile, zwischen dem Gebüsch,
das die Reserve der Sarcees bedeckt, herum, die wunderbar
klare, frischbeschneite Kette der Rockies vor den Augen,
ehe wir eine menschliche Niederlassung zu sehen be-
kamen. Ein paar alte Sarcees fuhren mit Holz auf ihren
Leiterwagen und mit ihren fetten Squaws auf dem Holz
in die Stadt. Des Norwegers Begrüßung: „Miasin-
Kisiko?" das heißt „How-do-you-do?" konnten sie nur
mit einem blöden Blick des Kannitverstan erwidern.
Die Worte gehören der Cree- Sprache an, die Sarcees
sprechen ihre eigene.
Wenn die Indianer ausgestorben sein werden, so werden
ein paar hundert Sprachen — und Gott weiß wie viele wun-
derschöne Legenden ! — mit ihnen aus der Welt sein, denn
so etwas wie schriftliche Aufzeichnungen haben sie nicht.
208
In Vancouver habe ich
mir ein amüsantes Büchlein
angeschafft , ein Wörter-
buch des Chi nook- Jargons,
der von den Fellhändlern
bei den Alaslca-Indianern
zusammengestellt worden
ist. Aber schon tiefer, an
der Küste des Pacific in
Vancouver , versteht kein
Indianer mehr den Jargon
der nördlichen Brüder;
meine Versuche, mich durch
das Wörterbuch mit den
Squamishs zu verständigen,
schlugen ganz und gar fehl.
Die Vielfältigkeit ihrer
Sprache, durch die Distan- £,„ rtVidg«- 7otempßock
zen der Wbhnorte und die
Feindseligkeit der Stämme hervorgerufen, ist auch der
Grund, weshalb mir in der Bibel-Gesellschaft, die doch
das Neue Testament in fast alle Sprachen der Welt über-
setzt hat, gesagt wurde, es gäbe keine Indianerbibel.
Erst jetzt, so hörte ich, wird sie von einem Missionar ins
Chinookische übersetzt. „Amen" und „all right" haben
dieselbe Übersetzung — kloshe kaakwa!
Wir fahren also durch das Gebüsch in der Reserve
herum und schauen nach menschlichen Niederlassungen
aus, in der weiten, von einem Draht zäun umgebenen Ein-
öde. Im Süden steigt Rauch zwischen den Büschen auf,
und da sehen wir auch schon eine Gruppe von Zelten
stehn.
Drei, vier Zelte stehen in einer kleinen Rodung da,
die Bewohner des einen sind gerade dabei, ihr Zelt ab-
zubrechen und auf einen Karren zu laden. Eins zwei
drei, ist die Leinwand von den Stäben herabgewickelt, die
Stäbe aus der Erde gerissen, Bettzeug, Ofen, Kind und
14 209
Kegel auf den Karren gekrden. Das Pferd zieht an, und
eine Stunde spater 'steht das Zelt, die Tepeeh, eine
Meile weit weg im Feld aufgerichtet. Was am alten
Wohnplatz zurückblieb, ist ein Haufen von Knochen,
Unflat, namenlosem Schmutz und Gerüchen. Immer,
wenn sie einen Ort bis zur Unmöglichkeit verunreinigt
hat, zieht die Familie mit ihrer Tepeeh davon, und die
Erinnerung an sie fault in dem Sonnenlicht.
Rasch kaufen wir, was zu kaufen wert ist, die Indianer
verkaufen uns ihre Halsketten, Gürtel, gestickten Schuhe
und Gamaschen warm von ihrem Leib herunter, sie sind
daran gewöhnt, eigentlich leben sie davon.
Das ist ein armes und armseliges Volk und zur Arbeit
zu faul und zu entnervt. Der Staat zahlt ihnen, einmal
im Jahr, durch die Indianer-Agenten, eine lächerliche
Summe aus, nicht mehr als vier Dollar für jeden Erwach-
senen, einen fürs papoose, den Säugling.
Mit ihren Stickereien, mit allerhand Schaustellungen,
Tänzen und dergleichen betteln sie sich in den Städten
und auf dem Lande von den Leuten, die zu ihnen kommen,
die Groschen zusammen, die sie vor dem absoluten Ver-
hungern bewahren. (Natürlich gibt's Reserven, in denen
die Indianer sich selbst erhalten, durch Arbeit auf dem
Feld, in Werken, wie ich das in Caughnawaga sah, durch
Abholzen ihrer Reserven, Fischfang und Jagd. Die
Regierung fördert sie bei dieser Arbeit, wie sie kann, durch
die Agenturen.)
An einem Stock in der Tepeeh hängt ein Fetzen rotes
Fleisch, es ist der aufgerissene Leib eines Feldhamsters,
eines Golfers; davon leben sie. Eine Blechdose mit
Brot, Zucker und Tee steht in einer Ecke, ein Kind auf
dem Boden hat den Kopf ganz in einer verrosteten Kon-
servenbüchse vergraben.
Daß man ihnen keinen Schnaps verkauft, ist ihr großer
Schmerz. In den Bars der westlichen Städte, in deren
Nähe Indianer ihre Reserven haben, kann man auf Tafeln
lesen :
2IO
„Verboten
ist es, Getränke zu ver-
kaufen an: Minderjährige,
Betrunkene und Indianer."
Das Gesetz bestraft den
Weißen, der dem Indianer
einen Fingerhut voll Al-
kohol verkauft, mit un-
gewöhnlich hohen Strafen.
In der Geschichte Amerikas
findet man ja den langwie-
rigen Krieg gegen die Li-
quor-traders, die professio-
nellen Händler, die die
Indianer mit Alkohol ihren
Räubereien gefügig mach-
ten. Hie und da verschaffen Die Tcpuh vnd ihre Beteohner
sich die Rothäute natürlich
doch eine Flasche oder ein paar. Dann heben große
Orgien an, mit Unzucht, Mord und Totschlag, Brand-
stiftung und Amoklaufen. Der Indianeragent hat sich
bei solchen Gelegenheiten seiner Haut zu wehren, sein
ohnehin nicht sehr beneidenswerter Beruf wird ziemlich
ungemütlich, wenn Alkohol in der Nähe ist.
Seit der Kodak erfunden wurde, geht's ihnen ein bißchen
besser, Sie lassen sich, wie die Mohammedaner, nicht gern
photographieren. Im Anfang werden sie sich wohl auch
ein bißchen vor der Höllenmaschine geängstigt haben.
Aber für wenige Cent verkaufen sie ihre Angst und ihr
Vorurteil. Jetzt, da wir unseren Apparat auf sie richten,
rennen sie durch die Heide davon und schreien auf der
Flucht zurück:
,,How muchJ"
Einer ist da unter den Sarcees, mit dem wir uns ver-
ständigen können. Es ist ein hübscher Bursche von 15
Jahren, offenbar Halbblut, Krähenkind mit Namen,
Bertie Crowchild. Wie er auf Indianisch heißt, vermag
Squato und Pafoose (ztotjchen den Stangen)
er uns nicht zu sagen. Er weiß nur zu berichten, daß er
seinen Namen ändern wird, wenn er mal heiratet. Dann
wird er selber einer vom Stamm der Krähen werden,
Bcrtie Crow; bis dahin ist er das Kind eines vom Krähen-
stamm.
Bertie ist Methodist. In dem blauen Buch, das ich in
Ottawa mitbekam, steht zu lesen, daß von den 211 In-
dianern der Sarcee-Reserve noch 133 Heiden sind. Eine
Stunde weit von Calgaiy, einer der größten Städte
Kanadas, hausen noch 133 Indianer in den Gebüschen,
die den alten Glauben an den großen Häuptling und die
vier Löcher im Himmel bewahrt haben.
Wie wir da stehen und mit den Leuten unterhandeln,
kommt eine sonderbare Gruppe durch das Buschwerk
zu uns herbei.
Ein alter Mann mit langen weißen Haaren. Er hat auf
dem Kopf einen alten löchrigen Hut mit einem Kranz
von rötlichem Feldgras rundherum. An seinen linken
Arm ist mit einem Streifen Fuchsfell eine große, runde,
ganz verrostete Eisenplatte befestigt, in der Platte sind
fünf Buckel und zwei Löcher. Der Alte ist blind, und ein
kleines Mädchen führt ihn an einem langen Stab, dessen
Ende es in seinen Händchen hält. Am andern Ende des
Stabes folgt ihm der alte Mann durch die Heide.
Dies ist Natschuka, der Medizinmann. Da kommt er
durch die Büsche her mit seiner Medizintasche um die
Schulter, das tausendfach verrunzelte Gesicht mit den
erloschenen Augen ist zur Herbstsonne in die Höhe ge-
kehrt. Er ist der Älteste des Stammes. Als wir ihn fragen,
Bertie ist Dolmetsch, wie alt ? antwortet er mit Schütteln
der Hände. Wir zählen 66, aber er ist mindestens 90 alt,
hat wohl mit 66 aufgehört, weiterzuzählen.
Gegen das Photogräphiertwerden hat er nichts. Wir
versprechen ihm Geld, und da steht nun der Älteste
seines Stammes, der Mann der großen Legende, der Mann,
der die vier Löcher ins Firmament geschnitten hat kraft
seiner Zaubergewalt über die Elemente, mit seinem Hut
auf dem Boden hinter sich, steht er da, neben unserer
Real-Estate-Amazone und läßt sich für Geld photogra-
phieren. Aus den Tepeehs blinzeln schmutzige Squaws
zur Sonne heraus, eine hat ihr Papoose im Arm, das
Wurm ist mit Tüchern an ein Brett gebunden, es ist ein
ganz hellhäutiges Wurm.
Wo ist unser Bertie hin? Er sollte doch mit aufs
Bild kommen? Wir suchen überall nach dem Krähen-
kind, ergehen uns in allerlei Vermutungen. Hat
wer ihn beleidigt? Oder ist es wegen des Geldes?
Vielleicht hat er seine Bedenken gegen das Photo-
gräphiertwerden ?
Endlich, wie der Chauffeur schon die Kurbel an-
dreht, erscheint Krähenkind vor einer Tepeeh. Was
gab's ?
Das Sprechen, das Zuhören hat ihn angestrengt. Er
hat sich eine halbe Stunde lang in seiner Tepeeh auf die
Matratze legen müssen, war sehr krank. Und wir haben
doch so leise wie möglich mit ihm und den anderen ge-
sprochen. Man kann sich überhaupt schwer einen Begriff
davon machen, wie fein und höflich und leise diese ,, Wil-
den" miteinander reden und verkehren!
213
Natschuia und du jimnxMu
Wie ist diesem müden, erschöpften, in weniger als
hundert Jahren ruinierten Volk zu helfen!
[m Blaubuch, das man mir in Ottawa mitgab, steht die
Gesamtzahl der kanadischen Indianer, einschließlich der
Eskimos in den nordwestlichen Territorien und dem
Yukon vom März 1910 mit rund ittooo Seelen ver-
zeichnet. Die Zahl ist im letzten Jahr um rund 500
Seelen zurückgegangen. (Tuberkulosis ist die Krankheit
des Indianers.)
Hie und da wird eine Reserve „aufgemacht", d. h. die
Einwohner haben sie entweder aufgegeben, oder sie sind
weggezogen oder ausgestorben. Dann kommt, wenn sich
die Reserve in guten, ertragreichen Gegenden befand,
das jungfräuliche Land in die Hände des weißen Farmers.
Es ist ein großes Ereignis im Lande — zur Zeit m^ner
Reise wurde eine solche Reserve in Wisconsin aufgemacht,
und die Zeitungen brachten spaltenlange Berichte über
den Beneidenswerten, auf den bri der Verlosung des
Bodens das saftigste Stück gefallen war.
Ein ganzes Heer von Staatsbeamten verwaltet auf den
Hunderten von Reserven und in Ottawa die Angelegen-
heiten des aussterbenden Volkes. Schulen, Hospitäler,
214
A'w dem Automobil: Krähenkind mit eingm kltinrn Sarcee
Kirchen für die Indianer beschäftigen ein weiteres Heer
von Weißen, die Gesamtsumme der Gehälter dieser
Heere beträgt viele Hunderttausende von Dollar.
Wie schon berichtet, gibt's in den getreide-, holz- und
Jagdreichen Gegenden Tausende von Indianern, die sich
selbst erhalten, self-supporters. Diese braucht der Staat
natürlich nicht zu unterstützen, und dadurch ergibt sich
die amüsante Tatsache, daß der Staat die Drohnen mit
seinen Kopfprämien füttert.
Ein Herr im Nelson-Klub, Britisch- Kolumbien, ehe-
maliger Besitzer der altberühmten Cockton-Ranch, die
looooo Acker groß, am Rande von Alberta und den Süß-
gras-Bergen Montanas gelegen war (ein ehemaliger Cow-
boy, jetzt Stütze der Christian Science) hat mir sehr
merkwürdige Dinge von seinen Erfahrungen mit dem
wilden Stamm der Bloods erzählt. Dieser Stamm
lebte an den Grenzen seiner Ranch, als die Missionäre
grade begonnen hatten mit der Rettung der Un-
gläubigen.
Ehe die Weißen kamen, war der Indianer Gentleman.
Er wär's gewiß heute noch, wären die Weißen nur auch
Gentlemen gewesen. Die Bloods waren von jeher eine
der gefürchtetsten, kriegerischsten Rassen, aber solang der
Weiße sie in Ruhe auf ihre Büffel jagen ließ, taten sie dem
Weißen nichts. Sie waren verläßlich; in Ehrensachen,
Geleit- und Geldsachen konnte man sich auf sie verlassen.
50 Meilen kam einer herangeritten, um ein paar Dollar
zurückzuzahlen, die ihm geliehen waren. Ihre Gebräuche
glichen denen der Ritter im Mittelalter, mit Ausnahme
des Frauenkultes. Kein Indianer hätte sich herabgelassen,
sein Pferd selber zu zäumen, Kriegsschmuck oder Jagd-
kleid selber anzulegen, sein Junge, sein Schildknappe war
dazu da. Wenn der Büffel erlegt war, mußte die Frau
heran, ihm das Fell abzuziehen, das Fleisch für die
Nahrung zu bereiten. Der Indianer rührte keinen
Finger weiter, nachdem der Pfeil seine Schuldigkeit
getan hatte.
Erst als die Weißen mit ihrem ,foul play* Jagd auf Leib
und Seele des Indianers machten, mit Hinterlist, Lügen
und Schlichen und furchtbarster Grausamkeit nieder-
metzelten, was ihnen mit der Friedenspfeife und rein-
lichen Absichten entgegentrat, da wurden die Gentlemen
im Handumdrehen zu Bestien. Nach ihrer Unterwerfung
verdarben die Missionäre an ihnen, was noch zu verderben
war, und heute ist die Rothaut im Verkehr mit dem Wei-
ßen ein Bettler oder Duckmäuser und gewitzigter Be-
trüger.
Das Blau buch führt als christliche Glaubensbekennt-
nisse unter den Indianern das anglikanische, presbyteria-
nische, methodistische, kongregationalistische, baptistische
und römisch-katholische auf. Außerdem gibt's unter ihnen
Mennoniten und Mormonen. In Wahrheit sind sie aber
alle Heiden geblieben. (Von den 1149 Bloods sind 849
als solche angeführt.) Als der Cockton-Rancher einen
katholischen Geistlichen in seinem Kreise fragte, wieviel
Indianer er während der acht Jahre, die er für seinen
Glauben arbeitete, wirklich zum Christentum bekehrt
habe — nicht die offizielle Zahl, sondern die wahrhafte,
216 . : :
innere, die Gewissenszahl — da antwortete der Priester:
er glaube, einen! Dieser Priester hat in den acht Jahren
wenigstens das Lügen nicht erlernt!
Bei den Stoneys im Felsengebirge habe ich dann einen
Indianeragenten kennen gelernt, ihn und seine Familie
mir angesehen, diese Menschen, die einen der merk-
würdigsten Berufe sich erwählt haben in unsrer heutigen
Zeit.
Draußen, übers Feld, jagten ein paar Indianerfamilien
vorbei, Mann, Frau mit Papoose auf dem Rücken und
ein kleines, siebenjähriges Mädchen, alle auf einem Pferd
sitzend, durch den Herbstregen aus den Gebüschen gegen
die Berge zu. Mein Indianer, Moses Wesley, kutschierte
mich in seiner Rig auf der Reserve herum. Der Häupt-
ling, mit dem feinen Namen Jonas Two-Youngmen, war
nicht in seiner Tepeeh, sondern beim Heuen, das war
schade, denn was übrig blieb, streckte allerhand gestickte
und geschnitzte Sachen zum Verkauf hin und war in
anderen Angelegenheiten nicht zu sprechen. Wir fuhren
also bald ins Haus des Agenten, am Fuß eines Berges
hin. —
Die Frau des Agenten hat in den 25 Jahren, die die
Familie nun unter den Indianern, in allen Teilen der
Dominion, verlebt hat, eine der schönsten Kollektionen
von allerhand Perlenarbeiten, Steinäxten, Kriegsschmuck,
bemaltem Leder und Medizinbüchsen zusammengebracht.
In ihrem warmen, behaglichen Haus, das voll ist mit
altem, guten englischen Hausgerät und Silberzeug, wie
man es in den Büchern der Brontes und Jane Austen
beschrieben finden kann, wartet sie auf einen Käufer für
ihr indianisches Museum. Mit den Indianern hat die
Familie während dieser 25 Jahre nicht anders als durch
die großen Bücher drüben im Bureauhaus verkehrt.
Daß es Menschen sind, die da draußen um das Haus herum
wohnen, die die zum Teil wunderherrlichen Kunstwerke
aus Leder, Stein und Perlen hergestellt haben — das
kann ich aus den Gesprächen der schottischen Familie
217
nicht herausfinden. Am besten gefallen ihnen ein paar
Stickereien, die die Indianerweiber von schlechten moder-
nen Chintzes und Kattunbettdecken herunterkopiert
haben. Die guten traditionellen Zeichnungen der alten
Kunst zeigen zickzackförmige, mäanderförmige, parallel-
linierte Muster in den apartesten Farbenzusammenstel-
lungen: dunkelrot, schwarz und gelb; weiß, lila und
ultramarin; hellgrau, schwarz, grün und weiß. Diese
neuen Zeichnungen aber, von denen die Schotten dahier
so entzückt sind, stellen bunte, ordinäre Rosen auf Sten-
geln, plump und ohne jedes Farbengefühl, sklavisch kopiert
und schlecht zusammengenäht, dar. Seit 25 Jahren wohnt
die Familie des Agenten mit den Indianern beisammen
und versteht doch nicht das Geringste von dem Indianer.
DAS FELSENGEBIRGE
Hierzulande ist keiner so wildfremd — auf einmal packt
ihn einer auf der Straße oder in der Bahn um den
Hals und fängt mit ihm an, über die gemeinsame An-
gelegenheit: Kanada, zu reden. Aber in den Rockies
kennt diese freundliche Zutraulichkeit einfach keine
Grenzen mehr. Dies Land hat zu seinem schweren
Reichtum noch den herrlichsten Spielplatz der Welt be-
kommen, und dem Kanadier, der so schon kaum mehr
weiß, wo er mit dem Staunen aufhören soll, gehen hier
die Augen über. Ich weiß nicht, ob der Herr recht hatte,
der mir in Laggan vor dem Lake Louise um den Hals fiel
und behauptete, im Himalaja gäbe es nichts Ähnliches,
das aber weiß ich aus meinen bescheidenen Reiseerfah-
rungen, in Tirol und der Schweiz habe ich keine Szenerie
des Alpenlandes gesehn, die ich anführen dürfte, ohne
den Rockies unrecht zu tun.
Die Roddes genieren sich ihrer Herkunft nicht; in
aufrechten, offenen, fächerförmigen Mulden und Berg-
spalten zeigen sie, wie ihr Stein von Gletschern geknetet
218
und durchpflügt worden ist von Urzeiten an. Im Innern
des Gebirges ist es blau und hellgrün von Gletschern.
Oft werden sie frech und strecken ihre spitzen Hälse bis
an die Bahntrasse hinunter wie irgend ein Lind-
wurm Böcklins. Dunkelgrüne Abgründe zerreißen das
helle Eis, zeichnen und malen Verästelungen darauf, von
der Zartheit eines jungen Tännleins. Zwischen zwei
Gletschern klettert eine ungeheure steinerne Eidechse
grau und in der Bewegung erstarrt zum Himmel empor.
Ein Bergrücken, ein Grat, nackt und schneeweiß wie das
präparierte Skelett einer vorsintflutlichen Fledermaus,
liegt steif und unbeweglich, fest ins violette Gestein
verkrallt und verbissen da im Sommersonnenschein.
Unten, in der Region des Zwerggehölzes bekommen die
Berge ein andres Gesicht. Stellenweise erinnern Formen
an die Dolomiten, stellenweise an die Basteien der Säch-
sischen Schweiz. Tausend horizontale Farbenstriche über
eine Bergwand, die sich frisch auf getan hat, darunter
liegt Schutt und Geröll in tausend Farben. Ein andrer
Berg ist in der Mitte auseinandergebrochen und zeigt
statt der Schichtenformation Rhomben, echte und rechte
Honigwaben. Seltsame Gestalten von Stein stehen an
den beiden Seiten des Zuges, wunderliche Männer in
gelben Havelocks, mit fallenden Schultern, runde farbige
Steinhüte auf den Köpfen, manche wie Brüder des Balzac
von Rodin anzusehn, eher aber Schwäger der Frau Hitt,
Junggesellen, verknöcherte, dem Treiben zusehende Son-
derlinge. Sie sind aus einer tüchtigen Masse. Rings um
sie hat das Wasser, in langer Arbeit, all das weiche Zeug
weggeschwemmt, ganze Berge weggeschwemmt — sie
aber waren aus härterem Material schon drin im Bauch
der Berge, jetzt stehen sie in der Sonne da, hart und
von allen Seiten beleuchtet, all das poröse Zeug um sie
herum ist weg, vom Wasser weggespült, beim Teufel. —
Überall feiert die Phantasie, das Schauen seine Feste.
Zur Seite der Fahrstraße auf dem Berg, im verbrannten
Wald, scheuen die Rösser unsres Tally-Ho und werfen
219
den Schaum aus ihren Mäulern auf uns Passagiere zurück
— ein riesiger Bär steht am Wege und schlägt mit seiner
schwarzen Pranke nach dem Wagen — aber es ist nur ein
verkohlter Baumstrunk mit einem verkohlten Ast über
den Weg.
Im Wald schreien die Elche, die Wapitis, man hört
ganze Skalen von klagenden Tönen, empörte Gesänge der
Tiere, denen der Berg nicht mehr gehört. Kariboos, lang-
fellige Widder erscheinen mit mißtrauischen, menschen-
ähnlichen Gesichtern auf den Lichtungen. Zwischen dem
Unterholz treibt sich der Grizzly herum und hat nur vor
einem Tiere Angst, dem Berglöwen, auf den die „jüngeren
Söhne' Englands mit Todesverachtung durch die Berge
jagen.
Der König des Felsengebirges, der Buffalo, lebt in um-
zäunten Parken, ist nur mehr eine Sehenswürdigkeit und
wird bald ausgestorben sein. Einige aristokratische, untätig
kauende und wiederkäuende Familien werden vom Staat
erhalten und dem Fremden gezeigt. Diese Parke heißen
Reserven, und der Fremde denkt unwillkürlich an die
Indianer, die auch in umzäunten Reserven, von Gnaden
des Staates, ihr Leben dahinbringen, mit dem Unterschied,
daß es den Büffeln besser geht.
Im Museum in Banff ist eine Photographie des eng-
lischen Missionärs zu sehen, der in den vierziger Jahren
des vorigen Jahrhunderts als erster weißer Mann bis hier-
her ins Herz der Rockies vorgedrungen ist. Jetzt zeichnet
eine Kette von Sommerorten die Strecke der C. P. R.
durch das Gebirge nach. Burgähnliche Hotels an Punkten,
die an den Mendelpaß und an Maloja erinnern, sorgen für
den Passanten. Um sie herum haben sich kleine Villen ge-
schart, von einer amüsanten, unvorhergesehenen Bauart,
halb Schweizer Chalet, halb indisches Bungalow. Aus ge-
waltigen Stämmen sind sie breit, niedrig und solid zusam-
mengefügt; eine Veranda läuft um das ganze viereckige
Blockhaus herum, über die Brüstung der Veranda ist ein
reichgeschnitzter mexikanischer Ledersattel zum Trocknen
2^20
gelegt. Auf dem Schaukelstuhl liegt das in Indien erjagte
Tigerfell des Besitzers, vor den Stufen ins Haus das lang-
haarige Kleid eines einheimischen Kariboos. Wolfshäute,
mit den Schädeln der Tiere noch im Fell, sind an die Wand
des Blockhauses genagelt, an einer langen Stange flattert
die Union Jack. Jetzt kommt uns der Herr des Hauses
entgegen, ein alter englischer Offizier, der sich hier ein-
sam niedergesetzt hat und mit seiner Flinte, die das Getier
Indiens undAfrikas kennt, in den wilden Bergen des Felsen-
gebirges nach Beute streift.
Amazonen jagen vorüber, mit offenem flatterndem
Haar, auf störrischen Pferdchen ; es sind die selben jungen
englischen Pensionatsfräuleins, die im Winter in Lau-
sanne, Brüssel und Dresden Grieg und Sinding fingern.
Jetzt tragen sie gelbe Leinwandhemden über ihren kind-
lichen Brüsten, ein Cowboytaschentuch um den Hals und
einen Indianergürtel um ihre schmalen Hüften. Im Leder-
rock sitzen sie auf Männerart zu Pferde, das wilde Pf erdcheh
unter ihnen zuckt unter der Haselgerte im Vorüberfliegen.
Nichts Schöneres kann man sich, mitten während
der Reise, zum Ausruhen wünschen, als die weite halb-
dunkle Hotelhalle, an einem Septembermorgen, während
es draußen stürmt und die Kuppen sich bepudern.
Durchs Fenster glaubt man ganz deutlich zu sehen, wie
das Laub der Wälder sich verfärbt und die Wälder bunter
und reicher werden mit jedem Augenblick. Im Kamin
lodern harzige Scheite, Zedernholz, die Tierköpfe an den
Wänden haben gläserne Augen und zwinkern und blinzeln
phantastisch von der dunklenTäf elung auf denGast herunter.
Ein eben angekommener Fremdling wünscht die In-
schrift über dem Kamin zu entziffern, und während er
ein Streichholz mühselig die Buchstaben entlang führt,
spricht jemand aus einem Lehnstuhl ihm die Worte vor:
,,The World is my Country,
All Mankind are my Friends,
To do Good is my Religion."
(Thomas Payne)
221
— eine schöne und freundliche Inschrift über einem
englischen Kamin wahrhaftig!
Und zutraulich, wie alle Menschen hier im Westen
werden, auch die aus dem zugeknöpften Osten, sitzt schon
der Fremde bei dem Fremden und spricht mit ihm von
dem Lande, von den Menschen, von den Wundern der
Rockies, aber auch von sich, seinen Angelegenheiten,
seiner Familie, seiner alten und neuen Heimat. Man
fühlt sich nicht beengt, nicht unbehaglich, möchte nicht
aufstehen, ist nicht versucht, nach Europäerart zu sagen:
bitte, wir kennen uns ja viel zu oberflächlich, mich
interessieren Ihre Angelegenheiten nicht im mindesten,
glauben Sie nicht, daß ich nun auch anfangen werde, mein
Innerstes vor Ihnen Wildfremden auszukramen dahier,
was ist das für ein indiskreter Kerl, Herrgott, wie sind
doch diese Leute unkultiviert im Vergleich zu unserem
gesitteten westeuropäischen Kurpublikum! Der kana-
dische Mann ist noch jünger als sein Vetter südlich vom
Strich, er ist noch einen Grad stolzer auf sein Land,
seine junge Zivilisation, er tut sich etwas zugute auf seine
Kenntnisse und Schicksale, und wenn er sicher ist, seinen
kleinen Effekt erzielt zu haben, und davongeht, so sieht
man ihm mit einem gerührten Lächeln nach und gelobt sich,
sein Freund zu bleiben, hier und nach der langen Reise.
Den Paß des „bockenden Pferdes" werde ich nicht be-
schreiben. Wer noch eine Station vorher im Zweifel
war, daß der Ingenieur der wahre Held und Meister des
verflossenen Zeitalters gewesen ist, dem vergeht dieser
Zweifel auf dem Paß des „bockenden Pferdes" zwischen
Laggan und Revelstoke, an der Kanadischen Pacific, im
Herzen der Rockies, die den Namen: Rückgrat Amerikas
tragen.
Hier ist die Landschaft so erschütternd und wild ge-
worden, daß einem der Atem stockt und die Haare zu
Berge stehen. Mit vier Lokomotiven keucht die Bahn
eine schmale Felsenspur entlang, tausend Fuß über dem
222
Kolumbiastrom dahin, der sich, weiß vor Gischt, durch
das zerklüftete Tal dem Pacific entgegen wirbelt; oben,
über der Trasse, achttausend Fuß hoch über der Bahn,
hängen von steilen Felsenwänden, die wie Achat schim-
mern, weißgraue Gletscher über das Gestein herunter,
wie Trauben von geronnenem Glas. Der Zug schießt
durch eine Felsenspalte und alles ist verkehrt; ein ver-
tracktes Wirrsal von Bergen, die sich durcheinander-
schieben, Strömen, die nach drei Seiten in betäubenden
Sätzen davonbrausen, Felsenbrücken, die sich quer von
einem Berg über einen Hügel geworfen haben, tausend
Hindernisse zwingen die Schienen in die schwierigsten
Kurven, Steigungen und Senkungen. Die Bahn drückt sich
durch Tunnels, die im Berginnern Schleifen und Spirale
nachahmen, über Stahlbrücken, die das Wunder des
Kontinents geheißen sind, der Reisende im Aussichts-
wagen taumelt von der rechten Seite auf die linke hin-
über und zurück, für den Zeitraum einer Stunde weiß
er wahrhaftig nicht mehr, wo rechts und links, oben und
unten ist.
Man muß sagen, dieser Gebirgspaß hat wirklich Glück
gehabt; er hat seinen pittoresken Namen von einem Er-
lebnis erhalten, das wohl fürs Pferd aber nicht für seinen
Reiter ein amüsantes Erlebnis gewesen ist. Der kühne
Ingenieur, der für seine Bahn das Terrain sondieren kam,
wurde von seinem Gaul derartig vor den Kopf gestoßen,
daß die Indianer ihn schon zu begraben anfingen. Er
wurde wieder wach, und die Bahn fährt jetzt dort durch,
wo sein Grab hätte sein sollen. Die Indianer, die eine
so direkte Kraft des bildlichen Ausdrucks haben —
die meisten Indianernamen von Orten hier herüben er-
geben, übersetzt, Begriffe von hoher Phantastik — be-
nannten die Enge nach dem bockenden Pferd, und man
muß ihnen und dem Pferd für den Namen dankbar sein,
denn wirklich, die Gegend hier herum und insbesondere
die ewigen Berge, heißen nicht schön, man könnte das
nicht sagen.
223
Die C. P. R. hat, als sie ihre Bahn durch dieses neu-
erschlossene Land baute, die Erde hier einfach unter
ihr Personal verteilt, die größten Funktionäre haben dabei
natürlich die größten Berge bekommen. Ein Riese dahier
heißt Mount President, ein etwas kleinerer daneben
Mount Vice - President. Der gewaltigste dieser Berge,
die von den Indianern, als es noch keine Eisenbahnen gab,
als ihre wirklichen Götter verehrt wurden, ist nach dem
High Commissioner von Kanada (unter der eben abge-
setzten liberalen Regierung), Lord Strathcona and Mount
Royal benannt, dem auch unzählige Städte, Parke, Hotels,
Galoschen und Felsenspalten, Zigaretten und Apfel-
sorten ihren Namen Strathcona verdanken. Lord Strath-
cona ist ein Finanzgenie, und der Handel Kanadas hat
ihm eine Menge zu verdanken. Ehe er zu seiner hohen
Stellung gelangte und seinen Titel erhielt, war er ein
gewöhnlicher Bürger mit Namen Mr. Donald Smith.
Ein Genie war er jedenfalls schon als Bürgerlicher;
der zehntausend Fuß hohe Berg hieß darum einfach
Mount Donald. Als aus dem Mr. Smith Lord Strathcona
wurde, durfte man dem Berg die Schande nicht antun,
daß er als simpler bürgerlicher Berg im Lande stehe, der
Berg wurde also in den Adelsstand erhoben und heißt
jetzt Mount Sir Donald. Hoffentlich werden ihn die
Konservativen, die jetzt am Ruder sind, nicht demolieren.
Die Grand Trunk Pacific, die jetzt ihre Strecke nördlich
an den gelben Felsen vorbei durch das Felsengebirge baut,
hat auch schon eine Menge Ströme, Wälder und Wiesen nach
den Ihren benannt, und es ist nicht ausgeschlossen, daß ich,
wenn mich nach Jahren mal mein Weg nach dem Arktik
führt, über den „Mount Kon" dort hinauffahren werde!
DER PFEILSEE
Hinter Kicking Horse beginnt Britisch- Kolumbien, das
Sagenland. Wenn es heißt, Kanada sei die Zukunft
der Welt, so darf man sagen. Britisch- Kolumbien sei die
224
Zukunft Kanadas. Durch das gletscherbesäte Tal des
lUecilliwaet neigt sich das Land, vom Rückgrat Amerikas
nieder zur Küste des Pacific, zu B. C, wie die Kanadier
das Land in liebevoller Abkürzung nennen.
Auf einer flüchtigen Reise ist man dankbar für Sym-
bole, die einem die Quintessenz, Wesen und Rätsel eines
Landes auf eine Formel gebracht vorführen; im Ernte-
land Alberta war's die Blumen- und Baumoase auf der
Mc Gregor-Ranch, hier in B. C, so kommt's mir heute
vor, ist mir dies Symbol in dem märchenhaften und über
die Grenzen der Dominion hinaus berühmten Obstgarten
des Herrn James Johnstone begegnet, im wundervollen
südlichen Kootenay- Gebiet .
Dieser Märchengarten liegt an einer steinigten Berg-
lehne, und man würde, sieht man von der Stadt Nelson
über den Wasserarm hinüber, kaum glauben, daß dort
drüben an dem Hange etwas anderes gedeihen könnte,
als ein paar kümmerliche Föhren zwischen den grauen
Felsenblöcken. Das hat man noch vor lo Jahren auch wirk-
lich geglaubt. Bis ein armer Schweizer Farmer, der
dort auf den Steinen saß und kümmerlich Roggen oder
Kartoffeln oder was ähnliches pflanzte, in dem Boden
den besten Boden für Apfelbäume, Birnenbäume, Pfir-
sich und Pflaumenbäume entdeckte. Dieser erst als Narr
verschriene, bald zugrunde gegangene und gänzlich ver-
schollene Schweizer ist der Vater der Obstzucht in B. C.
geworden, und diese Obstzucht fängt an, den Obstländern
Ontario, Kalifornien und Florida gefährlich zu werden.
Mr. Johnstone sitzt auf dem Erbe des Schweizers, und
an den Korb voll Birnen und Pflaumen, den er mir auf
die Reise mitgab, wird sich mein Gaumen erinnern, solang
ich einen Mund im Gesicht habe. Johnstone führte mich
in seinem Motorboot über den Kootenayarm und wies
stolz auf die Bank, auf der ich mein Volumen bescheiden
im Gleichgewicht hielt; auf dieser Bank hatten Gouver-
neure, Lords, Minister und sogar einer, der inzwischen
König geworden ist, gesessen.
15 225
Ist man erst drüben bei den Steinblöcken angelangt,
so gehn einem die Augen über. Diese Farm ist zwanzig
Acker groß, aber es ist praktisch unmöglich, mehr als
7 davon zu kultivieren. Um die Zeit der Obsternte haben
zwei Dutzend Menschen vollauf zu tun, dem Segen Ein-
halt zu gebieten, das heißt, zu verhüten, daß die Bäume
auseinanderbrechen vor Fruchtbarkeit. Zwei —
drei Acker bieten einer Familie ihr reichliches Auskom-
men und sogar einmal alle drei Jahre das Schiffsbillett
nach Europa und zurück. Äpfel, groß wie meine beiden
Fäuste aneinander gehalten, belasten einen Baum, dessen
Jahresertrag 37 Dollar beträgt. Johnstone zeigt auf den
Berg über seinem Garten hinauf: dort oben liegt eine
Mulde, ginge ein Weg dort hinauf, der Boden ist derart,
daß das alte Kanaan beschämt würde durch den Ertrag. <
Ich schaue den Berg hinauf, es ist ein Steinkegel, ich
sehe Felsen, sonst nichts. Diese Felsen eben, so belehrt
mich der Züchter, diese Blöcke, zwischen denen wir hier
unten herumgehen, und die Gesteinsart im ganzen
Kootenay ist es, die das Wunder dieser Fruchtbarkeit
bewirkt. Es ist Granit, der hier langsam stirbt, den die
Luft zermalmt und der mit dem Lehmboden eine che-
mische Verbindung eingeht, die den großartigsten Dung
für alles saftige Obst der Welt ergibt.
Diese Vorstellung von dem sterbenden Berg verfolgt
mich bis in den Schlaf. Ich habe mich in dem Herum-
klettern zwischen den Obstbäumen an einem und dem
andern Felsblock angehalten und habe auf meiner Haut
vermittels des Tastgefühls die Vorstellung wiedergefun-
den: der Berg stirbt, und die süßen Früchte gedeihen. —
Nächsten Morgen fahre ich den Pfeilsee hinauf zu
meiner Strecke zurück, die mich vom Atlantic hierher
geführt hat und über die ich jetzt bald den Pacific er-
reicht haben werde.
Es geht schon auf Oktober zu, und die himmelhohen
Berge, zwischen die der See gebettet ist, die Selkirks im
Osten, die Gold-Range im Westen, werfen sich über den
226
James Johnstones Gerten
schmalen See Wolkenballen zu durch den stahlkalten
Himmel. Da liegt der See, zwischen Urwäldern und
Felsenwänden, über die Schatten in die Höhe huschen.
Er sieht aus wie ein verbogener, unregelmäßig gefiederter
Indianerpfeil, vom Norden her nach dem Herzen des
Kootenay abgeschossen. Dort, wo der Himmel auf den
Bergen liegt, ist der Urwald nur mehr ein Wald von grauen
Lanzen, die ins blaue Gestein gepflanzt sind. Wald-
brände von Urzeit haben den Riesenstämmen die Rinde
vom Leibe geschält. Die Ritter sind tot, und die Lanzen
sind in den Boden gestoßen; wo einst das Heer stand,
dort zeigen sie nach dem Himmel. Schnee kommt auf sie
herab, und über ihnen ist die Wolke halb schon Stein
und halb noch Himmel. -^
Hier unten aber, an den Ufern, bei den Felsenwänden
und zwischen den Bäumen leben und bewegen sich Men-
schen. Es ist unwahrscheinlich, und das Gefühl sträubt
sich gegen die Vorstellung, daß hier Menschen leben,
in dieser Wildnis, an dieser kaum seit Jahrzehnten ent-
IS* 227
deckten, seit wenigen Jahren erst befahrenen Wasserader.
Aber es ist so: in den Wäldern, auf den spärlichen Lich-
tungen, die sie sich mühselig aus dem Wald gerodet haben,
und die ein Stückchen Boden bis ans Wasser herunter
freigelegt haben, leben Menschen.
Die „Rossland" müht sich durch die Wellen vorwärts,
ich stehe im eiskalten Nordwind auf dem Deck und sehe
die Ufer rechts und links vor dem Kiel zurückweichen.
Zuweilen scheint's, als müßte das Schiff stocken mitten
in seiner Fahrt. Die Ufer rücken eng zusammen wie eine
Gasse, und Sandbänke, Klippenrücken steigen aus dem
Wasser empor. Da erscheint das Adlergesicht unseres
Kapitäns im Steuerhäuschen, und das Schiff gleitet schlau
und witzig, wie ein Fisch mit Flossenschlägen, durch die
Enge hindurch.
Hier und da tönt ein dumpfes Brüllen aus dem Innern
des Schiffes hervor — dann wird auf einer der Lichtungen
im Wald vor uns ein Punkt lebendig. Ein Mensch, der
dorten wohnt, ist benachrichtigt worden, Post oder
Nahrungsmittel sind an Bord für ihn. — Aus einem Block-
haus kommt ein struppiger Riese von einem Holzfäller
heraus, eine Postkarte fliegt über Bord, während wir
weiterfahren steht der Riese da mit dem Blättchen in
der Hand, kehrt dann in seine Einöde zurück, die Welt
im Rücken. Wir aber fahren wieder stundenweit an den
unbewohnten Ufern des Sees im Urwald entlang.
Was für eine Sorte von Menschen kann das sein, die sich
hier niedergelassen hat, zäh mit dem furchtbaren Wald
um einen Fußbreit Raum zum Leben ringt? Dies ist
eine andere Sorte dahier, als jene im Weizenland mit der
Sonne über sich, die den Himmel in ungeheurem Bogen
schaut vom Aufgang zum Niedergang, das Jahr hindurch.
Unser Schiff zieht seines gefährlichen Weges dahin, und
ich denke an die Prärie, an den sterbenden Granitberg,
an die Ufer des offenen Meeres, an all die Hütten, die
ich gesehen habe auf meiner Reise — und plötzlich ist
es mir, als sei dieser See hier der Schattensee, und die
228
Ufer und die Menschen garnicht wirklich, nicht von die-
ser Welt.
Wir sind an einem Berg vorüber, einem weißen Riesen,
der Mount Halkyon heißt, und vor uns liegt eine kleine
Lichtung, die auf einer Tafel den Namen „de Mars" führt.
Die Brücke wird niedergelassen, in raschem Lauf tragen
fünf japanische Schiffsjungen Kisten, Tonnen und Säcke
ans Ufer hinunter, legen alles der Reihe nach hin auf
den nassen Sand, und schon während das Schiff weiter-
zieht, laufen sie die steiler und steiler werdende Schiffs-
brücke hinauf, hurtig, wie geschickte Affen in das Schiff
zurück. Kein Mensch ist auf ,,de Mars** zwischen den
Zedern und Föhren zu sehen. Die Lebensmittel liegen
und warten auf dem wasserbespülten Sand. Eine waldige
Bucht schiebt sich zwischen unser Schiff und die Halte-
stelle, wir sind an „de Mars" vorüber.
Spät am Nachmittag halten wir auf eine Rodung, die,
etliche hundert Meter im Geviert, zwischen den Bäumen
schroff ans Wasser niederfällt.
Ein paar menschliche Wesen tummeln sich dort, durch
mein gutes Glas sehe ich zwei Männer in gelben Hemden
und gelben Hosen, selber wie entrindete, entlaubte Bäume
anzusehen, ein Kind, das mit einem Huhn und einer
Ziege vor der Blockhütte am Waldessaum spielt, und unten
am See gewahre ich, auf einem Holzstrunk, eine rote Form,
etwas wie einen großen Stein, über den man eine rote
Decke geworfen hat — aber es ist ein menschliches Wesen,
es bewegt sich ja, die Falten der Decke verschieben sich.
Wie wir näher kommen, sehe ich: es ist ein Weib, sie hat
einen ihrer roten Röcke über ihren Kopf geschlagen, so sitzt
sie da und wartet auf das Schiff.
Wir halten, legen an, fahren weiter. Die Männer, das
Kind, die Ziege sind ganz an das Wasser herunter ge-
kommen. Die Männer haben die Fracht und die Post
in Empfang genommen. Der Dampfer wendet sich äch-
zend weiter. Das Weib auf dem Baumstumpf hat sich
nicht gerührt.
229
Ganz genau hab ich ihr Auge gesehen. Zwischen den
Falten ihres Rockes blickte ihr Auge nach dem Schiff aus.
Sie wollte unsichtbar sein für die Augen, die vom Schiff
hinunterblickten, aber ihr Auge ging unruhig unsre Augen
an Bord entlang, aus dem starren roten Gebilde sah ein
lebendiges Auge uns Menschen an, die kamen und weiter-
zogen; der Herbstwind, der an unseren Mänteln zauste,
schien geringere Gewalt über das rote Gebilde unten am
Ufer zu haben.
Wie wir schon weit sind, erhebt sie sich, wirft den Rock
mit einem Ruck von ihrem Kopf herunter und geht den
Männern und dem Kinde nach, langsam auf das Block-
haus zu.
Durch mein Glas sehe ich sie ganz genau. Sie ist eine ält-
liche Frau, großgewachsen, aber von verquollenen Formen,
mit leuchtenden roten Haaren über ihrem ungesunden
bleichen Gesicht. In ihrem Gang, auf ihrem Gesicht liegt
etwas, daß ich mir sage: ich verstehe dich, ich verstehe
es, warum du nicht gesehen werden willst in dieser Ein-
öde, in der du dein Leben beschließt. Ich zeichne mir die
Kontur dieser Gestalt in mein Notizenbuch ein, und plötz-
lich fällt mir eine Frau ein, die ich vor Jahren in München
gesehen habe, eines der sinistren Geschöpfe dieser Zeit —
ich erinnere mich an die Haltung, an die Kontur, den
Gang, an die ganze Gestalt, an die Einöde, in der sie
ihre Tage verlebt, und ich schreibe unter die Zeichnung
in mein Notizenbuch den Namen: Helene von Dön-
niges ein. —
Es wird Nacht, tief innen zwischen den Stämmen sieht
man das rötliche Licht eines Meilers brennen. Ein kleines
Kanu, in dem ein kleiner Indianer] unge und ein weißer
Knabe sitzen, kommt ganz tapfer an unser Schiff heran-
gepaddelt. Es ist kalt, und auf dem Deck ist niemand
mehr. Auch ich gehe in meine warme Kabine, mit meinem
guten Buch, und bereite mich auf die Nachtruhe vor,
draußen weht es tüchtig durch die Stricke.
Vorne am Schiffsschnabel hat man jetzt die Laternen
230
hinter den riesigen Scheinwerfern angezündet. Sie suchen
dem Schiffe seinen schwierigen Weg vorwärts, nach
Norden. Aus meinem Kabinenfenster sehe ich den weißen
Schein gespenstisch über Felsen, Bäume, Laub dahin-
huschen, der Schein hebt Schichten von Laub von der
Masse dahinter ab, trennt eine hellgraue Kulisse von dem
dunklen Hintergrund, streicht über den nassen Sand und
das schaukelnde Wasser, huscht durch die neblige Nacht
und verweilt in ihr.
Auf einmal dröhnt das Signal des Schiffes. Die Schein-
werfer huschen mit ihrem Licht nicht weiter, sondern be-
halten einen Fleck des Ufers in der Ferne im Auge, sie
werden starr, während das Schiff sich bewegt, dreht,
vorwärts gleitet. Größer und größer wird der hellgraue
beleuchtete Fleck, wie unter einem Fernrohr, das man
mit ruhiger Hand in die richtige Distanz einstellt. — Ich
sehe: eine kleine Gruppe von Häusern steht dort, nahe
beim Wasser, sie sehen anders aus, diese Häuser, als die
Blockhütten in der Wildnis hinter uns. Vier, fünf kleine
saubere Häuschen stehen in einer Reihe da, hinter der
hellgrauen Laubkulisse. Jedes steht in einem Gärtchen,
und in den Fenstern brennen Lichtfunken rötlich im
Grau. Zwei rötliche Punkte schwingen *auch vorne beim
Wasser. Eine kleine Gruppe von Menschen steht dort,
einer hat die beiden Laternen in den Händen, mit denen
er uns das Signal durch die Nacht gegeben hat: Passa-
giere an Bord nehmen!
Wir sind ganz nahe, und plötzlich sehe ich am Ufer, auf
einer Tafel, gerade unter meinem Kajütenfenster den
Namen der Station: Renata. . . .
Da erinnere ich mich: Renata, so hieß der Ort, von dem
mir, vor Wochen, der alte liebe Reverend Hansen in
Altona, Manitoba, sprach. Eine kleine Kolonie evange-
lischer Deutschen hat ihn gebeten, ihrer neuen Nieder-
lassung in Britisch- Kolumbien einen Namen zu geben;
und er hat sie, nach seinem jung verstorbenen Kinde,
Renata getauft.
231
Diese Häuschen, die so fremd daliegen in der Nacht,
mitten im Urwald, dies ist der deutsche Ort Renata.
Schon suchen die Scheinwerfer andre Ufer. Hinter
uns, in der Finsternis, sind die roten Lichter in den
Häusern deutlich zu sehen, die beiden kleinen rötlichen
Laternen schwanken jetzt auf jene schüttere Lichterreihe
zu. Zwei Menschen gehen draußen an meinem Kajüten-
fenster vorüber, aber ich kann nicht hören, in welcher
Sprache sie miteinander reden. —
Ein paar Wochen später lese ich, in San Franzisko, in
einer englischen Zeitung Einzelheiten über den Selbst-
mord Helenens von Dönniges. Es steht kein Datum ge-
nannt, und ich kann mich nicht genau entsinnen, an
welchem Tage ich über den Pfeilsee gefahren bin.
WAHLTAG IN SHEEPCREEK
An dem verhängnisvollen Tage, an dem es sich ent-
csheiden soll, ob Kanada für oder gegen die Reziprozi-
tät mit der Union ist, bin ich oben in den Bergen, in einem
Goldminenlager an der Grenze von Britisch- Kolumbien
und den Staaten* Washington und Idaho, meilenweit weg
von der Eisenbahn.
Daß es so wild und wüst aussehen wird, hier oben in
Sheepcreek, das hätte ich mir denn doch nicht gedacht.
In den Zeitungen bin ich wiederholt ganzen Seiten mit
Ankündigungen der ,,Townsite Sheepcreek" begegnet.
Wie ich jetzt sehe, ein glatter Betrug. Die Townsite
Sheepcreek besteht aus einer Bretterbude mitten im Ur-
wald, ich weiß nicht wie viele tausend Fuß hoch über dem
Meeresspiegel, aber ich weiß, vier wohldurchrüttelte Auto-
mobilstunden Weges von der Station fort, die selber schon
in beträchtlicher Distanz hinter dem Rücken Gottes sich
befindet.
Herr Buckley, der Manager der „Queen"-Goldmine,
löst mir das Rätsel der „Townsite". Der Eigentümer der
132
Bretterbude ist der General-merchant des Ortes und
möchte gern eine Schanklizenz erhalten. Andrerseits
aber ist ein ähnlicher Schwindel mit Grundstücken in
Orten, die gar nicht existieren, hierzulaiide gang und
gäbe. Als man hier in den Bergen Gold fand, als der erste
Claim von einem Herrn, der jetzt als reicher Mann in
Nelson sitzt, in dem harten Boden abgesteckt worden war,
da kamen sofort die ,,Boom*'-Witterer, die hier so etwas
wie ein Cripple-Creek oder Klondyke in Szene setzen
wollten, kauften das wertlose Land für einen Topf Bohnen
zusammen und möchten es jetzt, da sich ihre Spekulation
als nicht so sehr glänzend erweist, auf diese unsolide Art
wieder losschlagen.
Herr Buckley ist ein persönlicher Gegner des Saloon-
Projekts hier oben in den wilden Bergen, er weiß wohl
warum. Ehe er auf seinen isolierten und unbehaglichen
Posten hierher als Aufseher der Goldgräber kam, war. er
unten in Wisconsin Scherif gewesen und kennt das Volk
der Abenteurer auf Bergpfaden und Landstraßen genau.
Schnaps hier oben, unter diesem Goldgräbervolk, das fern
von allen Vergnügungen, von Weibern, von der Eisen-
bahn, zwischen den Gefahren des Innern der Erde und den
Aufregungen des Kartenspiels, seine Tage und Nächte zu-
bringt, Schnaps in Sheepcreek bedeutet Schießerei, Dis-
ziplinlosigkeit, Ärgernis. Rundherum auf den Bergeskuppen
in stundenweitem Umkreis sitzen ein paar hundert verdur-
stete Goldgräber auf derNugget-Mine,derMotherlode, ein
Saloon hier mitten im Urwald gäbe eine nette Bescherung.
Aber es läßt sich nicht voraussagen, wer am Ende ge-
winnen wird. Gehen die leichtgläubigen Toren auf den
Leim, oder bemächtigen sich die leichtfertigen Speku-
lanten Sheepcreeks — wer wird denn persönlich her-
kommen und sich von der Wahrheit der Annonce über-
zeugen? solche Geschäfte werden blindlings beim Real
Estate-Mann abgeschlossen ! — dann können hier wirklich
noch ein paar Bretterbuden mehr aufspringen und Alkohol
und Mord und Totschlag dazu.
233
Gegenwärtig hält die Verwaltung ihre Leute streng,
und wenn der Chauffeur oder ein Holzkutscher von der
Station eine Flasche Schnaps heraufschmuggeln, so fliegen
sie kopfüber aus ihrem Job hinaus. Die Verwaltung macht
sich dadurch bei ihrer Arbeiterschaft nicht sehr beliebt,
aber die Mine zahlt bessere Dividenden.
Ich habe die Schaftstiefel, die Bluse und die Overalls
des Präsidenten angezogen und folge Herrn Buckley
durch die Gänge der Mine. Der Präsident scheint zum
Glück ein Herr von angenehmer Körperfülle zu sein,
sonst müßte ich mir meine eigenen Kleider schmutzig
machen. Siebenhundertfünfzig Fuß unter dem Gebirgs-
bach, dessen Namen die Gegend trägt, dröhnt die Erde
von dem Bohrer, den zwei graue, bleiche Männer, über
und über naß von umherspritzendem Gestein, bedienen.
,-,How dye do?"
Ein Querschacht wird angebohrt. Ganz deutlich kann
man, wenn man die Kerze über den Kopf hält, die glit-
zernde neidgelbe Ader im Gestein laufen sehen. Es ist
ein ergiebiger Schacht, der da aufgetan worden ist.
Nicht alle sind es.
Zuweilen wird ein Steingang drin im Berg abgeklopft,
und der Berg äfft den Menschen, und wenn der Mensch
sich im Schweiße seines Angesichts abgemüht hat, da
merkt er: der Berg hatte ihn zum besten.
An solch einem tauben, angebohrten Crosscut kommen
wir vorbei auf unserm Weg durch die Mine. Ein schwarzer
Sack liegt vor seinem Eingang auf dem Boden. Herr
Buckley leuchtet mit seiner Kerze hin und spricht:
„Hier ist er gestorben."
Ich weiß von der Geschichte. Gestern früh hab ich sie
im „Daily Star" gelesen. Sie stand in unmittelbarer
Nachbarschaft der wichtigen Nachricht: der populäre
deutsche Autor Herr So und So gedenke sich nach dem
Goldlager bei Sheepcreek zu begeben, um Lokalkolorit
für westliche Erzählungen zu holen. Der tote Richard
234
Heskett und der populäre Herr So und So waren für
einen Tag im Blättchen Nachbarn geworden, morgen sind
beide vergessen.
Da stehe ich mit Buckley vor dem Sack. Ich habe meine
Mütze vom Kopf genommen, aber es ist mir nicht ge-
geben, durch ein Zeichen, ein Kreuz über Stirn und Brust,
die Ehrfurcht vor dem Tode auszudrücken. Da stehe ich
vor dem Sack, auf dem der Erstickte gelegen hat, und
denke an meinen Schreibtisch in Berlin. Ich fühle, grau-
sam wie es nur ein Mensch fühlen kann, was das für ein
Gewerbe ist, das unsereiner treibt. Blut klebt an meiner
Neugierde, die mich durch den fremden Erdteil jagt
und zurück zu meinem Schreibtisch jagen wird. Dasselbe
Blut, das andere für die harte Not ihres Lebens in Berg-
werksgängen und auf Bahnschienen ruhmlos verspritzen,
klebt an meiner Neugierde, auf Schritt und Tritt, wohin
ich kommen mag.
Der Kreuzschnitt hat nicht gar weit ins Innere geführt.
Als die Sprengung vorüber war, und der Rauch, der
Richard Heskett umgebracht hat, sich verzogen hatte,
da war der Irrtum klar, der Tod schaute aus dem Loch
heraus, sonst schaute dort nichts heraus. —
Eine Stunde lang marschieren wir beide unten in den
Gängen des Goldes herum, steigen dann zur Sonne hin-
auf und gehen in die Mühle, wo Mr. Buckley mir die
schütternden wasserüberströmten Tafeln zeigt, auf denen
das Steingeröll von den schwereren Goldkörnern gespült
und das Gold rein gewaschen wird. Im Retortenhaus
nehmen wir drei schwere silberne Äpfel mit, es sind
Quecksilber- Apfel, die in ihrem Innern für achthundert
Dollar Gold eingeschmolzen tragen. Dann gehen wir ins
Blockhaus des Managers zurück, in dem ich heute und
morgen als sein Gast wohnen werdq.
rn Blockhaus ist Besuch. Zwei ernste Leute, wie Hand-
werker im Sonntagsstaat anzusehen, warten auf den Ma-
nager. Es sind die beiden Brüder des toten Mannes Heskett.
235
Gestern haben sie die Leiche ihres Bruders in der Kreis-
stadt besucht, heute sind sie hergekommen, um seine Hab-
seligkeiten an sich zu nehmen. Am Nachmittag wollen
sie wieder weiter.
Mr. Buckley zeigt in eine Ecke. Dort liegt der Hand-
koffer, die Arbeitskleidung und der Bettsack des Toten,
eine blanke Spitzhacke lehnt daneben an der Wand.
Der eine Bruder durchsucht mit weinenden Augen den
Koffer, findet das Arbeitsbuch mit Versicherungsmarken,
eine kleine rote Kravatte, den Rasierspiegel, die Bibel,
eine Photographie. Der andere Bruder starrt wie hypno-
tisiert auf die Goldwage, die unter ihrem Glassturz auf
dem Zahltisch steht.
„Wie ist das geschehen?"
,,Er ist zu früh ins Loch zurück, um zu sehen, wie das
Dynamit gearbeitet hat."
,,Er hat hier in Shecpcreek sein ,Chance' gesucht."
,, Schade, er war ein netter, sauberer Junge, er war
beliebt bei all den anderen."
,,Wie hat man ihn gefunden?"
Herr Buckley taucht den Kamm in die Waschschüssel
und zieht sich vor dem Spiegel einen Scheitel. ,,Er war
noch ein bißchen warm, wie man ihn gefunden hat."
,,Wie heißt der Coroner, der die Untersuchung führen
wird?" fragt der Bruder, der mit dem Handkoffer fertig
geworden ist.
,,Dr. Packer, ein kleiner, dicker Rasierter."
,,Ich kenn' ihn," sagt der Bruder.
Dann gehen wir ins Logierhaus zu den Bergleuten hin-
über essen.
Bei Tisch ist die Stimmung gedrückt. Ich sitze zwi-
schen Buckley und den Brüdern und werde für einen
Freund der trauernden Familie gehalten. Erst wie die
Brüder mit dem Wagen fort sind, klärt sich der Irrtum
auf. Die Stimmung wird etwas lebhafter, die Gespräche
gehen durcheinander. Einer ist da, der lacht und scherzt
236
unentwegt und ist guter Dinge. Es ist ein junger Mensch
mit einem Mädchengesicht, Mädchenbewegungen, der
Gehilfe des Kochs. Als er hört, ich sei aus Berlin, fängt
er an, von den Linden und der Friedrichstraße zu schwär-
men. Er hat sich zweimal rund um den ganzen Erdball
gearbeitet in seinem jungen Leben.
,,Wo hat's Ihnen am besten gefallen? In der alten
Heimat?" (Er ist Schotte, aus Glasgow.)
„Ach nein, in Frisco!"
Frisco — ein Seufzen, Ausrufen, zärtliches Hinflüstern
des magischen Namens geht über alle diese Gesellen hin-
weg, hier rundherum an dem langen Tisch. Frisco —
das Paradies der Leute, die ihr sauer Erworbenes rasch
und fidel von sich schmeißen, in die Gäßchen mit den
roten Lichtern hinein, auf die Spieltische hinten in den
Chinesenläden, auf den Tanzboden, wo die Freuden des
Texas Tommy herumspringen.
Draußen pfeift's in der Mühle zur Schicht, und ein
paar von den Männern stehn auf, wischen sich den Mund
und gehen an die Arbeit. Einer, ein schwarzbärtiger
Bär, pufft den Kochsjungen beim Hinausgehen in den
Rücken, der Junge biegt seinen Kopf auf die Schulter
nieder und blickt den Bären mit seinen hellgrauen,
lachenden Augen an.
Oben im Saal des Logierhauses, wo die Betten stehen,
ist ein Tisch in die Mitte gerückt. Der Vertrauensmann
aus der Kreisstadt ist angekommen, und die kanadischen
Staatsangehörigen geben ihre Stimme für den liberalen
Dr. King ab, der heut abend schon durchgefallen sein wird.
Ein Mann hebt zwei Schwurfinger in die Höhe. Ein
Zettel fliegt in eine Blechbüchse. Drin in der Blechbüchse
rumoren die Geschicke der Nation: Reziprozität oder
nicht?
Nebenan, an dem Tisch beim Fenster, gehen indes
wichtigere Dinge vor.
Einer hält die Bank, zwölf stehn im Kreis um den
Tisch herum, stecken die Hände in die Taschen ihrer
237
harten Hosen und holen zerknüllte und schmutzige
Dollarscheine hervor.
Twobits ist der niedrigste Einsatz — ein Vierteldollar.
Die Scheine fliegen auf den Tisch. Was ist's für ein
Spiel? Black Jack, erwidert man mir. Ich sehe näher hin,
es ist das bewußte Einundzwanzig. Ein großer dicker
Schwede setzt nie weniger als zwei Dollar. Seine rote
haarige Pranke zittert ein wenig, wie er über den Tisch
nach den Dollarn langt, die er gewonnen hat. Nach
einer Weile zieht er blank ab, wirft sich auf eines der
Betten und holt unter den alten Kleidungsstücken ein
Zeitungspapier hervor; auf dem zusammengefalteten
Blatt lese ich „Skandinavisk . . .*'
Die notgedrungenen Abstinenzler entschädigen sich
beim Kartenspiel für alle anderen unterdrückten Leiden-
schaften. Achtstündige Arbeit wird ihnen mit vierthalb
Dollar bezahlt. Davon wird ihnen einer für Kost und
Logis abgezogen. Manche bleiben monatelang, andere
halten es an einem Orte nicht länger als vier oder sechs
Tage aus. Sie ziehen von Mine zu Mine. Daß ein Gruben-
arbeiter seinen Beruf wechselt, gehört zu den Seltenheiten.
„Once a miner, always a miner!" erklärt mir der junge
Campbell, der Sohn des Vorarbeiters. Er träumt von
einer Bergwerkschule in Dortmund, er will an die Berg-
akademie nach Sachsen. Er steht unten beim Aufzug im
Schacht, sein Vater verdient fünfzig Dollar die Woche,
aber der Sohn hat höhere Pläne, Ingenieurstudium,
Deutschland!
,,Ich will Sie jetzt mit dem andern Mann bekannt
machen," sagt er, und wir gehen in eine hintere Stube
des Logierhauses.
Ein junger rothaariger Mensch sitzt dort auf einem Bett
und drei Männer stehen um ihn herum. Es ist der Ge-
fährte des toten Heskett, und bei einem Haar läge er
dort, wo jener liegt.
,,Dick war vier Tage lang nicht in der Grube gewesen,"
sagt einer, „und war nicht an die Luft gewöhnt. Wärst
238
du auf Urkub gewesen vorher, so hatte auch dich der
Teufel geholt."
JTominy rot," schreit der Rothaarige. „Die Luft-
pumpe taugt nichts, daran wäre ich krepiert!" Er ist
totenblaß, der arme Kerl, und die Augen stehen ihm wie
Glaskugeln aus dem Kopf hervor. Eine Kognakflasche
steht unter seinem Bett — die Verwaltung hat diesmal
Gnade vor Recht ergehen lasssen. „Der Coroner . . ."
sagt er und ballt drohend die Faust.
Draußen beruhigt der Manager die Leute, die danach
fragen. „Er hat seinen Job geliebt, das ist der Grund.
Er hat's nicht erwarten können, zu sehn, wie der Spreng-
stoff im Crosscut gewirkt hat. Der Gang war noch voll
von Gasen. Andere legen sich draußen schlafen derweil.
Er hat seinen Job geliebt, das ist der Grund."
Armer toter Heskett. Armes totes Rindvieh! Er hat
es nicht erwarten können, er mußte rasch sehen, ob die
Aktionäre dieses Jahr eine bessere Dividende erhalten
werden, als die vorjährige war, Friede mit ihm.
Nächsten Tag, gegen Abend, fahre ich durch den Ur-
wald zur Station zurück. Seit vier Tagen hat's ge-
regnet, und die Straße ist bodenlos.
Siebzehn Dagos marschieren, ihr klatschnasses Bettzeug
auf den Rücken geschnallt, bis über die Knöchel in Kot
watend, mit knietiefen Schritten, fluchend durch den
Wald zur Station zurück.
Ein paar Glücklichere, die gestern -mit ihnen von der
Station heraufgekommen waren, sitzen warm in den ver-
streuten Holzfäller-Blockhäusern am Weg und vertreiben
sich die Zeit mit Kartenspiel, bis der Regen aufhört.
Sie lachen die kotigen, fluchenden Dagos aus, die von einer
Seite des Weges auf die andere nach einer trockneren
Scholle hüpfen, zwischen den roten Zederstrünken und
den blauschwarzen vom Dynamit zerrissenen und ver-
kohlten Stämmen des Waldes. Oben in der Queen, im
Nugget, war keine Stelle frei. Motherlode ist im Umbau.
239
Da ziehen sie durch den Wald zurück den Weg, den sie
gestern kamen, die siebzehn.
Zehn Meilen zu Fuß, bergauf bergab, durch boden-
losen Kot, das schwere mit Wasser vollgesogene Bett-
zeug auf dem Buckel — und wieder zehn Meilen zurück,
weil's keine Arbeit gab dort oben — das ist kein Spaß.
Unser Automobil hüpft halbe Meter hoch durch die
Pfützen. Es ist bitterkalt. Wir ziehen unsre Köpfe zwi-
schen die Schultern und ziehen unsere Mützen tief herab
über die blaugefrorenen Ohren.
ZAUBER DER STÄDTE BRITISCH-KOLUMBIENS
Nur wie ein Reisender, der zu seinem Vergnügen
daherzieht, will ich über die Städte an der Bucht des
Pacific schreiben, nicht anders.
Über manches wäre zu berichten. Über das merk-
würdige System der Single tax, der einfachen Grund-
rentenbesteuerung, die alle weiteren Steuern aufhebt
und in sich schließt — dieses Ideal der Bodenreformer
ist in Britisch- Kolumbien und im benachbarten Oregon
durch die Tatkraft der für Henry George schwärmen-
den Stadtväter Wirklichkeit geworden. Über die mär-
chenhafte Bautätigkeit, die die Stadt Vancouver, in der
sich das System seit Jahren bewährt, hinauf in die vor-
derste Front der neuen Städte Kanadas geschoben hat.
Über die fabelhafte Lage dieses einzigen Hafenplatzes
müßte ich berichten, der, zwischen den beiden wer-
denden Hauptfaktoren der Pazifischen Küste, Alaska
und Panama, den Handel der Küste mit San Fran-
zisko teilen wird in kurzen Jahren. Vom Reichtum des
Fabellandes Britisch- Kolumbien wäre zu berichten, von
diesem Holz, Erz, Wild und Fischland vor allen an-
deren der Dominion. Von einer interessanten Bekannt-
schaft in Vancouver, einem preußischen Aristokraten,
Herrn von Alvensleben, der zur rechten Zeit hierher ge-
240
kommen ist und auf ein Stück Papier eine anschaulich
und verwegen in die Höhe gebogene Kurve zeichnet,
die die Wertsteigerung aller in Britisch- Kolumbien in-
vestierten Kapitalien vorstellen soll. Daran knüpfend
wäre vielleicht ein Wort über die angenehme Wert-
steigerungskurve zu verlieren, die die Arbeit im gesunden
Land der Single tax im Junkertum der Welt bewirken
kann, wenn dieses sich zur rechten Zeit von der Armee,
den Pferden und ähnlichen Beschäftigungen zu den Län-
dern des Erdbodens und der vorbeiziehenden Schiffe
wendet. Und den Beschluß des ,, Zaubers" könnte dann
ein Satyrspiel machen, in dem die verspäteten Nach-
zügler aus jenen Gefilden des Junkertums kläglich auf-
marschierten, die die Legende von dem Glück, das einer
der Ihren in Britisch- Kolumbien gemacht hat, in hellen
Scharen an den Stillen Ozean herbeilockt, beständig und
crescendo ...
Aber wie gesagt, nur wie ein Reisender, der seinem Ver-
gnügen nachjagt, will ich von den Städten an der kana-
dischen Bucht des Stillen Ozeans berichten, über die
sozusagen penetrante Atmosphäre, die das Völkergewühl
hier im äußersten Westen über die phantastischen Städte
Vancouver, Westminster, Victoria ausbreitet.
Hier ist auf einmal ein neues Element in das schon im
Osten erstaunlich wirkende Gemisch gedrungen. Zu den
Völkern aus allen Teilen Europas und allen Ländern um
das Mittelmeer herum, die über Kanada verstreut sind,
schlägt sich in Britisch- Kolumbien die Masse der chine-
sischen, japanischen und der Hindu-Einwanderung und
tönt das Bunte noch mit gelben und braunen Nuancen.
Wie die Südstaaten der Union ihre Negerfrage und die
Oststaaten ihre Judenfrage haben, so fängt der kanadische
Westen an, seine Chinesenfrage zu bekommen. (Die
Union hat bekanntlich die Einwanderung aus Japan
und China vor einigen Jahren in kategorischer Weise
geregelt.)
Die Chinesen sind, wie ich auf Farmen und Fabriken
i6
241
im Westen hörte, die anständigsten, solidesten und auch
gesuchtesten Arbeiter. Die Hindus, die meist in den
niedrigsten Berufen, in Sägemühlen, beim Bahnbau ver-
wendet werden, gelten als langsame, apathische und darum
trotz ihrer Gewissenhaftigkeit und Ehrlichkeit wertlose
Arbeitskraft. Die auch danach entlohnt wird! Die Japs
sind unbeliebt. Sie verrichten ihre Arbeit tüchtig und
flink, gelten aber als Spione, und der weiße Farmer und
Arbeitgeber ist froh, wenn er den Japaner los ist. Die
Chinesen aber sind die Musterarbeiter. Obzwar sie sich
mit allen Jobs zufrieden geben, die sich ihnen bieten,
sind sie in ihren Lohnforderungen gar nicht anspruchslos
und verderben darum den Arbeitsmarkt durch Unter-
bietung nicht auf die Weise, wie es im Osten die Italiener,
Syrer und Slowaken tun. Für ihren guten Durchschnitts-
lohn leisten sie viel sauberere und reichlichere Arbeit als
welcher Weiße immer.
Langsam sickern sie in das Städtebild Britisch- Kolum-
biens als ein wesentliches Element ein, in manchen pro-
sperierenden Städten, dem hübschen Victoria zum Bei-
spiel, haben sie sich sogar schon im besten Geschäfts-
viertel der Stadt dauernd und extensiv niedergelassen.
Meine lieben Reise- und Hotelgefährten, ein junges
kanadisches Ehepaar, das ich von Banff bis Seattle an
jedem Ort meines Aufenthaltes wieder gesehen und ge-
nossen habe, zitieren mir in Vancouver Kiplings Vers:
„O East is East and West is West,
And never the twain shall meet!"
den Vancouver so gründlich widerlegt durch das Wesens-
gemenge seiner Bevölkerung. Und wirklich, das Leben
in einer dieser Städte an der Meerenge von Georgia und
San Juan de Fuca, an einem Feierabend, wenn die Massen
ins Freie strömen, bietet ein bewegtes Bild, das man lange
nicht vergessen kann!
Aus den Urwäldern im Norden, aus den lebenden Kathe-
dralen der Douglas- Zedern, der Hemlocks, Föhren und
Tannen sind große, wilde Menschen hergekommen, wie
242
von der Mimikry rissig und zottelbärtig gelbgefärbt, Holzr
fäller in braunen Hemden und Schaftstiefeln, an die die
Eiscnstacheln geschnallt sind, die ihnen beim Indiehöhe-
klettern dienen. Feine Lords eilen mit ihren Ladies
durch die Straßen, vom Hotel in die Theater, wo Lieb-
linge Londons und Newyorks Stücke vom Strand und vom
Broadway aufführen. Eine Gruppe von Hindus geht,
ganz langsam, mit verschleierten Augen und schweigenden,
langbärtigen Gesichtern durch die hastende Menge. Sie
sind ganz enropäisch gekleidet, diese Leute, aber unter dem
rosa oder hellgrünen Seidenturban sitzt der blau ein-
tätowierte Stern ihrer Kaste zwischen den Augenbrauen.
Ein tolles Abenteurergemisch von konfiszierten Berliner,
Wiener, Pariser und Budapester Gestalten schiebt sich
und gestikuliert an den Straßenecken, vor den Agenturen
der Bahnen und den kleinen Winkelbureaus, wo die Bör-
senkurse in den Fenstern hängen, hin und wieder; die
Pools, die Billardsäle, öffnen sich weit auf die Straße
und verflüchtigen sich in dunklen Hinterhäusern zu
gefährlichen Spielzimmern, Wett- und Würfelverließen.
Die Heilsarmee zieht mit Donner und Gloria, es ist Sams-
tag, durch die Gassen, ihre Gesänge, Trommeln und
Verzückung begegnen an der Ecke der großen Handels-
straße einem Wagenzug der Suffragetten, aus dem Zettel
in die Menge, auf die Hüte der Leute und die Trommeln
der Gottesschar fliegen. Alle Rechte der Erde und des
Jenseits wirbeln an der Ecke vor dem Bahnhof in einem
betäubenden Höllenspektakel zusammen, die Automobil-
hupen der rasch dahinfahrenden und rasch reichgewor-
denen Spekulanten bellen ihr reales Gebell mitten in den
Trubel hinein.
Aber hinten, wo das Meer zwischen den kleinen ab-
schüssigen Gassen in der Tiefe durchschimmert, dort wo
das nächtliche Feuer der verkohlenden Abfälle von der
großen Lachsfischerei schwelend zum Himmel aufsteigt,
dort ist eine viel stillere, leisere Welt, eine lichtscheue,
sanft auf Filzsocken dahinhuschende, lispelnde, uner-
i6*
243
gründlich unheimliche Welt von dünnen, seidenen, übel-
riechenden Wesen. In gestickten Röcken und mit Zöpfen
huschen Männer vorüber, ihre geschlitzten Frauenaugen
funkeln tückisch durch die Finsternis. Aus engen, schmut-
zigen Treppenhäusern huschen und huschen sie auf die
Gassen heraus, still und heimlich wie Ratten des Rinn-
steins, huschen auf ihren Filzpantoffeln in verhängte,
scharfriechende Spezereiläden, wo unter reichvergoldeten
Schnitzereien, die die Wände schmücken, Tonnen mit
allerhand ekelerregenden Leckerbissen stehen: Hammel-
eingeweide, Seepferde, Walfischflossen, Quallen, Honig-
kuchen und andere Unsagbarkeiten. Zwischen den Ton-
nen sitzen an langen Pfeifen lutschende Kerle um einen
Tisch herum und spielen ein wildes Glücksspiel, mit
Triktraksteinen und Würfeln, das berüchtigte Fon Hong,
auf das eine hohe Strafe in den Gesetzbüchern des Landes
steht. Aufgequollene Chinesenweiber watscheln in flat-
ternden Seidenhosen und hellen, reich mit dunklen
Ornamenten verzierten Seidenblusen herum, entsetzliche,
eingeölte Pagoden, die Brüste dreimal so breit als die
Beine lang, hinter sich ziehen sie liebliche und aparte
Miniaturhöschen und Zöpfchen und Blüschen her, in
denen kleine gelbe Chinesenkinder stecken.
Aus einem Haus mit einem großen chinesischen, aus
elektrischen Lichtern gebildeten Buchstaben tönt ein
schriller Lärm heraus, synkopierte Töne, Gekreisch und
Geklopf, Holz- und Menschenlaut und Horngetute. Dies
ist das chinesische Theater.
Ein kleines Orchester sitzt hinten auf der Bühne, die
keine Kulissen hat, sondern ein Podium mit allerhand
herumstehenden Möbelstücken, kostümierten und nicht-
kostümierten, schwätzenden, agierenden, rauchenden,
spuckenden und gestikulierenden Menschen ist. Die
Musikanten schlagen mit Holzklöppeln auf Holztonnen
los; ein Schalmeibläser tutet, daß einem die Zähne davon
wehtun; ein Kerl mit einer Kniegeige zwischen den
Beinen fiedelt auf einem einzigen Schafsdarm eine Melodie
244
daher, die eine fünftausend Jahr alte Tradition hinter sich
hat. Der Kerl ist schön ganz blödsinnig von seinem eigenen
Gefiedel, und sein Kopf fliegt, wie vom Veitstanz ge-
schüttelt, auf seinem dürren Hals herum.
Der Rhythmus ist ungefähr: tattata-tih-titti-tatta-
tohtohtohh! Ich werde das, wenn ich in Berlin ankomme,
einem kompetenten Musiker vorspielen.
Das Parkett ist voll von schwatzenden, entsetzlich
stinkenden Kulis. Sie schieben sich Kürbiskerne zwischen
die schwarzen Zähne, rauchen Knaster und kommen
und gehen während der Vorstellung. In einer Loge sitzt
eine Dame, eine Engländerin. Ihren Schleier hat sie
längst nicht mehr umgebunden, jedermann weiß, wes-
wegen sie im Theater sitzt. Alle die Abende, die ich im
Theater bin, sehe ich sie in ihrer Loge sitzen. Sie ist
wegen des jungen Schauspielers da, der eine der Frauen-
rollen spielt. Er stelzt mit graziösen Bewegungen, Getue
und Genicke, mit wundervollem Spreizen und Auf-
schnellenlassen seiner langen weißen Hände auf der
Bühne hin und her. Mit hoher Fistelstimme singt oder
spricht oder gurgelt er eine endlose Melopöe zum Takt
der Musik. Er ist ganz weiß geschminkt, hat lange weiße
und hellgelb ornamentierte Seidengewänder und eine
schwarze Weiberperücke, mit einem Diamanten vorn
auf der Stirn. Der alte Vater, ein würdiger Mandarin
in herrlichem Schwarz und Lila-Goldbrokat, erscheint
mit Gefolge. Er streicht über seinen ellenlangen weißen
Bart, dessen Enden er als Begrüßung und Zeichen der
Ehrerbietung mit beiden Händen dem Publikum ent-
gegenhält. Ein Dialog im selben synkopierten Rhythmus
folgt, mit fragend kadenzierten Takten, die die Fistel-
stimmen, ohne Leidenschaften zu verraten, vortragen,
die Handbewegungen sind edel, und das Ganze ist, um die
Wände in die Höhe zu klettern. Herrliche und aberherr-
liche Gewänder erscheinen, mit kadenzierten Fistel-
stimmen drin. Die Stücke sind der Geschichte entnom-
men, haben so gut wie gar keine Handlung, dauern sieben
HS
Wochen lang, und alles in ihnen geht inwendig, in spitz-
findigen und langweiligen Dialogen vor, auf die kein
Mensch unten im Parkett hört. Nur, wenn der Komiker,
ein zerfetzter Kerl mit einem weißen Strich über die
Nase, der immer Haue kriegt, erscheint, horchen die
Kulis eine Weile hin und schwätzen dann weiter, wenn's
oben wieder ernst und edel geworden ist.
Draußen vor der Stadt, dort, wo sich der Meeresarm
um den Stanley-Park herum nach False-Creek zu herum-
biegt, wartet eine Gruppe von Indianern auf das Schiff,
das sie hinüber nach ihrer Reservation bringen soll. Män-
ner, Frauen und Kinder liegen, schlafend oder leise mit-
einander schwatzend, auf dem nackten Boden, in ihren
schmutzigen bunten Trödlerkleidern sehen sie von ferne
aus wie unsere europäischen Zigeuner. Sieht man sich
aber die Leute aus der Nähe an, so sind es Mongolen.
Das sind nicht mehr die herrlichen scharfgeschnittenen
Köpfe und kühnen Augen des Prärieindianers; oliven-
farbige Backenknochen sitzen in den ockerfarbigen Gesich-
tern, bestialische Stupfnasen unter triefenden Schweins-
augen. Japaner und Mandschus scheinen diese Rasse zu-
sammengemanscht zu haben.
In einer stillen Nebenstraße der Stadt steht, wie ich
auf meinen Schleichwegen vorüberkomme, eine dunkle
Menschenmasse, unbeweglich an eine Mauer gepreßt,
beisammen. Es ist eine große Familie, ein ganzer In-
dianer -tribe, der da in der düsteren Dämmerung bei
der Mauer steht. Auf der anderen Seite der Straße ist
die Polizeistation, und hinter einem der vergitterten
Fenster im ersten Stock sitzt, in heller Jacke und mit einer
Haube auf dem Kopf, eine vom Stamme da drüben.
Männer, Weiber, Kinder, Greise und Greisinnen flü-
stern leise und beklommen miteinander bei der Mauer,
schauen zu dem vergitterten Fenster im ersten Stock
hinauf und flüstern dann weiter, leise und beklommen.
Ihre schmutzigen Gesichter, die die Laterne drüben vor der
Polizeistation bescheint, sind ganz verzerrt von Traurigkeit.
246
Der Hafen von Faneouver
Ein paar rohe Straßenbengel, Weiße, gehen vorüber
und joUen etwas Unanständiges zum Fenster hinauf. Die
Gefangene rührt sich nicht. Das Gesicht auf die Hand
gestützt, sitzt sie da beim Fensterbrett und schaut auf
den tribc hinunter, zu dem sie nicht hinunter darf, weil
sie etwas zuviel von dem verbotenen Feuerwasser sich
unter ihre Stupsnase gegossen hat.
In dem Hafen aber — o dem Hafen von Vancouver,
ist Leben zur Tages- wie zur nächtlichen Stunde.
Ein großes graues Schiff hat schon dreimal gerufen, jetzt
gleitet es, mit Lichtern in allen Kabinenluken, mit roten
und grünen Lichtern auf Mast, Back und Kommando-
brücke, langsam und ernst vom Pier weg und in den Hafen
hinaus. Es ist der Alaskadampfer, da fährt er davon, hin-
auf nach den Inseln des Yukon, nach den Hafenplätzen
Alaskas, nach dem Arktischen Meer. Keiner aus der
tücherschwenkenden Menge hier unten, wo ich stehe,
keiner aus der kleinen Menschengruppe dort oben auf
dem Achter denkt an das Schiff, das da davon fährt, jeder
hat einen, der davonfährt, einen, der dableibt, im Sinne.
Nur ich denke an das Schiff. Mit versagendem Atem
247
schaue ich dem Dampfer nach, und meine Sehnsucht
nach den Ländern dort oben zieht noch eine Furche
ins Wasser hinter dem Dampfer her, der davonfährt.
Ich taste meinen Paletot ab nach dem Büchlein, das ich
in einer Tasche mit mir trage, nach meinem Reisebrevier,
das mich seit Toronto begleitet hat, die ganze weite
Strecke her bis nach dem Meer im Westen. Es sind die
„Songs of a Sourdough'' des kanadischen Dichters Robert
Service. Ich brauche das Büchlein nicht aufzuschlagen,
ich könnte die Worte im Dunkeln nicht lesen, ich weiß sie
ja längst auswendig:
„There's a land, where the mountains are nameless
And the rivers all run, God knows where;
There are lives, that are erring and aimless
And deaths, that just hang by a hair;
There are hardships, that nobody reckons;
There äre Valleys, unpeopled and still;
There's a land — oh it beckons and beckons.
And I want to go back — and I will."
248
STATIONEN ZWISCHEN PAZIFIK
UND MISSISSIPPI
DIE STADT DER ERDBEBEN
Schon auf dem Lloyd- Schiff hab ich dieses Wort ver-
nommen : ,,a muckraker", einer der Schmutz harkt. Im
Gespräch mit meinem Amerikaner, dem Sportsman und
Neu-England-Aristokraten, hatte ich ein paar Namen ge-
nannt, die ich verehre: Robert Hunter, John Spargo,
Charles Edward Russell. Mein Amerikaner blies nach
jedem dieser Namen, wie ein Rauchkringel aus seiner Zi-
garre, das Wort in die Luft. Ich hatte es nie gehört und
ließ es mir von ihm auf den Rand der Schiffszeitung auf-
schreiben.
Jetzt finde ich es in einigen Einführungsschreiben, die
mir kanadische Freunde an Leute in den Staaten mit-
gegeben haben, als ein Epitheton ornans wieder, auf das
ich eigentlich stolz sein müßte: „he is a good muckraker!"
heißt es in diesen Briefen von mir.
Ich muß mir für die Leute, denen ich meine Briefe
überreichen werde, einen Kommentar herrichten. Auf
dem Weg von Victoria nach San Franzisko hinunter ge-
lobe ich mir's, niemals Parallelen ziehen zu wollen,
zwischen dem Kontinent, aus dem ich kam, und dem,
auf dem ich bin; den eigenen privaten Standard von
Gut und Böse auf die Einrichtungen dieses großen Landes
anzuwenden; meinen Eindrücken, wenn's geht, liebevoll
zu mißtrauen, und das Morgige, Klare und Reine zu
suchen hinter den Dunstwänden der Alltagsmiasmen,
vor denen so viele, sich die Nasen zuhaltend, aus den
Staaten fliehen.
Das Mistharken kann der fremde, wiß- und wahrheits-
begierige Zuschauer getrost den Einheimischen, denAmeri-
canos überlassen, die sich dieser ehren- und dornenvollen
Aufgabe gewidmet haben. —
Vier Monate lang hab ich nun Zeitungen und Zeit-
schriften hier herüben gelesen und bin erstaunt von der
Summe sozialer Arbeit, die die Schmutzharker leisten.
Schlag welche Nummer der großen, in Auflagen von
251
loo — 500000, von einer Million bis zu 1750000 Exem-
plaren monatlich oder wöchentlich erscheinenden Zeit-
schriften auf, von „Everybodys", „Munsey", „Colliers",
der „Saturday Evening Post", und du gehst sicher, in ihr
einen Muckraker an der Arbeit zu finden. Du v^rst einen
in den stärksten, mutigsten und dezidiertesten Worten ver-
faßten Aufsatz lesen können, in dem einem der großen
sozialen Schäden des modernen Amerikas zu Leibe ge-
gangen wird. Revolte gepredigt, der Sinn für das Gute,
für das Ideal Lincolns, das amerikanische Prinzip der Ach-
tung vor dem Individuum gestärkt und unterstrichen wird.
Zwei große Augiasställe werden geputzt und geputzt,
die Trusts und die politische Korruption in Washington
und in den Staaten. Der Trustmagnat und der Graft er,
der Bestochene, auf diese 2uelt die Mistgabel des Muck-
rakers; und da der letztere die Kreatur des ersteren ist,
so bekommt er selbstredend zuerst die Zinken in den Leib.
Aber der Schmutz, den sein zerplatzender Organismus
umherspritzt, besudelt den immer noch irdischen, aber
aus haltbarerem Material geschaffenen Götzen dahinten
dermaßen, daß heute schon jeder von diesen Rockef ellers,
Goulds, Carnegies und Morgans in einem Kleid von Blut
und Schmutz von oben bis unten angetan vor dem em-
pörten Rechtsgefühl des Americanos dasteht.
Jeder von den Millionen, die hier die Zeitschriften
lesen, weiß heute Bescheid über die großen Raubtrusts,
die Milch-, Wolle-, Eis-, Stahl-, öl-, Eisenbahn-, Fleisch-
trusts. Jeder kennt die Einrichtungen der „Lobby", des
Vorzimmers, in dem der Politiker mit dem Bestecher ver- .
kehrt; auf den Boß, der die städtischen Konzessionen
gegen tüchtige Trinkgelder an seine Günstlinge verteilt,
zeigt heute jedes Kind mit dem Finger zwischen dem
Pazifik und dem Atlantischen Meere.
Der Reihe nach wird die Schande des Landes, die Kor-
ruption der großen Städte und ihrer lokalen Machthaber,
vor den Augen des großen Amerikas durch die Zeitschrif-
ten, die jeder liest, aufgedeckt.
252
Neben der Anklageliteratur der Zeitschriften hat sich
eine Anklageliteratur in den Romanen, der dramatischen
Produktion Amerikas entwickelt. Man darf getrost sagen,
jeder bedeutendere Schriftsteller des heutigen Amerikas ist
Sozialist. Kämpft, mit der Waffe der Begeisterung oder
dem Handwerkzeug der Tendenz, für die Befreiung seines
Landes aus der Sklaverei eines Systems, das mechanisch
und automatisch die Masse verelendet und einzelne in
schwindelnde Höhen des Wohlstands emportreibt.
Beneidenswerte gibt es unter ihnen, die direkten Ein-
fluß auf die Reorganisation wertvoller Institutionen aus-
geübt haben, oder wenigstens eine Reorganisation in die
Wege geleitet haben. Ihren Namen nennt jeder rechtlich
Gesinnte mit Sympathie, zwischen den beiden Meeren.
Da ist der jung gestorbene Frank Norris, der diese selbe
Bahn, auf der ich jetzt von Norden nach Süden fahre, die
Southern Pacific, in seinem Meisterwerk „The Octopus"
bloßgestellt hat. Da ist der Verfasser des „Jungle", Upton
Sinclair. Da ist der genialische Jack London, ein als Aben-
teuersucher verkleideter Prophet und Revolutionsstifter. —
Ganz deutlich nehme ich den Klimawechsel auf dem
Weg von Kanada nach dem westlichen Staat der Union
wahr. Ganz anders reagiert meine empfindliche Epidermis
auf die überstürzte Daseinsfreudigkeit des jungen Kanada
und auf das männliche Sichselbstbesinnen der Stadt hier
unten in Kalifornien.
Gerade wie ich ankomme, gehen wichtige Dinge im poli-
tischen Leben des Staates vor. Die Frauen gewinnen das
Wahlrecht. In Los Angelos bereiten sich die Dinge des
Mac Namara Dynamit-Prozesses vor — noch wenige Tage
und die angeklagten Brüder, Sekretäre der Stahl- und
Brückenarbeiter-Gewerkschaft, werden sich offen zur Pro-
paganda der direkten Aktion bekannt haben. Einstweilen
kämpft die Reaktion, mit dem verrotteten alten „Gene-
ral" Harrison Otis an der Spitze, gegen den jungen auf-
steigenden Gouverneur Hiram Johnson, von dem die
Welt noch hören wird.
253
Es ist nicht schwer vorauszusagen, wer gewinnen wird:
der faule Kapitalist, der gegen den sicher herankommenden
Mob geifert, oder dieser sympathische Idealist, von dem
das Wort stammt:
„When you create a class to govern in this country, just
that instant you violate a fundamental principle, on which
we founded this government, and you strike a blow to
liberty itself. It's a survival of the old worship of power.
The rabble and the mob! We're all the rabble and
the mob in this Country, and the present design of
the government of this State is,' that you shall all parti-
cipate in it."
(Aus einer Rede des Gouverneurs Johnson vor Richtern
und Anwälten.)
In Kanada, dem Lande, in dem die Unterschiede noch
nicht so betont sind, in dem sich die Klassen, die Kasten,
die Bezeichnungen noch in einem halbflüssigen Zustand
befinden, durcheinander gehen und ineinander über-
fließen, klingt ein Satz wie dieser oben unterstrichene
hochmütig und anmaßend. Hier unten darf er einen schon
begeistern. Weiter im Osten wird man ihn belächeln und
sagen: von dem ersten Mann eines westlichen Staates sei
doch weiter nichts zu erwarten als eine hochtönende
Phrase. Das Volk des Westens gilt dem im Osten als showy
people, als lautes, vordringliches, seine Gesinnung in
greller Weise ausposaunendes Volk. Der Westen revan-
chiert sich und schimpft die Leute des Ostens Jingos und
erkaltete Hyperboräer mit zugeknöpften Taschen und
Herzen. Tatsächlich kommt man auf der Fahrt von
Westen nach Osten Europa rapid näher. In Chicago friert's
einen schon beträchtlich, in Newyork vollends ist die
Atmosphäre schon ganz geladen mit Europa. Mag der
Westerner noch so grell und laut sein, naiv und gutmütig,
begeisterungsfähig und gastfreundlich, leichtlebig und
rasch gerührt ist er. Er baut rasch und sitzt nicht lange
trauernd auf den Ruinen herum. Er hat länger im Jahr
und eine heißere Sonne über dem Kopf wie der Bruder am
254
Atlantik, und wenn eine Phrase nur genügend lange von
der Sonne bebrütet wird, so kann aus ihr eine lebendige
Wahrheit herauskriechen.
Zu der Stadt am Goldnen Tor, zu der wunderherr-
lichen Märchenstadt, in der ich aus einem hohen tro-
pischen Garten zum erstenmal den Stillen Ozean in seiner
erschütternden Pracht, den Sonnenuntergang im unbe-
grenzten flutenden Westen gesehen habe, wird mein Ge-
dächtnis zurückwandern manches Jahr.
San Franzisko hat sein Schicksal erlebt und überstanden.
Hier gehe ich durch eine neugeborene Stadt, in der das
Atmen der tätigen Kraft förmUch wie ein Windstrom
durch die Gassen, die Hügel hinab und hinauf zu spüren
ist. San Franzisko hat sich aber zu dem fatalen noch ein
selbst gewolltes Erdbeben hinzudiktiert, und wie sich*das
Gemeinwesen San Franzisko aus seinem politischen Schutt-
haufen emporgehoben hat, das ist ebenso wunderbar, wie
die neue marmorweiße Stadt es ist, inmitten ihrer Trüm-
merfelder.
Gegenüber meinen Fenstern stehen einzelne hohe
weiße Häuser, allein, schmal anzusehen, sicher. Sie sind
umgeben von Gräben, Ruinen, von Unkraut mannshoch
überwuchertem Stein, Ziegel und Glasgeländen. Schaut
man genauer hin, so kann man sehen, wie eine kleine Stein-
treppe vom Pflaster zu einem Haus hinaufführt, das nicht
mehr da ist, die Treppe führt zu Grauen und Unglück
hinauf, nicht zu einem Heim, rechts und links von der
Treppe aber stehen drei, vier verrostete Lanzen, Überreste
des Gitters, von der furchtbaren Last des einstürzenden
Gemäuers nach außen gegen die Straße zu umgebogen . . .
Viele dieser Trümmerstätten sind jetzt von Zäunen um-
geben und verdeckt, diese Zäune sind aber von oben bis
unten mit Wahlaufrufen, Porträten, allerhand Plakaten
vollgeklebt, deren Wortlaut das Gemeingefühl stimu-
lieren und den Passanten in eine gehobene Stimmung ver-
setzen soll.
255
Ehrlich gesagt war's mir die ganze Zeit ein bißchen
schlecht und übel von all den Gesichtern, die mich von
Zäunen und Latemenpfählen angestarrt haben.
Der Bürgermeister war schon gewählt. Unter den stock-
hohen Plakaten: „Wählt X. Y. zum Bürgermeister!"
klebten ebenso umfangreiche mit der Aufechrift :
„We did it!"
— „wir haben's getan!" Jetzt kam der Distrikt Attomey
und die schier endlose Reihe der Kontrolleure an die
Reihe. —
Ihren letzten Bürgermeister, Eugen E. Schmitz und
den großen Boß, d. h. Bürgermeistermacher, Unternehmer
und Manager, der hinter ihm stand und in dessen Händen
das Stadtoberhaupt bloß eine Puppe und Jasager zu
nennen war, hat San Franzisko auf eine radikale und vor-
bildliche Weise abgeschüttelt. Dies private Erdbeben
San Franziskos hat Amerika ebenso aufhorchen machen,
wie sein offizielles die Welt. San Franziskos letzter Boß,
ein elsässischer Jude mit Namen Abraham Ruef, ein
Mann von ungewöhnlichen Fähigkeiten, hat am Goldenen
Tor zehn Jahre lang eine wahre Schreckensherrschaft ge-
führt. Wer in der Stadt etwas bauen, unternehmen, wer
ein anständiges oder ein verruchtes Gewerbe ausüben
wollte, dessen Weg führte durch Boß Ruefs Tasche. Als
im April 1906 das Erdbeben und das drei Tage anhaltende
Feuer die Stadt zerstörten, in vollem Sinne des Wortes
alles dem Erdboden gleichgemacht und neu aufzubauen
war, da nahm die Gewalt Ruefs phantastische Propor-
tionen an. Telephon, Wasserleitung, Straßenbahnen waren
neu zu errichten und Bestechungsgelder, Millionen fingen
an, in die Taschen der Beteiligten, die die Arbeiten zu
vergeben hatten, hineinzulaufen.
Die staunenswerte Energie, mit der die Leute, die diese
Stadt regierten, ihren Wiederaufbau in die Wege leiteten,
lenkte auf einmal das Interesse des ganzen riesigen Welt-
teils auf Schmitz, Ruef und die um sie hin. Allmählich
fing das Mitgefühl für Frisko an, sich in Enthusiasmus für
256
Schmitz zu verwandeln, und es gab Stimmen, die Schmitz
als Kandidaten für die Präsidentschaft der Vereinigten
Staaten ausriefen!
Da stand William Randolph Hearst auf, der Befehls-
haber der kolossalsten Zeitungsmacht des heutigen
Amerika, Herausgeber des New York American, San
Francisco Examiner und eines Dutzends anderer, ins-
gesamt von täglich fünf Millionen Menschen gelesener
Blätter, und gegenwärtig die enormste und ungezügeltste
Ambition Amerikas. Mit ihm verbündete sich einer der
reichsten Männer des Kontinents, Klaus Spreckels, der
Konkurrent Patrick Calhouns, des Präsidenten der United
Railways, der für die Straßenbahnkonzession eine Be-
stechung von 200 ooo Dollar für Ruef und die anderen
aufgewandt hatte — Hearst und Spreckels leiteten eine
Riesenkampagne gegen Ruef und Schmitz ein, die mit der
Aufdeckung der ganzen Boß-Wirtschaft und dem Sturz
der Gewaltigen endete.
Nachdem der öffentliche Ankläger, Heney, einer der
tüchtigsten Advokaten Amerikas, im Gerichtssaal nieder-
geschossen worden war, übernahm ein junger Rechts-
anwalt, Hiram Johnson, die Anklage. Schmitz haben sie
laufen lassen. Ruef ist zu vierzehnjähriger Zwangsarbeit
verurteilt worden. Hiram Johnson ist heute Gouverneur
von Kahfornien, derselbe, der das populäre Wort vom
Mob geprägt hat und ernsthafter Kandidat für die Prä-
sidentschaft im Jahre 19 16. Als solcher wird er vielleicht
noch ein Hühnchen mit dem ewigen Outsider Hearst zu
pflücken haben. Spreckels aber hat die Trambahnen des
neuen San Franzisko gebaut. —
Ds Erdbeben muß furchtbar gewesen sein. In Palo
Alto drüben, in der Stanford Leland- Universität ist
bloß das innere Gebäude- Viereck, zu Lebzeiten der Stifter
gebaut, stehen geblieben. Die Gebäude ringsum, Museum,
Laboratorien, Bibliothek liegen heute noch in Trümmern.
Als ich mich nach der Ursache dieser zwiespaltigen Wir-
17 257
kung eines und desselben Erdbebens erkundige, erwidert
man mir : Graft ! Das große amerikanische politische Wort :
Bestechung, Betrug. Die um das intakte innere Viereck
in Trümmern herumliegenden Häuser wurden aus dem
elendsten Material erbaut von Unternehmern, die zu
ihren Baukonzessionen in der üblichen elenden Weise ge-
langt waren.
Ich hatte in meiner europäischen Naivetät vor, mich
beim Stadtbaumeister Mr. Coffey von San Franzisko
nach den ästhetischen Prinzipien zu erkundigen, die ihn
beim Wiederaufbau der Stadt leiten. (Vor dem Erdbeben
hatte Ruef und Schmitz und den ihren ein groß angelegter
Verschönerungsplan vorgelegen.) Meine Freunde lachen
mich aus: ästhetische Prinzipien? Besseres Material!
Stadtanlage? Reinforced concrete, d. h. Eisenbeton!
Im Grund ist's ja wirklich einerlei. Ästhetik hin oder
her! Mögen die Westerners das grelle Volk bleiben, das
sie sind, wenn sie ihre Prinzipien nur aus härterem Ma-
terial wiederaufbauen, wenn das erneuerte Amerika die
Erschütterungen nur ebenso gut aushält wie das von den
Stiftern erbaute „innere Viereck" des großen Landes!
Ich bin nach dem Gefängnis St. Quentin in der Sausalito-
Bucht bei San Franzisko mit der geheimen Hoffnung ge-
fahren, ich könnte dort Abe Ruef sprechen. Er ist ein
Mann von ungewöhnlicher Bildung, hat im Gefängnis
ein Drama verfaßt, das nächstens in ganz Amerika auf-
geführt wird, und eine Denkschrift über eine Reform des
Gefängniswesens, die von Staats wegen gedruckt und an
alle Gefängnisdirektoren Amerikas geschickt worden ist.
Ich habe Pech. Genau an dem Tage, an dem ich in
St. Quentin bin, macht Gouverneur Johnson hier seinen
ersten Besuch. Eine Viertelstunde nach ihm passiere ich
auf meinem Rundgang die Jute-Spinnerei, in der Ruef,
gelb und verfallen, im gestreiften Sträflingskleid, den Web-
stuhl bedient. Den Mann anzureden, der vor einer Viertel-
stunde seinen siegreichen Vernichter von Angesicht ge-
258
schaut hat, habe ich nicht den Mut. VermutUch dürfte
ich es auch gar nicht, aus Gründen, die im^ Reglement
stehen. —
St. Quentin ist ein Gefängnis, in dem man sich's
wünschte, eingesperrt zu sein. (Die treugebliebenen
Freunde der Mac Namaras freuen sich darüber, daß diese
in St. Quentin eingesperrt sind.) Es liegt in der Bay von
San Franzisko wie Sorrent in der Bay von Neapel. Es hat
seine eigene vortreffliche Musikkapelle, seine Baseball-
und Tennismannschaften, seine Klubs und sozialen Ver-
eine. Alle aus Sträflingen gebildet.
Im großen Hof, hinter einem tropischen Blumenbeet,
ist noch die Bühne zu sehen, auf der vorgestern eine
Truppe von ausgezeichneten englischen Schauspielern,
die jetzt drüben in Frisko gastiert, das durchaus nicht
moralische Einbrecher- und Detektiv-Stück: „Alias Jimmy
Valentine" aufgeführt hat. Der Direktor von St. Quentin,
Hoyle, ist ein Mann, in dessen Seele die Unruhe lebt, die
Unruhe des Wissenden um die Quellen von Recht und
Unrecht, Gut und Böse. Er versucht seine Pflicht gegen
die Menschheit zu erfüllen, wo andere es sich leicht ma-
chen, indem sie ihre Pflicht gegen den Staat erfüllen.
In einem Saal sehe ich zu, wie ein (eingesperrter) Lehrer
etwa fünfzig Sträflingen Unterricht in der Natur-
geschichte erteilt. Mancher erwachsene Mann lernt hier,
hier, in der Muße, die das Gefängnis bietet, erst schreiben
und lesen . . . hier erst . . .
Die Zellen, die Baderäume, die Mittagskost bekomme
ich zu sehen und zu kosten. Natürlich auch das Bertillon-
Zimmer. Den stärksten Eindruck aber erhalte ich vom
Raum, in dem die Hinrichtungen vollführt werden.
Kalifornien hat den elektrischen Stuhl nicht eingeführt,
sondern henkt seine Verurteilten. Drei große Stricke
baumeln herab in einem turmartigen Gehäuse, zwei von
ihnen haben eine mit Eisenfarbe angestrichene Holzkugel
an ihrem Ende, die dritte eine eiserne Kugel. Oben,
über dem Turm ist ein kleiner, verschlossener Holz-
17* 259
verschlag. Ein Tisch befindet sich in ihm und drei Stühle
hinter dem Tisch. Über den Tisch laufen drei dünne
Schnüre. An jeden ist unter dem Boden des Verschlages
einer der drei Stricke befestigt. Drei Wächter sitzen im
entscheidenden Augenblick mit scharfen Messern oben
an dem Tisch. Auf ein Zeichen schneidet jeder eine
Schnur auf dem Tisch entzwei. (Ich sehe die Kerben auf
der Tischplatte.) Keiner weiß, ob seine Schnur das Eisen-
gewicht zum Hinunterfallen gebracht hat, oder ob es nur
das unschuldige Holzgewicht war, das am Ende seiner
Schnur hing.
Es ist eine humane Einrichtung, human gegen die
Wächter, denn auf diese Weise weiß es keiner, ob er oder
sein Nachbar das Blut jenes Einen dort unten, dem das
schon egal ist, auf seinem Gewissen hat.
Mein uniformierter Begleiter sagt: „Ich habe mich
trotzdem niemals zu diesem Dienst gemeldet. Ich bin
trotzdem niemals mit den anderen beiden im Turm oben
gesessen."
Wie ich wieder ins Freie komme, sag ich mir: endlich
hab ich das Geheimnis unserer heutigen Gesellschaft mit
eigenen Augen gesehen. Die Dreie oben belauert, die den
Einen unten umbringen.* Die Dreie, von denen es doch
keiner gewesen ist. Die Dreie, von denen keinen die
Schuld noch die Verantwortung trifft. Die Gesamtheit,
die oben sitzt, und den Einzelnen, der unten daweil
sicher geht und bar bezahlt. Den Holzverschlag und die
Kerben auf dem Tisch will ich mir merken !
DER CANYON, DER GÖTTERGARTEN UND DER
VITAGRAPH
Die Naturkräfte, d. h. Ressourcen, und die Natur-
wunder dieses Landes stehen im Einklang mit seiner
Ausdehnung und Peripherie. Die Niagarafälle — ein See
stürzt in den anderen hinunter. In dem Canyon, dem Ab-
260
grund, den der Coloradostrom in den Staat Arizona ge-
rissen hat, ist aber Raum für noch einen, mit dem Kopf
nach unten drüber gestülpten Staat des großen Amerika.
Zwischen der Sierra Nevada Oregons und Kaliforniens
und dem Felsengebirge, das von oben her aus Kanada
über Wyoming, Montana und Colorado herunterrollt,
bis es in Neu-Mexiko sich verliert, liegt die Mojave- Wüste,
ein ausgetrocknetes Meer, berühmt um die Klarheit seiner
Atmosphäre willen. Keiner, der Bescheid weiß, versäumt
es, bei Flagstaff zumindest aus dem Waggonfenster zu
blicken, nach der Richtung hin, wo Percival Lowell, der
Erforscher Asiens und des noch älteren Mars, in seinem
Observatorium sitzt. Von hier kommen die großen Tages-
neuigkeiten her, die sich draußen in dem Weltall ereignen,
Nachrichten über Eklipsen, politische Nachrichten vom
Planetensystem. Ein neugieriger, ungefragter Erdenwurm
grübelt da im gelben Sand und sucht in seinem edeuchte-
ten Hirn nach einem Reim auf die größten Dinge zwischen
Himmel und Erde.
Nicht weit von Flagstaff, nördlich von der Station
Williams, am äußersten nördlichen Rand von Arizona,
liegt der Canyon des Coloradoriver. Man kommt auf der
Coconino-Ebene an und sieht hinüber nach der Kaibab-
Ebene. Zwischen diesen beiden auf fast gleichem Niveau
gelegenen Plateaus starrt ein Abgrund. Manche von den
Bergen, die tief unten in diesem Abgrund ihre Zinnen
in die Höhe strecken, sind,, wie zuverlässige Geometer
festgestellt haben, 6000 Fuß hoch, keiner erreicht mit
seinem Gipfel das Niveau des Plateaus. Als sähe man sich
die Schweiz bei Maloja in einer Schlangenmenschpose
umgekehrt durch die Beine hindurch an, so etwa sieht der
Canyon aus. Ein Brett von Plateau zu Plateau würde fast
wagerecht daliegen, aber* es würde einem ein bißchen
schwindlig werden vom Anblick der Kuppen, Zacken,
Zinken, Türme und Kegel im Hinübergehen. Man fühlt
die Vorstellung in sich aufsteigen: hier hat der Höllen-
hund mit dreifachem spitzen Hundegebiß ein Stück Erde
261
aus dem glatten Erdball herausgebissen. Blutig und zer-
fleischt starrt das Erdinnere den Zuschauer oben auf dem
Plateau an, wie eine offene Frucht.
Den Bergen dort unten hat man Namen gegeben, die
sich auf ihre Formen beziehen. Es gibt einen Zoroaster-
tempel, einen Apollotempel mit dorischen Säulen, jede
fünfmal so hoch wie das Straßburger Münster, eine Burg
Monsalvatsch, eine Cheopspyramide, einen flachen Hexen-
tanzplatz auf einem viereckigen Würfel, zu dem man nur
aus der Luft hinunterkann, sogar ein Kriegsschiff modern-
ster Konstruktion, und das so heißt. Nur die. armen
Indianer (gewiß hat die Flut Tausende ihrer Wigwams
fortgerissen und mitgespült) haben keinen einzigen ihrer
geheimen Namen für diese unterirdischen Gebirge durch-
setzen können.
Der Abgrund, den man da vor und unter sich sieht, ist
stellenweise 8000 Fuß tief; von Coconino bis Kaibab nur
dreizehn Meilen breit ; wenn man aber die Arme seitwärts
ausstreckt, so weisen die Fingerspitzen auf eine halbmond-
förmige Längsdistanz von 200 und einigen Meilen. Er
wäre nicht halb so schaurig, wenn nicht die grellsten
Farben, rot, hellgrün, gelb und bläulichbraun sich, wie
mit dem Lineal gezogen, über diese ganze unterirdische
Schweiz dahinzögen. Ein Kegel hat eine gelbe Kappe,
einen blauen Rumpf und ein rotes Gesäß. Neben diesem
Kegel ist Luft, graues Geklüft tief dahinter, mit dem
unsichtbaren Strom in der Tiefe. Sieben Meilen weg be-
ginnt ein eckiger Klotz oben gelb, wird in genau gleicher
Höhe wie der Kegel blau und geht dann ins intensivste Rot
über, das unten in nebelähnlichem Schmutzgrau versinkt.
Auf diesem Dreiklang baut sich die ganze Farbenorgie auf.
Aus den Broschüren, mit denen der Reisende bom-
bardiert wird, wär's ein Leichtes, gelehrte Dinge und Na-
men der Formationen herauszuschreiben. Dankbarer ist es,
sich an den Sonnenuntergang zu erinnern, dessen Schatten
die Farben verändern, die Konturen verwandeln, Figuren,
die leben, aus baren Felsenwänden heraustreiben, in glatte
262
Der Canyon, abends
Felsenwände Höhlen, Grotten schlagen, Inschriften auf-
zeigen, die nur das Gottesauge entziffert und die dem
Menschen nur sein Nichtswissen in einer einfachen Lösung ^
vorzeichnen — über den langsam, langsam sich ver-
dunkelnden zweihundert Meilen weiten Götterwitz- —
Notizen; eine Fingalshöhle in den Lüften wird auf
einmal ein toskanisches Felsennest. Aus einer roten Stadt
erhebt sich eine schneeweiße Kathedrale. Ein Berg in der
Nähe trägt die flachdächige Stadt Tunis auf seinem
Rücken. Sie schmilzt aber zusehends zusammen, zu einer
zickzackförmigen Terrassenzitadelle, die nicht mehr auf
dem Berg, sondern in einer ausgekratzten Höhle wie ein
Basrelief daliegt. Auf einer polierten Mauer von tausend
Fuß im Geviert erscheinen, wie die Sonne ein bißchen
nach links weitergeht, assyrische Menschengestalten, die
mit fabelhafter Geschwindigkeit ihre Köpfe vertauschen,
mit den Knien wackein wie Komiker, die Zungen her-
ausstrecken, mit Armen und Rumpf von rechts nach links
263
oder von links nach rechts „müllern". Die Zugspitze steht
plötzlich zwischen zwei Kegeln, die sich verdunkelt
haben, grell beleuchtet da, den Kopf nach unten. In den
Zoroastertempel kommt Leben. Dunkle Fühlhörner strek-
ken sich aus ihm aus nach den Tempeln der anderen Re-
ligionen. Es dauert nicht lange, und der Apollotempel
mitsamt dem Monsalvatsch haben sich mit ihm zu einem
Bund vereint, aus dem eine große gemeinsame Finsternis
sich über alle Nachbarhöhen erstreckt, sie rasch auf-
fressend. Die Bogenschützen, die Keilinschriften, die
Rodinschen Unzuchtspaare, die von Michelangelo ge-
meißelten Figuren des Weltuntergangs, die sich lüstern
streckenden und streckenden Steinpanther der Apokalypse
verschwinden rasch in der von links nach rechts durch den
Abgrund ziehenden Nacht. Aus ist die Vorstellung im
Amphitheater des Canyon. Und die Menschlein, die heim ins
Hotel El Tovar ziehen, finden dort den Eintrittspreis, wie
sich's gehört, tüchtig in Dollar und Cent umgerechnet. —
In der Hotelhalle liegt ein Buch, darein die Völker-
scharen, die hier vorübergezogen sind, ihre Eindrücke,
Gedanken und Empfindungen geschrieben haben. Auf der
Höhe meiner Sendung durchstöbere ich dieses Fremden-
buch nach charakteristischen Äußerungen der amerika-
nischen Bürgerseele.
Lobpreisungen der Vorsehung überwiegen. All diese
Americanos führen ihre Bibel mit sich, das ist gewiß,
sonst könnten sie Bibelstellen und Psalmen nicht so richtig
zitieren. Gelehrte Leute aus der Intelligenzstadt Boston
äußern sich im Sanskrit. Bewohner der Sonderlingsstadt
Los Angeles lassen sich im Esperanto, mit Zitaten aus
Omar Khayyam, Whittier, Goethe, Shelley und Mrs.
Baker Eddy hören. Enthusiastische Leute aus Texas und
Louisiana ergehen sich in patriotischen Expektorationen,
viele haben eine Spitze gegen Europa und zischeln:
Amerikaner, seht Euch doch erst Euer eigenes Land an,
eh' ihr hinübergeht!
264
Einer nur hat einen ver-
nünftigen Gedanken beim
Hinunterstarren in den Ab-
grund gehabt. Er hat den
lapidaren Ausruf ins Hotel-
buch eingeschrieben:
„O HeU,
where is the Bottom?"
Bis in den Schlaf hinein
verfolgt einen das Bibel-
zitieren. Hinter der dünnen
Wand diskuriert der Nach-
bar vor dem Zubettegehen
mit seiner Ehefrau, Sie
fragt nach Geologie, und
der Gatte antwortet in den
Pausen zwischen dem Gur-
geln mit Theologie. Dann ''« HinUr gründe: der Canyon
legt er sich mit einem Krach
zu Bette und lobsinget noch eine Weile dem Herrn. Die Ehe-
hälfte hat schon, müd von der abenteuerlich scharfen Luft
und den Erfahrungen eines langen Ehestandes mit einem
resignierten Schnarchen begonnen. Das kann gut werden!
Bald fängt auch der salbungsvolle Schafskopf mit Schnar-
chen an. Während ich den Kopf tief in die Daunen presse,
denkeichandiebodenloseGrausamkeitderNaturdadraußen, o
An dieTausendevon unschuldigen Indianern, von Menschen
und Vieh, die ihr Ende gefunden haben; an die unerbitt-
liche Gegnerschaft des Fließenden gegen das Feste. Und
wünsche mir, der Abgrund neben dem Haus möchte doch
nicht so tot und stumm daliegen, sondern heber wie ein rie-
siger Wasserfall rauschen und tosen, damit ich das Schnarchen
nebenan nicht eine ganze lange Nacht zu hören brauchte!
In den „Garten der Götter" fahre ich von Colorado
Springs, oben bei Denver, auf Onkel Jimmys Buggy.
Onkel Jimmy läßt mich nicht in Ruhe. Schon in der
265
Stadt muß ich alles mögliche über Pikes Peak hören, der
in schneeiger Glorie vor uns liegt, allerhand Weisheit, für
die Touristen zusammengebraut und durch die jahr-
zehntelange Zungentätigkeit des alten Kutschers abge-
schliffen und abgewetzt.
In der Nähe des „Göttergartens" fangen die Vergleiche
an. „Look: sehen die beiden Felsen dort nicht aus, wie
zwei Kamele, die sich küssen?" „Allright, Jimmy, laß sie
sich küssen." „Look: das dort ist der Löwenkopf, das dort
ist der Bär, jetzt sehen wir die Kathedrale, jetzt den See-
löwen, den Frosch, jetzt Montezuma . . . All dies, Siree,
ist aus der Zeit dageblieben, wie Pikes Peak noch eine
Insel im Mper war und „später" hat eine vulkanische Ge-
schichte die Felsen da in die Landschaft hineingepflanzt."
„Git ye up, alte Mähre, kitzle sie, Onkel Jimmy, damit
wir die Karawane dort vorne einholen." Der Alte spuckt
seinen Tabak durch die Luft: „Giddiap!" und bald dar-
auf holen wir die Reiter und den Wagen vor uns ein.
Der Göttergarten ist ein Garten aus kurios geformten
Felsen, roten, grünen und grauen, die da ohne Grund
und Ziel mitten auf der Hochebene unter den Rockies
von Colorado herumliegen. Um im Vergleich zu bleiben :
der Höllenhund, der zwei Tagereisen weit im Westen
das Stück aus dem Staat Arizona herausgebissen hat, hat
einiges davon hier über den Staat Colorado ausgespuckt,
und da gibt es also ein Naturwunder mehr anzustaunen.
Die Karawane vor uns hält. Ein junger geschminkter
Cowboy und ein junges hübsches geschminktes Mädchen
lehnen sich vorsichtig an einen Zaun und äugeln mitein-
ander. Im Hintergrund funkelt Pikes Peak, und die Köpfe
der beiden, die sich soeben vor dem großen grauen Leier-
kasten des Vitagraphs augenscheinlich ineinander ver-
lieben, sind genau auf den Felsen weg eingestellt, die
klotzigen roten Riesen, die das Tor des Göttergartens vor-
stellen.
Der Regisseur, Herr Rollin Sturgeon, der die Men-
schenseele wie die sichtbare Natur mit Hinblick auf kine-
266
Im Garten der Götter
Vom der Vitagrafh-Couibay, hinten der VeTJas.
267
matographische Wirkung studiert und ergründet hat,
souffliert dem Paar: jetzt lächelt, bitte jetzt zögernd
eine Hand auszustrecken, bitte jetzt einen Grashalm vom
Boden zu reißen und ihn langsam durch die Zähne zu
ziehen.
Eine Wolke erscheint links unter Pikes Peak, und die
Szene muß wiederholt werden, damit die Wolke mit auf
das Bild kommt.
„Now, business!"
Der Mann hinter dem Leierkasten dreht die Kurbel,
langsam schleicht die Wolke vorüber, und die Liebes-
worte der beiden, die nur berufen sind, die Distanz zwi-
schen den Gebärden zu bestimmen, ertönen aufs neue. —
Krach! Etwas ist im Kasten geschehen. Dam' it ! die Wolke
ist pfutsch! alles muß von vorn angefangen werden. Das
Liebespaar schimpft, der Regisseur ist wütend, nur der
Leierkastenmann, das Felsentor und die Wolke sehen
gleichgültig drein.
Im Hintergrund voltigiert „Adlerauge", der Halbblut-
Apache auf seinem Vollblutpferd herum und macht den
Mitgliedern der Truppe, die in dieser Szene der Tragödie
„Das Herz eines Mannes" noch nichts zu tun haben,
halsbrecherische Kunststückchen vor. „Adlerauge" hat
zwei richtige Zöpfchen rechts und links von seinem roten
Gesicht niederhängen. Er verdient als authentischer Kine-
matographenapache mit Zöpfchen 40 Dollar die Woche.
Ohne Zöpfchen würde er bloß zehn verdienen. Wie ich
ihn nach seiner Squaw frage, antwortet er, seine Squaw
sei eine Fraw und stamme aus Leipzig. Die ganze Gesell-
schaft, fünfzehn Leute, reist nach dem Canyon, wo an-
gesichts der Cheopspyramide und des Monsalvatsch eine
Eifersuchtsszene stattfinden wird, von dort aber nach Los
Angeles, wo der Stille Ozean den Hintergrund für eine
gefährliche Eskapade hergeben muß.
Durch den Garten der Götter reise ich mit diesen un-
wahrscheinlichen Menschenkindern. Vor dem Riesen-
pilz liegen sich Tom und Phoebe in den Armen. Dann zieht
268
sich Phoebe hinterm Riesenpilz eine andere Bluse an
und kämmt sich die Haare in die Stirn zum Zeichen,
daß ein Monat vergangen ist. Szene sieben spielt an der-
selben Stelle vor dem Riesenpilz, der Dialog aber heißt :
„Why, Tom, dont be silly! Marry you, a common
cowpuncher? Well never, my life!"
„So — hast du — mit mir nur gescherzt? O! O!"
„Well, Tom, you never had a girl flirt? O dont be
foolish, my boy!"
Hundert Schritte weiter ertönen Worte des Hasses,
hundertfünfzig Schritte weiter Worte der Hoffnung,
noch fünfzig Schritte weiter sind es Worte der befriedigten
Rache, alles sehr gut gesprochene, ausgezeichnet gemimte
und fürstlich bezahlte Worte — eigentlich habe ich gar
nicht das Gefühl, als würde diese aparte und einmal und
auf Nimmerwiedersehn vor meinem Auge auftauchende
Landschaft durch die now-business !-Romantik profaniert
dahier.
Allenthalben ist jetzt ein groß Geschrei zu hören:
hie Theater, hie Kinematograph. Als ob man dem Kine-
matographen die gut gemimten Leidenschaften mit der
echten Landschaft dahinter nicht tausendmal lieber
glaubte als dem Theater das ungeschickt gewählte, aber
hörbare Wort vor gemalten Kulissen ! Von einem geliebten
Menschen gibt mir eine gute Photographie mehr und Nähe-
res als die Sudelei eines „eigenartigen" Porträtisten.
Überhaupt weiß ich nicht mehr, wo die Grenzen von
Natur, Reproduktion und künstlerischem Neuschaffen ge-
legen sind. Wenn mir Einer oder Eine Dinge im Affekt ins
Gesicht schreit, die mich angehen, so kann ich mich bei
dem Gedanken ertappen: der oder jener Schauspieler
macht das besser! Steh ich zum erstenmal vor einer
hundertmal auf Photographien bewunderten Landschaft,
so mag's kommen, daß ich resigniert und naserünipfend
konstatiere: es war wieder nichts. Meine Romanlektüre da-
gegen beziehe ich mir am liebsten aus dem Kriminal-
gericht in Moabit. Im übrigen ist unsre Zeit heute im
269
Erfinden vollkommenster Reproduktionstechniken so groß^
daß man wirklich nicht so ängstlich den Abstand der
Emotion vom künstlerischen Mittel, das sie hervorruft,
messen soll — da es sich ja um Dinge handelt, die man
doch nicht selber erlebt. —
VISION AN DER SANTA-FE-BAHN
An diesem heißen Spätherbstnachmittag sitzt unsere
Pullmanwelt unter dem Verandadach des Aussichts-
wagens. Wir fahren durch den lebendigen Wüstenstaub
Neu-Mexikos, der hinter dem Zug, mit der Sonne tief im
Westen, wie ein goldroter Vorhang in die Höhe steigt.
Da man sich seit dem Canyon kennt und wahrscheinlich
bis Chicago beisammenbleiben wird, ist ein flottes und
allgemeines Gespräch im Gange, das für mich lehrreich
und amüsant ist zu gleicher Zeit.
RückUngs nach Osten geschoben, mit dem Gesicht nach
dem im goldenen Abend versinkenden Westen gewandt,
das Navajoland zur Rechten und das Apachenland zur
Linken, spricht alles durcheinander: vom Frauenstimm-
recht, von der Revolution in China, von der Politik in den
westlichen Staaten, von den Fortschritten der Kultur öst-
lich vom Mississippi, vom nächsten Präsidenten. Eben hat
ein sonderbarer Schwärmer das Wort, der den Gipfel der
amerikanischen Zivilisation mit einigen perfekt organi-
sierten jüdischen Wohltätigkeitsanstalten in der Union
verwechseln möchte — da kommt jemand aus dem Zug
da vorne zu uns und macht uns aufmerksam: in ein
paar Minuten kommen wir an dem Indianer- Pueblo
Laguna vorüber!
Viele sind in unserem Zuge, die kennen schon die sonder-
baren Felsenfestungen Neu-Mexikos und Manitous, bei
den Colorado-Springs. Auch ich habe sie gesehen, und ihr
Anblick ist wie ein Traumbild in mir wach geblieben
seither. Aus einer schroff aufsteigenden Felsenwand sind
270
große wagerechte Steinschichten herausgebrochen, so daß
nur der Boden, die Rückwand und das Dach von der
Natur geschaffen übrig geblieben ist. Zwischen diesen
Boden und dieses Dach haben nun die Indianer ihre
Festung hineingebaut. Nur ein paar Fenster und aus-
ladende Türme mit Zinnen und Schießluken verraten es,
daß hinter der Felsenwand Menschen wohnen. In Friedens-
zeiten ragen ein paar Holzbalken aus dem Felsengemäuer
hervor, an denen klettern die Bewohner der Festung wie
Affen so behend in die Festung hinauf. Die Festung
selbst ist ein Gewirr von kleinen Verließen, Wohn-
räumen, Schleichwegen, Fallen und Laufgängen. Unter
dem Beobachtungsturm findet sich ein kreisförmiger Raum
mit einer bassinartigen Vertiefung, hier wurden sonder-
bare religiöse Riten ausgeführt. Tief unten im Naturstein
hat man Grabkammern gefunden; die Toten des Stammes
lebten dort, von den wunderbaren, schwarz und weiß
gezeichneten Töpfen der Navajos umringt, ihr eigenes
mystisches Leben, nur um einige Zoll tiefer als die leben-
den Krieger oben in der Festung.
Durch die flachen Wüsteneien schlichen bei Nacht die
heimtückischen blutgierigen Zunis, Apachen, Arapahoes
an die Felsenbewohner, die Cliff-dwellers, heran, alles
ringsum niedermetzelnd, brandschatzend, bis ihnen die
Felsenfestungen mit ihrer natürlichen Rückendeckung
Einhalt geboten haben. Aus Belagerungsnot und Stammes-
gefühl hat sich bei jenen wilden Troglodyten eine eigene
Kultur und Kunstfertigkeit entwickelt.
Viele kleine Dörfer, Pueblos genannt, ahmen in ihrer
Bauart, seit die Indianer „zivilisiert" sind, diese flachen und
langgedehnten Felsenhöhlen, aber unterm freien Himmel,
nach. Wie breite Schachteln aus Lehm liegen diese Häuser,
Adobes, beieinander und übereinander. Heiratet der Sohn
des Erdgeschosses, so baut er sich seine Schachtel als ersten
Stock über das Elternadobe. Bringt's der Stammvater
parterre zu Urenkeln, so wird das Adobe ein drei Stock
hohes Schachtelhaus. Die Stockwerke sind unregelmäßig,
271
werden je nach Raumbedarf gebaut, alle aber haben einen
Streifen des Daches als Terrasse um sich. An den Schach-
teln lehnen Leitern, buntgekleidete Wesen klimmen zu den
lehmgelben Schachteln empor, an deren Wänden rote
Tomaten an Schnüren zum Dörren aufgehängt sind. Denkt
man diese Farbenflecken weg, so ist die Mimicry des
Adobes an den Wüstensand vollendet, wie die der Festung
an die sie umgebende Felsenklippe.
In diesen absonderlichen Pueblos liegen solider ge-
baute Häuser, aber von derselben Bauart und mit lehm-
artigem Bewurf, wie die Adobes der Eingeborenen. Es sind
die Missionen. Der Missionsstil, einer der wenigen origi-
nellen Baustile Amerikas, hat seinen Ursprung aus spa-
nischen und mexikanischen Anklängen ebensosehr wie
aus diesen Felsenfestungen. Aus einem kleinen offenen,
geschwungenen Aufbau singt die Glocke in das Abend-
^ land hinaus ihr Lügen-Lied, das Lied scheint aber schon
ebensosehr aus der Natur ringsum geboren wie die gelben
Dörfchen im Wüstensand.
Ganz langsam fahren wir an dem Pueblo Laguna vor-
bei, das auf einem breiten flachen Stein daliegt an der
Nordseite der Bahn. Die Schienen laufen unsicher über
den fliegenden Sand, in dem die Schwellen keinen Halt
finden können. Im Weiterfahren rinnen die gelben
Schachteln ins Abendgelb hinüber, werden von der Sonne
in den Dunst hineingesogen, werden transparent, un-
wirklich.
Nur ein leuchtender, in eigener Farbe lebender Fleck
bleibt noch eine Weile, wie in der Luft dahinten, gegen den
Abendhimmel dastehen. Es ist ein alter Navajo, in eine
zinnoberrote Decke eingewickelt, an der östlichen Spitze
des Pueblohügels steht er da und blickt unserem Zug nach.
Riesig groß, wie eine optische Täuschung, wie ein Ge-
spenst aus Abendsonne und Wüstenstaub steht der alte
Indianer dorthinten. Wenn ich heute, nach Monaten,
^ die Augen zumache, steht er immer noch, rot vor seinem
gelben Pueblo, die Sonne des Westens im Rücken, un-
272
Eine Pueblo in New-Mextko
beweglich da. Bald aber wird unsere Aufmerksamkeit von
der Gestalt abgelenkt durch das, was in unserer unmittel-
baren Nähe vorgeht. An der Trasse arbeiten Leute. Aus
unserem langsam dahinfahrenden Wagen sehen wir diese
Bahnarbeiter unter uns, rechts und links sind sie zur Seite
gewichen, um den Zug passieren zu lassen.
Es sind braune kurzbeinige Kerle, Indianer, mit den
charakteristischen Zügen und Gestalten der Zunis, der
Apachen, der Arapahoes hier herum. Es sind Nach-
kommen der kriegerischen Stämme, der Cliff-dwellers,
des großen roten Alten dorthinten auf dem Hügel von
Laguna. Sie haben schlechte neumodische, beim Kleider-
juden erstandene Anzüge aus groben dunklen Stoffen an
und alte zerknüllte Filzhüte auf ihren schwitzenden,
blauschwarz bezottelten Schädeln sitzen. Wie wir vor-
über sind, spucken sie sich in die Fäuste und bauen unter
der Aufsicht des weißen Boß weiter an dem Schienenweg
der Santa-Fe-Eisenbahn.
Niemand spricht mehr von Politik, von Zivilisation,
von Wo hltätigkeits Organisationen auf unserer Aussichts-
ar Seite der Trasse stehen ein paar ausrangierte
273
Güterwaggone. Leichter Rauch steigt aus einem in die
Höhe. Ein altes Indignerweib kocht dort das Abendessen
für die Bahnarbeiter, denen diese elenden ausrangierten
Güterwaggone als Wohnort dienen.
ZWEI FREUNDE DER KINDER IN DENVER
DER EINE
Was fang ich mit dir an, Paul? Ich denke, das Beste
für dich ist, ich schicke dich nach Golden."
„Ich geh nicht nach Golden. Ich will nicht nach Gol-
den; ich will nach Hause, dort gehör ich hin!"
„Aber Paul, wenn du zu Hause bist, vergeht keine Wo-
che und du fängst wieder mit denselben Streichen an.
Treibst dich tagüber herum, schwänzt die Schule, bleibst
nachts aus. Du bist kein schlechter Junge, Paul, ich kenne
dich ja, aber du bist ein schwacher Junge, das Beste für
dich ist, glaub mir's, du gehst für eine Zeit nach Golden."
„Schicken Sie mich nicht nach Golden. Ich mag nicht
nach Golden!"
„Paul, wische dir die Augen und gib mir die Hand . . .
so. Jetzt sage mir : hab ich dich nicht anständig behandelt
(gave you a fair deal), damals, wie du mit den anderen
Jungen die Overalls gestohlen hast? Damals versprachst
du mir, du wolltest ein braver Junge sein fortan, und heut
bist du wieder hier! Was fang ich bloß mit dir an?"
„Give me another chance! Ich mag nicht nach Gol-
den!"
Eine kalte, harte Frau sitzt in der ersten Bank und ihre
grauen Augen sind wie zwei scharfe Messer auf den Jungen
gerichtet, der ihr Kind ist. Sie nickt spöttisch zu jedem
Wort, das er spricht. Dem Mann neben mir entgeht das
nicht. Er streichelt leise die Hand des weinenden Kna-
ben: „Du bist ein weicher Junge, Paul, du wirst es gut
haben in Golden!"
„Ich will nicht. Ich will nach Hause."
274
Die Frau auf der Bank lacht spöttisch. Der Mann neben
mir sagt: „Paul, sieh mich an. Hab ich dir damals nicht
fair play gegeben? Wie hast du's mir vergolten?"
„Probieren Sie's nochmal mit mir. Ich geh nicht nach
Golden!"
Der Mann neben mir seufzt, faltet die Hände, sieht die
höhnisch und schadenfroh lächelnde Frau auf der Bank
an, denkt nach, sieht von der Frau zum Jungen, sieht auf
seine gefalteten Hände nieder . . .
Die Szene ist ein amerikanischer Gerichtshof, der
Kindergerichtshof zu Denver, Colorado, und der
Mann neben mir, der Mann, der mich eingeladen hat,
einer Sitzung seines Gerichtshofs beizuwohnen, ist Richter
Ben Lindsey, „honest Ben", der Abgott der Kinder
Amerikas und einer der edelsten und darum populärsten
Männer des großen Landes.
Es ist eine öffentliche Sitzung; etwa 60 Menschen sind
da; auf der Anklagebank sitzen 10 Kinder, alle zwischen
10 und 14 Jahren.
Der Probation-officer, ein Funktionär, dessen Beruf es
ist, die Kinder zu beaufsichtigen, die schon einmal hier
vor Gericht gestanden haben, aber durch die Milde und
den gerechten Spruch des Richters mit Ermahnung und
Handschlag zu ihren Eltern zurückgehen durften — der
Probation-officer steht auf und ruft einen Namen in den
Saal.
Drei kleine Wesen erheben sich zugleich und kommen
zum Tisch des Richters heran. Es sind zwei kleine Kinder,
ein Knabe von 14, ein Mädchen von 10 Jahren, zwischen
ihnen humpelt ein altes, verhärmtes Mütterlein in schwar-
zer Mantille daher, nicht größer als ihre Kinder.
Lindsey winkt das Mäderl heran und macht ihr den
Mund auf. Der Saal lacht.
„Brav!" sagt Lindsey. „Brav, Filistes! (FeHzitas.) Ich
sehe, du hast die Zahnbürste benutzt, seit dem letzten-
mal. Aber, Filistes, dein Gesicht ist schmutzig. I am
i8*
275
sorry, du hast heute morgen dein Gesicht nicht ge-
waschen. Zeig deine Hände her! O weh!" „Judge,
you bet, ich hab mein Gesicht heute gewaschen; es ist
nur wieder schmutzig geworden."
Das Kind ist die Schwester des vierzehnjährigen Jungen,
der der böse Geist des Knaben Paul ist; der ihn zu aller-
hand kleinen Diebstählen, nächtlichen Trinkereien, Kine-
matographenbesuchen und Ärgerem verlockt. Filistes ist
nur als Dolmetscherin erschienen. Das Mütterlein, eine
verschrumpelte kleine Wiener Jüdin, hat in den siebzehn
Jahren, seit die Familie hier herüben ist, die Sprache des
Landes nicht erlernt, ist zudem stocktaub. Der Junge
ist der Typus des degenerierten Juden. Eine dicke
Brillantennadel in seiner Kravatte verkündet seine Welt-
anschauung.
Der Richter sagt Filistes, was er von ihrem Bruder
Gary hält. Filistes schreit der Mutter in die Ohren: „Er
sagt, Gary muß gehn nine o'clock ins Bett, und wenn er
noch amol wird gekätscht playing cards, wird er gehn
nach Golden für e Jahr!"
Die Mutter winselt etwas auf deutschjüdisch, Filistes
übersetzt es in fließendes Englisch. Im Slang natürlich,
dem Jargon der Ärmsten, aber Richter Lindsey versteht
den Jargon, spricht sogar in seinem Richterstuhl selber
im Gassenbuben Jargon mit den Gassenbuben, als ihr
Freund und Berater, der von ihnen verstanden sein will.
„He's no bad Kid, she says; she will go round an' look
for a Job for Gary, so dont you send him to Golden, says
she."
Dann übersetzt Filistes wieder:
„Er sagt, er weiß, wir sein arme Leit und Gary muß
treien (to try, versuchen) gut zu machen (to make good),
so er will Gary geben ä Tschänz bis first vom Dezember,
wenn er sich nix gut aufführt, muß er nach Golden."
Die Mutter legt für Gary die Hand ins Feuer, Gary
hat bei der Western Union (Telegraphengesellschaft) als
Messenger schon zehn Dollar die Woche verdient.
276
Lindsey: „The trouble is, Filistes, you know Gary, he
cant stick to a job (nicht an einer Beschäftigung kleben,
bei ihr ausharren), when he's got some."
Filistes zur Mutter: „Er sagt, Gary kenn nicht sticken
zu ä Dschab, das is die Matter wis ihm!" (Exempel von
Amerikanerdeutsch.)
Es sind arme Leute. Der Probation-officer hat im
Haus kaum eine Brotkruste zu essen gefunden. Der Junge
muß die Familie erhalten, denn die Älteste, die ihr Brot
auf ihre Weise verdient, hat die Familie im Stiche ge-
lassen. Was ist zu tun? Der amerikanische Richter neben
mir, honest Ben, der Freund der Kinder, erlebt mehr
Katastrophen, als sein zarter Körper und die große Seele,
die in ihm wohnt, aushalten kann. —
Wenn er sich erhebt, so ist er nicht größer, als ein vier-
zehnjähriges Kind. Vielleicht verschafft ihm auch
dieser Umstand solche Gewalt, solche innere Gewalt über
die Kinder. — Grade, ohne sich zu bücken, kann er ihnen
in die Augen schauen. Er nimmt ein Kind bei den
Schultern und seine Arme liegen wagerecht zwischen ihm
und dem Kind. In seinem feinen Gesicht ist derselbe junge
Zug, wie in dem William R. Georges, auf den er große Stücke
hält. Aber die Kinder Colorados nennen ihn nicht daddy, wie
jene von Freeville ihren Freund, sondern: „our little Ben."
Oft vergessen sie ganz wo sie sind, und ein Geschwätz
und Gekicher entsteht wie in einer Schule, wenn der
Lehrer zur Tür hinaus ist. Da schlägt der Richter mit
der Handfläche auf den Tisch:
„Hello, Kids!"
Die Kinder lachen und machen dem Richter Zeichen,
daß sie schon ruhig sind; die Verhandlung geht weiter.
Lindsey spricht mit den Kindern wie ein Erwachsener
zu Erwachsenen. Das ist ein weiterer Grund, weshalb
die Kinder ihn lieben. Wie lernt man in Amerika, wo
das Kind schon als Mensch, nicht als Spielzeug und
nicht als kleines Tier behandelt wird, über all die Fitze-
277
butzereien lachen, die in Deutschland Unsitte geworden
sind. Was bekommt einem Kind und was will es im
Grunde? Daß man es als ein vernünftiges Wesen aner-
kenne. Einem, der einem Kinde mit vielen geheimtue-
rischen Gebärden ein Märchen erzählen oder aufbinden
will, mißtraut das Kind — fühlt sich beleidigt und wird
im Verkehr mit ihm zum Lügner werden. Der amerika-
nische Lehrer, Richter, ist ein Freund und Kamerad des
Kindes, und oft kommt es vor, daß die Mutter oder der
Vater des Kindes im Gerichtsaal erregt aufspringt und ruft :
„Das ist eine Lüge ! Jetzt lügt er !" unddabei spricht das Kind,
verlaß dich drauf, jetzt sicherlich die Wahrheit. Nicht weil
es in einem Gerichtshof steht und eingeschüchtert ist,
sondern im Gegenteil: weil es an dem Menschen, dem es
gegenübersteht, das Menschliche, die schöne Gerechtigkeit,
das von Gott in die guten Menschen gepflanzte Gebot
der Gleichheit gefühlt hat in seinem Kinderherzen.
Wie viele Kinder an Körper und Seele ruiniert worden
sind dadurch, daß man sie kleiner Verbrechen halber in die
elenden, überfüllten und unsauberen Kreisgefängnisse mit
alten und verhärteten Sträflingen zusammengesperrt hat,
das weiß der Himmel allein. Lindsey hat sich ein unver-
gängliches Verdienst geschaffen durch die Ausrottung
dieser Barbarei, und die Staaten haben es nun fast alle
Colorado nachgemacht. In Golden ist eine Industrie-
schule, und die Kinder, die (in der Regel für acht bis
zwölf Monate) hingeschickt werden, haben es dort
besser als in den üblichen „Reformatories". Ihre Er-
ziehung beginnt zudem schon auf dem Wege nach Golden.
Das Kind wird allein, ohne Begleitung, nach Golden ge-
schickt. Mag es, so kann es unterwegs ausreißen. Von den
Hunderten Kindern aber, die Lindsey nach Golden
schickte, sind nur sechs ausgerissen bisher.
Seit zehn Jahren versieht Benjamin Lindsey sein schwe-
res Amt, das mit vollem Gewicht auf dem zarten,
überbürdeten Mann lastet. Er hat es durchgesetzt, daß
278
er von seiner Macht den Gebrauch machen konnte, den
ihm sein Gewissen vorschrieb. Leicht hat man's ihm wahr-
lich nicht gemacht. Ein Mann, der das Verbrechen nicht
als Verbrechen betrachtet, sondern ihm in seine Ur-o
Sprungsquellen nachfolgt, wird bald eingesehen haben,
daß diese sich in den vornehmen Quartieren der Finanz
und Politik befinden. In seinem Privatbureau zeigt mir
Lindsey eine Karte der Elendsquartiere von Denver. Wie
die Tuberkulose ist in diesen übervölkerten Distrikten das
Laster und das Verbrechen daheim. Die richtigen
Schlupfwinkel, in denen sich diese verborgen haben, sind
aber in den Kneipen der im Dienste der Politiker arbei-
tenden Volks vergift er zu suchen. In den Hinterzimmern
dieser Kneipen tut Alkohol und Dame Syphilis das Ihre,
um Kindesseelen und Herzen zu vergiften. Wenn irgend-
wo, so ist hier im „wilden und wolligen Westen" der
Saloonbesitzer der einflußreiche Helfershelfer des Poli-
tikers, des Grafters. Der Fuselduft riecht der amerika-
nischen Politik übel aus dem Brustton heraus, mit der
(besonders vor den Wahlen) die Ideale verkündet werden.
Die Winkelbordelle dort in den Hinterzimmern sind nur
eine von den kleinen Vergünstigungen, die der einfluß-
reiche Herr in Washington an seinen getreuen Spießgesellen
vergibt, für gut geleistete Dienste. Der Bobby, der Poli-
zist, hält daweil vorne Wacht, damit das Geschäft nicht
beeinträchtigt werde. —
Die überfüllten Quartiere des Elends und der kleinen
und großen Korruption hat nun dieser einzige Mann,
der interessanter ist als alle Berge und Minen Colorados,
mit eingelegter Lanze angerannt. Die Feinde, die Mäch-
tigen des Landes, haben natürlich alles getan, um ihm sein
Handwerk zu legen, ihn zu beseitigen. Nun aber haben
die Frauen in Colorado das Wahlrecht. Und zudem sind
ja die Kinder Amerikas eben — Amerikaner! Von großen
Kämpfen hörte ich in Denver sprechen. Kämpfen, die
damals ausgefochten wurden, als keine der Parteien,
weder die demokratische noch die republikanische, diesen
279
unbequemen Mann, der, wenn es heut einen in der Welt
o gibt, ein Sozialist ist, auf ihre Wahlliste setzen wollte.
Die Frauen und die Kinder hatten aber den Namen
Lindsey auf ihrer Wahlliste stehen, und so wurde Lindsey
gewählt und in sein Amt gesetzt, das er im Namen der
großen Partei der Menschlichkeit getreu verwaltet. Da-
mals als es Ernst war, zogen die Kinder durch die Straßen
Denvers, so habe ich es in Denver erzählen hören. Aus
allen Stadtteilen, den reichen und den armen, den vor-
nehmen und den übervölkerten, kamen kleine Kinder,
Knaben und Mädchen, in Scharen auf die Spielplätze
herausgelaufen und berieten, was zu tun sei. Dann
formten sie sich zu Zügen, zu einer Armee, und diese
Armee . marschierte durch die Straßen der verblüfften
und beängstigten Stadt. Die Armee hielt vor den Fen-
stern der politischen Klubs und schrie sich heiser, um
denen dort hinter den Scheiben zu zeigen, wie sie ge-
sinnt sei. Hinter den Scheiben aber war es ganz still ge-
worden, und keiner von den Männern, die die Geschicke
des Landes verwalteten, traute sich an die Fenster heran,
aus Furcht, er könnte das zornige Antlitz seines eigenen
Kindes dort unten auf der Straße erblicken. Eine Dame, die
ich im Gerichtssaal kennen lernte, erzählte mir von diesem
Kreuzzug der Kinder Colorados. Sie hatten eine kleine
Marschweise, einen kleinen Vers gemacht, den sie mit ihren
Tausenden von hellen Stimmen sangen. Dieser Vers, kunst-
voll und echt wie jener, den die Kinder Nürnbergs dich-
teten, als der Zeppelin an der Tagesordnung war, lautete :
„Who? Where? When?
We wish, we were Men!
So we could vote for our Little Ben!"
Den Leuten hinter den Fenstern blieb darauf weiter
nichts übrig als zu kapitulieren.
Nach Golden geht ein Junge erst, wenn in der Freiheit
mit ihm gar nichts mehr anzufangen ist. Wenn er
keine Eltern hat oder solche, die diesen Namen nicht ver-
280
dienen. Die große Mehrzahl wird aber auf „Probation"
freigelassen und ihre Aufführung in ihren Heimen von
eigens beauftragten- Männern und Frauen (Officers)
überwacht. Viele Frauen übernehmen solche Ämter frei-
willig, alleinstehende verwitwete Frauen, die sich auf
solche Art einen schönen Lebensinhalt schaffen. In
Newyork hörte ich, daß dort in Verbindung mit dem
Kindergerichtshof eine Institution besteht, die Insti-
tution des Big Brother, des „großen Bruders". Freiwillig
melden sich junge Leute, Studenten, Studentinnen, jeder,
jede beaufsichtigt ein einziges Kind, ist sein Freund,
sein Berater, wird auf Jahre hinaus sein täglicher Genosse
und Beschützer.
Jeden Samstagmorgen ist Report-day. Da kommen die
Kinder, die auf Probation freigelassen wurden, vor dem
Richter zusammen und zeigen die Zettel vor, auf denen
die Lehrerin ihr Betragen während der Woche vermerkt
hat. Lindsey hält eine Rede. In dieser Rede kommt
Christus vor und das Übel, dem der Mensch Widerstand
leisten soll. . . .
Dann folgt ein kleines weltliches Frag- und Antwort-
spiel.
„Ich brauche starke Jungen. Wer ist ein starker Junge ?"
„Der zehn Stunden Veloziped fahren kann!"
„Der zwölf Dollar die Woche verdient!"
„He who resists — der widersteht!" „Richtig! Re-
sists — what?"
Aus einer Ecke kommt's: „Stehlen." Aus einer anderen:
„Rauchen." Einer ruft: „Temptation!" Und der hat's
erraten.
Einzeln kommen die Kinder an den Tisch des Richters
heran. Lindsey kennt jeden, erinnert sich genau an seinen
vorwöchigen Zettel. Wer diesmal einen besseren hat,
wird belobt. Er wird mit dem Gesicht nach dem Saal
herumgedreht, und Lindsey verkündet: „Dies hier ist
Mike oder Jack Soundso, ein Muster und Exempel für
euch dahinten, hört ihr's?"
281
Einer hat einen zweifelhaften Bericht mitgebracht.
„Was ist das mit uns beiden, Johnny? Willst du mich
zum Lügner machen? Was denkt deine Lehrerin von
mir? Daß ich ein Mensch bin, dem man allerhand weis-
machen kann, sonst säßest du ja längst in Golden."
Das Kind hat seinen Kopf auf den Tisch gelegt. Nach-
her sind zwei große nasse Flecken auf einem staatlichen
Löschpapier. „Well, be a Square kid. Cheer up. Dont
' make again a liar of me." Und es ist zehn gegen eins zu
wetten, der nächste Report wird sich sehen lassen können.
Und sie defilieren vorbei, die Kleinen, die Kleinsten,
Diebe, Mörder, gefährliche Einbrecher, jeder wird mit
gutem Blick belohnt, mit einem ängstlichen und traurigen
verwirrt und gebessert. Hie und da verschwindet einer
oder der andere der Jungen im Privatbureau dort hinten
und dann geht durch die Reihen das Flüstern: Golden!
Golden ! Aber das steht noch gar nicht so fest. Ein Wort,
ein Blick des Kindes kann diesen Menschenrichter um-
stimmen, und das ist sicher, der einmal durch's Fegfeuer
des Privatbureaus ging, kommt als ein Geläuterter hin-
unter auf den Platz vor dem Gerichtshaus, wo die anderen
Kinder auf ihn warten, in Gespräche über ihren little Ben
vertieft.
DER ANDERE
Bemerkenswerte Aufregung vor der Redaktion der
„Denver Post". Auf der Straße stehen Tausende und
schauen zu einem Brett im ersten Stock hinauf, wo ein
Baseballfeld abgebildet ist. Hinter dem Brett tickt in
der Stube der Telegraph, eine Minute nach dem Wurf
in Philadelphia erscheint ein Glühlichtzeichen auf dem
Brett, den Wurf anzeigend.
Ein Megaphonmann brüllt Worte in die Menge hin-
unter, jedes Wort wird mit einem Tumult von wütendem
Geschrei oder gellenden, entzückten Pfiffen begrüßt.
" Heute spielen die „Giants" und die „Athletics" in Phila-
delphia um die nationale Meisterschaft.
282
Auf einmal, während alles atemlos auf das nächste Glüh-
lichtzeichen wartet, hört die Menge von der 17. Straße
her ein Geschrei von hellen Kinderstimmen herbei-
kommen. Ich gehe zur Ecke und sehe einen fetten lachen-
den Mann inmitten sämtlicher newsies, der Zeitungs-
jungen der Stadt, die Straße entlang ziehen. Das ist der
„König der Zeitungsjungen", Noodles Fagan, der popu-
lärste Komiker Amerikas, er ist auf seiner Gastreise heute
durch Denver durchgekommen.
Am Abend sitze ich und mit mir ganz Denver im Parkett
des Varietes, in dem Noodles auftritt. Sämtliche Zei-
tungsjungen Denvers sind seine Gäste, zwei große Tages-
blätter, die Post und der Daily, haben die Galerieplätze
aufgekauft, und da sitzen oben die „newsies" und rufen nach
Noodles.
Noodles kennt die Sippe und das Gewerbe genau. Eh
er seine jetzige Stelle in der Welt ansehnlich ausfüllte,
war er ei^er der Ihren gewesen. Heute hat er viele Preise
gestiftet, der Kampf um diese Preise ist die Glanznummer
des Programms.
Da stehen sie auf der Bühne, die zwanzig Tüchtigsten
des Standes und korrespondieren durch Zeichen und Pfiffe
mit den Gefährten auf der Galerie. Noodles hat heute
früh auf der Straße eine Rede gehalten, die Abendausgaben
bringen sie unter dem Porträt Noodles, der eine veritable
Krone von Zeitungspapier auf dem Haupt trägt.
„Vor allem", sprach Noodles Fagan, „muß ein Zei-
tungsjunge sich die Hände waschen. Welcher Gentleman
mag eine Zeitung aus einer ungewaschenen Pratze ent-
gegennehmen. Ebenso wichtig ist es, daß die Finger des
Zeitungsjungen keine Spuren von Tabak aufweisen, denn
erstens ist's gegen das Gesetz, zweitens verdirbt es die
Gesundheit, und drittens hat ein ehrlicher Junge sein
ehrlich erworbenes Geld seiner alten Lady daheim mit-
zubringen und es nicht in Zigaretten, Candy, Kaugummi
und ähnlichen Delikatessen anzulegen, die sich heute
nur noch Pierpont Morgan erlauben darf."
283
Noodles ist in ganz Amerika bei den Gassenjungen so
populär wie der beste Baseballspieler, und das will was
heißen.
Auf der Bühne geht der Kampf vor sich. In einer Reihe
stehen sie da, die Erwählten des Zeitungsjungenstandes.
Vorne steht Noodles, er hat eben das Thema des Kampfes
angegeben.
Es soll also ein Eisenbahnunglück passiert sein, und
die Zeitungen bringen soeben die erste Nachricht an die
Öffentlichkeit. Wer diese Nachricht in kürzester und
prägnantester Form, auf die sensationellste Weise ins
Parkett hinunterbrüllt, erhält den Preis, einen Dollar.
Nacheinander brüllen die Jungen. Hinter jedem ein-
zelnen Gebrüll ertönt das Gesamtgebrüll der Galerie
und das Unisono des lachenden Parketts.
„All about the big railway disaster!"
„All 'bout big 'way 'saster!"
„All bout this asterl"
Einer leistet sich die Extra-Sensation und ruft den
Namen des Eisenbahnpräsidenten aus, der angeblich bei
diesem Unglück ums Leben gekommen sein soll. Dieser
wird unter ohrenzerreißendem Gebrüll abgetan.
Ein zerfetztes Kerlchen steckt den Dollar ein für die
Lösung: „Rio Grande!" (Das ist die Bahn.) „'xti deads!"
(kann -zehn und auch -zig heißen).
Allerhand andere Wettbewerbe folgen. Boxerkämpfe,
sehr wichtig für den Fall, daß einer unberechtigt einem
andern, der ältere Rechte hat, seinen Platz an der Ecke
wegnehmen wollte. Ein sehr amüsantes Wettessen von
Soda-Cakes, mit der Aufgabe, sofort nach dem Hinunter-
schlingen des pappigen Zeugs den traditionellen Zeitungs-
jungenpfiff hören zu lassen. Wobei es denen, die in der
ersten Reihe des Parketts sitzen, schlimm ergeht.
Die Zeitungsjungen-Blechkapelle auf der Galerie spielt
alle patriotischen Märsche, die sie kann. Noodles ver-
neigt sich strahlend vor dem Publikum, das immer wieder
nach ihm verlangt. Hinter dem Vorhang gruppieren sich
284
die newsies um ihren König zu einer wohlgelungenen
Apotheose, die begeistert beklatscht wird, als der Vor-
hang in die Höhe geht.
Honest Ben, der Richter, und Noodles Fagan, der Lieb-
ling der Zeitungsjungen, beide sind Freunde der Kinder;
beide helfen ihnen die Last des Lebens tragen; der eine
auf seinen gebrechlichen Schultern, der andere auf seinen
guten, fetten, runden. Beide helfen den Armen ihr Los
tragen, jeder auf seine Weise. Honest Ben und Noodles
Fagan, alle beide sind das große Amerika.
SATYRSPIEL IN KANSAS CITY — UND
ANDERSWO!
In der häßUchen dunkelgrauen Stadt am Zusammen-
fluß des Kansas River und des Missouri baut man an
einer Ausstellung für Kinderwohlfahrt.
Convention Hall dröhnt von Hammerschlägen. Es
wird gebaut, gebosselt, geklebt, genagelt. Eine Hütte
ist schon fertig, da steht sie unter der Kuppel, ein realisti-
sches Heim der tiefsten Armut, der realistische Dünger-
haufen vor der einzigen Tür, die auch das einzige Fenster
dieser Menschenbehausung ist, scheint auf künstlichem
Wege seines Duftes beraubt zu sein. Es soll den Be-
suchern vor die Augen geführt werden, unter welchen Be-
dingungen die armen Kinder ihr Leben fristen. (Für
5 Cent führt die Tram den, der willig ist, diese 5 Cent
zu bezahlen, nach den noch realistischeren Vororten der
Stadt, zu den Schlachthäusern am Missouri, zu den
scheußlichen Quartieren am Delta des Blue River, zu
den verfaulten Holzhäusern, vor deren Türen der schmel-
zende Schnee monatealten Kehricht enthüllt, der dort
geduldig überwintern wird.)
Holzwände werden errichtet, auf denen Photographien
von fensterlosen Zimmern kleben, in denen sieben bis
zwölf Menschen übernachten. Beispiele und Gegen-
285
beispiele von ge$unden und gesundheitszerstörenden Vor-
ratskammern, wenn man diese so nennen darf, für
echte und größtenteils gefälschte Lebensmittel. Pathe-
tische Aufrufe, grell gedruckt: „Es ist ein Verbrechen,
den Menschen die Luft zu stehlen!'^ „Kauft gute Milch!
„Verjage die Fliege, sie ist dein Feind!" „Was ist mit
Marys neuem Kleid los?" — Daneben ein Fetzen von
„echtem Schafwollstoff", der zu neun Zehnteln aus
Baumwolle besteht, von einem armseligen Kinderkittel-
chen aus Worsted, durch das man nach einer Woche
alle fünf Finger durchstecken kann.
Das Eine nimmt einen Wunder, wie die Arbeiter, die
pfeifend und guter Dinge diese verlogenen Papierwände,
mit ihren Photos, Plakaten, Aufrufen und Gegenbeispielen
zusammennageln, nicht mit Fußtritten in all den Kram
hineinfahren, die einzige Kritik liefern, die solchen Wohl-
fahrtsunternehmungen zukömmt ?
Auch über die Vergnügungen der Jugend gibt diese Aus-
stellung Aufschlüsse. Im Kinematographentheater ist der
beliebteste Film:
„Die berühmten Taten der James -Jungen, der
gefurcht etsten Verbrecher Missouris."
Mit der Bemerkung unter dem Plakat:
„Nachdem dieser Film gezeigt worden war, be-
gannen die Knaben auf den Spielplätzen mit
Messern und Revolvern zu erscheinen."
Man erfährt aus der Inschrift unter der Photographie
eines Tanzsaales, daß
„Zehntausend junge Leute von Kansas City wö-
chentlich 5500 Dollar für Tanzen ausgeben."
Darunter das Gegenbeispiel:
„Abendunterhaltung in den Heimen der Young
Mens Christian Association."
Man sieht sich nach irgendwelchen statistischen Tabel-
len, Photos, Aufrufen und Plakaten um, die über das
furchtbare amerikanische Problem der Kinderarbeit
286
I
I
Aufschloß geben könnten. Aber ich glaube« auch in der
fertigen Ausstellung wird darüber wenig zu erfahren sein«
Zum Glück gibt es noch Orte, an denen man was über
dieses nationale Problem, Übel, Unglück erfahren kann^
Menschen, die ihr Leben daran gesetzt haben, diese schau-
rige Schwäre an dem Körper des gesunden Amerika zu
sondieren, auszubrennen, wegzuschneiden. Diese Men-
schen sind nicht unter den „Wohltätern" zu suchen. Sie
sitzen nicht in den protzigen Salons der fünften Avenue
unter den MiUiardärsfrauen, die an den Effekt ihrer
Hüte denken, während eine Spanne unter ihrem Hut
das Mundwerk von sozialen und kirchlichen Fragen über^
läuft, sondern man findet sie in den Kammern der Träumer, o
wohl auch in den Klubs der „Insurgenten", unter den
Sauerteig- Menschen des Großen Kontinents hier und
dort verstreut. —
Die Sozialisten sind die einzigen, die die Einstellung
derKinderarbeit in den Staaten fordern. Die beiden
großen politischen Parteien Amerikas spielen bloß mit
dieser Frageherum. Die Kinder sind ja keine Wähler.
Andrerseits aber sind die Eltern dieser Kinder, deren
Erwerb zur Aufrechthaltung des Hausstandes herhalten
muß, Wähler. Die Partei, die die Eltern der Stütze
der Kinderarbeit beraubte, verlöre Wähler. Die Kinder
gehören keiner politischen Partei — Organisation an,
haben keinen Korruptionsfond, keinen Lobbyisten (d. h.
beruflichen Bestechungsagenten in der Vorhalle, der Lobby
in Washington), daher ist ihre Lage nicht beneidenswert.
In den Anthrazitminen Pensylvaniens arbeiten zwölf-
tausend Kinder, von 7 bis 14 Jahren, neun Stunden lang,
mit einer Mittagspause von 20 Minuten als Breakers.
Ein Breaker sitzt rittlings über einem schrägen Schacht,
durch den von oben die Kohle hinunterläuft; er muß
mit seinem Hammer die großen Stücke klein schlagen;
nach einer Stunde solcher Tätigkeit sind seine Poren,
nach einem Tag ist seine Lunge voll von Kohlenstaub.
287
In den Baumwollspinnereien von Süd-Carolina, den
Seidenwebereien von Georgia, Louisiana, stehen kleine
neunjährige Mädchen von 7 Uhr abends bis 7 Uhr früh
an den Webstühlen. Das elektrische Licht blendet ihre
Augen. Sie müssen auf die blitzenden Schifflein achtgeben,
die den Einschlag durch die Fäden führen. Sie dürfen sich
nicht setzen 12 Stunden lang. Es gibt viele elfjährige
Kinder in den Städten des Südens, die blind mit kleinen
Blechtellern durch die Straßen gehn!
Wovon wäre noch zu berichten ? Von den Bleichereien
^ in Nord-Newyork, wo Knaben bis über die Hüften in
blauen Farbbädern stehn; von den Bürstenfabriken in
• Connecticut, von den Phosphorwerken, in denen der be-
rüchtigte weiße Zündholzkopf fabriziert wird, von den
o Schuhfabriken, in denen Kinder die Tennisschuhe mit Äther
schön weiß färben, von wie vielen anderen Stätten noch ?
Die Arbeit der Kinder wird schlecht bezahlt. Sie re-
präsentiert die niedrigste Stufe der Arbeit, zu der keine
Vorkenntnisse erforderlich sind. Den erwachsenen Leuten,
dem Analphabeten, dem der Landessprache unkundigen
Einwanderer schnappt das Kind sein Brot vor dem Mund
weg. Es gibt Fabrikationszweige, in denen der Fabrikant
ohne die Kinderarbeit nicht mehr auskommen kann.
Der Fabrikant, der die Kinder heute aus seinem Getriebe
entläßt und sie durch höher bezahlte Arbeiter ersetzt,
hält morgen der Konkurrenz nicht mehr stand und ist
übermorgen ruiniert. Das Verbot der Kinderarbeit würde
gleichbedeutend sein mit dem Ruin von so und so vielen
Fabrikanlagen. Spinnereien, Bergwerke und Bläsereien,
die Kinder arbeiten lassen, gehören Leuten, die ihre Ka-
pitalien in den Eisenbahnen investiert halten; wer der
Kinderarbeit zu Leibe geht, sägt an dem Lebensnerv
Amerikas, der Eisenbahn herum; ein Grund mehr, wes-
halb der Kampf gegen die Kinderarbeit so unpopulär ist.
Sechs Staaten haben annehmbare Gesetze, die sich auf
die Kinderarbeit beziehen (hauptsächlich westliche); kein
einziger aber schließt sie völlig aus. Natürlich haben jene
288
/
Staaten, deren Industrie hauptsächlich auf der Kinderarbeit
basiert, dielaxestenMaßregeln gegen sie. Zuweilen verbietet
ein Staat die Kinderarbeit in gewissen Getrieben innerhalb
seiner Grenzen. Das hat z. B. Tennessee einmal versucht.
Was geschah? Die Kinder wurden in Waggonladungen
aus Tennessee nach dem Nachbarstaat Süd-Carolina ver-
frachtet. Die Fabriken in Tennessee konnten zusperren,
die Fabriken in Süd-Carohna zahlten fette Dividenden.
Vor s Jahren kam ein Gesetzentwurf vor den Kongreß,
der bezweckte, mit diesem nationalen Verbrechen end-
lich aufzuräumen, den Produkten der Kinderarbeit den
Markt zu versperren — eine Untersuchung wurde ein-
geleitet, diedie weiteren Verhandlungen ad calendasGraecas
hinausgeschoben hat, und der siegreiche Lobbyist steht wie
immer zwischen dem Volksgewissen und der Exekutive.
Kansas City ist die größte Stadt zwischen Chicago, der
Grenze des Ostens und dem freien, unermeßlichen
und schütter bevölkerten Westen der Staaten. Sie hegt
da zwischen der Prärie und der Zivilisation. Alles was
der einen entfliehen will und der anderen zustrebt,
kommt hier durch. Wie in ein tiefes Loch fallen die
Tramp?, von beiden Seiten her kommend, in diese Sradt
hinein — aus der „vierten", der Gratisklasse {unter dem
Waggonboden). Sie ziehen in dieser Stadt ein, angetan
mit allem, was sie auf dieser Weh ihr eigen nennen —
19 289
\
einem zerlumpten Gewand und dem guten blanken Sechs-
läufer in der hinteren Hosentasche.
Im Haus zur „Hilfreichen Hand'' predigt ein wohl-
meinender Herr vor einer schläfrigen und apathischen
Schar von elenden Vagabunden, die ergeben und gierig
auf die Suppe wartet. Immerhin muß sie noch, eh' die
Suppe serviert wird, ein Psalmenquartett hinunter-
schlingen, das vier überzählige alte Wohlfahrtsjungfern
der guten Gesellschaft von der Estrade herab über die
verpestete Atmosphäre ausgießen. Hinweg zum Mississippi !
290
CHICAGO
I
CHICAGO: EINE IMPRESSION
Was Teufel ist mir widerfahren, hab ich was Vergiftetes
gegessen ? Hab ich das fliegende Fieber ? Oder ist
es bloß, weil ich den Mississippi von Westen nach Osten
durchquert habe? Nichts von alledem. Ich bin einfach
in Chicago angelangt, der schrecklichsten Stadt des Erd-
balls.
Ich will es nicht versuchen, ein Bild dieser Stadt zu
geben, ebensowenig eine Topographie des Unbehagens,
das sie auslöst. Nur ein paar Geräusche, Gerüche, Ge-
sichte, ein bißchen Schweiß und Rauch und Rastlosigkeit
aus ihrer Atmosphäre soll als tintenfarbiger Niederschlag
aufs Papier kommen.
Einstweilen treibt mir diese nach der wilden Zwiebel
checagua benannte Stadt — sie wuchs in Mengen, wo
jetzt die weltberühmten Warenhäuser, die weltberühmten
Schlachtbänke, die weltberühmte Getreidebörse und die
weltberühmten Bordellstraßen stehn — die Tränen in
die Augen. Um neun Uhr früh werde ich, wie ich auf die
Straße trete, in einen Wirbelsturm von Menschen hin-
eingetrieben, daß mir Hören und Sehen vergeht. Die
zappelnden Bewegungen, die die Menschen in Kine-
matographenaufnahmen bekommen, das Dahinfegen der
Filmautomobile sehe ich hier in Natur übertragen. Mein
Baedeker ist sieben Jahre alt und für die Katze. Auch ist,
wie ich sehe, die ganze Stadt umnumeriert. Ich lasse
mich vorwärts und in die Drehtüre eines Papierladens
hineinwirbeln, wo ich den Clerk, einen blassen, am frühen
Morgen schon todmüden jungen Menschen nach einem
Wegweiser Chicagos, aus dem man die Sehenswürdig-
keiten der Stadt kennen lernen könnte, frage.
„Hier gibt's keine Sehenswürdigkeiten," sagt der müde
Clerk, „hier gibt's nur business."
Wirklich, über der Stadt liegt ein dumpfer, sakkadierter
Lärm, ein unter- oder oberirdisches Rollen, ein Puls-
schlag, der sich wie ein nie aufhörendes Teppichklopfen
293
I
anhört. Durch das eine Nasenloch kommt Kohlenstaub
herein, durchs andere der Duft von kochendem Leim.
Diese Pasta legt sich um die Hirnhaut und siehe, das
Chicagoer Gewissen ist entstanden.
Wie die Leute hier ihren Geschäften nachjagen, das
sieht einem ewigen Reißausnehmen vor sich selber ver-
zweifelt ähnlich. In Van-Buren-Street laufen zwei Nonnen
an mir vorbei. Geld sammelnd laufen sie türaus, türein.
Ihre Gesichter tief in den erdfarbenen Hauben, ihre Ge-
sichter, auf denen der Friede doch wohnen sollte, sind
gespannt und verzerrt von der Geldjagd durch die
Straßen.
Indes, ich werde mich hüten, in den Fehler zu ver-
fallen, daß ich den Amerikanismus mit diesem Chicagoer
Tempo verwechsle, das aus Atemnot und Gewissens-
krämpfen zusammengebraut zu sein scheint.
Soviel ich weiß, ist diese Stadt, diese rapide Stadt, „the
windy town", diese windige Stadt viel mehr eine Karikatur
Amerikas. In ihr, die, kaum siebzig Jahre alt, heute die
zweitgrößte Stadt des Kontinents ist, leben mehr Deutsche
als in Hamburg, mehr Schweden als in Stockholm, mehr
Juden als in Palästina; eben macht sie eine Entwicklung
durch, die sie zum Schrecken und Staunen der Union
werden läßt. Ganz Amerika blickt terrorisiert auf diese
Stadt hin, die laut genug ihre Drohung ins Land hinaus-
schreit: wartet nur, in ein paar Jahren bin ich die erste
hier herüben, in ein paar mehr die erste der Welt. Nach
drei Dimensionen schießt sie sichtbar in die Halme, ihre
Grenzen habe ich trotz halbe Tage langen Fahrten in
schnurgeraden Trambahnlinien nicht berührt. Wie die
neuesten ihrer Wolkenkratzer steigt der Reichtum ihrer
Einzelnen schwindelig hoch und rasch in die Höhe; wie
ihre von kahlen, mit Kehricht vollgekarrten Feldern unter-
brochenen endlosen Vorstädte aus Holz und Kot, ver-
breitet sich das Elend und die Armut ihrer Vielen er-
o schrecklich weit und breit. Das bedeutet sinnlosen Glanz
und irrsinniges Machtbewußtsein in Wohn- und Direk-
294
tionspalästen und das bedeutet von der Verzweiflung ge-
schwärzte Seelen in Fabriken und Massenquartieren. Das o
bedeutet ein Auf und Ab, eine Überreizung, ewiges Um-
und Umnumerieren von Häusern und Menschen, es be-
deutet einen Rundtanz von Habsucht, Verschwendungs-
sucht, Selbstberäucherung, Zerknirschung, Verbrechen,
Mitleid, Betrug, Psalmengesang, Totschlag, Astheten-
dünkel und Menschenschande. — Aber auf dem Grabe der
vier Blutzeugen in Waldheim- Cemetery liegen frische
Blumen! —
Hoffentlich geht's hier nicht alleweile zu, wie in diesen
ersten Novemberwochen 191 1, die ich in Chicago ver-
bringe. Geht's hier jahraus jahrein im selben Tempo weiter,
so steh ich nicht an, zu erklären: Chicago ist die Hölle, o
In der besten Gegend der Stadt weckt mich am Mor-
gen nach meiner Ankunft, es ist noch früh, kaum fünf,
eine Detonation. Ich springe zum Fenster, schau in den
Hotelhof hinaus, ob keiner auf das Glasdach hinunter-
gesprungen ist? Zwei Tage später weckt mich dieselbe
Detonation; ich bleibe aber im Bette liegen, ich weiß ja,
es ist kein Selbstmord, keine Wiederholung des glorreichen
Haymarket- Attentates, sondern es hat da in der Nach-
barschaft wieder einer seinen Morgengruß, eine kleine
Bombe, vor dem Tor eines Geschäftskonkurrenten nieder-
gelegt.
Am ersten Frosttag zählen die Zeitungen 7 mörderische
Überfälle, 3 Notzuchtsversuche im Weichbild der Stadt.
Die Zeitungen sind voll von Giftmorden, unaufgeklärten
plötzlichen Todesfällen einflußreicher Leute, Schieße-
reien in den belebtesten Straßen um die Mittagsstunde.
(Chicago hat den Ruf, daß man in ihr, während in anderen
Städten Amerikas ein Mörder erst von 200 Dollar auf- ^
wärts zu haben ist, einen Mörder schon für 8 Dollar
haben kann.)
Im Gerichtshof findet das Geplänkel des Staatsanwalts
mit den Magnaten des Fleischtrusts statt; sie haben ver-
29s
sucht, das Sherman-Gesetz zu übertreten, einen kleinen
Corner in Fleisch herbeizuführen, dem konsumierenden
Publikum ein wenig die Kehle zuzuschnüren. Der Ge-
richtshof ist voll von jungen Juristen, von allen Seiten
sind sie herbeigeströmt, um zu lernen, wie der be-
rühmte Anwalt der großen Fleischschlächter mit der An-
klage umspringt. Zwischen zwei Buchstaben des Ge-
setzes tut sich ein winziges Loch auf, durch das die
ganze Anklagebank ins Freie schlüpft. Es soll schon
jetzt alles getan werden, um die Anklage hinfällig zu
machen. (Kommt die Sache erst nach allen Instanzen
6 vor das höchste Schiedsgericht in Washington, so siegen
ja die Magnaten doch.)
Um Armour Square herum haben einige Raids auf die
beteiligten Institute des Bordell-Trusts stattgefunden.
Ein paar Straßen weiter im Osten hat man versucht, Jim
O'Learys, des Spielerkönigs, bombenfeste und mit Stahl-
panzertüren gebaute Spielhölle aufzuheben. Alle drei
Trusts, der Fleisch-, der Bordell- und der Spielertrust
haben, scheint es, diesen wohlgemeinten Reformversuchen
standgehalten. Die Zeitungen nehmen kein Blatt vor den
Mund, ausführlich berichten sie über die Stadt- und Kon-
greßpolitiker, die im Dienst des Fleischtrusts, über die
Polizei, die im Dienst des Bordelltrusts steht, und über
die Wachtstuben, die ruhig weiter Jims Odds auf ihren
schwarzen Tafeln stehn haben. (Wird's im Januar zwei
Tage mit einer Temperatur unter null Grad Fahrenheit
geben oder nicht? 5 zu l.) Wie in fast allen großen
Städten rennt soeben ein neuer Bürgermeister mit ein-
gelegter Lanze gegen die Korruption in allen Gebieten
des kommunalen Lebens vor. Mir schwirren noch die
legendären Hinky-Dink, Bathhouse John und ähnliche
Stadtverordneten- und Polizisten-Spitznamen in den Ohren.
Zum erstenmal auf meiner ganzen Reise stecke ich all-
abendlich den Revolver in die hintere Tasche — wie
leicht könnte man in einer der stockfinsteren, zu Dieb-
stählen und Totschlag vorbereiteten Gäßchen dieser
296
Stadt an einer Ecke um einen Saloon plötzlich einem
Polizisten oder Stadtverordneten in eigener Person gegen-
überstehn ?
Oben auf der Galerie der Getreidebörse im Board of
Trade-Building sitzt neben mir ein alter Herr mit
weißem Knebelbart. Er hat seine braune gelbbehaarte
Hand ausgestreckt und erklärt mir die Sehenswürdig-
keiten dort unten. Nennt die Namen der heulenden
Derwische, die um die „Grube" herumstehn, die be-
rüchtigte Grube, „the pit", in die das goldene Korn der
Welt hineinstürzt und aus der imaginäre Papierwerte zu-
rückflattern auf den betrogenen Erdball.
Es gibt noch drei andere Gruben in diesem Saal, die
Maisgrube, die Hafergrube und die Speckgrube. Das
wildeste Geheul und verzweifeltste Gedränge ist aber um
die Weizengrube.
Auf einer hohen Kommandobrücke zwischen den Gruben
der Weizen- und der Maismakler stehen die Inspektoren
vor langen Papierbogen, Logbüchern der Börse. Zu ihnen
schießen über dünne Stahldrähte blinkende Metall-
kapseln herüber von den hundert Telegraphenschaltern
am Ende des Saales. Ein fortwährendes Knacken tönt
von den Tafeln, die die Namen der Erntedistrikte Ame-
rikas aufgeschrieben tragen, ins Stimmengetöse herüber.
Auf der anderen Seite des Saales rieseln aus Hunderten
von Papiersäckchen die Weizenproben in die Holzschalen
nieder.
Der alte Herr neben mir besitzt viertausend Acker
Land in Nebraska und ist auf der Durchreise nach dem
Osten, wo seine Kinder studieren. Er ist mit seinem Jahr
zufrieden, die Hyänen der „Grube" haben weder ihn noch
seine Kinder zerfleischt. Ein spitzmausähnlicher kleiner
Jude steht auf der untersten Stufe der Grube und blickt
blinzelnd in die brüllenden Rachen um ihn hinein. Dies
ist derselbe Mann, der vor zwei Wochen eine „Opera-
tion" in Weizen versucht hat und elend gescheitert ist.
297
Man hat ihn rechtzeitig „gestützt", d. h. drei Millionen
.Busheis liegen jetzt für seine Rechnung in den Eleva-
toren von Chicago, Madison und St. Louis, die er klein-
weise und mit ungeheurem Verlust an die Müller zu ver-
kaufen versucht.
Gefilde von Gretna, stille abendliche Spazierwege
Altonas oben in Manitoba! Die blitzenden Metall-
kapseln schießen hin und wieder, verknüpfen die Geschicke
der Menschen, Menschen, die einander nicht kennen,
fremde Geschicke . . .
Ein Wutschrei steigt aus dem heulenden Zwinger, aus
den drei hinunterführenden Stufen des vollgespuckten
Schwimmbassins empor. Hunderte von Händen recken
sich wie zum Schwur. Aus allen Ecken des Saales
laufen Menschen, Arme und Beine wie im Veitstanz
schlenkernd, an die Grube heran. Von der Kommando-
brücke beugt der Inspektor ein Ohr hinunter. Dann
schreibt er eine Ziffer auf den Bogen. Ein Blitz schießt
von der Kommandobrücke zu den Telegraphenschaltern
zurück. Hunderttausend Ticker ticken in der ganzen
Welt eine und dieselbe Zahl, auf hunderttausend Köpfen
sträuben sich die Haare, in hunderttausend Betten wer-
den sich heut nacht schlaflose, erschöpfte Menschen wälzen
bis zum Tagesgrauen.
Mein Nachbar nimmt lächelnd Abschied. Seine haarige
Hand geht kaum in meine hinein, wie wir uns mit einem
guten Händeschütteln voneinander trennen.
Unten um die Grube dauert das Gebrüll, das Gesti-
kulieren, der Hexensabbat fort. Aus den Schwurhänden
sind geballte Fäuste geworden. Jede scheint die nächste
ö zu bedrohen. Gute, warme Faust des Ackerbauers, herr-
hche, breite, ruhige Faust schwielig wie die Rinde der
Erde! —
Im Schatten des Korridors, der zur Treppe führt, sitzt
eine schwarze, hochgewachsene Frau auf einer Bank.
Unter ihrem breitkrämpigen Hut ist der Schleier vom Ge-
sicht zurückgeschlagen. Ihr Gesicht ist blaß und hat
298
schöne, große und einfache Züge. Sie kann nicht älter
sein als Fünfunddreißig. Sie sieht vor sich hin, keinen
der Vorübergehenden an. Sie tragt einen schweren
schwarzen Pelz. Ihre Hände in schwarzen Handschuhen
, ruhen auf ihrem Schoß. Sie halten einen kleinen Bleistift
und ein zerknülltes Stück Papier. Wenn das Geheul bis
an ihre dunkle Ecke aus dem Saal herüberdringt, schreibt
die Frau mechanisch, ohne niederzublicken, ein Zeichen,
eine Ziffer, auf das Papier. Was schreibt sie auf? Worauf
horcht sie?
Wie mich zwei Wochen später mein Weg um die Mit- <
tagsstunde wieder an der Börse vorüberführt und ich für
einige Augenblicke auf die Galerie hinauflaufe, sehe ich
die Frau auf dem gleichen Platz sitzen. Bleich starrt sie
ins Leere vor sich. Ihre Hände, die leblos scheinen,
halten den Bleistift, das Stückchen Papier . . .
Unten aber, vor dem Haus, sieht's aus wie auf dem
Markusplatz in Venedig. Tausende von weißen Tauben
flattern um den rauchgeschwärzten Kasten. Die ver-
streuten Körner aus den Mustersäckchen bleiben nicht
lang auf dem Pflaster liegen. Mancher heulende Derwisch,
der seinem Mitmenschen das letzte Weizenkörnchen am
liebsten vom Munde wegreißen möchte, steckt eine Hand-
voll in die Tasche, eh' er die „Grube" verläßt. Die weiß-
beschwingten Kinder der Atmosphäre statten ihm ihren
Dank dafür auf ihre Weise auf Hut und Paletot ab.
In dieser flüchtigen Skizze soll ein weniges über den
heiligen Sonntag gesagt werden, an dem die tollwütige,
fiebernde Stadt von der Arbeit auszuruhen vorgibt. Von
einer Sonntagsruhe nach europäischen Begriffen ist hier
keine Rede, obzwar man weniger Leute auf den Straßen
sieht als in europäischen Großstädten. Es heißt viel-
mehr, sich vom Samstag zum Montag hinüber zu schwin-
gen, ohne das Tempo und Gleichgewicht auf der Kurve
zu verlieren, sich nicht überrunden zu lassen von denen,
die ihre Anfangsgeschwindigkeit nicht von neuem sich
299
holen müssen, sondern bereits im vollen Tempo ein-
fahren.
Ein Tag von 24 Stunden ist, zumal in Amerika, eine
Menge Zeit. Man wird nicht 70 und darüber, sondern 40
und darunter, und es sind Kriegs jähre, das weiß Gott.
Da das Gesetz das Geschäftemachen mit den Menschen
am Sonntag verbietet, macht der Amerikaner mit seinem
Gewissen Geschäfte am Sonntag, revidiert seinen Kontrakt
mit dem lieben Gott, dieser Kontrakt muß mindestens
sieben Tage lang bindend bleiben für beide Teile. —
Der liebe Gott hat am Sonntag in Chicago alle fünf
Schritte weit ein andres Gesicht und einen andern Namen.
An der eleganten Michigan-Avenue, die, als der „Corso"
Chicagos, als eine Wolkenkratzerreihe das Seeufer ent-
lang aufgepflanzt steht, kann man an einem Sonntag-
morgen fünfundsiebzig Weltanschauungen dahinlaufen
sehn. Jede läuft in ein separates Tor hinein, hinter dem
ein Saal mit Hunderten von Stühlen steht. Um zehn ist
jeder dieser Säle zum Platzen voll. In jedem wird ein
Gottes- oder Gewissens- oder Hirngespinstes-Dienst ab-
gehalten, der mit Gesang und Bibelzitaten anfängt und mit
dem Klingelbeutel aufhört. Was dazwischen liegt, ist das
außerordentlichste Sammelsurium von Schriftauslegungen,
Darstellungen sozialer, ethischer Nöte, religiöser Wahn-
ideen, indischer Mystik, mehr oder weniger verhüllter
Geschäftstricks und Gewissenquacksalbereien, die die Welt
an einem Sonntagmorgen im November mitgemacht,
erduldet und angesehen hat. Über die Kirche in Amerika
schreibe ich später ein Kapitel, hier will ich über die
letzten Zuckungen einer der stärksten reUgiösen Be-
wegungen, die Amerika je erlebt, kurzen Bericht geben.
Der Prophet Elijah, Elijah der Wiedererbauer des
Neuen Zions, ist tot. Im Leben führte er den Namen
John Alexander Dowie und war eins der größten Ge-
schäftsgenies des neuen Amerikas. Zwei Stunden nörd-
lich von Chicago liegt Zion City, die Stadt, die berufen
war, das Neue Zion zu werden. Das Neue Zion mit dem
300
heiligen Tabernakel des Glaubens im Mittelpunkt der
Stadt und einem kolossalen Verwaltungsgebäude dahinter,
zur Ausbeutung der menschlichen Dummheit errichtet
und Zentrale der in Dollar umgerechneten Leichtgläubig-
keit des Menschengeschlechtes.
Das Tabernakel und das Haus dahinter, keines ist je
gebaut worden, von Zion City ist nur der Name übrig ge-
blieben und eine gutgehende Spitzenfabrik, Dowies ein-
zige erfolgreiche Gründung.
In Chicago findet in einer gemieteten Kirche ein letzter
verzweifelter Versuch zur Sammlung des Häufleins der
Zionsgetreuen statt. Der „Aufseher der Christkatholi-
schen Kirche von Zion über die Welt" hat sich soeben
nach seiner Rede niedergesetzt, da steht einer von den
Getreuen auf und verlangt Rechenschaft über das nicht
gehaltene Versprechen des Propheten, in kurzem im Flei-
sche aufzuerstehn und unter den Seinen zu wandeln.
Fünf Jahre sind vergangen und er wandelt immer noch
nicht. Der Frager hat eine Nacht sitzend auf dem Grabe
des Propheten zugebracht und sein Ohr auf den Stein
gelegt. Kein Laut. Nichts.
Der ,, Aufseher" erhebt sich und verkündet, das Ver-
sprechen sei so zu verstehen: mit Christus zugleich wollte
der Prophet in seiner Stadt Zion erscheinen. Seit aber,
mit der Verweltlichung Zions, Asphalt über die Erde
Shiloahs gelegt worden ist, ist die letzte Hoffnung ge-
schwunden. Nie würden sich Christs durchbohrte Füße
an den Asphalt der neuen Zeit gewöhnen. . . .
Am nächsten Sonntag, 26. November, liegt das Neue Zion
bereits im Sterben. Die Witwe des Propheten, Mrs. Jane
Dowie, eine kleine frisierte, wie eine Haushälterin oder
Kartenlegerin aussehende Frau, predigt in einem küm-
merlichen gemieteten Zimmerchen im Loop- Viertel. Vor
anderthalb Dutzenden reduziert aussehender alter Weiber
und Männerchen, die fröstelnd und zittrig die Psalmen
mitsingen, womit die Sache angeht.
Dann redet die Witwe. Sie hat den Talar ihres Gatten
301
an, denselben, in dem der Prophet vor sieben Jahren in
Madison Square Gardens, Newyork, vor 30000 Menschen
geredet hat. Ihre Rede ist nicht Ja Ja und Nein Nein,
sondern ein Geschwätz aus Bibelbrocken, Reminiszenzen
an ihren Mann, den sie abwechselnd: „der Prophet"
und „my husband" nennt, und einem unverblümten Ge-
schimpfe auf die erfolgreichere Witwe, deren Bude
nebenan auf dem Jahrmarkt der Eitelkeiten einen stärkeren
Zulauf hat. — Diese Witwe ist Mrs. Baker Eddie, die
Schöpferin des Gesundbeter-Glaubens, der Christian
Science.
„Meine Seele ist in Nöten, aber Christus nimmt sie von
mir. Nicht um die Welt würde ich mit jenen tauschen,
die aus Lug und Trug geschaffen sind und sich bereichern
durch Irreführung. Ich weiß, ich darf meinem Gott
vertrauen, aber dieser Saal kostet zehn Dollar, und wenn-
Sie einen billigeren wissen, so sagen Sie mir die Adresse.
Wir werden jetzt um Kraft und Stärke beten, dann kommt
die kleine Kollekte, erinnern Sie sich, daß der Saal zehn
Dollar kostet, und ich arme schwache Frau kann doch
wirklich nicht draufzahlen."
Während des Schlußpsalms schlägt die Witwe des Pro-
pheten mit der rechten Hand den Takt, derweil zählt die
o Linke das Geld im Körbchen, das der Küster des „Neuen
Zions" auf den Altartisch neben sie hingestellt hat. —
In dunklen Scharen, aufgeregt und hysterisch, strömen
die Americanos aus ihren 75 Kirchen die Michigan-
Avenue entlang. In ihre Heime werden sie die Beängsti-
gungen über die Trostlosigkeit ihres ins Nichts hinein-
galoppierenden Speed mitnehmen. Mühe verursacht es
ihnen, nicht über die Arbeitslosen zu stolpern, die alle
zehn Schritte weit auf dieser elegantesten Avenue der
Stadt herumlungern und betteln. Elend und hohläugig
stehen sie da und betteln, in Mengen, denen man nur im
gesegneten Italien, dem Land der blaugoldenen Sonne
und der göttlichen Faulheit, zu begegnen gewohnt ist.
302
DIE KATZE IN DER KLAVIERFABRIK
Der Besuch der Schlachthäuser in Chicago ist einiger-
maßen in Verruf geraten bei den Schriftstellern, die
nach Amerika reisen. Der ausgezeichnete Wells lehnte
es ab, zuzusehen, wie unschuldige Tiere in Scharen zu-
sammengetrieben und die Wehrlosen dann zum Tode
befördert werden. Andre Geister geringeren Kalibers
haben dann Wells Exempel nachgeahmt. Ich vermute,
Grund dieses Zurückhaltens ist weniger das Mitleid mit
den Tieren als die außerordentUche und endgültige
Schilderung, die Upton Sinclair in seinem Meisterroman
o„The Jungle" von den „Packinghouses" entworfen hat.
Ich sehe nicht ein, warum man um lo Uhr früh nicht
zusehen soll, wie die Rinder und Schweine gestochen
werden, die man in Form von Filets und Karbonadeln
sich um halb zwei zum Lunch servieren lassen wird.
Wichtiger als das Schicksal der Tiere, die abgestochen
werden, scheint mir das Schicksal der Menschen zu sein,
die sie abstechen. Daraufhin habe ich mir Armours
Schlachthäuser angesehen.
Ich traf Sinclair einen Monat später in Newyork und
sprach mit ihm über sein Buch. „The Jungle", ein Werk,
das man nicht laut genug preisen und über die Flut der
zeitgenössischen Produktion in die Höhe halten kann, ist
das Werk eines Sozialisten. Er hat die Mißstände dieses
die ganze Welt angehenden Getriebes aufgedeckt, sie
der Welt zu bedenken gegeben. Ihm war's mehr darum
zu tun, die Welt über die erbarmungswürdigen Zustände
aufzuklären, in denen die Arbeiter der Schlächtereien
leben, die wirtschaftlichen Zusammenhänge zu erklären,
die diese Menschen ruinieren — als von dem Fleisch zu
reden, das hier unter den unzulänglichsten hygienischen
Bedingungen für den Konsum verarbeitet wird. Allein,
wie Sinclair von der Wirkung seines Buches auf das ameri-
kanische Publikum sagt: „I wanted to hit them in the
^ heart, I hitted them in the stomach !" Er wollte sie in die
303
Herzgrube treffen, aber er hat ihnen auf den Magen ge-
schlagen. Jetzt thront in dem dunklen, schimmligen, übel-
riechenden Korridor, wo die armen bleichen Mädchen
von 7 Uhr früh bis 7 Uhr abends die Fleischscheiben in
Blechdosen packen, eine Maniküre, weithin sichtbar
für die Besucher, die an ihr vorübergetrieben werden. Als
ein Zeichen dafür, daß die Fleischscheiben von täglich ge-
putzten Fingern in die Büchsen gestopft werden, thront
sie da im Korridor. Ihre polierten Nägel glänzen im
Schein der Glühbirnen. Sie sitzt, ein bis in den Tod ge-
langweiltes Schauobjekt, mitten in dem Gestank da und
liest, während die anderen um sie fieberhaft arbeiten, einen
abgegriffenen Roman. Wahrscheinlich „the Jungle".
Sonst ist aber alles beim alten geblieben. Rings um die
kolossalen Festungen der Schlachthäuser erstrecken sich
Quadratmeilen weit die offenen Holzställe, in denen
Rinder, Schafe und Schweine auf ihre Apotheose warten.
Zuweilen öffnet sich ein Tor, die Tiere strömen heraus,
werden durch Schleusen und Verschlage, die sich vor ihnen
auf tun, durch ein Labyrinth von Pfaden und Winkelstraßen
zu einem gedeckten Gang getrieben, auf eine Seufzerbrücke
hinauf, an deren Ende das blökende, quietschende muh-
muhende Gewimmel gradenwegs in seinen messerscharfen
Tod hineinfällt.
Da ist die runde Riesenscheibe aus Holz, auf der sich,
an den Hinterfüßen aufgehängt, die strampelnden
Schweine drehen. Vor der Scheibe steht ein kleiner vier-
schrötiger Kerl mit einer spitzen Stahllanze. Dreht die
Scheibe einen Schweinebauch in die geeignete Höhe, so
macht der Kerl in das Schwein den ersten kurzen Schnitt,
von oben nach unten. Das strampelnde Opfer merkt erst
jetzt, worum es sich eigentlich handelt, stößt ein Angst-
gequieke aus wie ein gebranntes Kind, spritzt dem Kerl
einen dünnen, heißen, roten Strahl ins Gesicht, über den
Leib und die Mörderhände und ist vermittels einer
Kette schon zum nächsten Schlächter weiterbefördert,
der einen ebenso kurzen, eleganten und systematischen
304
Schnitt an ihm vollführt. Hundert Schritte weiter ist
das Tier bereits nach allen Regeln der Kunst abgebrüht,
enthaart, in seine Bestandteile zerlegt, in die Kühl-
räume gebracht, die Spur seiner Erdentage ist ausgelöscht
und sein Beruf als Menschennahrung hat feste Form an-
genommen.
Die Scheibe dreht sich und der Vierschrötige macht
seinen ersten Schnitt. Seit dreißig Jahren steht er da
und macht seinen ersten Schnitt sicher und selbstbewußt,
wie ein Bankdirektor seine Unterschrift unter ein Schrift-
stück setzt. Er verdient viel Geld, 60 Cent die Stunde,
und ist eine repräsentative Figur des heutigen Amerikas,
so gut wie Dowie, Rockefeller und Roosevelt. Er hat drei-
ßig Jahre lang das Tempo ausgehalten — 25 Tiere in der
Minute, das macht 1500 in der Stunde, gleich 15000 für
den zehnstündigen Arbeitstag. Dreißig Jahre lange ist er
im Speed Amerikas auf seinem Posten geblieben, Schweine- o
millionen hat sein Lanzenritz dorthin spediert, wo der
Fleischfreßtrieb der Menschen sie hin haben wollte. Ver-
achte ich diesen Mann wegen seines Gewerbes, seines
gleichmütigen, unbewußt rohen Naturells, der inmitten
von Todeszuckungen, dünnen roten Strahlen und Angst-
gequietsch seinen und seiner Familie Unterhalt erwirbt?
Keine Spur! Ich bewundere ihn um seiner Kraft und seines
Tempos willen.
Mag er immerhin ein Unmensch, ein Untier, ein
Unding, eine Boschsche Höllenausgeburt sein — ein Maß-
stab und Messer der Menschenkraft, ein Rekordbestimmer
der Tüchtigkeit, auf die's in seinem Beruf ankommt, ist
er, ist er!
Ein Feind, nicht der Schweine, sondern seiner Mit-
menschen, dazu. Das ist dieser Boschsche Höllen-
kerl. Seine Tüchtigkeit ist es, die ihn zum Feinde seiner
Mitmenschen macht, diesen da, der den Speed aushält.
Es ist ja ein Gesetz von Anfang her, der Tüchtige ist der
Feind des minder Tüchtigen. Aber in diesem Land, das
20
305
aus der Tüchtigkeit eine Religion gemacht hat, eine Re-
ligion, deren Tempel gleich neben dem der Demokratie
sich erhebt und — nicht nur in den Geschäftsstunden —
stärkeren Zulauf hat, im heutigen Amerika hat dies Gesetz
einen kleinen Zusatz, eine Ergänzung erfahren, und zwar
diese: Der Tüchtigste ist zugleich auch der
Feind des Tüchtigsten. —
Ein Mann namens Frederik Taylor war jahrelang als
Ingenieur in den Bethlehem- Stahlwerken, die dem Car-
negie-Trust gehören, tätig. Auf dem Weg von der Gie-
ßerei ins Bureau und zurück blieb er zuweilen auf dem
Hof stehen und sah zu, wie die Roheisenklumpen, die sich
dort im Freien sonnten, von Leuten auf Karren verladen
wurden.
Ein kleiner Deutscher, den er in seinem Buch („Scien-
tific Management" hy F. Taylor, ich glaube bei Macmillan
erschienen) schonungsvoll Schmidt nennt, lenkte durch
sein Gebaren Taylors Aufmerksamkeit auf sich. Dieser
kleine Deutsche war ein kräftiger Bursche, der es zuwege
brachte, täglich etwa 12^/^ Tonnen „Pig-Iron" auf die
Karren zu laden. Für einen Taglohn von 1:15 Dollar
leistete er diese Arbeit. Taylor sah dem Burschen zu und
erkundigte sich beim Aufseher nach dem Privatleben des
kleinen Deutschen. Schmidt war Familienvater, hatte
sich von seinem Lohn ein Stückchen Land vor der Stadt
erworben, auf dem er täglich eine Stunde, eh' er in die
Werke kam, eine Stunde, nachdem er abends heimkehrte,
mit eigenen Händen ein Häuschen baute, für sich und die
Seinen, um darin zu wohnen.
Dieser Schmidt ist ein Dieb! sagte sich Taylor. Die
zwei Stunden Arbeit, die er an seinem Häuschen tut, be-
weisen, daß er zwei Stunden Kraft den Bethlehem-
Stahlwerken entwendet, die ihm diese Kraft doch für
1:15 Dollar pro Tag abgekauft haben, das ist klar.
Taylor ließ Schmidt kommen und frug ihn, ob er nicht
gern i : 85 Dollar verdienen möchte ? Schmidt bejahte
diese sonderbare Frage, konnte sich aber nicht enthalten,
306
Taylor nach den Bedingungen zu fragen, die als Gegen-
leistung von ihm verlangt würden? Taylor rief hierauf
einen Aufseher und ging mit dem Aufseher und Schmidt
in den Hof zu den Eisenklumpen hinaus, wo er den beiden
ein paar Körperbewegungen vorzumachen begann.
Schmidt ahmte auf Wunsch Taylors diese Körper-
bewegungen nach, arbeitete im Tempo, das ihm Taylor
mit: Eine — zweie — dreie bestimmte, setzte sich zur
Ruhe hin, wenn Taylor „Rührt Euch" kommandierte, . . .
Schmidt fing an i : 8 5 Dollar pro Tag zu verdienen und da-
für 47^/2 schriftlich : siebenundvierzig und eine halbe Tonne
pro Tag zu verladen, (gegen 12^/2, die er bis zu diesem
Tag bewältigt hatte), . . . Schmidt verdiente füt seine
vervierfachte Leistung anderthalbmal so viel wie
früher. Sein Häuschen weiterbauen, das konnte er natür-
lich nicht mehr, dazu war er am Abend zu müde, am
Morgen zu schlaftrunken. Das System Taylor aber war
geboren, das System der „wissenschaftlichen Ausnutzung
der menschlichen Kraft im Dienste der Fabrikarbeit",
das System des „Speeding-up", der Aufpulverung, wie ich
es nennen möchte, das System der Anspannung und des
Verbrauches der menschlichen Energie bis an die äußerste
Grenze der natürlichen Bedingungen. —
Andre haben dieses System auf andre Gewerbe ange-
wandt, Gilbreth z. B. auf das Maurergewerbe. Der
amerikanische Maurer hebt den Ziegelstein nicht mehr
mit beiden Händen, sondern mit der rechten Hand, der-
weil führt die linke den Spachtel in die Kalklösung. Auf
diese Weise wird ein Ziegelhaus im Tempo von 350 Ziegeln
die Stunde erbaut, statt wie bisher im Tempo von 120
Ziegeln die Stunde.
Ein neuer Typus des Aufsehers (oder haben die Pha-
raonen und Caracalla ihn schon vorgeahnt?) ist so in
das amerikanische Arbeitsfeld eingetreten. Der Auf-
seher vor der Geburt des Taylor- Systems hatte die Pflicht,
nachzusehen, ob die Arbeit richtig und pünktlich ge-
macht wurde. Der neue aber, der speed-boss, „Hetz-
20'
307
kleinen Vierschrötigen zuführt, in den Armour- Werken,
wird durch das Gebot des speed-boss in Bewegung ge-
setzt, und wenn sie sich bis heute mit einer Schnelligkeit
von 25 Tieren in der Minute gedreht hat, so genügt
ein Kurbelgriff, um sie sich morgen mit einer Schnellig-
keit von 30 Tieren in der Minute herumdrehen zu lassen.
Wenn das armselige Wesen oben im Packsaal täglich
15000 Blechdosen in Papier einwickelt — ihre Hände
bewegen sich rasend rasch, so daß man die Finger kaum
sieht — so genügt ein mißgelaunter Blick der Aufseherin,
und sie wird morgen, bei Entlassungsstrafe, 16000 und
17000 Dosen einwickeln usw.
Unten in der Schlachthalle stehen die Schlächter in
einer Reihe. Vor ihnen ziehen, mit dem dampfenden Leib,
der noch blutet oder der schon durch das Laugenbad
gegangen ist, die Tiere an den Ketten aufgehängt vor-
über. Jeder von den Schlächtern hat eine einzige Be-
wegung auszuführen. Einer rasiert mit einem kurzen
scharfen Messer die obere Partie um den Schwanz herum ;
der nächste in der Reihe rasiert die untere; der nächste
trennt mit einem Schnitt den Schwanz vom Rückgrat ab ;
der nächste reißt das Eingeweide des Tieres aus dem Bauch
heraus; der nächste wirft es auf einen Karren, der sich
mechanisch unter ihm fortbewegt; der nächste trennt
aus dem Eingeweide im Karren die Leber weg, usw.
Jeder dieser Menschen hat, von 7 Uhr früh bis 7 Uhr
abends, denselben kleinen, aber wichtigen Handgriff zu
vollführen; er muß aufpassen, daß er ihm gelinge, denn
die Kette kennt keinen Aufenthalt. Sprechen, sich den
Schweiß von der Stirne wischen, das Blut, das von den
Kadavern spritzt, wegstreichen, wie könnte er das. Er
kaut Tabak, das ist seine einzige Erholung, seine Erlösung.
Was kümmert's ihn, wohin er seinen Tabakssaft spritzt,
auf welche Weise er seine Nase erleichtert ?
Vor ihm ziehn die Tiere an der endlosen Kette vor-
über, hinter ihm ist der Aufseher her. Passiert nur ein
einziges Tier, ohne daß der Schlächter seine Arbeit an
314
ihm verrichtet, so ist der Schlächter erledigt, und zwar
gründlich.
Rechne es dir aus, wie oft ein Mensch, eine Kreatur mit
diesem wundervollen Mechanismus des Herzens, des
Nerven- und Gangliensystems, mit der staunenswerten
Muskulatur des Armes, der Gelenke, der Hände und
Finger in lomal 60 mal 60 Sekunden, die gleiche, immer
gleiche Bewegung ausführen muß, damit jener Mecha-
nismus, jenes Mysterium nicht stocke, erlösche, damit es
notdürftig fort sich friste durch eine dunkle Nacht hin-
über zu einem trostlosen Morgen.
Drüben in den schönen, lichten und blanken Hallen der
berühmten Uhrenfabrik von Elgin sitzen 3700 Menschen,
von denen jeder eine einzige kleinwinzige Verrichtung
zu besorgen hat. Täglich werden dort 2500 Uhren her-
gestellt, jede Uhr hat 211 Bestandteile. Welche Blicke
treffen dich, wenn du neugierig und wißbegierig an den
Tischen der Arbeiter vorüberschreitest? Haben Dante o
in den Pfühlen der Verdammnis solche Menschenblicke
getroffen? Und doch sind die, die von ihrer Arbeit auf-
blicken können, noch die glücklich zu preisenden unter
den Sklaven dahier. Vor den meisten zischt und wettert
und schlägt eine Maschine, die sie zu bedienen haben.
Haarscharfe Nadeln bohren haardünne Löcher in kleine
Kupferplättchen, ein Augenblick, ein um einen MiUimeter
zu weites Vorwärtsschieben des Fingers, und die Nadel
fährt ins Fleisch, in den Fingernagel, das Brot verschwindet
mit dem Bewußtsein, das den Körper mildtätig ein paar
Augenblicke lang von seinen Schmerzen erlöst.
In vielen Fabriken, Warenhäusern usw. wurden mir
kleine Broschüren über die Baseball-, Tennis- und Fuß-
ball-Mannschaften in die Hand gedrückt, sie handelten
von den Taten dieser Mannschaften, der Fabriksmann-
schaften, in den freien Stunden nach getaner Arbeit.
Aber ich habe auch die „Whisky- Zeile" gesehen an der
Grenze der Schlachthäuser und der Stadt, — wo der
Arbeiter seinen „Augenöffner" am Morgen hinuntergießt,
ehe er an die Arbeit geht, um seinen Magen zur Auf-
nahme der Nahrung gefügig zu machen, die ihm bis zur
Mittagspause hinüberhelfen soll — am Abend aber
den Befreiungstrunk hinunterspült, womit er den Ekel
und die Verzweiflung nach dem Tagewerk, nach den
IG Stunden, die ihm seine Seele vergiftet haben, loswird.
Mehr als das, was der Arbeiter nach den Arbeitsstunden
mit seiner Zeit beginnt, interessiert es mich, zu erfahren:
wie geht es ihm während dieser Stunden seiner Fron ? Und
die Sorge um das Seelenheil des Arbeiters während dieser
Stunden ist, scheint's mir, ein weitaus wichtigeres Problem
als alle Baseballteams.
Die Spezialisierung der Arbeit, durch die Massen-
produktion hervorgerufen, bringt den Arbeiter immer
mehr auf das Niveau des leblosen Maschinenbestandteils,
des präzis und automatisch funktionierenden Stahlhebels
oder Rades herab.
Der monotone Rhythmus ein und derselben Gebärde,
eines und desselben Geräusches ertötet die Intelligenz,
die Instinkte der selbständigen Aktion und die Triebe zur
Unterscheidung, Wahrnehmung und Synthese; die Funk-
tionen des Kleingehirns hören auf und das vollendetste
Geschöpf der Natur sinkt mehr und mehr zum Tier
hinab.
In den großartigen Universitätsstiftungen von Carnegie,
Rockefeiler, Morgan sitzen Menschen, die der Maschine
den letzten Grad der Vervollkommnung zu geben suchen,
um hierdurch ihre Mitmenschen in den Zustand der tief-
sten Sklaverei hinunterzustoßen.
Dieser Tage hat im Klub der Kaufleute Chicagos der
Dekan der Ingenieurfakultät an der Universität Cin-
cinnati, Dr. Hermann Schneider, einen Vortrag gehalten.
Er gab einige Erfahrungen zum besten, die in jüngster
Zeit um die Erhaltung der kostbarsten Eigenschaft, der
Quintessenz der Arbeitskraft, die Frische und Lust des
Aufschwungs, gemacht worden sind. Es handelte sich dabei,
316
dies sei gleich gesagt, weniger um die Seelen der Arbeiter
als um die Seele des Speed sozusagen.
Über einige Experimente, zum Beispiel das Vorlesen
populärer Novellen in Zigarrenfabriken oder den un-
schuldigen Gesang in Blusennäherinnen-Ateliers, haben
mir seither Freundinnen in Newyork berichtet. Das
Experiment aber, von dem Dekan Dr. Schneider berich-
tete, ist so pittoresk, daß ich nach ihm das ganze Kapitel
dahier betitelt habe. —
In einer Klavierfabrik in Ohio war's mit den Mädchen,
die zur Fabrikation eines einzelnen an sich ziemlich be-
langlosen Bestandteiles verwendet wurden, nicht mehr
zum Aushalten. Die armen Dinger wurden bleich, müde,
apathisch und blieben schließlich ganz weg, um nicht
wahnsinnig zu werden von der Monotonie ihrer Arbeit.
Der Boß der Abteilung sann hin und her, versuchte dies
und das, versuchte es mit hübschen Dekorationen im
Arbeitsraum, bequemen Sesseln, nichts half. Immer
wieder desertierten die Mädchen dieser Abteilung, der
Betrieb stockte, beeinträchtigte die anderen Betriebe
ringsum, die ganze Fabrik. Endlich kam dem Boß die
erlösende Idee. Er verschaffte sich eine schöne große
maltesische Katze und brachte sie eines Morgens in den
Arbeitssaal zu den Mädchen mit. Die Katze wurde
sofort der Liebling und Abgott der Abteilung. Jedes
Mädchen brachte ihr etwas, die eine irgendeinen Lecker-
bissen, die andere ein Bändchen, jene ein Glöckchen mit.
Der Korb der Katze wurde der Mittelpunkt aller
mütterlichen Instinkte dieser armen Mädchen, die mit
keiner Puppe spielen, kein Kind wiegen durften, sondern
deren Los es war, zu arbeiten, zu arbeiten, ohne Unterlaß,
ohne Hoffnung, endlos . . .
„Die geschäftliche Ausnutzung der eingeborenen Sym-
pathie des Weibes für die Katze hat die Arbeitsleistung
in dieser Abteilung um etwa zehn Prozent gehoben,"
sagte Dekan Schneider. „Der gute Einfall des Vormannes
tat auch in anderen Abteilungen seine Schuldigkeit. Man
317
hat in diesen ähnliche Stimulantien eingeführt, alle
haben sich auf's beste bewährt/^
<^ /^"^hicago hat mich krank gemacht. In dieser Stadt habe
^^ich die blutige Schande der heutigen Zivilisation von
Angesicht gesehen, gesehen und erkannt. Soll ich fort?
Wohin? Der Hölle entrinnen? Wo ist sie nicht? Die
heutige Welt ist die Hölle.
DAS WARENHAUS ÜBER DEM BAHNHOF
Eines darf man nicht vergessen, wenn man die amerika-
nischen Riesenbetriebe beobachtet. Das Gesunde,
das in die Zukunft hinüber Weisende und das hinüber ge-
rettet werden wird aus ihnen in jene Zukunft, in der
die freie Notwendigkeit den Speedboss abgelöst haben
wird. In der es keinen Lohn und keine Konkurrenz geben
wird, nur eine der Natur entsprechende Kooperation
vernünftiger Wesen, eines einzigen Volkes von Arbeiten-
den unter dem ungeheuren Dom der menschlichen Gesell-
schaft. Die Organisation, von der Sklaverei befreit, ist
dieses Gesunde, das in die Zukunft weist.
Wenn das Mitleid, die Revolte verstummt, steht man
voll Ehrfurcht und Staunen vor den gewaltigen Werken,
die die Gesetze der Natur in ihren Gefügen nachbilden, auf
das Maß, die Bedürfnisse des Menschen reduzieren, einen
Mikrokosmos darstellen von höchster Zweckmäßigkeit, wie
sie dem Gehirn eines Piaton, Fourier, Napoleon nicht
vollendeter hätten entspringen können.
Ich fühle mich von colchem Staunen erfüllt, wenn
o ich an das Warenhaus von Sears, Roebuck & Co. in
Chicago denke, meinen Besuch in diesem kleinen, voll-
endeten Weltuhrwerk zu schildern anfangen will, das eine
der mustergültigsten Organisationen des heutigen Amerikas
in sich schließt.
In einem nordwestlichen Vorort Chicagos stehen die
318
fünf Riesengebäude, eine Stadt für sich, sie ist von hüb-
schen Gartenanlagen, Springbrunnenbassins, Klubhäu-
sern, Hotels der Angestellten umgeben und eingerahmt.
Sears Roebuck arbeiten nur mit den Vereinigten Staaten ;
nicht mit Kanada und nicht mit Südamerika. Sie haben
nirgends Filialen, keine Vertreter, keine reisenden Kommis.
Sie arbeiten nicht mit Kredit, sondern machen Kassen-
geschäfte. Mit ihren Kunden kommen sie gar nicht in
Berührung, alles wird brieflich erledigt.
In der strengen Geschäftsperiode vom September bis
Mai beschäftigen sie 9000 — 9500 Menschen, in der
flaueren 7500. Jetzt, Ende November, wird ein Katalog
vorbereitet, der die nach Weihnachten nachlassende Kauf-
lust des Publikums aufstacheln soll. Sears Roebuck haben
soeben, wie die Zeitungen melden, die größte Brief-
markenbestellung beim Staat gemacht, die eine Privat-
firma jemals gemacht hat, fünf Millionen 5-Cent-Marken
für diesen Katalog, der „flier" genannt ist. Zweimal im
Jahr, nach Weihnachten und Mitte Juli, werden solche
„fliers" versendet, einmal im Jahr der große Katalog, ein
Kompendium von allem, was man haben kann, mit
Ausnahme von lebendem Vieh, frischem Gemüse und
Obst. (Man kann bei S. R. ein ganzes Einfamilienhaus
bestellen unter anderem. Man gibt die Maße sn, die
Zahl der Räume, ein Waggon bringt das ganze Block-
haus, bis zum letzten Nagel, es braucht bloß an Ort
und Stelle zusammengesetzt zu werden.) In den großen
Katalog sind Stoffmuster eingeklebt. Ich werde in den
Saal geführt, in dem das ganze Jahr durch Maschinen
Stoffe zu diesem Zweck zerschneiden — diese „cut sam-
ples" kosten Sears Roebuck jährlich 100 000 Dollar.
Die Verteilung der Bureauräume, der Lagerräume, der
„shutes", d. h. Gefälle, polierten Rutschbahnen, über die
die Waren kilometerweit zum Bahnhof im Erdgeschoß
hinunterschießen, die Gruppierung der Arbeit ist das in
seiner Zweckmäßigkeit Elementarste, das ich je gesehen
habe.
319
Am Morgen um 9 kommen im Durchschnitt 35CX)0 Briefe
mit Bestellungen an ; die meisten enthalten „gemischte
Bestellungen", Bestellungen von 5 — 10 Gegenständen, in
einem Gesamtwert von durchschnittlich 9 Dollar. (Ein
Minimum gibt es nicht.) Da jede Ware ihren Katalog-
preis hat und Sears Roebuck nicht mit Kredit arbeiten,
sind den Bestellungen schon die eingezahlten Postanwei-
sungen beigelegt. (Weniger Expreß-Co .-Anweisungen,
weniger Checks auf Banken.)
Um 4 Uhr nachmittags sind diese Bestellungen bereits
ausgeführt, und 50 — ^öoWaggone schießen aus dem Bahn-
hof im Erdgeschoß, bis oben angefüllt mit den wohlver-
packten Kisten und Paketen nach allen Richtungen in
das Land Amerika hinaus. —
In den Bureaus klingt es von Metall. In Kupferröhren
schießen Kapseln mit Briefen, Rechnungen, Frachtzetteln
über die Köpfe der neuntausend auf Schreib-, Rechen-,
Buchungsmaschinen klappernden Beamtinnen und Be-
amten weg. Das System dieser Röhren repräsentiert
eine Gesamtlänge von 18 engl. Meilen.
In einem Saal sitzt ein Heer von Mädchen, das nichts
anderes zu tun hat, als die eingetroffenen Briefe mit farbigen
Stempeln zu versehen. Jeder Stempel zeigt eine Bahnlinie
an. Da die Bahnen in den Staaten Privatgesellschaften sind
und ihre Frachtbestimmungen die äußersten Varianten auf-
weisen, passiert jede Bestellung die Kontrolle dieses Saales,
in dem wohl die komplizierteste Arbeit verrichtet wird.
Draußen aber, welche furchtbare Arbeitsteilung. Mäd-
chen, die den ganzen Tag Hunderttausende von Brief-
marken auf hunderttausend Katalogumschläge kleben.
Die dünnen Bogen fliegen wie Flügel eines Ventilators
unter ihren Fingern davon. Bei den Druckmaschinen,
wo die Teile des Katalogs geheftet werden, hat ein
Mensch mit Sinnen, Nerven und Gehirn sein Leben
lang darauf zu achten, daß ein gelber Bogen über einen
blauen komme und nicht unter ihn. Das Gefühl bäumt
sich, wenn man an Tischen vorübergeht, vor denen
320
menschliche Wesen nur darum sitzen, weil noch keine
Maschine erfunden ist, die ihre Arbeit verrichtet. Da-
bei sind diese Wesen in ihrer Erniedrigung noch glück-
licher als sie es in dem Moment sein werden, da diese
Maschine erfunden sein wird und sie ihr Brot verlieren.
Wie weit weg ist der Mensch von den wundervollen
Organisationen des Bienenstaates, des Termitenbaus, des
Ameisenhügels gelangt ! Vergegenwärtige dir den Abstand
des primitiven, aber seinem Impulse folgenden Tieres zu
dem denkenden, aber aus Not fremdem Befehl gehorchen-
den Menschenwesen. Bedenke, welche Summe von Auf-
schwung, Pfeilkraft der Seele zur Idee verkümmert, zer-
rieben wird durch die genialste Organisation, die das
triumphierende Menschengehirn ausgedacht und in die
Tat umgesetzt hat. Bedenke, daß diese Hörigmachung
des Menschengeistes Tag für Tag vorwärtsschreitet, daß ^
jeder Kopf, der mit der gottähnlichen Gewalt des Orga-
nisierens belehnt wurde von der Natur, an der Ent-
götterung des Menschengeschlechtes arbeitet, eben kraft
der Gabe, die ihm geworden ist vor Hunderttausenden!
Was sind die Greuel des Krieges gegen diese „Segnungen" o
der Friedenszeit, in der sich der Handel ausdehnen darf?
Lange gehe ich noch in der Stadt, mit dem Metall-
klang aus den Häusern von Sears Roebuck im Ohr herum.
Über dem Blutgeruch und Leimdunst, über dem Kohlen- o
staub und dem Michigannebel schwebt dieser Metall-
klang wie Sphärenharmonie, trostlos und kalt wie diese
ganze moderne Welt es ist, mit ihrer Zivilisation, grimmig-
sten Feindin des Menschengeschlechtes! —
BEMERKUNGEN ÜBER HULL-HOUSE UND DIE
„SÜDLICHEN PARKS"
In vorigen Kapiteln habe ich wiederholt, daß ich die
Bemühungen der meisten Institutionen, die sich die
Verbesserung der Lage der Armen innerhalb unseres
21
321
heutigen wirtschaftlichen Systems zur Aufgabe gemacht
haben, für ephemer, um nicht zu sagen schwindelhaft
und schadenstiftend erachte. Der heutigen Ordnung
oben ein bißchen die Zweige zu beschneiden und ihnen
ein biBchen Philanthropie aufpfropfen, das erachte ich
als ephemer und schwindelhaft. Unten die Wurzeln
attackieren, das ließe sich eher hören.
Hier in dieser Stadt, deren unerhörtes Wachstum das Sy-
stem, unter dem die Produktion und die Entlohnung der
Arbeit heute vor sich geht, extrem und grotesk scharf be-
leuchtet, in dieser brennenden, hysterischen Stadt haben
sich unter den Augen des amerikanischen Gewissens
einige Institutionen der oben angedeuteten Art entwickelt,
die mustergültig genannt werden müssen und an denen
erst recht der Urschaden aller ähnlichen Institutionen
aufgewiesen werden kann.
„Hullhouse", das weltbekannte Settlement im Elends-
viertel Chicagos lebt hauptsächlich durch die überragende
menschliche Persönlichkeit seiner Begründerin Jane Ad-
dams. Diese Frau bedeutet mehr für die Idee des Settle-
ments als die praktischen Resultate, die es durch finan-
zielle Unterstützung reicher Amerikaner erzielt hat. In
einem späteren Kapitel will ich einiges über den „Mogwab"
(ein Indianerwort, ins Europäische übersetzt etwa: gros
legume, Wichtigtuer, Vonsichbläser), den großen kapita-
listischen Menschheitsfreund bemerken. Hier nur so viel,
daß durch Miß Addams' Persönlichkeit Hullhouse ebenso
gerechtfertigt ist, wie weiter im Osten Freeville durch die
von William R. George. Und die in beide Unterneh-
mungen hineinströmenden Rockef eller- und McCormick-
und Armour-Gelder dazu. Denkt man sich Miß Addams
aus Hullhouse und Daddy George aus Freeville fort, so
bleibt ein Heftpflaster auf einer durch Granaten ge-
schlagenen, schwärenden Wunde der heutigen Gesellschaft
übrig.
Hullhouse verfolgt zwei Ziele: intellektuellen und gut
gesinnten Menschen, die das Leben der Elenden aus der
322
Nähe betrachten wollen, diese Möglichkeit zu verschaffen,
und: den Elenden selbst die Möglichkeit zu verschaffen,
in guten, lichten, warmen Räumen für ein paar Stunden
ihr Elend zu vergessen.
Ein Flügel in HuUhouse beherbergt diese „Studenten",
ein anderer beherbergt Turn-, Bade-, Eß-, Musik-, Tanz-,
Theater- und Gesellschaftssäle zum Gebrauch der Klubs,
die aus den rund um Hullhouse wohnenden Armen der
Bevölkerung sich zusammensetzen.
Im Empfangsraum von Hullhouse hängt eine bunte
Karte, die die Topographie der Umgebung Haus für
Haus, nach Nationen koloriert, darstellen will. Diese
Karte zeigt, daß in einem einzigen Tenement, d . h.
Massenquartiershaus, in der Straße nebenan, Griechen,
Böhmen, .Schweden, Litauer, kleinasiatische und russische
Juden, Magyaren und Italiener beisammenhausen. Die
Karte wird sehr oft erneuert. Die Tenements sind zwar
hier in einem Kilometerradius um Hullhouse eben durch
dieses Zentrum in letzter Zeit gesäubert und gehoben
worden, aber doch macht sich jede Nationalität, die dem
großen internationalen Bund der „Miserables" angehört,
baldmöglichst davon und sucht gesündere Gegenden auf,
wenn es ihre Mittel erlauben. Die bunte Karte bekommt
dann wieder eine andre Farbenz^sammensetzung. . . .
Wir waren nachmittags Gäste des Settlements, im
hübschen Theatersaal. Ein „Masque of the Seasons"
wurde aufgeführt, niedliche Tänze, Deklamation, Gruppen
und Rundgesänge, von Kindern der Musikschule und aus
den Klubs des Hauses vorgeführt, bildeten das Programm.
Griechische, italienische, jüdische und irländische Kinder
sangen, sprangen und hüpften, es war nett anzusehen.
Im Auditorium saßen die reichen und wohlwollenden
Herrschaften, denen Hullhouse seine Mittel verdankt,
saßen da und klatschten Beifall. Wir nahmen dann in dem
schönen, künstlerisch eingerichteten Speisesaal an dem
Abendessen teil, mit den „Studenten", den Intellektuellen,
den Lehrern und Lehrerinnen der Hullhouse- Schulen —
21'
323
Miß Addams war leider in Newyork — und nach dem
Abendessen geleiteten uns liebenswürdige Damen in die
Flügel hinüber, in denen die Tanz-, Turn- und Klub-
säle untergebracht sind.
Mein Freund und ich, wir sahen uns auf den Treppen,
im Hof, während unsre liebenswürdigen Führerinnen vor-
angingen, verständnisinnig an: der Flügel, aus dem wir
kamen, und der Flügel, in den wir gingen, in dem wir
wie in einer Raritätensammlung, einem Museum oder
Kunstkabinett herumgingen — etwas lose hingen diese
beiden Flügel zusammen. Man mußte zwischen den bei-
den einen kalten Hof durchqueren, und die Atmosphäre
war in den beiden Flügeln recht verschieden, grund-
verschieden . . . HuUhouse stieg vor unseren Augen in
die Luft empor und zerplatzte wie eine Seifenblase —
Wenn's damit getan wäre! Mitten unter den Arm-
seligen (in getrenntem Flügel, komfortabel eingerichtet)
zu leben; ihre Lebensbedingungen (ein Jahr lang, wenn's
hoch kommt zwei, drei Jahre lang) zu studieren (und dann
selbstbewußt als sozialer Arbeiter nach Lake Shore Drive
oder der Michigan- Avenue zu ziehen); eine Zeit (sagen
wir 6 — 8 Wochen) sogar in den Tenements mit den
Elendesten hausen, als ein Arbeiter oder eine Arbeiterin,
verkleidet, ihr lo stündiges Tagewerk durchzumachen,
ihre Nahrung nach Maßgabe ihrer Einkünfte am eigenen
Magen erleben (nach 8 Wochen wird man ja doch wieder
o im „Auditorium" zu Abend essen) — wenn's damit getan
wäre!
Immerhin ist Jane Addams eine von den großen Frauen
Amerikas, eine aus dem Geschlecht der Frances Willard,
Harriet Beecher-Stowe, Susan B. Anthony, und in ihren
Schriften kommt unter der „HuUhouse- Studenten"-
Neugierde, unter dem Betätigungs- und Befähigungs-
nachweis der großgesinnten alleinstehenden Frau, die sich
eine FamiUe und einen Wirkungskreis gesucht und ge-
funden hat, eine innig revoltierte Seele und ein edler
Mensch in dieser leidenerfüllten Gegenwart zum Vor-
324
schein. Zieht man aber auch noch die magnetische Kraft,
die eine solche Seele auf den Wald- und Wiesen-Wohl-
täter und Amateurphilanthropen ausübt, ab, so verliert
dieser Typus vollends den letzten Rest seines spezifischen
Gewichtes.
-*
Einen wesentlich stärkeren Eindruck habe ich von den
„Parks" mitgenommen. Der freundliche Super-
intendent holt uns eines Abends mit seinem Automobil
ab und wir machen die Runde durch die Volksgärten und
Volksklubhäuser im Süden der „windigen Stadt".
Welche Gerüche, welche Einöden, welche unbeleuch-
teten oder halbbeleuchteten Gäßchen, welche verschim-
o melten Holzbudenviertel und Bordellviertel wir durch-
queren, bis wir zur ersten dieser grünen Oasen gelangen,
Gott steh mir bei. Auf der Oase aber ist alles vergessen.
Die „südlichen Parks", aus privaten Mitteln, aber
hauptsächlich aus städtischen Steuern erworben, aus-
gebaut und erhalten, erstrecken sich von Michigan
Avenue (Grant Park) bis zum Lake Calumet (17. Park).
Ihre Zahl ist gegenwärtig 24, sie bedecken ein Gesamt-
Areal von 2500 Acres. Es gibt unter ihnen große, mit
Museen, botanischen Gärten, Golfhügeln und Yacht-
hafen, wichtiger aber sind die kleinen, deren Fläche aus
übervölkerten Elendsvierteln um die Schlachthäuser, die
Fabriksvororte, die Negerniederlassungen ausgespart sind.
Das Areal dieser kleineren Parks variiert zwischen 7^/2
und 23 Acres.
Der freundliche Superintendent zeigt uns drei von den
kleinen Parks. Italienische Pergolas sind hübsch vor
den Klubhäusern aufgebaut. Hinter diesen sind riesige
Schwimmbassins aus Zement in den Boden eingelassen,
im Sommer sprudelt dort Michiganwasser. Ringsum in
den Gartenanlagen finden sich Freiluft-Sanatorien für
Babys, Sonnenbäder für Frauen, Wiesenstreifen zum
Herumwälzen, Sandhügel zum Burgenbauen. Helle,
freundlich bemalte und dekorierte Turn- und Tanzsäle
325
Chicago: hier Uhtn Menschen!
und Volks bibliotheken sind in den Häusern; auf einer
kleinen Bühne proben eben jüdische Schneidergesellen das
Drama: „Esther, a Purimplay"; ein litauischer Klub hält
nebenan ein Tanzkränzchen; in einem Duschensaal kann
man junge griechische Arbeiter bewundern, die sich nach
dem Basket balispiel abkühlen und zum Heimweg vor-
Besorgt fragen wir unseren Führer": „Welche Formali-
täten hat einer zu beobachten, eh' er hier hereingelassen
wird? Welche Papiere, Pässe, Legitimationen, Steuer-
zettei, Taufscheine, Gewerbescheine muß er vorweisen,
um hier hereingelassen zu werden?"
,,Whj'! Nothing at all!" erwidert unser Amerikaner
erstaunt.
,,Aber er muß doch sicher etwas bezahlen für die Be-
nutzung der Bibliothek, der Badewäsche, der Seife, der
Turngeräte, der Einrichtungen?"
„Keinen Cent. All das, was Sie hier sehen, steht dem
Volk Chicagos frei und unumschränkt zur Verfügung.
,26
Die Abhilfe (Gymnasium in einem „südlichen Park")
Jeder ist willkominen. Er mag welche Sprache immer
sprechen. Ermag die elendesten, von Ungeziefer starrenden
Lumpen auf seinem Körper tragen. Er mag daher-
kommen, von wannen er will. Er braucht kein Papier
vorzuweisen, keinen Namen in kein Buch einzuschreiben,
weder seinen richtigen noch einen falschen. Jeder ist will-
kommen, wir leben in einem demokratischen Land dahicr."
Dieses Wort; diese Phrase; in Chicago. — Und doch,
was wir eben gesehen haben, dieser Blick ins Freie, Offene,
Ferne, fast versöhnt es mit der erschrecklichen Realität
rings um diese Oase, mit Chicago, der furchtbarsten Stadt o
der heutigen Welt! —
EIN TAG IN DEN SCHULEN CHICAGOS
Morgens um 8 holen wir Miß Starr Kellogg, Auf-
seherin eines städtischen Schuldistriktes, aus dem
„Hullhouse" ab und vertrauen uns ihrer Führung an auf
einem Rundgang durch die öffentlichen und privaten
Volksschulen und durch Gewerbeschulen des westlichen
Chicagos.
In der Gesellschaft dieser wundervollen Amerikanerin
erlebe ich mit meinem Freund einen meiner großen ameri-
kanischen Tage, einen Tag, dessen Gedächtnis wahrschein-
lich sehr lange frisch und lebendig in mir sein wird. Rüh-
rung und Heiterkeit werden es frisch erhalten haben,
Rührung und Heiterkeit waren die Zeichen dieses Tages,
den wir in den Schulen Chicagos verbracht haben.
In der „Rowland"- Schule fangen wir mit den Kinder-
gärten an, in denen die Kleinsten ihre Ringelreihen
tanzen, mit glückstrahlenden Gesichtlein Sandhäufchen
aufbauen, in die sie Indianerwigwams, Bäume und Büffel
zwischen die Bäume pflanzen. Durch Säle geht unser Weg,
in denen malen Kinder zierliche kleine Abbilder von allerlei
Gebrauchsgegenständen mit farbiger Kreide auf die Ta-
feln. In einen Saal kommen wir, da analysieren sechs- bis
siebenjährige Kleine eine Herbstlandschaft. Nachein-
ander treten Knäblein, Mägdlein vor die Lehrerin hin
und nennen zwei Dinge, die ein „hübsches Bild des Herb-
stes" ergeben: eine gelbe Baumkrone und eine weiße
Wolke dahinter, oder eine Krähe, die auf einem Stoppel-
acker sitzt, „gives a pretty picture of autumn". Im
nächsten Saal turnen Kinder vor einem offenen Fenster
mit Rumpfbeugen Atem in sich hinein und aus sich her-
aus. Ah, wir sehen, aus dem Deutschland Fröbels und
Pestalozzis kommen wir allmählich in amerikanische Re-
gionen. In einem Saal, der fünfzig oder sechzig Kinder
von zehn bis zwölf Jahren beherbergt, stoppt der Unter-
richt, wie wir eintreten. Auf Miß Kelloggs Geheiß erhebt
sich die Klasse und trägt unisono die Ballade vom „Brand
von Chicago" vor. Gesten begleiten die Worte. Die
Worte fallen, einzeln und sauber artikuliert, wie Kristall-
kugeln von den reinen Kinderlippen. Dies sind fremde
Kinder, Kinder russischer Juden, Böhmen, Griechen, Si-
zilianer. Die Lehrerin hört wie ein guter Dirigent aus dem
328
großen Orchester das Kind heraus, das ein Wort falsch
ausgesprochen, eine Betonung auf der unrichtigen Silbe
angebracht hat. Hier wird den Kindern all der fernen
fremden Länder die Sprache des Landes, die mächtige
englische Sprache, beigebracht. Hier wird das Werkzeug
gebildet und geschliffen, das einige Säle weiter schon
scharf und formidabel zu Diensten der erwachsenden
Kinder steht, die sich bald seiner zu bedienen anfangen
werden im Kampf ums Brot und die Freiheit.
Schön und sonor klingen die Verse vom „Brand von
Chicago". Auf und nieder stürzt der Rhythmus der
Strophen. Ein Crescendo:
„Fire — Fire — FIRE!"
und auf den kleinen Gesichtern, die sich in die Höhe ge-
wandt haben, brennt in kindlicher Erregung der Wider-
schein der flammenden Stadt !
Aber das Gedicht ist lang, und wir müssen weiter. Miß
Kellogg läßt die Kinder niedersitzen, und jetzt müssen
sie einzeln aufstehen, nach Nationalitäten, dann, um zu
zeigen, wie viele noch in der alten Heimat, wie viele
schon herüben geboren sind. Von den fünfzig sind nur
zehn in Amerika geboren, die anderen kamen vor nicht
langerf Zeit. Zwei deutsche Kinder sind unter den fünf-
zig, die anderen sind Böhmen, polnische Juden, Litauer,
Serben, Griechen, Irländer, Sizilianer. Wie sie alle wieder
sitzen, tritt Miß Kellogg vor und ruft laut in den Schul-
saal hinein;
„Und nun, Kinder, sagt, was sind wir alle ?" Die Kinder
springen auf, als wäre ein elektrischer Schlag in sie ge-
fahren, die hellen Stimmen jauchzen und schreien und
jubeln auf: „Americans!"
Eine Stunde des Unterrichts gehört im Stundenplan
der Schulen Amerikas den „Civics". Ins Deutsche
könnte man das mit „Bürgerrechte" übersetzen. Einer
solchen „Civics"-Stunde haben wir in der „Cooper"-
Schule beigewohnt. Nicht viele Stunden hat es während
329
meines Aufenthaltes in Amerika gegeben, die mir solch
reiche Belehrung über Amerika gegeben, gleich tiefe,
dauernde Liebe zu diesem Land, seinem Volke, seinem
Geiste geschenkt hätten, wie diese.
Als wir eintraten, stand ein kleiner Böhme von dreizehn
Jahren da und sprach vom „Recall".
„Recall" bedeutet: „Das Recht zum Widerruf solcher
Richter, die ihr verantwortungsvolles und mit unum-
schränkter Macht Bekleidetes Amt zur Unterstützung kor-
rupter Korporationen, Eisenbahnen, Trusts, gegen den
geschädigten und wehrlosen Privatmann mißbrauchen."
Dies Recht dem Volk zu geben, danach strebt jetzt ein
großer Teil der fortschrittlichen Politiker Amerikas.
Andre Rechte, wie das des „Referendum", wörtlich:
„Gesetzentwürfe sollen dem Volk unterbreitet werden
zur endgültigen Annahme oder Ablehnung" — und das
der „Initiative", wörtlich: „dem Volke soll das Recht
übertragen werden, Vorschläge zu machen, die zum Ge-
setz erhoben werden sollen" — Rechte, die die „direkte
Gesetzgebung durch das Volk" bezwecken, sind schon
in vielen Staaten der Union, namentlich in denen westlich
vom Mississippi, dem Volke gegeben worden. Auch über
das „Referendum" und die „Initiative" hören wir den
kleinen Böhmen perorieren. Schließlich faßt der Drei-
käsehoch seine Rede in folgenden Sätzen zusammen:
„Wir müssen es durchsetzen, daß die Senatoren vom
Volke gewählt werden! There is nothing, the People
needs more, than direct legislation!" und setzt sich
auf seine Bank zurück!!
Man ist auf den Kopf geschlagen. Sind wir hier im Kon-
greß in Washington oder in einer Volksschule, was Teufel ?
Man ist versucht, den Kleinen dort beim Ohr zu fassen
und, während man es gelinde beutelt, zu fragen : „woher
weißt du denn, was das Volk braucht oder nicht braucht ?
geh. und spiel mit Murmeln, Naseweis!"
Aber man horcht doch ein bißchen auf, wenn ein kleines
elfjähriges Mädchen aufsteht und die Staaten herzählt,
330
in denen die Frauen das Wahlrecht besitzen. Das Kind
nennt den Staat Colorado, da fragt die Lehrerin die Klas-
se: „Wie heißt die Hauptstadt von Colorado?"
„Denver!" ruft die Klasse.
„Wer ist in Denver zu Hause?" fragt die Lehrerin.
Und da höre ich von Kinderstimmen den Namen ge-
rufen, dessen Nennen mir Rührung in die Augen treiben
will, honest Bens Namen, den Namen des milden Richters
der Kinder von Colorado.
„Ben Lindsey!" rufen die Kinder.
Und sie stehen auf, eins nach dem andern, und berich-
ten von den Taten des „Freundes der Kinder". Ein
kleiner Junge weiß davon zu berichten, daß Lindsey es
den wahlberechtigten Frauen Colorados verdankt, daß
er, den die Parteien befehdet haben, auf seinem Posten
bleiben durfte. (Treibt hier die Lehrerin Suffragetten-
Propaganda? Nun, was weiter? Um so besser, wenn sie's
tut !) Ein andrer kleiner Knabe berichtet ernst und sach-
lich, mit ruhiger, ernster Stimme, was der Richter für die
Kinder Denvers getan hat. Er spricht von der Fürsorge
für die Waisen, von der Aufsicht, die den kleinen Straßen-
strolchen zugute kommt, von dem großen Schwimm-
bassin im Armenviertel, vergißt nicht, zu erwähnen, wie
breit und wie tief dieses Bassin ist, noch das Material, aus
dem es gebaut ist: „concrete", das heißt Beton. .
Ein Kind steht auf und spricht von den Gesetzen in
Oregon, in Tennessee, in Wyoming. Ein anderes knüpft
an diesen Bericht an und spricht von den „südlichen
Parks" von Chicago und ihren Einrichtungen.
Allmählich leuchtet mir der Zusammenhang zwischen
Politik und Volksschule ein. Ich lerne verstehen, auf
welche Art das amerikanische Kind für das öffentliche
Leben vorbereitet wird, daran es teilnehmen wird, wenn
es erst erwachsen ist. Ich sehe: dies ist nicht nur eine Fort-
setzung des Geschichtsunterrichts bis in die Gegenwart,
sondern dies ist der wahre Geschichtsunterricht. Ich
sehe, was in Amerika Nationalgefühl heißt und wie dieses
331
geweckt wird. Ich sehe, man muß nicht mit und vor den
Merowingern anfangen, um dem Kind klar zu machen,
daß es einer großen Nation angehört. (Nicht einmal mit
den Puritanern!) Ich sehe deutlich die Grenzlinien zwi-
schen dem Nationalgefühl und dem Gefühl für die
Menschheit, ich horche durstig hin, darauf, was die
Kinder sagen, ich lerne manches in dieser Unterrichts-
stunde, ich fühle viel in ihr.
Miß Kellogg erzählt uns leise, während der Unterricht
weitergeht, daß die Kinder dieser Schulklasse aus eigenem
Antrieb eine Eingabe an die Stadtbehörde zum Schutz
und zur Rettung von zwei Bäumen auf ihrem Spielplatz
gerichtet haben, als diese gefällt werden sollten. Daß sie
Versammlungen abhielten, um gegen die Kandidatur
eines berüchtigten, verhaßten und verbrecherischen
Stadtverordneten zu protestieren. Daß sie nach Washing-
ton um offizielle Berichte und Broschüren zu schreiben
pflegen, wenn ein Gesetzentwurf zur Tagesordnung steht,
für den sie sich interessieren, diese amerikanischen Kin-
der. . . .
Die Stunde geht zu Ende, unsre Zeit drängt. Miß
Kellogg hält eine kleine Ansprache:
„Kinder! Seht um euch! Wenn euch Dinge auf fällen,
die einer Verbesserung bedürfen, wenn Dinge geschehen,
die euch unrecht scheinen, sagt es hier ! Denkt darüber
nach, wie ihr sie besser machen würdet, und sagt auch
dies hier laut. Aber denkt erst nach darüber, warum sie
falsch und böse sind. Seht euch um, Kinder!"
„All right, Miß Kellogg, we will!" rufen die Kinder.
Dann fühlt sich die liebenswürdige Lehrerin der Klasse
zu einem kleinen Akte der internationalen Höflichkeit
veranlaßt.
„Kinder!" sagt sie, „wir haben heute das Vergnügen,
einen Gast aus Berlin bei uns zu begrüßen. Wir wollen
uns jetzt alle erheben und die , Wacht am Rhein* singen."
Und da stehen wir nun, Miß Kellogg, mein Freund
und ich, die Kinder aber singen die „Wacht am Rhein!
332
C(
»•
„Stand fast and true
And guard the German Rhine!"
»Dank !" sage ich der Lehrerin, wie wir zur Tür hinaus
sind, „heißen Dank im Namen Wilhelms IL! Mir, auf-
richtig gesagt, bitte, legen Sie mir das nicht als Undank-
barkeit aus, wäre die , Marseillaise' lieber gewesen — nicht «.
die national-französische, sondern, Sie wissen, welche ich
meine!"
„Oh, you are a Socialist! Aren't you?" sagt die
Lehrerin.
„Well, not exactly, something in this line!" erwidere
ich.
„All right, now come along. I'U show you something!"
Wir gehen in das Bibliothekszimmer der Schule. Auf
einem langen Tisch liegen Monats-, Wochenschriften,
Tageszeitungen. Zeitungen aller Parteirichtungen. Ich
sehe einige Hefte des Bostoner „Twentieth Century" und
des Newyorker „Call". Das ist die führende Monats-
schrift und die führende Tageszeitung der amerikanischen
Sozialisten.
„Wir lesen mit den Kindern viele politische Artikel,"
sagt die Lehrerin. „Finde ich einen politischen Vorgang
in einem sozialistischen Blatt gerechter und freier be-
handelt als in einem anderen, so lesen wir, die Kinder und
ich, den Artikel aus dem sozialistischen Blatte vor . . ."
Ich stelle mir das große Deutschland vor, ich stelle mir
eine Berliner Volksschule vor, in der der Lehrer in der
Stunde mit den Kindern einen Artikel aus dem „Vor-
wärts" oder der „Arbeiterzeitung", aus der „Neuen
Zeit" liest ! !
Ich sehe schon: die amerikanische Schule ist keine An-
stalt, in der die Kinder mit allerhand Gelehrsamkeit voll-
gestopft werden, die sie später nicht brauchen können,
ja verschwitzen müssen, um Menschen zu werden. Sie ist
ein Werkzeug, mit dessen Hilfe aus den Kindern Ameri-
kaner, d. h. politische Wesen, d. h. Weltbürger gemacht
werden. Aller fremden Nationen Kinder kommen in
333
diesen „SchmelztiegeP' hinein, aus dem das harte Metall
der Zukunft Amerikas, die die Zukunft der Welt ist,
hervorsteigen wird.
Aller unterdrückten Völker Kindern, den russischen
Juden, Polen, Irländern, Böhmen, Finnen, wird hier bei-
gebracht, daß sie Menschen mit Rechten sind. In ihrer
alten Heimat haben sie dies nicht gewußt, ihre Eltern
haben es in der neuen auch nicht mehr lernen können.
Diese Wissenschaft ist, glaube ich, mindestens ebenso
wichtig, wie das Einmaleins und das Alphabet.
In den Kindern wird das Bewußtsein, die Lehre: Ihr
seid Menschen und habt Rechte, zugleich mit dem Be-
wußtsein und der Lehre: Ihr seid Amerikaner! entfacht
und erhitzt. Und auf einmal heißt es in diesen kleinen
Gehirnen: Menschenrecht ist = Amerika.
Jetzt verraucht mir allmählich auch mein Vorurteil
gegen die Erziehung des amerikanischen Kindes durch
Frauen. Ich habe so viele bewunderungswürdigen Tat-
sachen im öffentlichen Leben Amerikas entdeckt, die dem
direkten politischen Einfluß der Frau ihre Existenz ver-
danken. Es ist nicht denkbar, daß die Fürsorge für arme
Mütter während der Schwangerschaft, für uneheliche
Kinder, für Waisen, für Wohlfahrtseinrichtungen, die die
Pflege der Frau und des Kindes zum Zweck haben, ohne
einschneidenden Einfluß auf das ganze Gewebe einer
Gesellschaft bleiben könnte. Indem sich die Frau vorerst
auf ihre traditionelle Wirkungsdomäne beschränkt, wandelt
sie doch unmerklich die Zusammenhänge der heutigen
Ordnung, so daß die Zukunft weniger trüb, die Gegen-
wart der Menschen um etliches freier und lichter erscheint
von Tag zu Tag.
Die amerikanische Lehrerin, die ihren Beruf nicht als
simplen Broterwerb auffaßt, sondern aus mütterlichem
Instinkt und Liebe zu den Kindern ergriffen hat, trägt
soviel Wärme, Güte und Schönheit in die Schulstube hin-
ein, daß einen tiefes Mitleid und ohnmächtige Empörung
erfassen will — denkt man an seine eigenen Kinderjahre,
334
die einem von einer Horde von eingebildeten Tyrannen
und rechthaberischen Narren gestohlen woi den sind. Bei
uns, wenn man die Kinder des Mittelstandes und ihr
Leben sich ansieht, löst der Lehrer die Gouvernante ab
in dem Moment, in dem's gilt, etwas zu lernen. Der
junge Knabe lernt auf diese Weise wirklich die Frau,
etwas früh schon, als unzulänglich und für die ernsten
Dinge, die sich ihm erschließen sollen, unbrauchbar, ver-
achten. Der amerikanische Knabe lernt bis zu seinem
14. Jahr, auf derselben Schulbank mit den Mädchen
sitzend, von einer Lehrerin, was nach der Auffassung des
„Board of Education" das amerikanische Kind bis zum
14. Lebensjahr eben wissen muß. Ein Geist des Respektes
wird auf solche Weise in ihm genährt gegen das andere
Geschlecht, etwas, was sich der europäische Knabe auf
allerhand Umwegen in späteren Jahren erwerben muß.
Fähigkeiten entwickeln sich in ihm, die im europäischen °
Knaben gefälscht werden, zumeist verkümmern. Auf die
primitivste Art lernt er den Sinn des Wortes Gleichheit
verstehen, denn wo sollte die Gleichheit sonst beginnen
als bei der rechtlichen Gleichstellung der beiden Ge-
schlechter im Menschengeschlecht?
Allerhand feine Exerzitien wurden uns an diesem Tag
vorgeführt. Eh' wir die letztgenannte Schule ver-
ließen, ließ die Direktorin draußen im Korridor den
Feueralarm ertönen, durch ein dreimaliges Anschlagen
der Glocke in bestimmten Intervallen. Vor uns im Korri-
dor stand ein Pianino. Das erste menschliche Wesen, das
auf dem Plan erschien, war eine junge Lehrerin, sie setzte
sich rasch ans Pianino und fing an, einen frischen Marsch
von J. Ph. Sousa zu spielen. Ins ganze große Haus kam
Leben. Zwei kleine Knaben, zwei größere Mädchen
stürmten die Treppen hinunter und stellten sich auf
der Mitte der letzten Stufen auf. Dies waren die ,School-
officers', von den Kindern jeder Klasse gewählte Funk-
tionäre. (Diesen liegt die Sorge und Aufsicht über die
335
internen Angelegenheiten der Klasse, aber auch über die
Räume, die Bibliothek, die Spielplätze ob. Jede Schule
stellt eine kleine Republik dar, hat ihren Kinderpräsi-
denten, ihren Gerichtshof, ihre politischen Versamm-
lungen, in denen Stellung zur Politik der Stadt und zu
Washington genommen wird.)
Oben auf den Treppen erscheinen die Züge der Klassen,
von den Lehrerinnen geführt; in Reihen zu Dritt mar-
schieren sie herbei, im Takt des frischen Sousamarsches ;
wir schauen auf die Uhr, in kaum drei Minuten sind die
540 Kinder wohlbehalten unten auf dem Hofe ange-
langt. —
Tanz und Turnen, Gruppenexerzitien mancher Art
nehmen einen großen Raum im amerikanischen Unter-
richt ein. Da die Wehrpflicht nicht besteht, ist dieser
Unterricht keine Vorschule zur Disziplin, sondern eine
richtige Art, den Körper geschmeidig zu machen für den
künftigen Wettbewerb.
In einer der größten Gewerbeschulen Chicagos sitzen
wir, nachdem wir durch die verschiedenen „Shops", die
Werkstätten für Tischlerei arbeiten, Maschinen, Elektrizi-
tätskonstruktionen hindurchspaziert sind, in einem Lehr-
saal, in dem 16 — 20 Jahre alte Schüler gerade die einzelnen
Punkte der amerikanischen Verfassung durchnehmen. Mit
ihrem Lehrer in einem uns wunderbar anmutenden freien
und angeregten Gespräch diskutieren. Plötzlich klingelt
das Telephon (in der Schulstube!), der Schüler, der dem
Kasten zunächst sitzt, hallot in den Apparat und wir er-
fahren und mit uns erfährt es die Klasse: den Fremden
von Distinktion zu Ehren ist eine große Generalversamm-
lung unten im Festsaal einberufen.
Vor der Tür treffen wir Miß Kellogg. Der Unterricht
im ganzen Haus ist unterbrochen worden. Die Lehrer
sind von ihren Tischen aufgestanden, die Treibriemen
in den Shops stehen still. Wie wir, von Miß Kellogg
und dem Direktor der Schule geführt, den Festsaal be-
treten, ist der Saal, die Galerie schon zum Bersten voll.
336
Betäubendes Händeklatschen empfängt uns. Zwischen
den 1500 Schülern gehen wir zur Bühne des Saales,
nehmen in den Lehnsesseln auf der Bühne Platz. Der
Direktor stellt uns den Schülern vor. Erneuerte Applaus-
salve. Aus Berlin, der Hauptstadt des mächtigen deutschen
Reiches. Applaus. (Dank, heißen Dank im Namen des
Oberbürgermeisters!) Dann dürfen wir wieder nieder-
sitzen. Die erwählten Festordner der Schule treten an
die Rampe der Bühne vor und die Begrüßung nimmt
ihren Fortgang. Die beiden jungen Leute sind wahre
Athleten. Sie ziehen ihre Jacken aus, um sich freier be-
wegen zu können. Breitbeinig stellen sie sich hin und be-
gihnen mit großen Windmühlenflügelbewegungen Arme
und Oberkörper zu schwingen. Wie sie im Schwung sind,
machen sie die Rumpfbeuge und stoßen beide Fäuste hin-
unter, dem Boden zu. Der College- Yell ertönt, d. h.:
das Schulgebrüll, das Indianergebrüll der Schüler wird
im Takt, den die Athleten mit ihren Gebärden angeben,
ausgestoßen. Fünfzehnhundert junge Kehlen brüllen :
„Rah! Rah! Rah! — Reh! Reh!" —
Dann den Namen der Schule. —
Dann ein Pfiff zum Taubwerden. —
Hierauf wird der Schulgesang angestimmt, ein Hymnus,
dessen ausschließlicher Text der Name der Schule ist.
Da die Schule nach ihrem Stifter benannt ist und der
Name des Stifters auf deutsch ungefähr Friedrich Wilhelm
Schulze heißen könnte, so hört sich dieser Hymnus nicht
gerade erhebend an.
Nun treten die einzelnen Champions der Baseball- und
Fußballmannschaften, der Leichtgewichts-, der Bantam-
gewichts- und Schwergewichtschampion einzeln vor die
Rampe. Sie berichten der Versammlung von den Hoff-
nungen der Mannschaften und ihren eigenen Hoffnungen
für die nächsten Wettkämpfe. Von den Ursachen ihrer
Siege und von den Übungen, die sie unternommen haben,
um ihre Niederlagen wettzumachen. Applaussalven be-
lohnen diese Ausführung. Der Direktor an unserer Seite
22
337
sieht uns strahlend vor Vergnügen und Stolz an. Miß
Kelloggs liebes und gutmütiges Gesicht strahlt vor Ver-
gnügen und Stolz.
Händeklatschen geleitet uns durch die Reihen zurück.
Wir nehmen Abschied von den Studenten, dem Direktor,
den Professoren, von unserer liebenswürdigen Führerin.
— Draußen auf der Straße bleiben wir stehen, mein
Freund und ich und sehen uns an:
„Theater!" sagt mein Freund. „Haben Sie auf die
Uhr gesehen? Von drei Uhr bis sieben Minuten vor
vier hat die Prozedur gedauert ! Dreiundfünfzig Minuten
eines Schultages sind in Spielereien aufgegangen."
Und wenn's auch so ist? Ihren Lungen ist das Rah
Rah Rah wohl ganz gut bekommen. Zwischen Arbeit
und Arbeit haben sie eine Stunde lang von Sport ge-
sprochen. Zwei wildfremden Menschen haben sie Freund-
lichkeit bezeugt auf ihre Art, jawohl. Sie haben nicht
Theater vor ihnen gespielt, sondern haben sie an ihrem
eigenen Vergnügen teilhaben lassen. Wo steht's denn ge-
schrieben, daß der Unterricht wichtiger ist als die Pausen
zwischen den Stunden? Daß die Tretmühle vor dem
Baseballfeld rangiert ? Daß für junge kräftige Weltbürger
zwischen i6 und 20 Jahren der Leichtgewichtschampion
und seine Taten von minderer Wichtigkeit sein müssen
als alle Punkte der amerikanischen Verfassung und die Ge-
setze des Weltalls von Galilei bis Ostwald dazu ?
Gewiß lernt man in Amerika weniger 2^ugs in sich
hinein als in Europa. Aber ganz gewiß ! Das Eine weiß ich
o aber auch: von Schülerselbstmorden habe ich all die Zeit
in Amerika kein Wort gehört.
338
WESTLICH VON DER FREIHEITSSTATUE
ELLIS- EILAND
Ich muß nun ganz genau den Zeitpunkt nennen, an dem
diese Betrachtungen hier angestellt worden sind. Ellis-
Eiland ist keine Insel, sondern ein Prinzip, vielleicht das
höchste, das das demokratische Amerika zu befolgen hat,
und ein Problem noch dazu, das schwerste, vor das Amerika
heute gestellt ist. Und in diesem mit Blitzzuggeschwin-
digkeit lebenden Lande zeigt ein Prinzip, ein Problem am
Nachmittag ein ganz anderes Gesicht her, als es am Vor-
mittag hergezeigt hat. Die Notizen zu diesem Kapitel
habe ich im Januar 1912 mir aufgeschrieben. Ich bin im
Januar 1912 mit einem Paß, vom Kommissioner Williams,
dem Herrn der Insel, versehen, des Öfteren auf Ellis ge-
wesen, dies sei festgestellt.
Jetzt hört man viel von Bestrebungen, die darauf hin-
zielen: den Leuten, die mit wenig Geld und um zu ar-
beiten, nach den Staaten kommen, soll das Landen nicht
so leicht mehr gemacht werden, wie es vor Zeiten ge-
wesen ist. Diese Bestrebungen folgen aus zwei Ursachen:
physischen und sozusagen moralischen.
Die Quahtät der Zwischendecks menschen hat sich ver-
schlechtert. Ja! — höre ich allenthalben seufzen, wären
341
es die Teutonen, Skandinavier, Anglosachsen, Franzosen,
die hereinkommen, alles wäre in bester Ordnung. Es sind
aber die Sizilianer, Armenier, Türken, Syrer, Griechen,
die russischen Juden, die wir jetzt in erdrückender Mehr-
zahl herüberkriegen. Unerwünschtes Menschenmaterial
körperlich und seelisch, sein Hereinströmen fälscht, ent-
wertet den Typus des Amerikaners, heut schon merkt
man das; wohin es noch führen wird, ist kaum abzusehen.
In einer Eingabe, die Anfang 191 2 dem Kongreß der
„National Economic Society" in Washington, D. C,
vorlag, hieß es unter anderem : die hauptsächlichen Argu-
mente für die Einschränkung der Einwanderung sind:
es kommen mehr Menschen herein, als es gut für Amerika
ist; die Mehrzahl setzt sich in den ohnehin schon über-
völkerten Städten fest; an den Landwirtschaftsdistrikten,
in denen Not an Leuten herrscht, gehen diese Ankömm-
linge vorbei; sie assimilieren sich schlecht oder gar nicht,
ziehen es vor, kompakte Kolonien von fremdsprachiger
Bevölkerung mitten in den englischredenden Städten zu
bilden; sie verderben den Arbeitsmarkt durch Unter-
bietung der Löhne; die Zahl der Verbrecher nimmt zu;
ebenso die Zahl derjenigen, die gegen das Gesetz ver-
stoßen, indem sie heimlicherweise schon mit einem festen
Arbeitskontrakt in der Tasche Amerikas Boden betreten;
die Einwanderung schadet den wirtschaftlichen Verhält-
nissen Amerikas ebenso sehr, wie die Auswanderung den
Heimatsländern schadet.
Dies sind triftige Argumente, das muß man sagen.
Jedoch, ich hörte in Versammlungen zu, las in Artikeln,
wie ernste und gutgesinnte Amerikaner sie in den wich-
tigeren Punkten widerlegten, dasselbe geschah in Ge-
sprächen, die ich mit wohlorientierten Freunden über
dies Thema führen durfte.
Die Rückwanderung ist beträchtlich. Im letzten Jahr-
zehnt kamen 5 ^f^ Millionen Menschen nach Amerika, von
diesen sind aber nur 60 Prozent geblieben. — Die Ein-
wanderung war in diesem Jahrzehnt eine geringere als
342
in früheren. — (Überdies läßt es sich feststellen, daß die
Gegner der Einwanderung vor genau loo Jahren, bei
einer jährlichen Einwanderung von 2800 Menschen genau
dieselben Argumente ins Treffen geführt haben wie die
Heutigen angesichts einer Einwanderung von durch-
schnittlich fünfmalhunderttausend pro Jahr!)
Die Masse der Einwanderer drückt wohl die Löhne.
Wer aber profitiert davon? Wer ist verantwortlich zu
machen dafür, daß diese Masse ausgebeutet, daß ihr der
Lebensunterhalt erschwert wird, daß Hungerlöhne für
gute und ehrliche Arbeit gezählt werden? Herren mit
englisch klingenden Namen : Carnegie, Rockefeiler, Hill, usf. <>
Übrigens kommen Abertausende jährlich nach Amerika,
die hier nicht das Land höherer Löhne, sondern höherer
Menschenrechte suchen; zumal unter den verfemten,
verschrieenen, angespuckten rumänischen, russischen, sy-
rischen Juden finden sich diese Tausende. —
Kein Mensch kann sich seine Eltern, seine Heimat wäh-
len. Soll ihm, wenn er sie überm Wasser entdeckt, diese
Heimat seiner Hoffnung versperrt werden aus Brotneid?
Was wäre dann Amerika, die Mutter und Trösterin der «>
Verfolgten, Gekränkten, der Niedergetretenen?
Der „unerwünschte" Einwanderer! Ist denn nicht ge-
rade Amerika das Land, in dem aus dem Unerwünschten
ein Willkommener, aus dem Getretenen ein Aufrechter,
aus dem Halbtier ein ganzer Mensch gemacht werden
kann? Wo gibt es denn heute noch ein Land, das in
solchem Tempo Menschen erzöge, wie Amerika es tut?
Nicht zum Geldkampf, zur Erwerbstüchtigkeit allein, -»
vielmehr zu einem Ideal, dem Ideal Lincolns, des Men-
schenrechtes .
Ich meine : sind es die heimischen wirtschaftlichen Ver-
hältnisse Amerikas, die eine Einschränkung der Einwande-
rung nahelegen, so, zum Teufel: reformiert doch Eur^
wirtschaftlichen Verhältnisse und laßt nicht die un-
schuldigen Bessarabier, die von „meriki" wie vom Jen-
seits träumen, sie entgelten!
343
o Wirklich, wer hier nach einem Aufenthalt von 6 Mo-
naten nichts andres entdeckt hat als ein Land der un-
begrenzten Erfolgs- und Geldmachens-Möglichkeiten, ge-
hört als unerwünschter Einwanderer mit nächster Eilpost
zurückbefördert dorthin, woher er kam.
Die Weisheit stammt nicht von mir: was nach Ame-
rika zieht, ist, Ellis Island mit seinen Quarantänebaracken
und seinen Spezial-Gerichtshöfen in Ehren, gewissermaßen
die Auslese der Menschheit, Kraft und zentrifugale Men-
schensehnsucht der alten Nationen drüben. — Wer seine
alten Verhältnisse im Stiche läßt, um den Kampf mit
Amerika aufzunehmen, ist ein Amerikaner von Geblüt
und hat das Sternenbanner in seinen Venen und Arterien
wehen. Aktivität und Energie sind seine Losungsworte.
Das bedauernswerte Schicksal, dem die Ureinwohner, die
Indianer, und auch bis zu einem gewissen Grade die herein-
gebrachten Neger verfallen sind, darf nicht allein auf
Rassenhaß zurückgeführt werden, sondern auf die Ver-
achtung viel eher, die der Tüchtige für den Zurück-
bleibenden, den „slow one", den Faulen und Resignieren-
den, empfindet. Wenn der Amerikaner es hochmütig ab-
lehnt, den Indianer oder den Neger als seinesgleichen zu
achten, kämpft er sozusagen für eines der fundamentalen
Prinzipe seiner Rasse. In seiner Rasse hat sich die Leb-
haftigkeit des Italieners, der Scharfsinn des Juden, die
Gründlichkeit des Deutschen, der Fanatismus des Skan-
dinaviers zu einer außerordentlichen Mischung ver-
einigt. .Die Tüchtigsten, von treibender Phantasie am
meisten erfüllten Kinder aller Nationen haben diese
Mischung gewürzt.
Verhältnisse der alten Heimat haben das so mit sich ge-
bracht, daß die Einwanderung der angelsächsischen, skandi-
er navischen, teutonischen Rassen sich vermindert hat. Royce,
ein Nachkomme der Pilgerväter, beklagt sich in einem
seiner Bücher bitter über ein Erlebnis, das ihm nach ver-
hältnismäßig kurzer Abwesenheit von Amerika wider-
fahren ist: sein erster Gang nach der Rückkehr führte ihn
344
durch die 14 te Straße Newyorks — kein englisches Wort
war zu hören, kein amerikanisches Gesicht zu sehen!
Royce hat recht. Der Typus und Gesamt charakter des
Americanos erleidet durch diese Zuwanderung aus den
Mittelmeergegenden gewiß eine Wandlung. Royce wird
sich gewöhnen müssen an das veränderte Gesicht der I4ten
Straße. Die Prinzipien der demokratischen Stifter haben
sich nicht auf Menschen bestimmter Himmelsstriche be-
zogen, das Wort unerwünscht stand gewiß nicht in
ihrem Wörterbuch. Wenn der amerikanische Typus auch
allmählich aufhört, dem der Pilgerväter zu ähneln, so
wird er doch für den drüben sitzen gebliebenen Europäer
der transatlantische Typus bleiben, nun muß eben Ame-
rika die demokratischen Prinzipien seiner Stifter stärken
und festigen, daß ihnen die veränderte Einwanderung
nichts anhaben könne.
In einer flüchtigen Skizze wie dieser ist es gefährlich, das
ungeheuer wichtige Problem der „zweiten Generation"
zu erörtern. Auch wage ich es kaum, hier vom charak-
teristischen Problem des amerikanischen Juden zu sprechen.
Im eben Eingewanderten verharrt das Clan-Gefühl vor-
erst eine Weile und wirkt wohl auch noch — verschwächt —
in seinen Kindern, die er mitbringt, nach. Aus erklär-
lichen Gründen sucht er sich seineil Wohnort fürs erste
in* der Nähe seiner Landsleute, weil er ja' die Sprache des
Landes erst erlernen muß. Der Ire hält zum Iren, der
Napolitaner verachtet den Sizilianer, dieser den Juden.
Eine Nation brodelt kürzer mit ihrem spezifischen Ge-
stank im „Schmelztiegel", die andre länger.
Aber in zehn Jahren sind diese Reminiszenzen an die
alte Heimat geschwunden. Sieh dir in den Städten die
Kinder, die zweite Generation der Eingewanderten, an,
die Kinder der Rassen, die sich in der alten Heimat am
liebsten, wie Aquariumsticre , gegenseitig aufgefressen
hätten, Böhmen und Deutschösterreicher, Polen und
Russen, Türken und Armenier, sieh, wie sie im fried-
345
liehen Wettbewerb nebeneinander wohnen und sich ver-
tragen, dies ist Amerika! Sieh, sie vereinigen sich zu
einem gemeinsamen Ansturm, gegen einen gemein-
samen Feind, den Ausbeuter, das Kapital, sieh, aus den
nationalen Kampfhähnen sind Soldaten des Weltkampfes
geworden. Horch hin, wie aus tausend versteckten, ver-
hunzten Mischsprachen, ohne Literatur, ohne Zukunft,
die Eine, Englische Weltsprache siegreich hervorsteigt,
horch, da vollzieht sich das große Werk der Verbrüderung,
o Es ist eine Lüge, daß die Einwanderer sich nicht assi-
milieren. Sie lernen Englisch. Durch den Trichter der
Sprache bekommen sie englische Denkweise, und die
Sinnesart, aus der sie entsprang, in ihre stumpfen Ge-
hirne hineingeflößt. Die zweite Generation (zumal der
aus Rußland eingewanderten Juden, wie ich das in Schulen
und Asylen hörte und durch Anschauung bestätigt fand)
spricht Englisch, sieht ausgeprägt amerikanisch aus, die
dritte hat vergessen, wo die Großväter herkamen, Amerika
ist ja, bis auf jene Unglücklichen in den Reservationen,
ein Land von Einwanderern.
In großartiger Weise sorgt die amerikanische Volksschule,
wie ich im Kapitel „Chicago'' angedeutet habe, dafür,
daß diese Assimilation gründlich vor sich gehe. Auch durch
die alltägliche „Begeisterungsstunde", in der die Schüler
den Schwur auf die Flagge ablegen müssen. (Einem solchen
„Flaggensalut" wohnte ich in Newyork auf Einladung des
freundlichen Direktors in der 114. Schule an der Oak- und
Oliverstreet mitten im kunterbuntesten Tenementviertel
der Ost"5eite bei.)
Amüsant ist es, wie der Einbürgerung sodann künstlich
nachgeholfen wird. Blumenthal, Lehmann und Zickel ver-
wandeln sich im Handumdrehen in Bloemingdale, Lyman
und Seagle. Der legendäre Jankele, der auf sein Firmen-
o Schild kurz entschlossen „John Kelly" hat malen lassen,
wußte ebenso gut, daß es klug ist, einen irisch klingenden
Nam^n zu haben, wie der Napolitaner Pasquale Salvini,
der heute Patsy SuUivan heißt, und Orazio Danieli aus
346
Catania, der unter dem Namen Dan O'Hara Zitronen
importiert.
Das Ghetto auf der Ostseite Newvorks, mit seinem
unerhörten Schmutz, asiatischen Gewimmel und Ge-
rüchen, ist im großen ganzen der Wohnort der eben erst
Hereingekommenen, dann der „jüdischen Indianer und
Neger", wie ich jene Elemente nennen möchte, die das
Tempo nicht einhalten können, die zurückbleiben. Im
Bronx- Viertel , in Harlem aber sind schon viel nettere,
reinere und luftreichere Ghettos ; in ihnen hausen Juden,
die Amerika schon näher gekommen sind. Natürlich läßt
sich das alles nicht so einfach und primitiv durch die
Topographie dekretieren ! Immerhin hat das revolutionäre,
das heißt das wertvollste Element unter den russischen
Juden nicht unter dem Lumpenproletariat der „Ostseite",
sondern hier oben in den nördlichen Stadtteilen sein
Zentrum.
Unten im Eastend stehen fünf ausgezeichnete Theater
(von denen ich in anderem Zusammenhange berichten
werde), in ihnen wird Jiddisch, d. h. im Jargon gespielt.
Die Kinder der Besucher dieser Theater sind jedoch schon
in den Englisch spielenden Theatern des Broadway und
der Uptown zu finden. (Im Parkett und auf der Bühne.)
Sie sprechen nur mehr mit ihren alten Eltern im Jargon,
untereinander aber ein reines, akzentfreies Englisch. Ihr
Judentum verleugnen sie darum keineswegs. Es ist unter
den jungen, das beste Englisch sprechenden und das
beste Amerikanisch fühlenden Juden der ,, zweiten. Gene-
ration" sogar eine starke Bewegung im Zuge, die sich
die Förderung einer neuen hebräischen Literatur zur
Aufgabe gemacht hat.
In diesem Zusammenhange kann ich mich nicht ent-
halten, ein paar Worte über den Antisemitismus in
Amerika herzuschreiben. Als ich Commissioner Williams
frug, ob sich die Restriktionsbestrebungen in erster Linie
nicht gegen die Juden kehrten, die aus Europas Osten
herüberkommen, hat Commissioner Williams dies ent-
347
rüstet verneint. (Wie er auch das Vorhandensein der
Restriktionsbewegung nicht zugeben wollte.) Allein^ ich
kann mir nicht helfen, die gegenwärtige einwanderungs-
feindliche Tendenz des Amerikaners und der amerika-
nische Antisemitismus scheinen mir Zwillingsgeschwister
zu sein. Und sind es auch. Speziell in Newyork habe
ich diese Wahrnehmung recht lebhaft machen müssen.
Ein ausgemacht trauriges Faktum ist es ja, daß die New-
yorker Ostseite einen starken Prozentsatz zum Verbrecher-
tum und der Prostitution beisteuert. Berühmte „gangs"
von jüdischen hooligans machen die downtown unsicher;
es gibt dort sogar eine jüdische Camorra, die „Schtarkes",
nach dem leuchtenden Vorbild der „Schwarzen Hand"
organisierte Erpresser und Pferdevergifter. Der jähe Klima-
wechsel vom Pogrom zur Freiheit wirkt eben in ver-
schiedenen Bevölkerungsschichten und Intelligenzniveaus
verschieden.
Dann gibt es, nach einer oberflächlichen Schätzung,
heute in der Stadt Newyork 900000 Juden. Von einem
Galuth, einem Exil, kann da nicht gut die Rede sein.
Viel eher von einem neuen Zion! Sie fühlen sich hei-
misch, was sie in der alten Heimat nie von sich sagen
konnten, und die Äußerungen dieses Gefühls wollen den
Leuten, die sich schon durch die Tradition daran ge-
wöhnt haben, daß der Jude sich ducken muß, wenig
behagen.
Dazu kommt, daß sich das öffentliche Leben ihres
wachsenden Einflusses mühsam erwehrt. In den Univer-
sitäten sitzen helle jüdische Schwarzköpfe, die die eng-
lischen Schüler bald überflügelt haben werden. Im Land
des freien Wettbewerbs läßt sich's voraussagen, daß der
kleine Eastsider mit dem aristokratischen Mayflowermann
bald ins Handgemenge geraten wird!
Diese Bedrängnis nährt das Gewächs des Antisemitis-
mus, das hier und dort sein Haupt aufzuschlagen beginnt.
Vorerst wendet sich der vornehme Neuengländer selbst-
verständlich gegen die Krapüle der Ersten Generation.
348
Der Schmutz der Ostseite ist ihm ebenso verhaßt und
widerlich wie die diamantenbesäte, vorlaute Unkultur des
Parvenüs aus der fünften Avenue. Dummerweise aber ver-
wehrt der christliche Parvenü dem jüdischen den Zutritt
zu seinem Haus, sondert sich die Jugend von der Jugend.
Vorerst ist dies ganz eklatant in den „oberen Schichten"
w^ahrzunehmen , allmählich sickert es in die mittleren
ein. In Villenvorstädten protestieren die christlichen
Einwohner gegen die Ansiedlung jüdischer. In Ellubs,
in Komitees fliegen schwarze Kugeln in die Büchse,
soll ein Jude gewählt werden. Anzeichen deuten darauf
hin, daß der aristokratische Puritaner sich mit dem «*
irischen Katholiken zu einem Bund gegen den auf-
strebenden amerikanischen Juden vereinigt. (Man sollte
glauben, daß diese Hetze den amerikanischen Juden
dazu brächte, an den demokratischen Prinzipien des
Landes irre zu werden, sie als Firlefanz zu verachten, sich
feindlichen Strömungen anzuschließen, um Revanche
zu üben für die Verachtung, die er in dem freien Lande
erdulden muß? Gefehlt! Mit der imperialistischen Pro-
paganda hat, soweit der Ausländer das überblicken kann,
der amerikanische Jude weniger zu schaffen als seine
Feinde im eignen Lande.)
Der Amerikaner liebt es natürlich nicht, wenn man
ihm den Antisemitismus, dies europäische Laster, diese
Krankheit, an der zurückbleibende Volksorganismen zu
leiden pflegen, vorwirft. Zum Glück hat er ja auch
keine Aussicht auf allzugefährliches Umsichgreifen. Schon
darum, weil die Mächtigen des Kapitals unter den Chri-
sten zu suchen sind. — Eine Klasse, d. h. eine gewisse
Schichte der Bevölkerung, die sich als „Klasse'* auf-
spielen möchte, nicht aber das Volk Amerikas hat mit
dem amerikanischen Antisemitismus zu tun. Diese Klasse
ist es, die durch Restriktionsgeschrei das Land verwirren,
die Blicke des Landes von dem wahren Sitz der Gefahr
ablenken möchte. Die fünfte Avenue hat eine Reform
dringender nötig als EUis Island. —
349
Wer die amerikanischen Apostel der konsequenten
Rassenverbesserung für keine Horde von ausgemachten
Narren hält, muß den Maßregeln beipflichten, die das
Hereinkommen von Krüppeln, Idioten, Syphilitikern und
mit ansteckenden Hautkrankheiten Behafteten verhindern.
Aber die Fanatiker der „Einschränkung" möchten jetzt
Leuten, die mit weniger als 4 Dollar herüberkamen, den
Eintritt verweigern, Analphabeten zurückschicken,
o Ist das noch Amerika, das seine Bürger danach einteilt :
hast du 4 Dollar in der Tasche oder nicht, kannst du das
ABC oder nicht?
Der Kerl, der mit 25 Dollar einzieht, die er in einer
Spelunke der Ostseite in der ersten Nacht verjuxt, um
darauf in der zweiten als Mitglied der Taschendiebgilde auf
Raub auszuziehen — der ist also erwünschter, als der
arme Slowakenjunge, der frisch und willig und mit einem
Zehncent- Stück in der Tasche Amerikaner werden
möchte. Der suspekte Kerl, der sogar einen fremden
Namen einwandfrei unter ein Schriftstück schreiben kann,
wenn's drauf ankömmt, ist also erwünschter als der Arme,
der als kleines Kind in den Schwefelbergwerken oder auf
den Hungeräckern fürs Brot schuften mußte, statt in der
Schule unter den ABC-Schützen stillsitzen zu können?
Außer seinen vier Dollar und seinem Alphabet muß
jeder Zwischendecker, der die sanitäre Kontrolle passiert
hat, und der nachweisen kann, daß er dem Land nicht zur
liast fallen wird, ein Zertifikat der Heimatsbehörde über
gute Führung vorweisen. Diesen Empfang bereitet Amerika
jetzt seinen Einwanderern, westlich der Freiheitsstatue.
Es ist wirklich schwer, einige Vorschläge zu unter-
drücken. So z. B., daß auf den Fragebogen, den jeder
beim Verlassen des Heimatshafens ausfüllen muß, statt
der Frage: ob er Polygamist sei, die Frage: „Willst du,
daß deine Kinder Amerikaner werden?" gedruckt werde.
Statt der Frage: bist du Anarchist? diese: „Was ist dir
lieber, eine staatliche Vertretung kapitalistischer Interessen
oder gar keine?"
350
Gegen eine Kontrolle gewisser mit unerlaubten Mitteln
arbeitenden Dampfschiffgesellschaften wäre nichts zu
sagen. Ebensowenig gegen eine scharfe Einschränkung der
Padrone- Wirtschaft, die den unkundigen Einwanderer
gleich vom Landungssteg wegschnappt und für ihre kor-
rupten politischen Zwecke, Tammany-Hall und ge-
wissenlose Arbeitsunternehmer kapert und aussaugt.
Diese beiden Krebsschäden, die kleinen, wie die Pilze
aufschießenden Mittelmeer-Linien und die Pseudo-Ar-
beitsvermittler, in Wahrheit Sklavenhändler, fressen als gif-
tige Feinde an dem modernen Amerika, nicht aber ein Minus o
von einem Dollar und die Unkenntnis des Alphabets.
(Padrone heißt nicht so viel, daß diese Spezies nur unter
den Italienern zu finden sei; in jüdischen, griechischen,
türkischen, ungarischen Wörterbüchern findet sich der
Titel des Kerls, der in der Nähe der Landungsplätze in
tausend verschiedensprachigen Logierhäusern lauernd wie
eine Spinne sitzt und seine Netze über das ganze Land
gezogen hat. Ein Bekannter erzählte mir, daß ihn eines
Tages auf dem Schiff ein Zwischendecker gefragt hat:
,,Wie lange muß man in Amerika leben, um ein o
Irländer zu werden?" Diese Rasse hat nämlich in
Amerika den höchstentwickelten und erfolgreichsten
Typus des politischen Padrone, des Boss, Sklavenhalters
und Stimmenfängers hervorgebracht.)
Nur ein Wort von der Rückwanderung. In der
Rückwanderung der Leute, die sich in Amerika zu Ameri-
kanern entwickelt haben, liegt die größte Chance des
Fortschritts, die den zurückgebliebenen Staaten und
unterdrückten Völkern der alten Welt erwachsen kann
heutigen Tages.
EUis Island ist ebensosehr ein amerikanisches Problem
wie ein Problem Europas. —
Wie ich schon am Anfang dieses Buches erwähnt habe,
sieht EUis Island, wenn man in die Bai von Newvork
hereinfährt, wie eine Kreuzung von Zuchthaus und La-
351
zarett aus. Jetzt, da ich die Rundfahrt durch den Konti-
nent beschlossen habe, und das Eiland, von Manhattan
herkommend, betrete, befestigt sich dieser Eindruck in
mir.
Den Kern des Eilands bildet eine große, mit einer
Galerie versehene Halle im Mittelpunkt des Zentral-
gebäudes. Sie ist weiß getüncht; der einzige Farbenfleck
in ihr ist das Sternenbanner, das von der Galeriebrüstung
herunterhängt und dem Menschenkinde, das aus den Ärzte-
hallen heraufkommend die Halle betritt, sogleich ins Auge
springen soll.
Reihen von Bänken empfangen den Ankömmling, hohe
eiserne Gitter umgeben diese Reihen. Kein Entkommen.
Vor dem Ausgang der Reihen stehen Beamte hinter
Pulten, jeder aus den Reihen muß sie passieren. Muß
einem dieser Beamten, die alle Sprachen der Erde spre-
chen. Rede und Antwort stehen, ihm seine Papiere vor-
2xigen; dies ist seine erste Behörde. Wer sie glücklich
passiert hat, marschiert rechts über eine Treppe hinunter,
zur Fähre, die nach Manhattan fährt — er ist schon so gut
wie Amerikaner.
Die aber eine gelbe Karte in die Hand gedrückt er-
hielten, gelangen links ins Fegefeuer, wenn nicht in die
Hölle. Sie kommen wieder in Räume mit hohen Gittern
um sie herum, in Hallen, endlose Gänge, Gitterkorridore,
die mich augenblicklich an die Schleusen in den Chicagoer
Schlachthäusern erinnern, durch die die Viehherden zur
Schlachtbank gejagt werden. Keiner von diesen Kor-
ridoren führt nach Amerika. Viele führen ins Labyrinth
des Wahnsinns, der Verzweiflung, des Selbstmords, viele
an Amerika vorbei, ins alte Land zurück, in die bleierne,
endgültige Hoffnungslosigkeit. In all diesen Gitter-
räumen wohnt das Unglück. Dies ist EUis Island, die
Insel der Pein, des Gerichtes, der mißbrauchten Geduld,
des nackten Schicksals, des ungerechten Rächers; kein
Blake vermöchte den Racheengel zu zeichnen, zu singen,
der über Ellis in einer Wolke von Angst, Wimmern, Folter
352
Du Haue
und Gotteslästerung thront all diese Tage, die wir im
freien Land verleben.
Heute ist großer Tag auf Ellis. Zwei Schiffe des
Norddeutschen Lloyd, der „George Washington" und
die „Berlin" haben etwa zweitausend Menschen im
Zwischendeck mitgebracht; Schiffe der Holland- Amerika-,
White-Star-, Anchor-Line und italienische weitere 1800.
All dies Gewimmel ergießt sich über die Bankreihen hinter
den Gittern und schiebt sich langsam den Pulten der
Kontrollbeamten entgegen. Wirklich, wenn ich vor dem
Gitter so für mich entlanggehe und mir die künftigen
Amerikaner hinter den Stäben ansehe, da will mich fast
dieselbe Empörung überlaufen, die der gute, altem Puri-
tanerstamm entsprossene Neuengländer empfinden muß,
denkt er daran, was alles jetzt sein Kompatriot werden
und heißen möchte.
Kann eine Gemeinschaft bestehen zwischen jenem
alten, edlen und reinen Stamm, der die Ideale dieses Kon-
tinents hereingebracht, verteidigt und hochgehalten hat
Hunderte von Jahren lang, und diesen elenden, tierisch
glotzenden Gesellen dahier, diese rstupiden, ungeschlachten
Menagerie hinter dem Gitter? Im ersten Augenblick ist
'3 353
die Versuchung da, den Restriktionisten recht zu geben,
die sich gegen solchen Zuwachs auflehnen, diese Menschen-
qualität als Amerikaner ablehnen, ihre Prinzipien von
solchem Volk nicht gefährden lassen wollen.
Aber gleich korrigiere ich meinen Eindruck, indem ich
mich zwinge, durch die Zerlumptheit des bestialischen
Volks dahier die Söhne, die zweite Generation, zu erblicken.
Damit ist auf einmal auch das letzte Bedenken weg. —
Man hat Leute, denen nichts gefehlt hat, abgewiesen,
weil sie zu häßlich waren. Das ist pittoresk und mehr oder
minder entschuldigt. Denn es liegt eine Aufwallung
hinter dieser offenbaren Ungerechtigkeit und eine Ver-
heißung werdender Kultur. Aber wenn man von einem
Plattfüßigen hört, der zurückgeschickt wurde, dann möchte
man den Herrn beim Pult fragen: vielleicht wird die Zu-
kunft Amerikas auch durch Fische mit dem Messer Essen
gefährdet i Hier sieht man das Kautschuk sich schon etwas
gar zu unverschämt dehnen und wird verstimmt.
Die hauptsächliche Sorge der Prüfungskommission aber
bleibt: wird der Einwanderer für sich selber sorgen kön-
nen? Werden seine Freunde und Angehörigen für ihn
sorgen ? Oder wird er der Öffentlichkeit, den Staats- und
privaten Wohltätigkeitseinrichtungen zur Last fallen?
Mit seiner gelben Karte wird „der Fall" in eins der
zahllosen Zimmer gebracht, die den Sammelnamen:
„Detentions-Quarters", Haft- Viertel, führen. Hier krampft
sich dein Herz zusammen, Wanderer mit dem Paß, der
dir dieses Viertel des Menschen] ammers erschließt, für
vier Wochen, durch die Gunst des Herrn der Insel. —
Hier ist der Raum der Verlassenen, deren Angehörige
sich nicht gemeldet haben bei ihrer Ankunft in
Amerika.
Wie ich an dem Gitter dieser Abteilung vorübergehe,
stürzen fünf Weiber mit zerrauftem Haar und leergewein-
ten Augen aufs Gitter zu, rufen mich an, wollen in fünf
mir unbekannten Sprachen von mir erfahren, ob ich den
354
oder jenen kenne, in Scranton, in Brooklyn drüben oder
gar in dem benachbarten Hoboken? (Diese Ortsnamen
allein verstehe ich.) Und ich muß mir, während ich kopf-
schüttelnd weitergehe, denken, daß diese Ärmsten da-
hier Damaskus, Odessa und Saloniki näher sind als dem
zehn Minuten fernen Brooklyn und Hoboken!
Ist ihre geringe Barschaft auf Kost und Unterkunft in
EUis draufgegangen und kam keiner, sich ihrer anzu-
nehmen, so werden sie, ohne Amerikas Boden berührt
zu haben, in ihre Heimat zurückbefördert, und niemand
frage danach, wie diese sie empfangen wird.
Ein Weinen, Blöken, hier und da ein kurzes schrilles
Gezeter, das rasch zusammensinkt, tönt aus diesem ver-
gitterten Quartier heraus. Plötzlich wird's mäuschenstill
dahinten. Ein Mann in blauer Uniform geht an mir
vorbei, schließt mit einem Schlüsselbund rasselnd die
Gittertür des Zwingers auf und tritt unter die mit einem-
mal wild gewordenen, vor Schmerz und Hoffnung wild-
gewordenen Tiere dort hinten ein. In seiner Hand hält
er ein Päcklein Telegramme, Briefe, Postkarten.
Laut ruft er die Namen der Adressaten in das verzerrte,
stoßende, herankollernde Gewühl hinein. Ein paar Ge-
stalten stürzen auf den Bändiger los. Ein paar kurze, wilde
Glücksschreie ertönen. Dann ist das Päckchen verteilt.
Das stumpfe Gewinsel, Geblöke, das jammernde Gezeter
hebt von neuem an, verstärkt — während hier, draußen,
wo ich stehe, die Glücklichen, in den Armen ihrer freude-
strahlenden Angehörigen zur Fähre hinunterströmen,
lachend und selig dem Land der Verheißung*entgegen.
Weiter weg sind die kleinen Zimmer, in denen Men-
schen nach Kategorien von Fällen gesondert auf-
gehoben sind. Es sind ausnahmslos kahle, kalte, weiß-
getünchte Räume ohne jeden Schmuck, mit harten Prit-
schen, eisernen Bettstellen, Räume, in denen die Hoffnung
erdrosselt niedersinkt beim ersten Anblick.
In einem dieser Zimmer kriege ich drei kleine Mäd-
23* 355
chen zu sehen, die den dritten Monat hier verleben.
Ihr jüngstes Schwesterlein ist im November auf dem
Schiff erkrankt und liegt im Lazarett. Wenn es genesen
sein wird, werden die viere zusammen zu ihrer Familie,
die das zweimalige Abholen nicht erschwingen kann,
nach dem Westen befördert werden. Eng sitzen sie bei-
sammen, die kleinen Mädchen, wie schläfrige frierende
Vögel. Das Alteste ist zwölf Jahre alt. Stumm blickt es uns
an, wie wir hereinkommen. Es versteht. Mit großen Augen
blickt es uns an, ohne zu sprechen, zu fragen. Es hat diese
Welt der Armut erkannt und durchschaut. Es ist geduldig,
wissend geworden beizeiten. Es weiß: dieses Erdenleben
wird ja für sie doch nur eine Kette von Gefängnisräumen
sein. Ruhig sitzt sie da, ihre dünnen Ärmchen um die beiden
schläfrigen Schwesterchen geschlungen, und schweigt.
Ein furchtbares Zimmer nebenan beherbergt Prosti-
tuierte. Es sind, fast ohne Ausnahme, polnische und ru-
mänische Jüdinnen. In ihren Papieren war etwas nicht in
Ordnung. Unter einer zurechtgedrechselten Phrase
zwinkerte der „Weiße Sklavenparagraph" verräterisch
hervor. Mit diesen Elendsten wird kurzer Prozeß gemacht.
Zudem sind sie fast durchweg krank. Unter den billigen,
grellen Halsketten tragen sie die Narben ihres Schicksals.
Hier ist der Raum, in dem die Schwachsinnigen, die
Krüppel, das HöUenbreughelvolk der Mißgeburten her-
umsitzt, herumschwadroniert, herumlungert. Hier der
Raum der Angehörigen jener Unglücklichen, die die
Ärzte unten bei der Untersuchung zurückgehalten haben.
Ganze Familien sind hier versammelt, dieser fehlt der
Ernährer, jener die Mutter. Sie werden mit den Kranken
zurück müssen in die alte Heimat, ohne vom gelobten Land
mehr gesehen zu haben als die absonderliche Silhouette
Manhattans fern im Winternebel.
In einem Korridor wird mir ein junger Mann vorgestellt,
ein junger, kräftiger Russe mit einem schönen, franken
Blick und gutem Händedruck.
3S6
Dies ist Zallel M., der Held von Riga.
Um ihn geht ein großer Kampf hin und her, zwischen »
EUis, das ihn als einen, der wegen Mordes in Rußland ge-
sessen hat, deportieren möchte, und der amerikanischen
,,Liga zum Schutze politischer Flüchtlinge", die sich
seines Falles angenommen hat. Es gibt auf der Insel dahier
eine Anzahl solcher Schutzkomitees, sie nehmen sich ein-
zelner Fälle an, und der Kampf zwischen der Insel und
Washington dauert zuweilen länger, als es dem Körper
und dem Gehirn desjenigen zuträglich ist, der den „Fall"
darstellt. Seit sieben Wochen sitzt Zallel hier. Siegt die
Insel, so muß Zallel zurück, und sein Schicksal — als ehe-
maligen Mitgliedes des „Bund" und der „lettischen revo-
lutionären Partei" — ist im Moment, da er vom Schiff auf
russischen Boden tritt, besiegelt.
Aber schon nächste Woche erzählt man mir, er sei frei
und in Manhattan unter dem Jubel seiner Freunde ge-
landet. Der verdienstvolle und aufopfernde Anwalt jener
Liga, Simon O. Pollock, verdient jedenfalls den Ehren-
titel, ein Amerikaner zu sein, obzwar seine Ahnen wahr-
scheinlich nicht auf der „Mayflower" herübergekommen
sind.
Gegen welche Macht nun haben diese privaten Komi-
tees, die mit dem Gelde wohlmeinender Bürger und
Menschenfreunde arbeiten, anzukämpfen?
Mein Paß gewährt mir Zutritt zu einigen kleinen Zim-
mern, in denen die Gerichtshöfe, die „Special Courts of
Inquiry" tagen. Täglich von zehn bis vier defilieren hier
die gelben Karten vorbei, hier wird Wohl und Wehe der
Fälle entschieden. Das Amt der Richter dahier ist nicht
leicht, das steht fest. Ihre Geduld wird auf eine harte
Probe gestellt. Mancher „Fall", zumal wenn er den einer
allein reisenden Frau vorstellt, kommt in einem schlau
präparierten Lügennetz und Gewebe heranmarschiert,
und ein Eklat, .ein falscher Schiedsspruch, ein Justiz-
irrtum, der vor die Öffentlichkeit gelangt, wird von den
357
EUis feindlich gesinnten Blättern weidlich ausgenutzt und
breitgetreten. Mag es sich dabei um absichtliche Miß-
gunst oder simple menschliche Unzulänglichkeit der
Richter handeln.
Diese Richter sind nun, und das ist das Fatale, will mir's
scheinen, keineswegs für ihren schwierigen und verant-
wortungsvollen Beruf vorgebildete Leute. Es sind tüch-
tige, intelligente und erprobte Inspektoren, nicht mehr
und nicht weniger. Sie verfügen schon über eine Dosis Er-
fahrung, Mutterwitz, Geduld, vielleicht Wohlwollen, aber
man kann es sich vorstellen, in welchem Tempo all diese
guten Eigenschaften sich in diesen halbgebildeten und
fortwährend agacierten Menschen bei dem anstrengenden
Dienst, der ihnen auferlegt ist, verkehren, wenn nicht
verflüchtigen.
Welche Schicksale, welche grotesken Anekdoten, welche
Kartenhäuser von Menschenzusammenhängen habe ich
in den Stunden, die ich in ,,Room B" verbrachte, sich
aufrichten, zusammenstürzen, weggefegt gesehn — stille!
Wiedersehen zwischen Eltern und Kindern, Brautleuten,
Freunden und Verwandten, enttäuschte Erkennungs-
blicke, gebrochene Eheversprechen, brühwarm emp-
fangene Nachricht über Irrsinn, Untergang, Verschwin-
den nächster Angehöriger, Todesangst, kalte List und
Zerknirschung, drohender Mord und zermalpite Hoff-
nungen passieren die Tische, an denen die gähnenden,
übermüdeten Dolmetscher, die geduldig oder zerstreut
hinhorchenden, gelangweilten oder amüsierten, langsam
Gummi kauenden Inspektoren sitzen. Sie dürfen nicht lange
fackeln, eins zwei drei müssen sie entscheiden, ob das, was
man ihnen erzählt, auf Betrug oder Unwissenheit zurück-
zuführen ist. Kein Aufschub! Denn jede Stunde auf
EUis kostet Geld, erst das des „Falles", nachher das der
Union. Die Inspektoren- Richter bekleiden ein schwie-
rigeres Amt als die Ärzte unten, die mit Universitäts-
diplomen gewappneten Arzte in den Quarantänehallen.
Wünschte man sich, daß auf ihren Plätzen dahier wirkliche,
358
durchaus gebildete, befähigte Richter säßen, wie drüben
in den Gerichtshöfen Manhattans, der ganzen Union?
Nun, man wünschte es, wäre man nicht im Herzen tief
von der Wahrheit überzeugt: daß kein Mensch auf Erden
befähigt noch berufen ist, über das Schicksal seines Mit-
menschen zu verfügen, Recht oder Unrecht zu sprechen.
Unten, in den großen Hallen, aus denen der Weg grad-
aus, frei und ungehindert nach Amerika hinausführt,
warten die Glücklichen lärmend, essend, singend und
schwatzend, ihr Geld zählend, alkoholfreie Getränke trin-
kend, auf die Fähren, die sie nach Manhattan, nach den
Stationen der Lackawanna, Grand Central, Baltimore
and Ohio in Brooklyn, New Jersey, Long Island hinüber
befördern werden. Agenten der Bahngesellschaften trei-
ben Rudel von gleichfarbig Bezettelten in Korridore
hinein, die zu den Fähren führen. Evangelische Bibel- und
Traktätleinhausierer laufen mit ihrer Gottesware herum,
machen gute Geschäfte, die Evangelien Lukä und Matthaei
gehen wie warme Semmeln ab. Hier lernen die Kinder der
Alten Welt zum erstenmal, daß eine Schinkenstulle in
Amerika soviel kostet wie drüben ein Laib Brot und ein
ganzes Schwein, ein Apfel soviel wie drüben ein Apfel-
baum, und daß Sodawasser teurer ist als Sliwowitz und
schlechter schmeckt.
Vieles andre noch lernen sie hier. Ein kleiner Ruthene
ist in einen Spucknapf gefallen, und ein Missionar erklärt
den mit aufgerissenen Mäulern herumstehenden Nationen
dieses amerikanische Kupfergeschirr, das ihnen abnorm
und ehrfurchtgebietend wie ein Wolkenkratzer erscheint
und sie der Zivilisation um ein Stück näher bringen hilft.
Immer neue Scharen strömen in die Hallen. Wer
denkt noch an die Käfige oben, an die heulenden, wim-
mernden, hoffnungslos vor sich brütenden Gefangenen in
den „Detention-Quarters?" An die Schlachtbänke der
Zentralhalle, an die Inquisitionszimmer, die Folterkam-
mern der kleinen Kinder, der Prostituierten, der be-
359
trogenen Bräute, der kranken Väter, der zerstörten
Familien, der schwangeren Mütter, denen Amerika sich
verschließen will?
Ein Glockensignal reißt alle Tore auf. Draußen stehen
die Fähren bereit, sie werden uns alle hinüberbringen
nach dem verheißenen Land, Manhattan, der downtown J
der Wolkenkratzer, westlich von EUis-Eiland . . . west-
lich von der wunderbaren Statue der großen Göttin . . .
sieh, wie sie die Fackel über ihr besterntes Haupt hebt,
diese Fackel, die den Völkern der Welt leuchten soll,
wenn Nacht über das Meer hereingebrochen ist.
DER NEGER
Mein einziger kurzer Ausflug in die Südstaaten der
Union führte mich von Washington, District of
Columbia, zwei Stunden weit nach Mount Vernon in
Virginien hinüber, zum Landhaus und der Sterbestätte
George Washingtons, des Befreiers.
Zwischen Washington und Virginien liegt der Potomac-
Strom. Als wir über ihn fuhren, kam der Schaffner, ich
saß bei der Tür, an meinen Platz heran und machte sich
an der Wand über meinem Kopf etwas zu schaffen.
Ein kleiner Glaskasten war an dieser Wand befestigt;
<5 der Schaffner drehte eine Kurbel, da sprang im Kasten
die Tafel:
„White"
hervor. Dann ging der Schaffner ans andere Ende des
Wagens, zu einem Glaskasten, der dort an der Wand hing,
drehte eine Kurbel, worauf die Tafel:
„Colored"
zum Vorschein kam.
Hier fuhren wir also einem Südstaat entgegen, in dem
der Neger nicht gewürdigt ist, mit dem Weißen auf der-
selben Bank zu sitzen. Hier näherten wir uns dem Be-
360
zirke der Colorline, der Scheidelinie zwischen Schwarz
und Weiß, zwischen dem Menschen und dem Unter-
menschen, in demselben Lande, in dem so viel Blut ge-
flossen ist, weil ein Amerikaner diese Unterscheidung
nicht mehr ertragen konnte in seinem großen Herzen. —
Man braucht nach keinem Südstaat zu reisen, um diese
Scheidelinie im öffentlichen Leben und in der Seelen-
verfassung des Americanos wahrzunehmen. Sie ist überall
da und springt in die Augen. Im Norden und Süden,
Osten und Westen, beim niederen Volk und den höheren
Schichten, bei Konservativen und — jawohl: ich werde
sogleich erklären, warum, bei den Sozialisten. Man o
braucht sein Ohr auch nicht allzu dicht auf das Herz des
öffentlichen Lebens von Amerika zu pressen, um zu hören,
wie es für den Neger schlägt. Die wirkliche Gesinnung
des großen demokratischen Amerikas gegen sein Stiefkind,
sein aufgedrängtes Adoptivkind, sein Kuckuckskind, das
mit anderer Farbe und trägerem Blut in die Familie
getreten ist, schrillt jedem in die Ohren, der auch nur ober-
flächlich zu horchen gewohnt ist.
Im „Sunday-Club** in Chicago wohnte ich einem Meeting
bei ; vor einem religiös und tolerant gesinnten Auditorium
sprachen angesehene weiße und schwarze Männer für
den ,, farbigen Mitbürger" und gegen die entwürdigende
Colorline. Etwa dreitausend Menschen saßen im Saal
und auf den Galerien, eigentlich war der Saal voll. Sah
man aber genauer hin — da bemerkte man hier und dort
unbesetzte Stühle, und zwar ausnahmslos solche neben
Negern. —
Der Besitzer eines der größten Warenhäuser Chicagos
ist ein Mann, der Hunderttausende für die Emanzipation
und die Erziehung der Neger in den Staaten ausgegeben
hat. Seinen deutschklingenden Namen hört man nennen,
wenn vom amerikanischen Neger gesprochen wird. Sein
Sohn zeigt mir die Einrichtungen des großartigen Hauses.
Ich frage ihn: wieso es denn komme, daß ich unter den
neuntausend Angestellten keinen Neger sehe (nur unten
361
bei den Lifts stehen welche)? Der junge Mann er-
widert: Neger anzustellen wäre ja so schwierig und un-
bequem; kein weißer Angestellter wollte mit einem Neger
im selben Zimmer arbeiten. —
Die Single-taxers halten in Chicago ihren Kongreß ab.
Der Besitzer des größten Hotels verweigert ihnen seinen
Bankettsaal, weil die weißen Kellner sich weigern, die
schwarzen Mitglieder des Kongresses zu bedienen usw.
usw. —
Die Colorline zieht sich wie ein häßlicher Riß, ein
Sprung, ein abbröckelnder Spalt quer durch die Marmor-
säule des amerikanischen Ideals.
Als die Sezessionskriege aus den Sklaven Bürger machten
und auf einmal der Fremdkörper im Fleisch des
weißen Amerikas saß, da gab es ernsthafte Männer, die
ihre Stimmen erhoben und sprachen : ladet die Schwarzen
auf Schiffe und zurück mit ihnen nach den Inseln, woher
sie kamen, zurück nach Afrika.
Zu spät. — Da sie hier sitzen geblieben sind, hätte
das Land sich selbst so weit erziehen und beherrschen
müssen, um die Konsequenzen seiner menschenfreund-
lichen Handlung, die Gesichtspunkte seines größten Bür-
gers durchzuführen. Dann wären die Neger heut nicht
das, was sie sind, nämlich nicht ein Fremdkörper allein
im Fleisch Amerikas, sondern schon mehr ein geladenes
Pulverfaß mit einer schwälenden Lunte im Keller des
Stiefelternhauses.
Wenn man hört, daß zur Zeit der Sklavenwirtschaft
der Neger in den südlichen Herrenfamilien als Diener,
Koch, Amme, Vertrauter und Hausgenosse wirkte, so
kann man an eine Abneigung aus physischen Gründen
zwischen den Rassen nicht glauben. Eher hat der Haß der
Weißen, neben dem schon erwähnten Motiv der ange-
borenen Trägheit des Negers, wirtschaftliche Ursachen.
Tausende von alten, reichen Familien gelangten an den
Bettelstab, als aus dem Sklaven ein freier Mensch wurde.
362
Nun da sie nicht die Befehle der Weißen ausführen,
sondern ihrem eigenen Kopf gehorchen, merkt der
Weiße, daß die Neger Kinder, geschwätzig und inkoherent,
Organisierens unfähig und ohne Ausdauer sind.
Die Lehrerinnen in den Schulen erklären einem, daß •
die untüchtigsten, zerstreutesten ihrer Schüler, die härte-
sten Schädel, in die die Weisheit am schwersten hinein«
geht, Negerkinder sind und gehören.
Und wenn man versucht, Positives und Beachtens-
wertes anzuführen, vorzuweisen, was Negern seinen Ur-
sprung verdankt, so kriegt man als Antwort die Photo-
graphie des Negers vor die Nase gehalten, der dies Polein,
,,coons", stehen beisammen und singen Quartett mit
einer Reinheit und Vollendung, derengleichen man sich
in der Metropolitan Opera für zehn Dollar nicht er-
kaufen kann.
Die Beimengung von weißem Blut scheint diesem ur-
sprünglichen Talent nicht zu bekommen. Der meist-
* genannte Lyriker der Neger, P. Laurence Dunbar, hat Ge-
dichte geschrieben, die nur dort, wo Bitterkeit und Ver-
zweiflung wild hervorbrechen, eigene Kraft und eine
ursprüngliche Bewegtheit aufweisen.
• Der bedeutendste Dichter der schwarzen Rasse ist
der von mir schon erwähnte W. E. Burckhardt Du Bois,
Herausgeber der Zeitschrift „The Crisis" in Newyork,
ein Mann in den dreißiger Jahren; er hat in Frankreich
372
und in Berlin (bei Schmoller) Nationalökonomie studiert,
leitet die revolutionär sich anlassende Bewegung unter
seinen Stammes- und Schicksalsgenossen, den Jungnegern,
die mit ihren schwarzen Fingern auf das bedruckte Papier
der Verfassung pochen und verlangen, daß Ernst damit
gemacht werde. Neben seinen gerühmten Büchern: „Die
Seele des Schwarzen Volks" und dem Roman: „Der Zug
nach dem Silbernen Vließ" (der Baumwolle) hat er Oden
geschrieben, Dichtungen von hohem Schwung, von denen
ich eine im Auszug, mit der Erlaubnis des Verfassers hier
übersetze.
Es ist die: „Litanei von Atlanta", 1906 geschrieben,
gelegentlich eines Aufstandes, bei dem viele Neger ge-
tötet wurden.
„O schweigender Gott, dessen Ruf ferne in Nebel und
Unergründlichkeit weilt in diesen schrecklichen Tagen und
unsre hungrigen Ohren nicht erreichen kann.
Höre uns, guter Herr!
Horch zu uns nieder, deinen Kindern: unsre Gesichter
dunkel vor Zweifel, sind zum Hohn geworden in deinem
Heiligtum. Mit emporgereckten Händen stehn wir vor
deinem Himmel:
Wir flehn zu dir, hör uns, guter Herr!
Wir sind nicht besser als unsre Brüder, Herr, wir sind
nur schwache und menschliche Menschen. Wenn die Teufel
unter den Unsrigen ihre Teufelein tun, verfluche dann den
Tuer und seine Tat: verfluche du sie, wie wir sie ver-
fluchen, tu ihnen an, was und mehr als sie je getan haben
der Unschuld und der Schwachheit, den Frauen und den
Heimen!
Hab Mitleid mit uns elenden Sündern!
Und doch, wer trägt die Schuld? Wer hat sie erschaffen,
diese Teufel? Wer zog sie groß im Verbrechen und mästete
sie mit Unrecht? Wer hat ihre Mütter verführt, entehrt
und weggeworfen? Wer kaufte und verschacherte ihre Ver-
brechen und wurde reich und fett vom Erlös ihrer Zwietracht?
Du weißt CS, guter Gott!
373
\
Wozu beten wir? ht er nicht tot, der Gott der Väter?
Haben nicht die Seher in Himmelshallen seine leblose Form
und Leiche steif im rollenden schjvarzen Rauch der Sünde
liegen sehn, zwischen den endlosen Reihen von nickenden
Gespenstern des bitteren Tods?
Wach auf, du Schläfer!
Von Lust des Fleisches und Blutlust
Befrei uns, großer Gott!
Von Lust an der Macht und Lust am Golde
Befrei uns, großer Gott!
Von vereinter Lüge des Despoten und der Bestie
Befrei uns, großer Gott!
Eine Stadt wand sich in Wehen, Gott unser Herr, und
aus ihrer Flanke sprang das Zwillingspaar Mord und
Schwarzer Haß. Rot war's zur Mitternacht. Klang, Krachen
und Schrei von Tod und Wut erfüllte die Luft und zitterte
unter den Sternen, 'zu denen die Türme deiner Kirchen
stumm hinaufzeigen. Und all dies, um die Gier der Gierigen
zu stillen, die sich hinter dem Schleier der Rache ver-
borgen halten.
Neig dein Ohr zu uns, oh Herr!
Verstört sind wir und verzerrt von der Leidenschaft, irr
vom Irrsinn eines gehetzten und verhöhnten und gemordeten
Volkes; angepreßt an die Armstützen deines Throns heben
wir unsre gefesselten Hände und klagen dich an, Gott,
bei den Gebeinen unsrer geraubten Väter, bei den Tränen
unsrer toten Mütter, beim Blut deines gekreuzigten Christ:
Was soll dies bedeuten? Verrate uns die Absicht! Gib
uns das Zeichen!
Schweig du doch nicht, oh Gott!
Oh verzeih den Gedanken. Vergib das wilde lästernde
Wort. Du bist ja immer noch der Gott unsrer schwarzen
Väter, in deiner Seele Seele sind die weichen Schatten des
Abends, die samtenen Töne der tiefen Nacht eingeschlossen.
374
Wohin? Nord ist Gier und Süd ist Blut. Innen der Feig-
ling, außen der Lügner. Wohin? In den Tod?
Amen. Willkommen dunkler Schlaf.
Wir neigen unsre Köpfe und horchen nieder zum leisen
Weinen der Frauen und der kleinen Kinder unter uns.
Wir flehen dich an, hör' uns, guter Gott!
Unsre Stimmen sinken in Schweigen und in die Nacht.
Hör' uns, guter Gott!
In die Nacht, o Gott eines gottlosen Landes.
Amen!
In Schweigen, o schweigender Gott,
Selah!«
DIE AMERIKANISCHE UNRUHE
Dem Andenken Alexander Jonas, Redakteurs
der Newyorker „Volkszeitung", eines edlen und
aufopfernden Kämpfers für das Recht, geb. 14. März
1834 in Berlin, gest. 29. Januar 1912 in Newyork,
sind diese Zeilen geweiht.
Im wunderbaren weißen Marmorkapitol zu Washington,
D. C, sitzt unter der Kuppel des Kongreßsaales ein
jovialer ältlicher Herr mit gutmütigem Bäuchlein und
zuversichtigen grauen Augen hinter den gelehrten Brillen-
gläsern. Es ist Victor Berger, der einzige sozialistische
Abgeordnete, den die Vereinigten Staaten in ihren
Kongreß geschickt haben. Er stammt aus Ungarn, ist
seines Zeichens Lehrer, und Milwaukee, die deutsche
Sozialistenstadt in Wisconsin, hat ihn dorthin geschickt,
wo er jetzt sitzt.
Von Zeit zu Zeit steht der joviale Herr auf von seinem
Platze und hält eine Rede zum Thema der Tagesordnung.
Er verkündet, wie sich die Sozialisten Frankreichs oder
Deutschlands zu dieser oder jener Vorlage stellen würden;
was Marx, lebte er, oder Kautsky oder Bernstein, Jaures,
375
Guesde oder Keir Hardie zu diesem und jenem Gesetz-
entwurf sagen würden. Die Demokraten und Republi-
kaner hören den Vortrag aufmerksam an, Victor Berger
bt ein konzilianter, allgemrin beliebter Kollege, sie lernen
jedesmal was, wenn er aubteht, die Demokraten und die
Republikaner, denn Berger ist ein gebildeter Mann, der
daheim in Wisconsin Ersprießliches geleistet hat. Setzt
er sich wieder auf seinen Stuhl zurück, so geht alles ruhig
weiter, als habe eine Grille gezirpt in einer Voliire.
Übrigens ist es doch so gut wie egal, ob ein Sozialist im
Parlament sitzt oder zwölf Dutzend. Die Paktiermaschine
und Kompromißmühle, die das Parlament vorstellt, die
Parteien, die scheinbar durch Reibung gegeneinander
arbeiten, in Wahrheit aber das Korn des Parlaments
mahlen, die absurde Vertretung der Interessen Aller durch
Einzelne, wurde von denen, die das Korn der Zukunft
mahlen, längst durchschaut und abgetan. Die Große
Menschliche Dummheit laßt sich das Possenspiel gefallen,
jeden Herbst bis zu jedem Sommer, macht sich aus ihren
Dienern ihre Befehlshaber und Gesetzediktierer und ver-
gißt die Komödie, durch die sie nasführt worden ist,
immer wieder, wenn sie durch große Tiraden und Mauer-
anschläge aufgerufen wird, für Die, die sie so und; so
viele Jahre lang angeführt haben, neue zu wählen, die sie
so und so viele Jahre lang weiter anführen werden. Manch
einer hat aus seinem Lexikon das Wort Evolution heraus-
gerissen und sich dafür zum Wort Fortschritt ein Blatt
mit eigenen Paragraphen und Gesetzen, die für ihn allein
gelten, vollgeschrieben hineingeklebt.
Hier in Amerika liegt der Unterschied zwischen Evo-
lution und Revolution, das fühlt man deutlicher, als wo
anders immer, im Tempo des Lebens. Das hat der
offizielle Sozialist unter der Kongreßkuppel vergessen.
Das wollen die vielen ehrenwerten Männer nicht einsehen,
die aus der Neuen Welt voll Bewunderung nach dem
Frankreich JaurÄs' und Millerands und dem Deutschland,
das auf dem Wege von seinem Bebel zu einem Millerand
376
ist, hinüberlugen. Das sieht der sehr genau, der ein Auge
auf die Schnelligkeit hat, mit der sich das kapitaUstische
System der heutigen Weltordnung in Amerika ent-
wickelt, sich zu seinen letzten Konsequenzen, zu Trusts
ballt, zu zehn, su sechs, zu drei Namen konzentriert, bis
in absehbarer 2^t der große Gott Mammon mit Einem
irländisch oder schottisch klingenden Namen bel^t, in
unumschränkter Majestät allein von Wall Street aus die
Welt beherrschen wird.
Gelegentlich dürfte es den akademischen Sozialisten,
den Berger, Hillquit, Gompers angst und bange werden,
wenn sie die Resultate betrachten, die in letzter Zeit die
I.W.W., d.h. die „Industrial Workers of the World** er-
zielt haben und erzielen. An der Spitze dieser Bewegung
steht die machtvolle und bittere Persönlichkeit William
Haywoods, eines gewesenen Minenarbeiters, dessen Ge-
schichte in der Chronik der Lohnkämpfe Amerikas Epoche
macht. Die Bewegung der I. W. W. hat in ihren Grund-
prinzipien sowie taktischen Methoden sehr viel Ähnlich-
keit mit denen der radikalen Syndikalisten des heutigen
Frankreichs. Sie hat bei den großen Streiken der letzten
Jahre der Arbeiterschaft positivere Dienste geleistet, als
die opportunistisch zwischen den Arbeitgebern und
Arbeitnehmern hin und her paktierenden Leiter der
amerikanischen Arbeiterföderation.
Expropriierung der Trusts durch den Staat, Schaffung
einer industrialen Demokratie, das sind fromme Wünsche,
die die Geldkönige des Landes ohne Aufregung milde
belächeln. Etwas ernster schauen sie schon drein, wenn
sich aus den harmlosen Reihen der Gewerkschaften plötzlich
Männer der direkten Aktion herauslösen, wie die Brüder
Mac Namara, deren Verteidigung und Rechtfertigung
Haywood in einer historischen Rede in der Cooper-Uriion,
Newyork, vor dem aufhorchenden Amerika unternommen
hat.
Das wunderbare demokratische Grundbewußtsein Ame-
rikas ist dafür verantwortlich zu machen, daß in den Ver-
377
einigten Staaten der Sozialist und der Anarchist sich nicht
als derart grimmige Feinde gegenüberstehn, wie in Europa,
sondern daß die Grenzen stellenweise ganz verwischt sind,
auf alle Fälle die Revolte wichtiger erscheint als der Weg,
den sie den Empörten vorwärtstreibt. Wenn der amerika-
nische Sozialist als ein Utopist beginnt, wie übrigens jeder,
dem die Idee keine Ambitions-, sondern Gewissenssache
ist, so hat er in seinem Lande weniger Anlaß, sich zu einem
politischen Opportunisten zurückzuentwickeln , als in
Ländern mit traditionellen Widerständen. Die Politik und
die Politiker sind in Amerika vollständig in Verruf ge-
raten; der altpuritanische Gelehrte und der Gentleman-
farmer aus Virginien sieht die Anarchistin Emma Gold-
mann lieber bei sich, bringt ihrer Persönlichkeit ein laute-
reres Interesse entgegen als den interessierten und an-
rüchigen Lobbyläufern zwischen Kongreß und Senat im
Washingtoner Kapitol.
(Eine verblüffende Antwort habe ich mir in der lieb-
lichen Stadt Chicago notiert. Sie wurde einem Richter
von einem angeklagten Bordellwirt gegeben, den seine
Beschützer, trotzdem er ihnen jahrelangen Tribut be-
zahlt hatte, schnöde im Stich ließen. Der Richter frug
den Mann, nachdem dieser seine Geschäftsprinzipien un-
verblümt dargestellt hatte, von ungefähr: „Glauben Sie,
daß es auf der ganzen Erde noch verworfenere Geschöpfe
gibt, als Sie eines sind?"
Anwort: „Jawohl. Polizisten und Politiker." Dieser
Ausspruch eines Wissenden wurde in sämtlichen Zeitungen
Amerikas, ohne Kommentar, abgedruckt.)
In diesem Lande der freien wirtschaftlichen Konkurrenz
unterscheidet man lebhafter als drüben in Europa zwischen
Gewerbe und Gesinnung. Das große Prinzip der Demo-
kratie ist ja auch nur als eine Vorstufe gedacht, der Weg
bis zur freien Gesellschaft der Zukunft stellt sich im
amerikanischen Tempo kürzer dar, als im Trott Europas,
das im Abschütteln, Aufladen und Wiederabschütteln so
saumselig sich ansieht, von Amerika aus gesehn. Der
378
Mensch, dessen Ziel
im Übermorgen ist,
erduldet hier nicht
den Hohn, der ihm
dort zuteil wird, von
Leuten, denen ihre
Nasenspitze schon
zu weit von ihren
Augäpfeln liegt. Ich
bin sicher, daß dem
Kongreß mann der
Typus Haywood
größeren Respekt
einflößt, als der im
Rahmen der be-
stehenden Parla-
mentsmaschine mit-
arbeitende Typus
Berger. Der relativ ^yfw des „Insurgenten"
sympathischste Ty- BiUnisse von dreizehn jortschrittlichen
PU3 des Washing- Senatoren übereinander photographierl.
tonmannes ist der
Insurgent, der Bastler an dieser Maschine, der noch
an sie glaubt, aber mit den Resultaten ihrer Rotation
äußerst unzufrieden ist und sie reformieren möchte.
Die Heimat des Insurgenten sind die Mittelstaaten,
zumal die stark von deutschen Elementen durch-
setzten Wisconsin, Dakota, Minnesota und Iowa, in denen
ja auch Berger und der populäre Senator Robert La
Follette zu Hause sind. Hier sind Ansätze zu merken zu
einer Reform des demokratischen Prinzips auf wirtschaft-
licher Basis. Hier hängt als Haussegen über dem Bette
des fortschrittlichen Deutsch- Amerikaners das prophe-
tische Wort Bismarcks an Karl Schurz: die Probe auf die
demot ratischen Prinzipien Amerikas werde kommen,
wenn — was unausbleiblich ist — in Amerika der große
Kampf zwischen Arm und Reich angehen wird. Ich
379
glaube gern, was mir Berger sagte: die deutschen Sozia-
listen des amerikanischen mittleren Westens haben aus
der progressiven Gesinnung der noch Unentschlossenen
den Insurgentismus hervorgebracht. Nur muß ich immer
wieder sagen^ daß in einem toll rapiden Lande wie Amerika
mit allen diesen im Grunde konservativen Übergangstypen
weniger als nichts erreicht wird. Daß sie als Ballast am
Fortschritt hängen, nicht als Hindernisse auf dem Weg
der kapitaUstischen Entwicklung liegen. Daß einem
Extrem ein andres Extrem gegenüberstehen muß: der
unaufhaltsamen Zuspitzung eines Systems der bis aufs
äußerste zugespitzte Entschluß zum Umsturz.
Werte Freunde in Newyork, wie der verdienstvolle
Moses Oppenheimer, erklärten mir, vor zehn Jahren
^, habe noch in Amerika der Sozialismus als ein ausländisches,
von Fremden, Deutschen und Juden importiertes Er-
zeugnis bei den Einheimischen in Verruf und Mißachtung
gestanden. Seine großen praktischen Fortschritte aber, in
der Organisation zum Lohnwiderstand, dies große ameri-
kanische Wort : „to make good", vorwärts kommen, habe
in den zehn Jahren die Stellung des Amerikaners zum
Sozialismus ganz und gar verändert. — Ist das eine so
große Belobung, die man einer revolutionären Bewegung
spenden darf? Es ist offenkundig, was der Amerikaner:
Erfolg nennt. Und man kann es sich ganz leicht vor-
stellen, daß er nur der Sache Erfolg bereiten wird unter
den heutigen Umständen, von der er direkt oder indirekt
selber Profit ziehen, die es ihm selbst ermöglichen wird
„to make good'^, seinem Ziele näherzukommen. In diesem
Sinne hat die Bewegung der I.W.W, keinen Erfolg in
Amerika. Ihre schroffe Ablehnung jeglichen Feilschens
stellt sie abseits von allen Möglichkeiten, mit ins Getriebe
gezogen zu werden, die dem „making good" zustrebt. Die
Tendenz der erfolgreichen Arbeiterföderation heißt: für
gute Arbeit einen guten Lohn. Das könnte ebenso gut
der Wahlspruch eines xbeliebigen bürgerlichen Diene r-
schaftsvermittlungsbureaus sein. Die I. W. W.-Leute
380
aber haben ihren Standpunkt so formuliert : Weg mit dem
Lohn! Her mit den Produktionsmitteln und mir den
Ertrag meiner Arbeit!
Die Zeit des gütlichen und friedlichen Übereinkom-
mens, das die Gewerkschaften, über die diese Zeit schon
hinübergesprungen ist, im Grunde bewerkstelligen, liegt
weit hinter uns. Diese elende alte Hose vertragt keine
Flicken mehr, auf den Mist mit ihr. Wenn die Methoden
der I. W. W. erst „Erfolg" bei Amerika gefunden haben
werden, dann wird eben Amerika dort angelangt sein,
wo die I. W. W. es hin haben wollen. Aber dann wird das
Wort „Erfolg", das „making good", auch ein neues Ge-
sicht bekommen haben.
Im Amerikaner, dem die Subordination, der Militaris-
mus nicht vom Mutterleib an eingebläut, eingedrillt
wird, findet der Individualismus starken Boden vor, ob-
zwar der Amerikaner, durch die Not des Wettbewerbs zu
einem evidgen Sich-Anpassen, Nachahmen angehalten
noch nicht die Reife zu diesem Zustand erlangt hat.
Allein, wer auch nur kurze Zeit hier herüben sich auf-
gehalten hat, muß staunend und ergriffen die maßlose
schon über alle Schranken schlagende Erbitterung be-
merkt haben, die sich des denkenden, im atemlosen Lauf
innehaltenden, sich besinnenden Amerikaners bemächtigen
kann. Gegen dies mörderische Tempo, gegen diese Het
Jagd, die nur am Grabe innehält, gegen die ganze wider'
smmge Tollheit des Systems, denn es ist ein Irrtum
glauben, daß man in Amerika jemals aufhören könnt
arbeiten - sich mit seinem Erworbenen abseits .
Ruhe setzen könnte! Diese Eigenschaft ist dem
sehen, aber nicht dem amerikanischen Kor.', i ^^^^P^i"
Das Tempo fördert nur solange man .T "'' '^S^^'
Augenblick, da man sich von ihm befrei "^T""^^^^ ^^
vernichtet. Der Milliardär bleibt ein cu "^"^ .^^^^^ ^s,
Schaftes wie sein letzter Angestellter. N, 7^ '"'^^ ^^
gegen die Allgemeinheit sich kehrt 7!: ^^^ «^^^ Zweck
' indem er der All-
zu
e zu
s zur j
381
gemeinheit die Lebensbedingungen entzieht, bis zur Un-
erträglichkeit erschwert.
Der Amerikaner, der rascher die Spanne vom Streben
zum Ziel durchläuft, bleibt auch in den Resultaten seines
Denkens nicht bei der zunächst erreichbaren Etappe
stehen. Und wirklich, es ist erstaunlich, wie viele Sozia-
listen, bewußte oder unbewußte, einem unter den Bürgern
begegnen, wie viele Anarchisten unter denen, die sich
noch für sozialistische Demokraten halten.
Die Herrschenden, d. h. die, die großen Interessen in
ihren Händen halten, und ihre Söldner, die Exekutiven,
liebäugeln, um dieser wachsenden Unruhe zu begegnen,
mit imperialistischen Tendenzen, Methoden der alten
Welt, Herrenkult zu praktischen Zwecken. Möchten
gern ein stehendes Heer besitzen (nicht um ihre Grenzen
zu beschützen, natürlich, sondern um in die Streikenden
hineinfeuern zu können!), schielen nach dem Katholizis-
mus hinüber (dessen Jenseits sie gut brauchen können,
um die Gegenwart erst tüchtig zu massakrieren!) und
stoßen hypokritisch denselben Schrei wie die Revolutio-
näre unten aus: Fort mit dieser Staatsform! Nur daß sie
es anders meinen, natürlich.
Nicht umsonst habe ich das Wort Unruhe vor dieses
Kapitel gesetzt. Die treibende Unruhe ist es, aus der
man sich hier herüben so vieles erklären muß.
Die Hast Amerikas ist keine simple Hetzjagd nach dem
Dollar, das ist eine Verleumdung, begangen an dem
in angestrengtester Weise arbeitenden Volk der
Welt! Sondern der Dollar ist nun mal eben die gegen-
wärtige Münzeinheit, durch die die ungeheure Arbeit,
die Amerika in seiner Hast fördert, bezahlt wird. Eines
der größten Schimpfworte hier herüben ist, ich glaube dies
schon einmal niedergeschrieben zu haben, das Wort:
„slow". Langsam! Der Indianer, der Neger, sind „slow
people", darum stürmt die Nation in ihrem mörderischen
Tempo über sie weg, darum bleiben sie beide zerschunden
382
auf dem Wege hinter dem Amerikaner Kegen . Aktivität
ist das Wort, das dieses Land, das Rätsel dieses befremd-
lichen Landes erklärt, nicht Dollar. Die Pioniere sind
es, die die Mythologie des Amerikaners bevölkern, nicht
die Milliardäre. Die Wagemutigen und nicht die von
diesem Wagemut profitieren. Kein Amerikaner, sofern
er nicht als kompletter Idiot unter den Zeitgenossen
figuriert, sieht in den großen Mäzenen und Mogwabs,
dem Kunstsammler Morgan, dem Friedensapostel Car-
negie, dem Sonntagsschulenvater und -Prediger Rocke-
feiler usw., was andres als: ängstliche, schuldbewußte
Herren, die sich mit paar Millionen ein wenig Recht-
fertigung und Sympathie erkaufen wollen. Die die zu
große, das Geschäft beeinträchtigende Akkumulation des
Geldes dadurch zurückdämmen, daß sie verhältnismäßig
bescheidene Summen fernab von ihrem Geschäft in Zir-
kulation zu bringen suchen. Für Spielereien! Es läge
nahe, den großen Mäzenen, Aposteln, Mogwabs das
elende Los der „unskilled" d. h. der ungelernten Arbeiter
vor die Augen zu halten, die sie in ihren Betrieben be-
schäftigen, die Not der Heime, die die unnatürlich ^mpor-
geschraubten, von den Trusts emporgeschraubten Lebens-
mittel und Gebrauchsmittel nimmer erschwingen kön-
nen. Es läge nahe, den großen Königen des modernen
Amerikas zu empfehlen, die Ventile für ihre Menschen-
beglückung hier anzubringen — aber sie werden sich
hüten. Lieber eine Million für eine dumme chinesische
Vase hinauswerfen, für Friedenspalast-Stuckaturen oder
Sonntagsschulenunfug, als dem elenden slowakischen Ar-
beiter einen Cent mehr pro Tag zuzuschanzen, sein
öl, Tabak, Fleisch, Eis um den Bruchteil eines Cents
zu verbilligen. Sieh dir das Postament an, auf dem diese
Kulturförderer ihre Unsterblichkeit errichtet haben:
Menschengebein. —
Es gibt eine Erklärung für die Unruhe in den intellek-
tuellen Kreisen Amerikas, der gebildeten Mittelklasse,
die sich in ihrem Wohlstande vielleicht williger einlullen
383
ließen, als es die ausschlieBlich sozial interessierten Kreise
vermöchten. Diese Erklärung kann man in die Worte
fassen: man beginnt einzusehen, daß man mit all den
riesigen Mitteln, die Amerika aufbringt und anwendet,
Kunst nur kauft, aber selbst keine produziert. Darin
steckt schon was Wahres. Und das amerikanische Tempo,
dieses von der Tüchtigkeit und dem Machtbewußtsein be-
stimmte Tempo des modernen Amerikas, das den Euro-
päer mit solchem Staunen und solcher Ehrfurcht erfüllt,
hat darum seine grimmigsten Hasser und Feinde unter
den Intellektuellen des großen Landes.
Die verwischten Grenzlinien! Von diesen muß ich
noch kapitellang sprechen. Vom Staunen, das einen
befällt, nimmt man erst wahr, wie sich die Grenzlinien
zwischen häuslichem iind öffentlichem Leben, Arbeit
und Geselligkeit, Kirche und Literatur, Politik und
Gottesdienst verwischt oder verschoben haben!
Ein liebloser und eingebildeter, oberflächlicher oder
spottlustiger Europäer kann sich an den Rand seines
eigeneji Kontinents hinstellen und: „Snobs, Barbaren,
Kinder, die ihr seid!" hinüberbrüllen nach dem Neuen.
Solche wertlose Schafsköpfe kommen mit Überlegenheit
geladen nach Europa zurück, auf dessen Kultur sie stolz
sind, dessen irrsinnige politischen Abstufungen und sehr
genauen Grenzbezeichnungen sie ebenfalls als Kultur-
beweise anschauen, und verhöhnen das halbwilde Volk
jenseits des atlantischen Ozeans.
Sieht man genauer hin, dorthin, wo jene Grenzlinien ge-
zogen sein sollten, so merkt man bald, daß sterile und ver-
kümmerte Glieder des großen Körpers gerade durch die
ungehemmte Infusion aus jenen benachbarten lebenstrot-
zenden aufleben, mittun. Daß ein und dasselbe Blut,
im ungehemmten Tempo und Pulsschlag frei durch den
ganzen gewaltigen untrennbaren Körper strömt. Daß
das Gewissen sich nicht in ein privates und ein Geschäfts-
gewissen trennen muß, wie auf dem alten Kontinent.
384
Denn die Kultur des alten Kontinents verdankt ihre
Existenz nur der verknöcherten Gewohnheit seiner Träger,
den offensichtlichen Widersinn der staatlichen Einrich-
tungen und Formen zu ignorieren, zu tolerieren, oder ihn,
wie einen widerlichen Bestandteil der Atmosphäre, die
man seit dem Beginn seiner Tage bis zu ihrem Ende ein-
atmet, einfach gar nicht mehr wahrzunehmen!
In einem vornehmen Klub, bei einem Bankett, kon-
statiert der letzte Redner, daß alle, die heute gesprochen
haben, und es waren Männer und Frauen aus den obersten
Gesellschaftsschichten unter ihnen, von der Revolution
gesprochen haben. —
Eine werte Freundin beherbergt in ihrem reichen New-
yorker Heim ein junges Kind von den streikenden We-
bern in Lawrence, Mass. Ich sage ihr: dies arme Kind
hat jetzt gesehen und eine Woche lang genossen, was
Reichtum ist und bietet, es ist für sein ganzes Leben ver-
dorben, unzufrieden geworden! Meine Freundin sagt:
ich habe in. der Seele dieses Kindes die Revolte auf-
gepflanzt. —
In einer Gesellschaft von „cranks**, d. h. von ästhetisch
Theoretisierenden, Lebensfragen graziös Zerfasernden
und Erledigenden, steht ein tapferes junges Mädchen auf
und macht in fünf Minuten aus den cranks tätige und posi-
tive Mitarbeiter an einer praktischen Reform, die an
diesem Abend in Gang gebracht wird. —
Die Umwandlung beginnt zu Hause. — Was ist ein
Dienstbote? Ich weiß es nicht hier herüben in Amerika.
(War allerdings weder bei Morgans noch bei Vanderbilts
zu Gast.) Ich habe nur gesehen, daß viele junge intellek-
tuelle Menschen, die sich sehr wohl drei Dienstboten
halten könnten und auch mit ihnen gut auskämen, es
vorziehen, ihre eigenen Dienstboten zu sein — aus Scham
über eine Gesellschaftsordnung, die die Trennung Herr
und Diener sanktioniert. Ich habe die Wohnräume der
amerikanischen Dienstboten gesehen, in denen sich Bade-
zimmer, Empfangszimmer befinden, und habe von den
25 38s
Hunderten von neuzeitlichen Einrichtungen gehört, die
mechanisch dem Dienstboten die Arbeit erleichtern und
ihn unmerklich der Existenzsphare seiner Arbeitgeber
näherrücken. Diese Einrichtungen sind, zumal in neueren
Häusern, schon dermaßen vollendet, daß die, auch an-
spruchsvollere, Hausfrau sich ganz gut ohne Dienstboten
behelfen kann — wenn sie gesonnen ist, ihrjer Wirtschaft
soviel Zeit am Tage zu widmen, wie die europäische Frau
an die Pflege ihrer Fingernägel täglich wendet. — In
Amerika hat die „Dienstbotennot" einen anderen Namen
und verdient ihn, dazu müssen ein paar erläuternde Worte
über die amerikanische Frau gesagt werden.
In Europa liebt man es, die amerikanische Frau nach
den outriert aufgedonnerten, laut und prätentiös sich
gebärdenden Exemplaren zu beurteilen, die dort auf
der Straße, in Salons, bei Hof herumlaufen.
Ich bin nicht gewillt, es so ohne weiteres meinem guten
Stern allein zuzuschreiben, daß die amerikanischen Frauen,
denen ich begegnet bin, und die ich näher kennen lernen
durfte, zum überwiegenden Teil tüchtige, d. h. für ein
großes Ziel tätig wirkende Frauen gewesen sind. Ich
meine damit nicht Aufbauschung von schlummernden
Vierteltalentchen fürs Kunstgewerbe, Klaviergeklimper,
Novellenschreiberei, bei der höchstens für die Eitelkeit
etwas herausschaut, sonst für nichts. Sondern ich meine
ernste soziale Arbeit.
Ich will gerne zugeben, daß ich in Amerika jene Kreise
gemieden habe — wie ich es in Europa tue — in denen die
oberflächliche, putzsüchtige, das sauer erworbene Geld
ihres Mannes zum Fenster hinausstreuende und im Grunde
infernalisch sich langweilende Gans zu Haus ist. Diese
Spezies ist in der ganzen Welt zu finden, und mit keiner
Versicherung macht man die Chicagoer Gans glücklicher
als mit der, daß sie grad so schick angekleidet sei, sich grad
so zu benehmen wisse und grad so zierliche Knöchel habe
wie die Londoner oder Pariser Gans.
Im Berufsleben, im Geschäftsbetriebe, hat sich die
386
amerikanische Frau weitaus sicherer eingebürgert, hat
sich die amerikanische Frau bei weitem besser bezahlte
Stellungen errungen als die Frau Europas. Ihr Geschlecht
dient dem Arbeitgeber, zumal in den Intelligenz er-
fordernden Berufen, keineswegs als Vorwand, ihre Lohri-
ansprüche zu drücken. Sie tritt in den gleichen Wettbe-
werb mit ihren Mannkollegen.
Als Hüterin des Hortes der Kindererziehung in den
Volksschulen, dieses allerwichtigsten Faktors im Leben
des heutigen Amerikas, dieses felsenfesten Wegweisers
nach den bunten Gefilden des Amerikas von Morgen, ist
zudem die Frau die verehrte Trägerin der Zukunft des
ganzen Landes. Wie Eltern geringer Herkunft ihren
Kindern erhöhte Lebenschancen zu schaffen trachten,
so trachtet das in harter Pionierarbeit herangewachsene
Amerika seiner jungen Generation hochgesinnte und edle
Frauen zu Erziehern beizugesellen. Das Amerika von
heute, seufzend unter dem tödlichen Widersinn seiner
finanziellen und politischen Zusammenhänge, weiß recht
gut, warum es die so wichtige Mission, seine Kinder heran-
zubilden, den Frauen übertragen hat.
Nach dem Typus der amerikanischen Lehrerin ist die o
amerikanische Frau zu beurteilen und nicht nach den
gierigen Weibchen, die auf dem europäischen Kontinent
verluderten Herzögen nachjagen.
VON KIRCHEN UND KULT
Nimmt man eines der großen amerikanischen Tage-
blätter zur Hand, so sieht man bald, es iet eine
Biblia pauperum. Zwei Drittel des Blattes werden
von Photoklischees eingenommen. In den Rest teilen sich
gröbster Klatsch, Tagessensationen, Sportberichte. Er-
örterung wichtiger Fragen, die in der Luft liegen und
den Gesprächsstoff wohlgesinnter Männer in den Ellubs
und den Heimen bilden, findet man in diesen Blättern gar
25* 387
nicht oder in kaum nennenswerter Weise vor (ich habe
nur die Blätter derMasseim Äuge!), hier und da lassen
sich Geistliche auf der letzten Seite in sermonartigen Ar-
tikelchen hören — dafür aber stehen solche wichtigen
Lebensfragen zu Dutzenden in der Liste der Vorträge ver-
zeichnet, die täglich in unabsehbaren Mengen aUüberall
in Kirchen, Versammlungen, Klubs usw. gehalten werden.
'' Wenn es eine amerikanische Nationalkrankheit gibt, so
ist es die: Vorträge halten und Vorträge anhören. Dieses
Krankheitsbild verliert aber in dem Augenblick sein
pathologisches Aussehen, in dem man gewahr wird, daß
in all den Versammlungen usw., verhältnismäßig wenig
geschwatzt wird, sondern daß es die wirklichen, eigenen
Angelegenheiten seiner Kultur sind, die sich der Ameri-
kaner lieber von ernsten und tüchtigen Menschen, ver-
mittels der werbenden Kraft des lebendigen Wortes, vor-
führen läßt als durch die diskreditierte Presse mit ihrem
anonymen Stab. Dies habe ich schon in Chautauqua
gemerkt. Der wertvollste Teil der schreibenden Körper-
schaft Amerikas, darunter die „muckrakers" der großen
Zeitschriften, reibt sich in einem fortwährenden Herum-
reisen, einer alljährlichen Vortragstournee von 365 Aben-
den, vor der Zeit auf. Er hat die Mängel der Presse
mit seiner physischen Kraft zu bezahlen. Der große Kon-
tinent nährt sich vom Geist und Blut dieser Bevorzugten,
Verdammten, über deren Anstrengung man weniger er-
fährt als über das laute Wesen des für seine eigenen Zwecke
herumreisenden und radotierenden Politikers, obzwar sie
es sind, die den Weg der amerikanischen Zukunft bereiten.
Der Amerikaner will vom Pult, von der Kanzel her-
unter, hinter dem erhobenen Toastglase her am liebsten
praktische Vorschläge hören, die in seinen mit Arbeit an-
gefüllten Tag passen. Und wenn's auch weiter nichts ist,
als wie er seinen Magen kurieren kann. Alles soll sich
am besten auf Dinge beziehen, die er gleich nach seiner
Heimkehr in die Tat umsetzen kann; mit Jenseits und
vagem Gefasel muß man ihn verschonen. Die kurioseste
388
Einrichtung in Amerika ist darum die Kirche. Was
ich in Kirchen habe zusammenpredigen hören, spottet
jeder Beschreibung.
Vom Bösen Feind, der in den katholischen sein Un-
wesen treibt und dessen Baalspriester die irischen Ge-
schäftemacher und Trustpfeiler sind, sprach ich flüchtig
schon früher. Er weiß recht gut, zu welchem Zwecke
das Eiapopeia und das nötige Brimborium rundherum
taugt, und kennt das Volk, dem er es vormacht, so gut
wie seine Absichten. Seine Macht ist nicht zu brechen,
wo das Unrecht zum Himmel schreit, seine Priester pre-
digen Unduldsamkeit nach der falschen Richtung hin,
damit von da her, wo sie ihren Sold beziehen, die Schafe
sich um so geduldiger scheren lassen.
Die Kirchen der Episkopalen, die ein Rendezvousort
der Reichen sind, und deren Besuch die Zugehörigkeit
zu vornehmen Gesellschaftskreisen bestätigt, arbeiten natür-
lich mit dem Geld und für die Interessen der Reichen,
die unter sich bleiben und nichts Unangenehmes hören
wollen. Aber schon die in der nächsten Schichte nach
unten rangierenden Kirchen haben zum Teil mit schwie-
rigen Existenzbedingungen, nicht selten mit brennender
Not zu kämpfen und benutzen daher allerlei mehr oder
minder überraschende Taktiken, um ihre Tore off en halten
zu können. Dem populären Bedürfnis nach Belehrung,
Erörterung praktischer Dinge und sogar Volksbelustigungen
aller Art entgegenzukommen, diktiert ihnen ein recht
weltlicher Selbsterhaltungstrieb, man kann also auch hier
von Korruption sprechen.
Die Verwischung der Grenzen, die schon früher er-
wähnt wurde, zeigt sich hierbei in ihrer groteskesten Form.
In Pionierszeiten war wohl der Priester der einzige Ge-r
bildete unter den hart Ringenden, es wird sich also wohl
in diesen die Vorstellung festgesetzt haben, daß, wer
ihnen Dinge, die ihr wahres Leben betrifft, sagen will, es
mit priesterlicher Gebärde tun muß. In Zeitungs-
artikeln kann man diese Gebärde wahrnehmen. Dafür
389
kann man auf Kanzeln geistlichen Herren begegnen, die
mit aufgekrämpten Ärmeln demagogisch fuchtdn. Eine
sozialistische Versammlung wird mit dem Absingen eines
Psalms begonnen, in der Kirche nebenan redet ein be-
kannter Kanzelredner vom Anti-Trustgesetz und Bernard
Shaw. In einer Versammlung, in der über geschäftliche
Beziehungen Kanadas zu den Staaten nach der Ablehnung
der Reziprozität gesprochen wird, verliest ein Bank-
direktor einen Abschnitt aus dem Evangelium Matthäi.
Der Herr, der den Vortrag hält, ist ein Journalist aus
Toronto. Wie er mit seinem Vortrag zu Ende ist, schließt
er die Augen, faltet die Hände und spricht ein Gebet um
Einigkeit aller Völker unter dem Zepter Christi — die
ganze Versammlung hat die Hände gefaltet, die Augen
zugemacht und sagt halblaut:
„Amen!"
(Rockefellers Groß-Almosenier ist ein ehemaliger Geist-
licher, dessen Aufgabe es ist, die schmutzigsten Räube-
reien seines Herrn durchzuführen, wie das bei dem großen
Mesaba-Minenschwindel der Fall war, bei dem der Familie
Merritt ihr letzter Groschen abgezapft wurde.)
Der Sprung von der Kanzel zur Politik ist in Amerika
nicht schwer, aber das typische Amerikanische ist dabei,
daß der sozial fortschrittlich gesinnte Geistliche, der zur
radikalen Betätigung seiner Absichten übergeht, seinen
Glauben behalten, betonen und unterstreichen darf, und
daß ihm dies sogar nützt, gewiß nicht als Hypokrisie aus-
gelegt wird.
Es muß in Priestern, denen es Ernst ist um ihren Glauben
und ihren Beruf, schon der Ekel gewaltig aufsteigen,
wenn sie die Praktiken mit ansehen, zu denen die Kirche
gezwungen ist, um den Klingelbeutel zu füllen. Kirchen
der fünften Avenue oder der Uptown vermögen das viel-
leicht durch die Ankündigung von Predigten über das
Shermangesetz und Bernard Shaw, aber, du lieber Gott,
auf was für Behelfe verfallen die Kirchen mit intellektuell
unkultivierter Umwohnerschaft! Ich habe in Chicago
390
und in Newyork Kirchen besucht, in denen am Sonntag
bei der Tür ein Tisch mit Gratissandwichs stand; Kirchen
gibt's, in denen Kanematographen-Vorstellungen ab-
gehalten werden; in denen Kinder die Psalmen pfeifen
dürfen; in denen der 100 ste Besucher eine Prämie er-
hält; in denen Taschenspieler auftreten; an die Tanzsäle
sich angliedern, wo die Pfarrkinder sich nach der Sonn-
tagsvesper vergnügen können.
Bei alledem braucht man die Unglücksraben noch nicht
ernst zu nehmen, die von einem Bankrott des Protestan-
tismus in Amerika krächzen.
Daß aber die protestantische Kirche ihren naiven, un-
kultivierten Besuchern nichts vorzusetzen hat, was dem
Pomp, der Augenweide und dem Nasenkitzel der katho-
lischen an die Seite gestellt werden könnte, ist klar! Diese
Behelfe sind eine wichtige Waffe in der Hand des katho-
lischen Klerus, der sein Zerstörungswerk in der Kirche
wirkungsvoll begonnen hat und bereits in den Schulen
mit Hochdruck fortsetzt.
Die protestantische Kirche weiß genau, welches Schick-
sal ihr bevorsteht, wenn auch die letzten Verzweiflungs-
praktiken nicht mehr verfangen werden. Je tiefer sie sich
in ihren äußeren Methoden encanailliert, um so definitiver
verliert sie ihre Macht über die Gemüter, die sie als
Zufluchtsstätte benötigen. Es wird aber auch nicht im
geringsten schade sein, wenn ihre gotischen Pfeiler um
die Kanzeln herum zu Boden niederschmelzen und die
ehrlich gebliebenen Gotteskämpfer diese Kanzeln auf
den Buckel laden und dorthin hinübermarschieren, wo
sie hingehören, ins Lager der Männer, die das Künftige be-
reiten. Dort stehen ja heute schon die Besten der ameri- c
kanischen Geistlichkeit.
Ich weiß nicht, in welches Lager die Bekenner der
Christian Science sich flüchten werden, wenn diese
abgewirtschaftet haben wird.
Denn es hat den Anschein, als sollte die Christian
391
Science bald abgewirtschaftet haben. Im Grabgewölbe
ihrer Gründerin, der Grande Hyst^rique Mrs. Baker
Eddie, soll sich, so geht die Sage, ja ein Telephon be-
finden, für den Fall, daß die Missis im Fleische auferstehn
sollte, und sich mit der Geschäftszentrale der „Mutter-
kirche" in Verbindung zu setzen wünschte.
Die Zentrale hat aber dieses metaphysische „Hailoh!"
bisher noch nicht vernommen, und die Scharen, die in
die imposanten Kathedralen des Heilerglaubens strömen,
schmelzen allmählich zusammen, da die suggestive Kraft
der Gründerin sich absentiert hat. Indes hat die schlaue
Dame hier klug vorgebaut. Diese Menschenkennerin hat
den Gottesdienst in ihren Kirchen für alle Zeiten auf ein
simples Vorlesen von Parallelstellen aus der Bibel und
aus ihren eigenen Werken beschränkt — sie wußte ja gut,
mit welcher unbesieglichen Trivialität, mit welchem
trägen Nichts-Neues-Hören-Wollen sie bei ihrem Pu-
blikum rechnen durfte. Daß die Substanz, aus der wir
geschaffen sind, Geist und nicht Körper ist, daß die
Krankheit daher ein Irrtum und Erhebung der Seele die
beste Arznei ist, das ist ihr Dogma, in dem der Hang
zum Mystischen im halbgebildeten Menschen sich mit
seinem unerschütterlichen Glauben an den Kurpfuscher
berührt. Mrs. Baker hat, sozusagen, die übersinnliche
Welt mit einem Fünfkreuzerstrickchen an die wahrnehm-
bare gebunden. Um den Unsinn ihrer Nachfolger mit-
zumachen, die jetzt Unterschriften sammeln für eine
Petition: „den Medizinischen Fakultäten Amerikas soll
die Ausbildung von Ärzten untersagt werden, die Aus-
bildung von Ärzten verbreitet den Irrtum, daß es Krank-
heiten gibt" — diesen Bluff mitzumachen, wäre sie viel
zu vorsichtig gewesen.
Da in den Gesundbeter- Kirchen die Heilwirkung der
Gebete auf Magen und benachbarte Gebiete schwächer
zu werden beginnt, tun sich rings neue Kirchlein auf, aus
richtiger Erkenntnis, praktischer Erfahrung, Quacksalberei,
systematischer Beduselung Stein um Stein aufgerichtet.
392
In Salons und Sälen
der reichen Viertel
vereinigen sich die
Snobs, Fads und
Cranks, um allen
möglichen Adepten
orientalischer Reli-
gionen zuzuhören,
gesund aussehenden,
olivenbraunen und
kuhäugigen Jüng-
lingen mit fünfzehn-
silbigen Namen, die
den Herren und
Damen allerhand
Atemübungen und
spirituelle Taschen-
spielerkunststück-
chen vormachen,
{Mazdaznan und
ähnlichen Schnick-
schnack) ; all diese
Stückchen haben e
gesprochenen oder nur ;
Zweck.
Durch die Nachbarschaft solcher unernsten, aber ernst-
genoramen enModebekenntnisse werden neueGemeinschaf-
ten diskreditiert, leiden Abbruch an ihren bestgemeinten
Bestrebungen. Nach einem Aufenthalt von weiteren drei
Monaten revidiere ich meinen ungünstigen Eindruck von
der Michigan-Avenue in Chicago und gestehe, daß in
manchen dieser neuen Kirchen Großes, Ernstes und Halt-
bares sich zwischen Menschen aufbaut, wenn sie auch
bombastische Namen auf ihren Fassaden tragen; die
Kirchen des „Neuen Glaubens", des ,, Höheren Lebens",
die „Kirche der Menschheit", der Uni versalist en, der
Spiritualisten, der Chris tadelphiker und wie diese Kirchen
393
Physischer Typus des heutigen AmerikafUTS
Champ Clark, Speaker im Kongreß
zu Washington
; erhöhte Leistungsfähigkeit in aus-
! Beziehungen zum
des mehr oder minder freidenkenden Amerikas alle heißen
mögen. —
Bei all diesen Tendenzen läuft die Grenze zwischen
Sinn und Irrsinn Gefahr, ebenfaUs verwischt zu werden.
Der Wallstreet-Krösus mag ruhig, eh er in sein Bureau
geht, in der Früh zum HeUseher laufen, um die Kurse
zu erfahren, die die Mittagsbörse zeitigen wird. Auch
um die Leute, die zwischen Glauben und Aberglauben in
seelischen Dingen nicht zu unterscheiden wissen, ist nicht
schade. Wo aber sind die Grenzen zwischen Seelennot
und der Not des äufieren Lebens in diesen ringenden,
hastenden, irrenden und doch im Grunde naiv gütigen
und reinlichen Menschen gezogen? Die Unruhe, die all
diese kuriosen und befremdlichen Verästelungen treibt,
wächst auf dem Boden des großen, fundamentalen Wider-
sinns, in dem diese Gesellschaft ihre Wurzeln verankert
hat. Das rasche Tempo, in dem sich die Verhältnisse in
Amerika entwickeln, hat unter anderem der Welt auch
deutlich gezeigt, daß die Institution der fiarche sich
überlebt hat. Mag Amerika rasch, und um um so
gründlicher mit dem ganzen mittelalterlichen Plunder
fertig zu werden, auch noch das gefährliche Experiment
mit der katholischen Kirche machen. Es wird in Amerika
ohne Zweifel bald erledigt und abgetan sein. Für die
Kirche von Morgen, deren Seelsorger heute die Um-
stürzler sind, bedeutet es wohl keine ernste Gefahr.
AMERICANOS UNTEREINANDER
Immer erneutes Vergnügen bereitet einem die natür-
liche und direkte Art und Weise, auf welche sich der Ver-
kehr der Menschen hier herüben abspielt. Ohne Pathos,
aus primitivem und natürlichem Instinkt heraus, der den
Europäer zuweilen wohl grotesk anmuten kann. Den
Europäer, der sich im ganzen doch noch lieber von einem
Höherstehenden auf die Schulter klopfen als von einem
394
Tieferstehenden beim Paletotknopf fassen läßt. Für
Faxen und Förmlichkeiten, die im Grund doch nichts
andres bezwecken, als den Dünkel des Einen vom Dünkel
des Andern sauber abzugrenzen, hat der Amerikaner nicht
viel übrig, weder Lust noch Zeit, über Formen liebt er
es, sich draufgängerisch hinwegzusetzen ; es tut dem Euro-
päer gut, zuzusehen, wie er es macht.
Schon hat der europäische Kaufmann vom amerika-
nischen gelernt, sich direkt und unverblümt an den Käufer
zu wenden ; wir, die das nichts angeht, dürfen doch unsre
Freude und Amüsement daran haben.
Die Armee der Vereinigten Staaten verteilt Zettel auf
den Straßen. Auf diesen Zetteln sind die Löhne ange-
priesen, die Chancen, fremde Länder zu sehn, Pension,
Kost und Kleidung detailliert. Zum Schluß heißt es:
„Fragen Sie Ihren Arbeitgeber, ob er mit uns konkur-
rieren kann in diesen Lebensfragen!"
Dieses Zettelchen, das der Europäer schmunzelnd als
„echt amerikanisch" in die Tasche steckt, ist ein sym-
pathisches Dokument für die gesunde und ehrliche, der
Flunkerei abholde Art des Verkehrs zwischen Menschen
und Menschen. Natürlich, die Institutionen ähnlicher Art
drüben in Europa, die mit dem „Arbeitgeber hinsichtlich
all der Lebensfragen des Soldaten nicht konkurrieren könn-
ten", maskieren diese Konkurrenzunfähigkeit mit einem in
dynastischen Farben angestrichenen Wall von Schlagworten
und Lügen. Aber auch wenn man nicht gerade gebraucht
wird, erfährt man Entgegenkommen und amüsiert sich auf
Schritt und Tritt über kleine nette Witzchen. Kommt man
ins Theater, und es ist kein Platz mehr zu haben, so wird
einem der Abend nicht durch eine lakonische Tafel : „Aus-
verkauft" verdorben, sondern es heißt sanft und milde:
„Very sorry. All places sold for this night. Come
again to-morrow!"
Warum ist der wortkarge Amerikaner da plötzlich so
weitschweifig? Vielleicht, weil, der daherkam, hier
Vergnügen suchte?
395
In Frisco ruft mein Hotelnachbar, wie der Präsident
Taft in unser Hotel einzieht, fröhlich:
„Hello, BiUy!"
versichert mich aber im selben Atem, daß er bei der näch-
sten Wahl seine Stimme doch auf Woodrow Wilson ab-
geben wird.
Im Kongreß darf's einen nicht chokieren, wenn die
würdigen Herren unter der Kuppel Zigarren rauchen
und quer an der Nase des Redners vorbei den Cuspidor
vollspucken. Man darf sich nicht im geringsten verletzt
fühlen, wenn der junge Millionär, Besitzer der welt-
berühmten Schuhfabrik, in Hemdärmeln neben einem
daherläuft, und darf ihm sogar in seinen Rock helfen,
wenn er einen über den Fabrikhof aus dem Männer-
stiefelflügel in den Damenschuhflügel hinüberbegleitet —
weil draußen 32 Grad Kälte sind.
In den Staatsbureaus geht man durch offene Türen direkt
zu den Gewaltigen hinein, die einem, wenn sie auch
noch so abgehetzt und mit Arbeit überbürdet sind, auf
die liebenswürdigste Art jede gewünschte Auskunft er-
teilen (ohne daß man's nötig hätte, nach seinem Ein-
führungsschreiben in allen Taschen zu kramen), einem
die minutiöseste Auskunft über ihr Ressort geben, ohne
bonzenhaf te Anmaßung, ohne Herablassung, gleich freund-
lich zum Fremden wie zum Kollegen wie zum Publikum.
Der amerikanische Beamte wird von den Leuten, die
viel mit ihm zu tun haben, gern ein „knownothing", Igno-
rant, geschimpft. Über (aus Europa importierten) Beamten-
zopf und Instanzenweg und andrerseits Schlendrian hörte
ich klagen, und auch über die (mehr amerikanische)
Einrichtung des „red tape", der Schikane. Der Fremde,
den kein Geschäft, sondern Wißbegierde durch die Bureaus
führt, kann all diese Mängel natürlich schwer kontrol-
lieren; das Knownothingtum wird wohl in der furcht-
baren Spezialisierung der Arbeit seine Ursache haben,
wie die red tape in der ewigen Beängstigung infolge des
alle 4 Jahre drohenden Regimewechsels. Hier wie anders-
396
wo ist der Beamte, der Subalterne, ein richtiger Prole-
tarier und Opfer der unnatürlich sich vorwärtsbewegenden
Entwicklung.
Ich sah an einem Februartage an der Südspitze von
Manhattan zu, wie ein junger Aviatiker auf einem selbst-
konstruierten Schlittenaeroplan vom schollenbesäten Hud-
son aufstieg, eine Schleife um die Freiheitsstatue machte
und darauf zum selben Fleck, von dem er abgefahren
war, zurückkam, auf eine wackelnde Scholle, es war
kalt und starker Nordwind. Der Kontinent hatte sein
Interesse auf dieses Experiment gesammelt, und nebst
dem tausendstimmigen Hooraygebrüll der Menschen-
menge und dem Getute sämtlicher Hudsondampfer
waren auf den Sieger hundert Photographenkasten und
Kinematographendrehorgeln gerichtet, als er sich auf
seiner Scholle niederließ. Was tat der Gefeierte? Er
sprang vom Bock, schneuzte sich in die Finger und zeigte
den Objektiven seine sehr subjektive Kehrseite, in hocken-
der Haltung, weil ihn etwas an seinem Motor mehr
interessierte als die Umwelt. Ich erwähne diese komische
Geschichte, um den erfreulichen Mangel an Heroen-
pose und die erfrischende Gleichgültigkeit zu illustrieren,
mit der der Amerikaner sich gegen die Öffentlichkeit
verhält. Es wird wenig Scheinheiligkeit, tengalisches
Feuer und Ziererei konsumiert, und mancher gordische
Knoten, der nur von aufs äußerste kultivierten Finger-
spitzen aufgelöst werden könnte, wird klipp und klar im
Verkehr mit dem Hinweis auf die nächstliegende Räson
der „unsophistischen" Vernunft entzweigehauen.
Die Prüderie, die sich an vielen Punkten des öffentlichen
Lebens breit bemerkbar macht, ist nicht tragischer
zu nehmen, als sie in dem kuriosen Hin und Her zwischen
altpuritanischen Anschauungsformen und dem von der
Reklame und dem Geschäftstreiben überreizten Nerven-
gegaukel des Alltags sich darstellt.
Gern führt man als Beweis für die amerikanische Prü-
397
derie den Fall Gorki und den Fall R^jane an. Gorkis
Aufenthalt in Amerika wurde durch die Falschmeldung
seiner Begleiterin, die er für seine Gattin ausgab, ver-
eitelt. Die Tournee der R6jane aber durchr das Gerücht,
sie hätte bei einem Champagnergelage auf einem Tisch
Cancan getanzt. Beide Fälle hatten einfach Konkurrenz-
manöver von eifersüchtigen Zeitungen und Theater-
managern zur Ursache. Sie sind charakteristischer für die
Geschäftsmethoden einzelner Unternehmer, als für die
Gesinnung des Amerikaners. Bedenklicher ist es, wenn
große Tagesblätter, die ernst genommen werden wollen,
die Sensationslust des Publikums stacheln und unsauber
füttern, indem sie sich monatelang Artikel über Toiletten-
geheimnisse von MilUonärshuren schreiben lassen und auf
ihren Titelseiten Seitensprüngen aus der fünften Avenue
mit allen Bettlakendetails breiten Raum gewähren.
Allerorten versteckt sich hinter derlei Widersprüchen
ein abgefeimter Geschäftstrick> wenn man nur näher hin-
schaut. Persönlicher Erfolg entschuldigt hier mehr als
in Ländern mit gefestigtem gesellschaftlichen Kodex. —
Gesittete Bürgersleute, in deren Verein man von den
Beziehungen der Geschlechter nicht einmal andeutungs-
weise sprechen dürfte, erregen auf dem Ozeandampfer,
der ein jungvermähltes Paar davonführen soll, Gelächter
dadurch, daß sie gedruckte Zettel verteilen, auf denen
die Kabinennummer der Brautleute den Passagieren mit-
geteilt wird! Und dadurch, daß sie diese Brautleute, als
sie ahnungslos die Schiffsbrücke betreten, mit einem
Schauer von Reis, Symbol der Fruchtbarkeit, und alten
Schuhen, die ihre Zeit gedient haben und fortgeworfen
werden können, empfangen!
Dabei ist der Verkehr der Geschlechter in Amerika,
o wie man weiß, ungezwungener als wo anders immer. Da
Mann und Frau im Brotkampf bald in den Wettbewerb
miteinander treten werden, geht die Erziehung von
Anfang an auf freiestes Messen der Kräfte los. Der
kameradschaftliche Ton zwischen Knaben und Mädchen,
398
Jünglingen und Fräulein, der ungezwungene Ton in
Gesellschaft, beim Sport, der Verkehr auf den Uni-
versitäten fällt einem wohltuend auf. „Flirt" und „Ga-
lanterie" sind zwei Formen, die wahrscheinlich beide
bis zur selben Grenze vorwärtspoussiert werden ; die weit-
aus weniger verlogene ist auf alle Fälle die des „Flirts".
Stirnrunzelnde Auguren versicherten mich, daß in
Universitätsstädten die Koedukation, das Beisammen-
studieren und -Hausen von Studenten und Studentinnen
gewisse ärztliche Berufe, so z. B. das Gegenteil von Ge-
burtshilfe, in Flor gebracht haben. Worauf ich es mir
mit diesen Stirnrunziern auf ewig verdorben habe durch
die Erklärung: daß es das gute Recht erwachsener Men-
schen ist, zu bestimmen, ob sie Vater und Mutter werden
wollen oder nicht. Der abgründige Respekt, den der Staat
dem ungeborenen Embryo im Mutterleibe erweist, will
doch mit anderen Worten nur besagen : daß er es nicht er-
warten kann, mit dem fertigen Individuum Schindluder zu
treiben. Sei's, indem er es als Steuerzahler oder als
Kanonenfutter mit Beschlag belegt. —
Ich kann es mir gut denken, daß einem Durchschnitts-
europäer bei längerem Aufenthalt in Amerika die unleug-
bare Trivialität im Verkehr mit dem Durchschnittsamerika-
ner arg auf die Nerven fallen muß. Für das Knownothing-
tum, dem man im geselligen Verkehr begegnet, gibt*s im
großen ganzen weniger triftige Entschuldigungen anzu-
führen als für jenes der Beamten. In gebildeten Kreisen
überrascht einen zuweilen eine abgrundtiefe Ignoranz in-
bezug auf Dinge, die 5 Schritt weit vom täglichen Leben
oder von amerikanischen Angelegenheiten gelegen sind.
Oft habe ich verstimmt die Unmöglichkeit eingesehen,
mit einem Amerikaner oder einer Amerikanerin in eine
fruchtbringende Diskussion eines Themas, zumal eines
nicht spezifisch amerikanischen, zu gelangen. Hinter dem
höflichen Gesicht des Gegenübers war allzu deutlich die
absolute Unbeteiligtheit zu sehen, und so war's das Beste,
399
rasch abzubrechen. Phantastische Ansichten über Dinge
der Kunstgeschichte, der Literatur, der Sitten fremder
Völker kann der Ämericano zuweilen äußern!
Das, wovor sie sich am gewaltigsten fürchten, sind die
halben Töne des Verkehrs, die Waffen der Ironie, die sie
noch nicht recht zu handhaben verstehn. Wenn man sie
vor den Kopf stößt, wehren sie sich schon nach Kräften.
Aber wer stichelt, kann schlimme Erfahrungen machen
mit ihnen. Wie Kinder sind sie rasch beleidigt und lassen
Bosheit fühlen. —
Viele schuldbewußt oder unklar nach dem Bereich des
Wichtigeren neben dem Alltag Hiiitappende schaffen
sich irgend eine kleine Liebhaberei, ein niedliches Stecken-
pferdchen an, auf dem sie dann gerührt und selbstbewußt
einhertraben. Aus sozialen oder religiösen Spielereien
dieser Art wird aber nicht selten wirkliche, ernste Arbeit.
Das Tempo der Betätigung hier herüben reißt eben alles
nicht genügend Haltfeste, Wurzelsichere mit sich, oder
schwemmt es einfach ins Absurde davon, und der Amateur
muß, um seine Liebhaberei zu bewahren, ein Arbeiter
in seinem Gärtchen werden.
Die Unsicherheit der kulturellen Grundlage, aus der
der Amateur hervorkommt, spiegelt sich zuweilen amüsant
in den sichtbaren Resultaten, zuweilen aber auch ab-
stoßend wieder. Gar bald kommt der Beschauer dahinter,
ob er es mit sympathischer Naivität, mit zynischen Ge-
schäftstricks oder mit Heuchelei zu tun hat.
Ich sprach schon vom Mogwab, dem großen Wohl-
täter, Wissenschaftsprotektor und Sammler, dem man
nur zu oft auf seine Schliche hinter den Kulissen kommt.
Der große Stifter und Drähtezieher von Universitäten,
Protektor der Kirche und Sonntagsschulen, ist einer der
gefährlichsten Raubritter, die die Geschichte je gesehen
hat. Der weltberühmte Friedensapostel hat seine Millionen
aus dem blutigen Schweiß armer ungarischer, polnischer
und deutscher Sklaven herausgepreßt, die er in seinen
Stahlwerken um einen Hungerlohn in i8- und 24 stündiger
400
Schicht arbeiten ließ. Der edle Wohltäter der jüdischen
Witwen .und Waisen hat es zugegeben, daß der zwanzig-
jährige Kammerdiener seines Sohnes für 30 Jahre ein-
gesperrt werde, um seine Schwiegertochter von einem
Verdacht zu säubern. Der große Kunstsammler, der sein
Vaterland mit aus allen Privatsammlungen und Kirchen
der Alten Welt entführten oder gestohlenen Kunstwerken
beschenkt, hat seine Karriere damit begonnen, daß er
diesem seinem Vaterlande unbrauchbare Gewehre ver-
kauft hat. Seiten ließen sich vollfüllen mit derartigem
Material.
Der Amerikaner, der einen durch solche Sammlungen
geleitet, ist stolz auf sie, weniger auf ihre Stifter. Wenn
er aber durch die Säle mit dir geht, in denen pietätvoll
die frühesten Sammlungen aufbewahrt sind, die den Grund-
kern der heutigen großen amerikanischen Museen bilden,
dann kannst du sehen, wie der Amerikaner neben dir zu-
weilen errötet und dich gern von einem oder dem andern
Schaukasten weglenken möchte. Die frühesten Sammler
haben der Nation alles vermacht, was sie gesammelt haben,
in den Ländern Asiens und Europas gesammelt haben.
Altes und Neues durcheinander. Im Kasten, an dem du
vorbeigehen sollst, ohne einen Blick hineinzuwerfen,
kannst du neben einer Gemme von unschätzbarem Wert
eine kleine Fünfzig-Pfennig-Holzschnitzerei, den eidgenös-
sischen Löwen von Luzern darstellend, liegen sehen. Unter
einem Delacroix oder Teniers an der Wand in einer Vitrine
primitive kleine Mosaikbroschen aus Venedig oder einen
Sokrateskopf aus Vesuvlava. Der kultivierte Americano
an deiner Seite errötet oder lächelt verlegen, während du
in den Kasten hineinsiehst. Dir aber gibt dieser kleine
Schmarren dahier ein freundlicheres Empfinden für seinen
Stifter ein, als der anspruchsvolle Marmorblock von
Rodin, den ein andrer vorgestern aus Europa mit
großem Zeitungsgetöse auf seiner Privatyacht herüber-
gebracht hat.
26
401
NOTIZEN ÜBER DIE LITERATUR, DIE ZEITUNG,
DAS THEATER
Der Literatur und dem Theater bin ich in Amerika
auf Pfaden des öffentlichen Lebens nachgegangen.
" Da habe ich gesehen, daß in diesem intensiv und bewußt
lebenden Lande eine ungleich stärkere Wechselwirkung
zwischen den Problemen der Umwelt und dem Schaffen
und Trachten des Schriftstellers existiert als wo anders
immer in kultivierten Ländern.
Der amerikanische Romantiker, der dem Alltag ent-
fUehen möchte, zieht sich lieber in die unerforschten Ge-
biete seines ungeheuren Kontinents zurück als in die un*
erforschten Gebiete seiner Seele. Bei den harten Knaben
iti Alaska, in den Wäldern um die nördlichen kanadischeti
Seen, bei den Indianern auf den Prärien, bei den zügel-
losen Gebirgsbewohnern in den südlichen Zentral-
staaten findet er ursprüngliche Instinkte, unbiegsame
Naturen, bei denen er sich wohler fühlt als bei den vom
Erwerbskampf und Zukunftsdrang verbogenen Städtern.
Der Zusammenhang mit jenen Primitiven erklärt ihm
sein Verhältnis zur Weltseele deutlicher, als es das Los des
europäischen Schmerzensmannes ist, den ein gleicher
Hang durch alle Epochen der Weltgeschichte, Kulturen
und Stile jagt.
Daß dieser Zug, diese leicht zu befriedigende Sehn-
sucht nach Romantik ihre Gefahren birgt, ist evident,
und man kann dies in jedem Eisenbahnwaggon bestätigt
finden, wenn der Zeitungsjunge mit seinem Armvoll
best-sellers, d. h. gangbaren Büchern daherkommt. Da
tummeln sich edle cowgirls, papieren redende Goldgräber,
Indianerhäuptlinge aus Karton auf Kitschprärien, zumeist
von Frauen zusammengeschustert — wie es ja drüben
auch die Frauen oder weibischen Autoren sind, die die
mehr europäischen Ansprüchen genügenden Hofkreise und
Adelsmilieus verarbeiten. Die Lebensdauer dieser best
Seilers ist eine Station, ihr Grab das offene Coup6fenster.
402.
Der Leser darf nicht erstaunt sein, wenn ich in diesem
Aufsatz nur sehr wenige Namen nenne, außer den schon
früher betonten Frank Norris, Jack London und Upton
Sinclair. Ich habe mich in Amerika meist mit Zeitung-
lesen begnügt und habe aus dem großen offenen Buch
des Volkes in freier Luft mehr über den Geist der Neuen
Welt erfahren als aus denkleinen gedruckten Büchern hinter
Ziegelmauern.
Als ein außerordentlicher Sittenschilderer ist mir
Robert Herrick aufgefallen, allerdings fehlt ihm daso
typisch Amerikanische. Ein kultivierter Brite könnte die
Charaktere des Americanos betrachten, wie er es tut,
und zwar kritisch; doch stellt ihn ein starkes Können
gewiß in die Reihe der Meister des heutigen Romans
aller Länder. Man hat mir Edith Wharton und David
Graham Phillips als die besten Vertreter der jungen ameri-
kanischen Belletristik neben Herrick genannt, zu meiner
Schande muß ich gestehen, ich habe nichts von ihnen
gelesen. Starken Eindruck machten mir einige Bücher
von Hutchins Hapgood, die auf der Grenzscheide von o
Erlebnis und Fiktion stehen und in ihrer brüsken Stel-
lungnahme zu radikalen Problemen diese Legierung von
Tendenz und Kunstwerk zeigen, wie sie am vollendetsten
in Sinclairs „The Jungle" zum Ausdruck gekommen ist.
Neben dem Pragmatiker James hat Henry Bergson
gegenwärtig wohl den stärksten Einfluß auf die Geistes-
strömungen des modernen Amerikas. Es scheint, als
dienten Bergsons Evolutionsphilosophie, seine Anatomie
des Lebenstriebes und die Jamesschen Experimente zur
Erforschung der Instinkte auf physiologischer Grund-
lage dem modernen Amerikaner irgendwie zur Bestäti-
gung seiner Mission im Vorwärtsbringen der Absichten
der heutigen Menschheit. Es ist mir ein Buch unter-
gekommen, eine Essaysammlung des scharfsichtigen jungen
schwedisch-amerikanischen Kritikers Björckmann, in der «>
aus jenen Elementen so etwas wie ein neues amerikani-
sches Glaubensbekenntnis destilliert wurde. In zahl-
26* 403
reichen wertvollen Aufsätzen, die ich in fortschrittlichen
Zeitschriften las, ließen sich die Einflüsse Bergsons
verfolgen, deckte sich der Verfasser mit Bergsons Au-
torität. Eugeniker, Utopisten, Reformatoren der Nah-
rungsweise, Back-to-nature-Schwärmer, Zivilisationszer-
störer, Atmungsfanatiker tummeln sich auf dem weiten
Feld der zeitgenössischen Literatur Amerikas — und dann
die Legion, die unübersehbare Zahl der Nachfolger
und Verpopularisierer von Emerson und Thoreau, um
nur die in Europa bekannten zu nennen: Trine, O. S.
Marden, Prentice Mulford. Immerhin muß ich be-
merken, daß diese letzteren, wie mir's schien, in Europa
viel mehr als Repräsentanten des Amerikanismus ange-
sehen und überschätzt sind wie hier herüben.
Daß dem abseitigen, keinem Volke angehörenden,
sublimen Phänomen Edgar Allan Poe kein Nachfolger,
in Amerika so wenig wie anderswo, herangewachsen ist,
erklärt sich von selber. (Wenn ich auch gestehe, daß mir
dabei der außerordentliche Schilderer von Kriegs-
szenen Ambrose Bierce einfällt; sein Buch: „In the
midst of life" ist in der Tauchnitz-CoUection zu haben.)
Die Spekulanten, die seine esoterische Kunst aus Ma-
thematik und Seelenkunde brutalisiert haben, Conan
Doyle an ihrer Spitze, sind in Europa zu Hause, das legt
ja ein gutes Zeugnis für das amerikanische Schrifttum ab.
Wie steht es aber um die Nachfolge Walt Whit-
mans?
Walt, das chaotische Sinnbild seines ungeheuren, un-
erforschten Kontinents, die Feuersäule am Eingang eines
rätselhaften neuen Zeitalters des Menschengeschlechts,
der wilde Seher und besessene Johannes, diese aus der
Natur über alle Zivilisation hinweg schlagende Flut,
dieser wahrhaftige Tornado von einem Menschen, um
sich blickendes Auge weit und sicher wie das Auge des
Leuchtturms, offene Hand, in deren Höhlung die Ele-
mente sich begatten, aufwärtshörendes Ohr, schlagendes
•
404;
Ifalt Whilman
Herz, darin das
Weltgeschehn
puht, warme Ries-
enstirne milde nie-
dergeneigt zur
letzten Kreatur,
Walt, der nie
Geborene, der Un-
vergängliche, An-
fang undAusgang,
erschütternder
Ausblick in Zei-
ten, die kommen
werden,hinaus und
hinauf !
Einen wahrhaf-
ten und echten
Sohn hat er, der
seinErbe nicht nur
getreulich verwal-
tet, sondern in dem der Geist des Ahnen das Leben
unsres heutigen Tages treibt, die Sprache des Sehers
auf der Prärie zur Sprache des Streiters an der Straßen-
kreuzung sich gewandelt hat. Walts Gott glich dem Großen
Häuptling und seine Geburtsinsel nannte er mit dem In-
dianernamen Paumanok, Horace Träubel aber bekennt sich
zum Christus des Zöllners, der Hure, zum Gott der Ver-
geltung, der den niedergeschmetterten Proletarier auf-
richtet, und er scheut sich nicht, ihn in der downtown,
inmitten des Zügegerassels über der Hölle AUenstreets,
inmitten der Kehrichthaufen aus verfaultem Zeitungs-
papier, Bananenschalen und Abfällen alles Elends anzu-
rufen.
Träubel hat nicht die übermenschliche Phantasie
Whitmans geerbt, der aus seinen Trieben Götter geformt
hat, wie die Indianer, Hätte er sie, er wäre Der, auf den
der Finger Whitmans zeigte, wie auf Grünewalds Isen-
+05
heimer Altarbild der Finger des Täufers auf den Ge-
kreuzigten zeigt. So klammert er sich mit aller Glut eines
Menschengewissens an das Heutige, an den großen Vor-
gang, dem wir gequälte Glückliche zuschauen dürfen.
Whitman, der die Kriege um 1860 durchgemacht hat,
stand in Ehrfurcht und Schauern vor dem Wunder des
sich einenden Staatenverbandes, dieser Junge aber sieht
die ganze Menschheit in einer ähnlichen Zersplitterung,
der ein ähnliches Zusammenschmelzen folgen wird. Sein
Camerado heißt Genosse, und im Sezessionskrieg seiner
eigenen Zeit sieht er sich, als Heerrufer bei einer größe-
ren Armee stehen als der legendäre Krankenpfleger von
Gettysburgh.
Ihm bleibt der Vorwurf nicht erspart, daß sein innerer
Rhythmus vom Metronom Walts bestimmt worden ist,
daß etwas Sonntagspredigerhaftes hervorschlägt, zumal
in den Prosaschriften, den Collects, sobald die Begeiste-
rung nachgelassen hat in seinem Blut. Dies ist in Amerika
kein Vorwurf ; ich habe es ja früher betont, daß der Mann,
der hier zu den Seelen sprechen will, den Mann von der
Kanzel nachzuahmen liebt, um dem naiven Zuhörer
begreiflich zu machen, daß er an sein Inneres rühren
wiU. Wollte sich Träubel bloß an den Gebildeten
wenden, hätte er's leichter, oder er müßte verstum-
men, da das anspruchsvolle Ohr die ewige Bergpredigt-
weise nicht allzu lange verträgt. Aber seine Strophen
aus „Optimos" (bei B. W. Huebsch in Newyork er-
schienen) haben sich in Volksversammlungen gut be-
währt, seine „Chants communal" (die O. E. Lessing
übersetzt und der Verlag R. Piper & Co. in München
unter dem Titel: „Weckrufe" verlegt hat) sprechen ihre
Sprache zu jedem von uns, jedem Menschenkind aus
dem großen, herrlichen Mob, von dem Gouverneur
Johnson spricht.
Viele Bedenken ästhetischer Art verblassen vor dem
Wichtigen, das in Traubeis Kunst getan erscheint. Es ist
immer mißlich, der Nachkomme und nicht der Christus
406
eines Johannes zu sein. Daß der Ruf nicht verhalle, bis
der Erwartete, der große Dichter der großen Neuen Welt
erscheint, das wirkt Träubel und die um ihn pietätvoll
und voll Aufopferung in der Zeitschrift „The Conser-
vator", die die Whitman-Tradition hochhält und immer-
hin eine kleine lebende Opferflamme vorstellt in dem
einzigen heiligen Hain, der heute in Amerikas Literatur
zu finden ist.
Es gibt sauberere, vornehmere, besser informierte
und von gewissenhafteren Schriftstellern geschrie-
bene Tagesblätter in Amerika -^ aber es gibt keines, das
es an Verbreitung, an origineller, charakteristisch ame-
rikanischer Bewegtheit und Beweglichkeit mit den
Blättern von William Randolph Hearst aufnehmen
könnte. Sie erscheinen in Newyork, Chicago, Boston,
San Franzisko, Los Angeles und Atlanta in einer Ge-
samtauflage von etwa sechsthalb Millionen Exemplaren,
und man kann getrost annehmen, daß sie von einer grö-
ßeren Zahl Americanos gelesen werden, als welches an-
dere Blatt immer.
Ihr direkter politischer Einfluß ist (wie der der meisten
großen populären Tagesblätter Amerikas) gering, wenn
nicht gleich Null. In einem Leitartikel des Chefredakteurs
des „Newyork American**, Arthur Brisbane, las ich den be-
merkenswerten Stoßseufzer: „Wir, die wir in diesem
Lande nicht einmal die Wahl eines städtischen Huhde-
fängers durchsetzen können — " und wirklich, man er-
zählte mir, daß zuweilen staatliche oder städtische Funk-
tionäre trotz der vereinten Opposition der Tagesblätter
einstimmig gewählt worden sind.
Wenn ihr direkter Einfluß solcher Art paralysiert ist, so
können sie doch durch Unterschlagung bedeutsamer
Nachrichten, Totschweigen von ihnen unliebsamen Per-
sönlichkeiten um so mehr Unheil anrichten. Oft habe
ich, wenn ich in einem großen Newyorker Tagesblatt, dem
„Newyork Herald", der „Evening Post**, der „World"
407
oder „Times" eine verhängnisvolle, gar nicht zu über-
sehende politische Aktion verzeichnet fand, andere Blätter
durchgesehen und keine Zeile in ihnen gefunden, die
über dieses Ereignis berichtet hätte.
(Die deutschen Blätter, die „Newyorker Staatszeitung"
an der Spitze, bilden dabei eine rühmliche Ausnahme.)
Eine andere bewährte Methode, Ereignisse zu fälschen,
ist: das Schwergewicht wird auf Nebensächliches gelegt
und die Hauptsache, die zu berichten dem Blatt un-
angenehm ist, auf irgend eine Art in den Text unauffällig
hineingeschmuggelt.
In einem sehr gelesenen Blatt Newyorks fand ich den
Sieg der deutschen Sozialisten bei den jüngsten Reichs-
tagswahlen unter der Überschrift:
„Chauffeur des deutschen Reichskanzlers wegen Schnell-
fahrens verhaftet"
in fünf Worten ganz beiläufig erwähnt. Das Haupt-
interesse des Lesers sollte auf das Faktum konzentriert
werden, daß der erwähnte Funktionär verhaftet wurde,
als er seinen Herrn nach dem Schloß führte, wo der Kaiser
auf Rapport über den Ausfall der Wahlen wartete!
Am selben Tag, an dem spaltenlange Berichte über das
Auftreten eines Synagogensängers sich in den Hearst-
Blättern breit machen, verschweigen diese selben Blätter
die Mordtaten der „Schtarkes", der jüdischen Camorra,
die die Ostseite im Atem halten. In derselben Nummer,
in der Hearst den triumphalen Einzug des irländischen
Kardinals Farley in Newyork schildern läßt, sucht man
vergeblich nach einer kleinen Bemerkung über die Ge-
fahr des hereindringenden Katholizismus für die demo-
kratischen Grundprinzipien Amerikas, mit deren Ver-
herrlichung die Hearstblätter den Mund sonst gewaltig
voll zu nehmen pflegen.
Wenn man diesem oder jenem großen Tagesblatt
Amerikas den Vorwurf machen kann, daß es im Dienste
der großen investierten Interessen, der Trusts, Eisen-
bahnen, arbeitet, so kann man den Hearst-Blättern nach-
408
sagen, daß sie von dem maßlosen Ehrgeiz ihres Besitzers
bestochen sind. Ihre Taktik ist es, dem Italiener, Iren,
Juden als wichtigen Faktoren der amerikanischen Poli-
tik zu schmeicheln, um ihrem Besitzer zu der sehnlich
erhofften Standeserhöhung innerhalb der gegebenen
Stufenleiter der Republik zu verhelfen. Dieser breit-
schulterige Amerikaner, mit dem außerordentlichen, von
fanatischem Ehrgeiz versteinerten Imperatorenkopf hat
es jedenfalls erreicht, einer der meistgenannten, blindes t
gehaßten Männer Amerikas zu sein. Es ist einerlei, ob
seine ephemeren Ambitionen nach dem Weißen Haus
je in Erfüllung gehen werden oder nicht, für den Europäer
ist dieser amerikanische Zeitungsimperator jedenfalls eine
der interessantesten Erscheinungen von geradezu mo-
numentaler Unerquicklichkeit. Die Trusts haben an ihm
keinen Freund, aber der H e a r s t - Trust führt hier an
einem typischen Beispiel die ganze moderne Zivilisation,
die es erlaubt, daß der Ehrgeiz eines einzelnen Mannes
in einem demokratischen Staatenverband täglich sechst-
halb Millionen Menschen in die Ohren geblasen werde,
wieder einmal glänzend ad absurdum! —
Im Dienste Hearsts steht der genialste Journalist, den
das heutige Amerika besitzt, Arthur Brisbane. Er macht
aus seiner Not seine hervorragendste Tugend, indem er
stolz auf seinen Titel, ein gelber Journalist zu sein,
pocht. Dieser Titel ist alles, nur kein Geusenruf.
„Gelb" nennt man in Amerika die Sensationspresse, die
Sensation um der Sensation willen macht und ausposaunt
und sie nicht als Werkzeug zur Unterstreichung einer
Gesinnung benutzt. Empört eine riesige, offenkundige
Ungerechtigkeit das Volksgewissen, so sondiert der Gelbe
erst vorsichtig das Feld nach beiden Seiten, und bauscht,
wenn er erst herausgebracht hat, auf welcher er mit bes-
serem Profit stehen kann, die entgegengesetzte gehörig
auf. (Ein keineswegs typisch amerikanischer Vorgang,
allein die europäischen Gelben sind in dieser Kunst
Waisenknaben gegen die Amerikaner zu nennen.)
409
Sympathisch berührt einen beim Zusehen, daß man
bald merkt, im großen ganzen ist in Amerika immer
noch die Freiheit populärer als das Niedertrampeln des
Nächsten. In der amerikanischen Biblia Pauperum sehe
ich sodann doch noch lieber mir das Bild des Ästorschen
Sommerbungalows und Roosevelts aufgesperrten Riesen-
rachen an als die ewigen, unerträglichen Uniformen-
bilder von Potentaten in den europäischen Blättern.
Wenn Amerika sentimental nach gekrönten Häuptern
Europas hinüberschielt, erhält es seinen rügenden Klaps
am wirkungsvollsten von Brisbane appliziert, worauf sich
der verdrehte Hals mit hörbarem Knarren wieder in
seine normale republikanische Lage zurückdreht. Un-
vergeßlich wird mir ein prachtvoller Zornschrei Brisbanes
sein, gelegentlich des Empfangs ausgestoßen, den New-
yorker Finanz- und politische Größen dem Herzog von
Connaught, Onkel des englischen Königs und Statthalters
von Kanada, bereitet haben.
Brisbanes Leitartikel sind Meisterwerke gemeinver-
ständlicher Zwiesprache eines äußerst kultivierten und
wohlmeinenden Kopfes mit sechsthalb Millionen Volks
über seine vitalsten Interessen, mit einem kleinen, für den
Kenner und Gourmand deutlich wahrnehmbaren Bei-
geschmack von augurenhafter Ironie gewürzt. Brisbane
ist der Sohn eines hochbegabten sozialistischen Kämpfers
und war wie sein Vater in seiner Jugend ein begeisterter
Anhänger Fouriers. Hier einige Themen seiner Leit-
artikel :
Anweisungen an arme Massenquartiersbewohner, wie sie
die Milch in ihren Behausungen aufbewahren sollen. —
Was können wir anno 191 2 mit dem Schalttag anfangen.
— Das Perlenhalsband der Milliardärin, totes, aus der
Zirkulation gezogenes Kapital. — Kinder sollen nicht
geängstigt werden. — Über die Existenz Gottes; Parabel
von den blinden Kätzchen. — Rat an den italienischen
Schuhflicker, die Flicken künftig inwendig anzubringen.
— Rat an Junggesellen, zwei übriggebliebene magere
410
Findelkinder zu adoptieren, die im Findelhause keinen
Liebhaber gefunden haben; Goethe wie Voltaire seien
auch mehr tot als lebendig zur Welt gekommen. —
Die gelbe Presse wird von jedermann gelesen in Amerika ;
Männer wie Brisbane wirken immerhin als Antidote gegen
das Gift, den langsam wirkenden, demoralisierenden Ein-
fluß, der in die Seele des Amerikaners aus solchem Tropfen-
glas träufelt. Die Methoden der amerikanischen Gelben
aber werden von der Presse der ganzen Welt nachgeahmt
werden. Zuerst wird man und man ahmt schon den Unfug
der sensationellen Überschriften nach; da der Leser kaum
Zeit mehr hat, die Artikel zu lesen, wird die Zeitung dick-
leibig, um mehr Überschriften produzieren zu können.
Das Überhandnehmen der Klischees beweist, daß auch
diese Überschriften kaum mehr gelesen werden. Das
systematische Zusammenscharren von allem Skandal,
allen Unglücksfällen der ganzen Welt zeigt den verzwei-
felten Todeskampf der Presse in ihrer heutigen Form an.
Die amerikanische hat, wie erwähnt, ihren politischen
Einfluß längst schon an die Periodicals, die Zeitschriften,
abgegeben. Das Inserat bleibt der Sieger. Wenn die
Klischees und die Überschriften nicht mehr genügende
Lockspeise für das lesende Publikum bilden werden, um
es zu den Inseraten herbeizulocken, dann kommt die
Krise, dann muß ein Genie eine neue Form für die Zei-
tung erfinden.
Die gelbe Presse ist gar keine vereinzelte Erscheinung
im Chorus der amerikanischen Dinge, sondern eines von
den hier herüben so deutlich wahrnehmbaren Entwick-
lungsprodukten. Sie zeugt ebenfalls vom Tempo Ame-
rikas, dem Europa, mit einigen großen Tagesblättern
in Paris, London und Berlin, bereits nachhumpelt.
Einstweilen kann man sich in Europa kaum eine Vor-
stellung davon machen, auf was für einem Tiefstand das
Gewerbe des amerikanischen Nachrichtenbeschaffers an-
gelangt ist. Auf der letzten Seite der Hearst-Blätter
predigt Brisbane, mit ihm zwei andere „Reverends",
• 411
ein männlicher und ein weiblicher. Zwischen dem
Annoncenteil und dieser letzten Seite aber findet eine
Katzbalgerei von Photographen, Gesellschaftschnüfflern,
Karikaturisten und gelegentlichen Mitarbeitern, wie da
• sind: Kokotten, Tanzlehrer, Fußballgrößen und Hotel-
köche, statt. —
Das amerikanische Theater, daß Gott erbarm!
Sie haben das Schlagwort vom „tired businessman",
vom erschöpften Jobber, gefunden. Das Theater Amerikas
soll also auf die geistige Spannkraft und Aufnahmefähig-
keit des Kaufmanns zugestutzt werden, der nach 8 — lo
stündiger angestrengter Arbeit das Schlafengehen gnädigst
um einige Stunden hinausschiebt und auf solche Weise
Mäzen und Protektor der dramatischen Kunst wird.
Das amerikanische Drama von heute hat wahrscheinlich
die Devise mitbekommen: nur keine Aufregung, nur nichts,
was die Ruhe stört ; business und Politik am Tage, Politik
und business am Abend, hinter der fehlenden vierten
Wand. TatsächUch habe ich in all diesen Monaten, in
sechs, sieben Varianten immer und ewig das gleiche Stück
auf dem Theater gesehen.
Die kreuzbrave und ehrbare business-woman, einmal
als Warenhausverkäuferin, einmal als Hoteltelephonistin,
als Bahnhofskassiererin verkleidet, die einer Gesellschaft
von korrupten Spekulanten oder Politikern die Stirne
bietet und dafür von dem einzigen Idealisten der Rotte
ehrbar geehelicht wird. —
Wie wenig es das Publikum Amerikas (vielleicht nur
in dieser Saison 1911/12?) zu lieben scheint, durch
komplizierte Charakterführung beunruhigt zu werden,
das sah ich ganz deutlich aus der Bearbeitung von Her-
mann Bahrs geistreichem Lustspiel: „Das Konzert", das
ja dem Europäer keine gewaltigen Rätsel aufgibt, für
Amerika aber eine noch immer zu harte Nuß zu sein
scheint. Im „Konzert** ergibt sich, wie erinnerlich, der
amüsante Konflikt daraus, daß der Künstler des Stückes
412 ^
in seinen ärgsten Eskapaden noch Bourgeois bleibt, der
Bourgeois des Stückes aber mit einer ganz unbürgerlich
originellen Weltanschauung herumläuft; was der erstere
scheinen muß, ist der andere wirklich, und die gütige
und kluge Frau, die sich Torheit und Weisheit zu nutze
macht, führt alles zum besten Ende. In der amerikani-
schen Bearbeitung ist der Konflikt umgedreht. Der
Künstler ist so, wie sich der Amerikaner den Künstler
eben vorstellt, ein kapriziöses Kind, und der andere, der
bürgerliche Sonderling, ein pathetischer Mann des com-
mon sense. Das Aufeinanderklappen dieser beiden, zwi-
schen denen die ein wenig larmoyant gewordene Frau
steht, hat dem Publikum Amerikas doch noch Reiz ge-
nug geboten, so daß zwei — drei Truppen mit dem
erfolgreichen Stück seit Jahren durch den ganzen Kon-
tinent reisen.
Rührselige Provinzsentimentalitäten, frugale Farm- und
Wildwestmelodramen, in denen die primitive Seele, wie
sich's gebührt, über den smarten Städter triumphiert —
und daneben die Stücke David Belascos, des Dichter-
Direktors, der auf alle Fälle der gerissenste Theatralikus
des heutigen Tages ist und als solcher es sich wohl er-
lauben darf, sein Publikum mit ausgefallenen Problemen
vor den Kopf zu stoßen. Er hat, als Schüler und Bewun-
derer Reinhardts, dessen Methoden, geschickt vergröbert
oder gesteigert, dem Bedürfnis des amerikanischen
Theaterpublikums, das er durchschaut und lenkt, treff-
lich angepaßt.
Vor der Einführung der französischen Zote steht, als
Großsiegelbewahrer der nationalen Heuchelei, der „ameri-
kanische Senator Berenger", Mr. Anthony Comstock;
seinem wachsamen Auge entgeht auch in der heimischen
Produktion nichts, was auch nur im entferntesten als
ein Versuch zur Darstellung des Kampfes der Geschlechter
aufgefaßt werden könnte.
Durch die großen Theatertrusts, wie die der Froh-
mans, Klaw, Shuberts — die letzteren haben allein
i6o Theater in den Staaten gepachtet, in denen ihre
Wandertruppen gastieren — ist eine Kontrolle des
Geschmackes des ganzen Theaterpublikums von Ame-
rika ausgeübt. Dieser systematischen Seelenverhunzung
probieren kleine, dem „OEuvre" und der „freien
Bühne'' nachgebildete dramatische Gesellschaften zu
steuern, so z. B. die Chicagoer dramatische Vereinigung,
mit geringem Erfolg selbstverständlich. Es gibt aber,
durch diese Vereinigungen ermutigt, junge Dramatiker,
die sich an Experimente wagen, so z. B. der auch in
Deutschland bekannte Ch. R. Kennedy, und unter
anderen Upton Sinclair in seinen „Plays of Protest",
Tendenzstücken sozialistischer Gesinnung. — Man ver-
suchte und unternimmt immer wieder aufs neue Ver-
suche, Werke von fremdländischen, d. h. nicht-englischen
Dichtern, so von Ibsen, Maeterlinck, Wedekind und
Strindberg den Ämericanos vorzuführen; alle diese Ver-
suche scheitern indes an dem total degradierten Getrieb,
das, ärger wie anderswo noch, wie ein Pegel deutlich zeigt
— auf welcher Stufe des Verfalls die heutige Gesellschaft
angelangt ist.
In den Theatern Belascos begegnet man noch gut und
reif ausgeglichenen Schauspielerensembles, an deren Vor-
führungen man seine Freude haben kann. Hat man aber
keine Lust, sich eine unter dem Mittelmaß stehende
Truppe, die sich um einen erschöpften und abgehetzten
Star gruppiert, drei Stunden lang gefallen zu lassen, so
muß man schon nach der Ostseite, zu den jüdischen, d. h.
im Jiddischen Jargon spielenden Theatern hinüber-
wandern. Hier findet man eine erstaunliche Aufhäufung
von Komödiantentalent, Rohmaterial, das ebensowenig
von dem am Broadway üblichen fünfhundertmaligen
Herunterspielen desselben Schmarrens verdorben, wie aller-
dings von der kundigen Hand des Regisseurs zur letzten
Reife gebildet ist. In den Theatern des Jakob Adler, des
„jüdischen Irving", und der „jüdischen Düse", Mme.
414
Lipzin, spielt man auch (neben Melodramenschund arger
Sorte) Werke europäischer Autoren, vor dem dankbarsten
Theaterpubliküm, das es auf der ganzen Welt geben mag
heutigentags. Am Broadway, in den englischen Theatern,
sind ja die Schauspieler auch zu sieben Achteln deutsche
und russische Juden, aber das angeborene Komödianten-
talent dieses begabten Volks sprüht im Schmelztiegel des
Ghettos doch noch hellere Funken. —
In Adlers „Thalia theat er" im Ghetto sieht man im
Vestibül die Porträtköpfe von Zola, Tolstoj, Richard
Wagner, Alexander Herzen und des russischen Revo-
lutionärs Gerschuny, aber welcher Galerie von Theater-
autoren begegnet man in dem altehrwürdigen deutschen
Theater am Irving-Place zwischen Broadway und dem
Ghetto?
Vor Jahren, so hörte ich, hat Dr. Baumfeld den letzten
lobenswerten Versuch gemacht, den Newyorker Deutschen
die Klassiker und ein gutes modernes Repertoire von
guten Schauspielern in guter Ausstattung vorspielen zu
lassen. Heute aber, Winter 1911/2 sind es die ödesten,
verwerflichsten französischen Zoten, die dem wiehern-
den Beifall des Deutschamerikaners in seinem Theater
preisgegeben werden. Schlägt man die Hände über
dem Kopf zusammen, weil man sich vergeblich fragt,
wo das Schamgefühl der Deutschen hin ist, die sol-
ches dulden und fördern (die Amerikaner mit ihrem
Comstock sind noch besser dran), so hört man: die Ver-
einsmeierei mit dem bekannten Niveau ihrer Liebhaber- °
bühnen habe das deutsche Theater ruiniert; oder: die
jüdischen Theater haben dem deutschen den Garaus ge-
macht (!I), oder: die zweite Generation der deutschen
Einwanderung geht ausschließlich in englische Theater,
und der neu hereingekommene Deutsche steht auf solch
tiefer Stufe des Geschmackes und der Kultur, daß ihm
das Schlechteste gerade noch gut genug ist.
Die deutschen Bierbrauer sind die Mäzene des deut-
sehen Theaters in Amerika, das ist die richtige Antwort
und Erklärung. Neben den großen deutschen Theatern
in Newyork, Milwaukee, St. Louis findet sich immer auch
ein großes deutsches Gasthaus, das dem geistigen Erzieher
des Deutschamerikaners gehört.
Und doch hätte, wenn irgend ein fremdsprachiges, so
das deutsche Theater in Amerika seine Existenzberechti-
gung. Es ist um kein importiertes Nationalgefühl, das
hier herüben ins Amerikanische umgewandelt wird,
schade; um das deutsche ebensowenig wie um das fran-
zösische, russische, italienische. Aber um das Deutsch, das
die Deutschen mit herüberbringen, ist es schade, und hier
beginnt der Arger über das deutsche Theater in Amerika.
Es liegt gar keine Notwendigkeit vor, das anmutige
Russisch- Jüdisch-Deutsch der Ostseite durch die Schau-
spielkunst zu erhalten. Aber dem schauerlichen Penn-
sylvania-Dütsch, dem Amerikanerdeutsch, das man hört
und in den deutschen Zeitungen (besonders denen des
Westens) liest, müßte das deutsche Theater entgegen-
arbeiten. Der Deutschamerikaner weiß es und kann es vom
Englischamerikaner bestätigt hören, daß die Staaten den
großen Deutschamerikanern der 48 er Jahre, den Schurz,
Beck, Willard, mindestens so viel verdanken wie den Puri-
tanern, die hier das Reich Gottes aufgepflanzt haben —
wenn der Deutschamerikaner sein Deutschtum aus Pietät
seinen Kindern weitergeben will, dann soll er sich an das
Deutsch erinnern, das diesen Begründern des heutigen
Amerikas den Weg hierher herüber gewiesen hat; Schillers,
Herweghs, Prutz' und Kinkels Deutsch. Durch das
lebende Wort, von begabten Schauspielern auf ordent-
lichen Bühnen gesprochen, könnte das Amerikanerdeutsch
noch gesäubert und zu wirklichem Deutsch zurück-
gewandelt werden. Was ist das für eine Sprache, die die
amerikanischen deutschen Blätter ihren Lesern vor-
setzen? In einem Chicagoer las ich auf der ersten Seite
diese, der gelben Presse nachgemachte Überschrift:
„Knallte Nebenbuhler nieder. Hatte Dreck am Stecken."
416
Und auf der Ännoncenseite zum Schluß:
„Hochgradige Damenmäntel, speziell gepreist so und
so viele Dollar."
Man kann sich denken, wie der Text zwischen dieser ersten
Seite und der letzten aussieht, welches Deutsch Schreiber
und Leser solcher Blätter sprechen. (In den „Breitmann-
Ballads" von Ch. G. Leland hat dies Amerikanischdeutsch
sein schauerlichschönes Meisterwerk gefunden.)
Einige Zeitungen, wie die sozialistische deutsche Tages-
presse und auch die „Staatszeitung*' in Newyork, haben
ihrem PubUkum den Gefallen noch nicht erwiesen, ihr
Deutsch zu verhunzen,, um es ihrem Publikum mund-
gerechter zu machen. Aber die Kämpfe, die die deutsche
Presse gegen den Ansturm der englischen zu bestehen
hat, sehen sich verzweifelt genug an. Es fragt sich sehr,
welche Taktik besseren Erfolg verheißt: dem rapid sin-
kenden Geschmack des Publikums nachsteigen oder einen
Standard fest und hoch halten — durch Reinheit der
Sprache (wie der Gesinnung), an der die Besten in der
Neuen Welt und der alten Heimat mitarbeiten sollten. —
Eine amerikanische Musik gibt es nicht. Die alten
Weisen stammen, soweit es keine engUschen Psalmen
sind, aus Afrika, sind Eigentum der Neger (so wie die «»
„ungarische Musik" Eigentum der ebenfalls aus Afrika
stammenden Zigeuner ist), und was gegenwärtig das
Ohr des Americanos entzückt, das „zerfetzte Tempo", ">'
rag-time, eine Nachahmung der Negertanzrhythmen, ist
von findigen russischen Juden fabriziert, allerdings mit-
unter mit fabelhafter Geschicklichkeit und musikalischem
Können.
Die Popularität solch eines rag-time-Gassenhauers
spottet nach europäischem Maßstabe jeder Beschreibung.
Einen Monat lang wird er zwischen Atlantik und Pazifik
einfach von jedem Menschen gepfiffen, gesungen, auf der
Straße, in den Kasernen, in den Klubs nach dem Essen,
jedes Grammophon spielt ihn, man wacht und schläft
27 417.
in seinem apart synkopierten Rhythmus, sein Komponist
kann sich eine Privatyacht kaufen und einen eigenen
Hafen anlegen dazu.
Ragtime ist der Rhythmus des angestrengten Mannes,
dem sieben Dinge, die er zugleich erledigen muß, gleich-
zeitig durch den Kopf gehen. Der clogdance, Stampf-
tanz, hat diesen Rhythmus akzentuiert, es ist der Rhyth-
mus des ungeduldigen, unregelmäßigen, irritierten ameri-
kanischen Lebenspulses.
Ich habe mich, als ich dieses nationale Geräusch hier
herüben eine Zeitlang mitangehört hatte, lebhaft an die
Zigeunermusik erinnert gefühlt; als einmal ein Orchester
in San Franzisko die II. Rhapsodie von Liszt (in einem
outrierten Tempo) in der Hotelhalle spielte, da wußte
ich: Liszt ist der Klassiker des Ragtime! —
Das einzige Musikgenie Amerikas ist John PhiUp
Sousa, der Komponist und Kapellmeister. Das ist ein
nationales Genie, wenn es heut eins in der Welt gibt
und dazu eins, das mehr kann als bloß Kontrapunkt
setzen.
An Kraft des Volksausdrucks nimmt er es mit welchem
Neapolitaner von der Tavola Rotonda der Piedigrotta-
Feste auf, dieser Teufelskerl. In seinem Militärmarsch:
„The Stars and Stripes for ever" hört man die Rotations-
pressen von Hearst sausen, die Pfeifen der Pittsburger
Stahlwerke, das Gejohl der Streikenden davor und die Ka-
nonen von Fort Wayne, den Donner der Niagarafälle und
den Bohrer unter den Woolworth-Caissons, das Getümmel
des sonntägigen Coney-Island und das Gebrüll der See-
löwen auf dem Felsen der San-Franzisko-Bay an dem
anderen Ende! Sousa hat eine symphonische Dichtung
geschrieben: „Der Rote Mann", die ein Meisterwerk
sozusagen der Rassenpsychologie genannt werden darf.
Er gehört ganz und gar dem heutigen Amerika an. Nur
die Gelegenheit hat ihm gefehlt, sonst wäre er heute ein
Rouget de Lisle und nicht ein herumziehender Kapell-
meister. Seine Roughrider-Märsche, „Stars and Stripes",
418
>5
King Cotton" und „El Capitan" sind, bis nichts Stärkeres
nachkommt, der vollendetste musikalische Ausdruck des
jungen draufgängerischen Amerikas.
KOLONIALSTIL UND EDISON
Der kluge und geistreiche Robert Herrick behauptet in
einem seiner Bücher, die Künste rangieren im Bewußt-
sein des heutigen Durchschnittsamerikaners irgendwo zwi-
schen Putzmacherei und Theologie. Amerika hat noch
weniger als Europa den Platz für den Künstler gefunden,
den Platz, der ihm gebührt, und, ginge nicht alles um
Geld, ihm auch angewiesen sein müßte. So ist der Künst-
ler des modernen Amerikas, vor allem der bildende, der
Maler, der Bildhauer, in noch erhöhtem Maße als drüben
in Europa ein richtiger Schmarotzer uftd Herumlungerer
an den Tafeln und vor den Türen d^r Reichen, bis er
selber ein Reicher geworden ist, nur lungert dann eben
die Kunst auf der Straße.
Der amerikanische Kunstmogwab läßt sich und seine
Familie lieber in Europa malen als in Amerika, und man
muß es sagen, daß Frangois Flameng, de la Gandara,
Kaulbach und leider auch Sargent es in der Konterfeiung
von Satin, rasierten Kinnen, Diamanten und ähnlichen
Utensilien zu bemerkenswerter Vollendung gebracht
haben.
Da Amerika es bei seinem Raubbau an Energien noch
zu keinem ergiebigen Nährboden für eigene Kunst gebracht
hat, so trifft man in den großen europäischen Kunstzentren
überall junge erbitterte Amerikaner, die blaß vor Wut
werden, wenn man das Wort Amerika vor ihnen aus-
spricht. In den Ausstellungen moderner amerikanischer
Bilder hängen darum Alibis an den Wänden und keine
Kunstwerke. Der hat bei Julian in Paris gelernt, der ist
bei den Dachauern in die Schule gegangen. Zur Mehr-
zahl der heute gemalten Bilder lassen sich im Katalog
27* 419
in Klammern die Namen Turner, Raffaelli, Israels und
Fantin Latour setzen, so wie man zu den Gestrigen, den
Dannat und John W. Alexander getrost Whistler, zu
Mary Cassatt Manet schreiben kann. Sogar die alten Mei-
ster der amerikanischen Galerien, der Maler George und
Martha Washingtons, Gilbert Stuart, ist ganz in Romney-
schen Tönen befangen, John Singleton Copley offen-
kundig ein Zeitgenosse und Nachahmer Reynolds.
Etwas urwüchsig Farbiges, grell und breit Hinge-
strichenes könnte man als amerikanische Note in der
Malerei ansprechen und dann wäre Winslow Homer der
Maler Amerikas. Seine Bilder, die einem schier -unaus-
löschlich im Gedächtnis haften, wie der Neger auf dem
Wrack und der Pilot vor der Schiffsglocke, erweisen sich
wohl bei näherem Zusehen als bunte Illustrationen.
Der größte lebende Illustrator (nicht nur Amerikas !), der
außerordentliche Maxfield Parrish, setzt diese Tradition
im Buch und in der Zeitschrift fort, findet aber in großen
Fresken, wie der andre große Illustrator Edwin Abbey,
wieder den Weg ins Bildhaft dekorative glücklich zurück.
Unter den Jungen sind mir Robert Henri, ein impressio-
nistischer Menschenschilderer, und zwei starke und
virtuose Koloristen, Frieseke und W. Cameron, auf-
gefallen. —
Über den großen öffentlichen und privaten Kunstsamm-
lungen Amerikas aber schwebt der Geist Wilhelm Bodes
und Wilhelm Valentiners. Die Kunsthalle in Chicago
zeigt wohl noch in ihrer wilden Unausgeglichenheit
etwas von der urwüchsigen Ratlosigkeit des amerika-
nischen Geschmacks, der heute für Villegas schwärmt
und sich morgen den schiefsten Greco, den es gibt,
aufschwatzen läßt. Im Metropolitan-Museum in New-
york aber waltet schon europäische Übersicht und
erzieherische Organisationskunst, der weder die edel-
steinfrohe Sammelwut von Morgan mehr viel anhaben
kann, noch die schon früher erwähnte sympathische
sentimentale Naivität des in Europa herumreisenden
420
Americanos, der dem ersten Kunstinstitut seines Vater-
landes Luzerner Löwen und bemalte thüringische Pfei-
fenitöpfe hinterläßt.
Jetzt hab ich mich auch an das Stadtbild schon einiger-
J maßen gewöhnt. Madison Square ist, mit dem gelben
Schneehimmel hinter den schneeweißen Bäumen vor den
elfenbeinfarbigen Riesenhäusern, fast schön zu nennen,
und die downtown tut meinen Augen auch nicht mehr so
weh wie vor fünf Monaten, als ich mit dem „Kaiser
Wilhelm der Große" direkt aus Europa auf sie losfuhr.
Aber das Schönste, was ich in Amerika von Architektur
sah, habe ich in der Chestnut- Street des alten Städtchens
Salem, Massachusetts, gefunden. Elier sind einige trau-
liche Häuschen im Kolonialstil erhalten. Dieser Stil
stellt eine anmutige Mischung von Queen Ann und Grie-
chenland vor. Breite dunkelrote Menschenheime aus
angestrichenen Ziegeln, mit weiten Fenstern und flachen
Dächern, vor der Schwelle ein kleiner halbkreisförmiger
Portikus aus weiß angestrichenen schlanken korinthischen
Holzsäulen — das Ganze zeigt die richtige puritanische
Ehrfurcht vor dem Familienleben auf, die seine Erbauer
421
beseelthat. Nirgends kommt
einem der Geist der Pilger-
väter, der Mayfloweridea-
listen so voll zum Be-
wußtsein wie hier, vor
diesen streng, religiös, warm
und sicher hingebauten
Häusern mit ihrem wunder-
schönen Doppelklang Dun-
kelrot und Weiß : Herd-
feuer und Priestergewand.
Gastfreundlich tut sich die
Pforte auf, und eine weite
Diele empfängt den Be-
sucher. Im tiefen Kamin
liegen schwere Scheite,
hochlehnige, dünnbeinige
Stühle stehen vereinzelt
Cbatnut-StTett No. 23. SaUm. ^^f dem spiegelnden Fuß-
M^sachu^ets ^^^^^^ .^ ^^^ ^^^^^^
von Kupfer und Messing-
= gerät schimmern. Dieser Stil ist, seit die reichen Snobs
des Landes in Europa herumlaufen, so gut wie verschwun-
den aus dem Stadtbild. So wie sie wahllos alles zusammen-
kaufen, was ihnen grad angepriesen wird, so bauen sie
sich auch ihre steinernen Wohnkasten zu einem Sammel-
surium von romanischer, gotischer Stilart, Früh- und
noch Heber Spätrenaissance, Barock, Art nouveau und
Neumünchnerisch aus. Auf den „lOOO Inseln" im St.-
Lawrence- Strom kann man Chat eauxaus derTouraine, zehn-
mal kleiner natürhch, als diese Stilart es verträgt, Tiroler
Schlösser, unter diedoch Felsenkegel gehörten, undallerhand
imitiertes Versailles sehen. In der fünften Avenue von New-
york und den großen Protzenstraßen von Chicago, San Fran-
zisko, Seattle haben sich alle Überladenheiten zusammen-
gefunden, nur das alte Boston und die relative nue Stadt
Denver zeigen Stil und Geschmack in ihren guten Vierteln.
422
Das Kapitül, Wasbingtm D. C.
In Boston und verstreut an manchen Orten, Albany
2. B., sieht man Anklänge an den Kolonialstil, und dann
hat man das in Amerika so seltene und kostbare Gefühl,
Tradition begegnet zu sein. Die griechischen Elemente
aber haben sich in die offiziellen Bauten verzogen. Nach
Washington und in die Regierungsstädte der Staaten, wo
sie sich in der Form ungeheurer, schwerer Parthenons, Pan-
theons und Poseidonstempeln über den Gummi kauenden
und spuckenden Funktionären erheben.
Allerorten ist in diesen Gebäuden eine unerhörte Ver-
schwendung von kostbarem Material zu sehen: Biblio-
theken, Regierungspaläste und Bankgebäude strotzen von
Marmor und Bronze. Baudenkmäler aber von wirklicher
Vollendung sind außer in Washington spärlich anzutreffen.
Eines ist die große öffentliche Bibliothek in Newyork,
ein andres die wunderschöne Bostoner Bibliothek, von
der Hand Puvis de Chavannes, Sargents und Edwin
Abbeys mit Meisterfresken ausgemalt, ein drittes das
wirklich einzig in der Welt dastehende Stationsgebäude
der Pennsylvaniabahn in Newyork, ein Wunderwerk ah o
Zweckmäßigkeit und das repräsentative Baudenkmal des
zwanzigsten Jahrhunderts. —
423
Wie aber ist es mit den Heimstätten der großen Menge,
des „Überflusses", bestellt? Da sind die zehn- und
mehrstöckigen Appartementhäuser, abscheuliche Siebe mit
engem winkeligen, luftlosen und niedrigen Zimmer-
gewimmel innen und — besonders in den ärmeren Vierteln
— dem grauenhaften Zickzack der eisernen Feuer-
leitern von Stockwerk zu Stockwerk hinab an der Außen-
front. Da sind die endlosen Straßen mit ihren Holz-
buden — „framehouses", aus billigem Material hergestellt,
deren Anstrich aber ein Heidengeld verschlingt, gut heiz-
bare Häuser, die aber in 5 Minuten bis auf den Keller
niedergebrannt sind, wenn ein Funken aus dem Ofen auf
den Teppich hinüberspringt. Brennt erst eines von
diesen Häusern, so ist bei wehendem Wind bald die ganze
Straße weg. In kleinen Städten mit mangelhafter Feuer-
wehreinrichtung begegnet man oft und oft solchen ver-
kohlten Straßen, Zeichen schaurigster Verwüstung.
Doch passen diese leichten, luftigen Wohnhäuser eben-
so zum Charakter des Amerikaners, wie die grauenhaften,
von den knapp an den Fenstern des ersten Stockes vorbei-
laufenden Hochbahnen entstellten Geschäftsstraßen, in
denen er acht bis zehn Stunden des Tages angestrengt
arbeitet. Im englischen Toronto drüben bin ich mir des
Kontrastes, wie erinnerlich, am sichersten bewußt ge-
worden. Niemand denkt daran, die Chance dem fried-
lichen Behagen zu opfern. Niemand denkt daran, sich im
Heute allzu sicher einzurichten. Das Haus ist nichts
weiter als ein leichtes Gepäckstück im Wandertornister des
Amerikaners von heute, der auf keine einzige Möglich-
keit verzichten will, die ihm sein großer Kontinent in
Fülle bietet. Der Umwandlung der ökonomischen Formen
der heutigen Weltordnung wird Seßhaftigkeit und Treue
zum Heim kein Hindernis in den Weg stellen. —
Immerhin möchte man auch im luftigsten Provisorium
nicht gern verbrennen.
Drüben in East-Orange, New Jersey, zeigt mir der alte
424
Netvyorker Station äer Penatylvaniabahn
+25
Hexenmeister, der phänomenalste Mensch der heutigen
Welt, Thomas Aiwa Edison, das ziq;liche Modell eines
Einfamilienhauses, aus Edison-Beton gegossen; es steht
da auf einem Postament in seiner schönen weiten Biblio-
thekshalle. Mit den hellen, wunderbar lachenden Augen
des Genies erklärt mir der große Alte die Vorzüge der
Bauweise, die aber vielleicht auch die schwersten Nach-
teile für den Bewohner vorstellen. Klipp klapp ist so ein
Haus gegossen. In zwei Tagen kann es fix und fertig
dastehen, und kosten tut es einen Pappenstiel. Mit
dem Sand, den man aus dem Keller auf dem zukünftigen
Standort des Hauses herausscharrt, vermengt man an Ort
und Stelle eine geringe Quantität von Zement aus den
Edison-New-Village-Gruben, gießt die Masse über den
Eisenrost, und mit Dynamit wird fortan nichts mehr
wegzusprengen sein aus den so gegossenen Platten , die
jetzt nur noch aufgerichtet und zusammengesetzt werden
müssen.
Edison zeigt mir auch das erste aus Zement gegossene
Möbelstück, das aus seinem Gehirn in die Fabrik da hinter
der Bibliothek gegangen ist und nun als Urahne sämt-
licher Zementmöbel der Zukunft auf dem Teppich vor
uns steht. Es ist ein Phonographen-Schränkchen mit
dünnen Wänden, Leisten, Schubfächern, alles aus Zement.
Es ist grau mit gegossenen goldbemalten Rokokooma-
menten — heiliger van de Velde ! — Die Transportprobe
hat es nicht gut bestanden. Man hat es in einer Kiste
nach Chicago und zurück befördert und die obere Zement-
leiste über dem Schubfach hängt schlapp und in winzige
Stückchen zersprungen über dem Drahtrost in seinem
Inneren.
Hinten in der Fabrik zeigt mir der Assistent ein ge-
gossenes Rokokofauteuil aus Beton, hellblau mit goldenen
Ornamenten angestrichen. Die Gußform eines Boule-
Möbels. Zeichnungen zu einem Tisch, einem Bettgestell.
Drüben in den geheimen Laboratorien experimentieren
die Chemiker der Edison -Werke an der neuen Lack-
426
tünche, an neuen Mo-
dellen. . . . Ein Fauteuil
wird, wenn erst die Massen-
herstellung begonnen haben
wird, ganze drei Mark
kosten, eine komplette Zim-
mereinrichtung wird . man
schon für vierzig Mark er-
stehen können. , . . Edittms Modell
Bei der Rückfahrt nach
der Wolkenkratzermetropole streckt ein Mitreisender
die Hand zum Fenster des Zuges hinaus; dort wächst
■ ein kleiner Ort grau aus dem grauen Schneeboden der
Ebene hervor. Es ist eine Ansiedlung von Arbeitern
aus der nächsten Stadt. Die Häuser sind gegossen,
Edison-Beton, grau, grau. Es wird dunkel; in der
Ferne schießt ein glitzernder Zug über eine Brücke
aus Beton dahin. Ich sehe es noch, das helle Genieauge
des Alten, des Turmhohen über dem Gewimmel unserer
übervölkerten Zeit. Er hat mir ein Heftchen mitgegeben,
in dem Zahlen stehen, Zahlen, Berichte und Versprechen.
Und am Schluß der Satz: die Zeit sei nicht mehr fern,
in der auch der Ärmste unter uns sein eigenes Haus
besitzen wird, ein Haus, das die Jahrhunderte überdauern
und dabei ein ebenso sicheres Tauschobjekt.bleiben ivird,
wie es heute eine Schuldverschreibung der Vereinigten
Staaten von Nord-Amerika ist. . . .
i.MÄRZi9iz,AUFDEM„GE0RGEWASHINGT0N"
Mit sechsundneunzig Meilen Stärke zieht ein Orkan,
von Amerika kommend, über unser Schiff hinweg.
Tobend schlägt er gegen .die Schlote, die Masten biegen
sich, die Wände ächzen, oben singen Taue und Takelage
wie Harfen. Er kommt von den unermeßlichen Ebenen
des neuen Weltteils her. Das Meer vermag seiner Eile
427
keinen Einhalt zu gebieten. Die Menschen, die an den
Küsten Europas wohnen, werden sich bekreuzigen, wenn
* er ihre Hütten erreicht: das ist der Sturm von den Step-
pen, Gott sei uns gnädig, zieh weg über unseren Häup-
tern, verschone uns. Amen!
Tief in der Nacht hat der „George Washington" die
Bay von Newyork verlassen. Das Letzte, was meine Augen
mitnahmen aus der Neuen Welt, war ein glühender Ball
hoch oben im Nachthimmel, das Fackellicht der Frei-
heitsstatue auf der Insel vor Manhattan. Diese glühende
Frucht oben im Nachthimmel war das letzte von den
Geschenken, die mir Amerika gegeben hat in diesen
Monaten.
Morgen Abend werden wir den Bischofsfelsen sehen,
übermorgen laufen wir in Bremerhaven ein. Der Sturm
ist dann schon weit und die Heime Europas haben seine
Gewalt zu spüren bekommen. Orkan aus der Neuen
Welt, sähe ich doch deine Spuren in der Alten, in der ich
zu Hause bin.
Etwas Unerhörtes ist in Amerika laut geworden, mit
etwas Ungeheurem muß der Erdball sich vertraut
machen. Zwischen den Grenzen zweier Meere wächst
eine Menschenmasse auf, die Eine Sprache spricht,
Einem Gebot gehorcht, Einer Not widerstrebt. Die Väter
dieser Menge waren die Besten aus der Alten Welt, sie
kamen aus den großen Kulturländern England, Deutsch-
land, Frankreich; aber die Kinder, die sie gegenwärtig
erziehen, sind die verstoßenen halbwilden Barbaren-
völker aus den östlichen und südlichen Ländern Europas.
Was der zersplitterte, von Wahn und Verbrechen jahr-
tausendelang zerwühlte Weltteil Europa seinen Völkern
angetan hat, das wird jetzt in Amerika gutgemacht,
durch das homogene Vorwärtsschreiten einer geeinten
Menschenmasse. Unter ihrem Schritte wankt schon die
Erde. Keine Entwicklung geht einen geraden Weg, und
viele Irrtümer werden noch begangen werden, dort
428
drüben, und überwunden werden. Aber wer das Drängen
der Neuen Welt in seine eigenen Pulse hinüberschlagen
gefühlt hat, der weiß tief innen : Amerika ist das Schick- o
sal und die Erfüllung des Menschengeschlechts. Amerikas
Energie, die das absurde Wachstum einiger weniger
Mächtigen verursacht hat, besinnt sich heutigentages
schon und sucht sich die Bahn zu dem Rechte Aller. Die
Weltordnung, unter der wir heute leben, wird dieser
Sturmflut des siegreichen Menschheitsgewissens nicht
standhalten können. Sie wird zerstört werden und unter-
gehen wie Atlantis und Lemuria zerstört wurden und
untergegangen sind.
Jede Reise, die ein Mensch unternimmt, um seinem
) Leben zu dienen, führt ihn irgendwohin hinaus aus
seiner Welt. Viele zieht es nach den Ruinen der Ver-
gangenheit — hie und da einen nach der Zukunft und in «>
die Hoffnung. Wenn sein Herz noch das Schlagen nicht
verlernt hat, wird dieser nicht enttäuscht. Etwas bringt
er von seiner Reise zurück, das die Vergangenheit* und
die Freude an der Gegenwart nimmer geben können.
Auf dem Ozean genießt er das höchste Glück: Schiffen
zu begegnen, die in die Richtung ziehen, wo sein Land
verankert liegt; die Klingelboje im Hafen zu hören, deren
Ton sich anhört wie ein Kirchenglöcklein hoch im Ge-
birge an einem Sonntagmorgen.
429